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"Der große Sturm" von Gisbert zu Knyphausen

Eine Vorlesegeschichte von Gisbert zu Knyphausen | Vorlesezeit: 8 Minuten | für Kinder ab 3 Jahre

Als Viktor, der Dichter, und sein Papagei Edu am Morgen nach dem großen erwachten, war es schon hell und die Sonne schien durchs Fenster hinein und ihnen mitten ins Gesicht.
„Huch, wie schön, jippieh juchhei, der blöde Sturm ist schon vorbei“, krächzte vor Freude der kleine Papagei, schleuderte die Decke weg und zwickte seinen Freund Viktor mit dem Schnabel in die Seite, um ihn zum Aufstehen zu bewegen.

Nicht viel später standen sie mit einer Tasse Kaffee in ihrem Garten und schauten sich um. Wie es da aussah! Es war unglaublich, sie erkannten fast nichts mehr wieder. Das Nachbarhaus stand jetzt links statt rechts und sah ganz schief aus und die Straße war durch den Wind zusammengerollt worden und lag wie ein riesiger aufgerollter Schlauch in der Ferne am Fuße des großen Berges. Und stand der nicht auch irgendwie ein paar Meter weiter links als sonst?
Der Teich nebenan war leer, das ganze Wasser hatte sich vor Schreck im Gartenschlauch versteckt, sodass der so dick war wie ein Elefant. „Ja“, dachte Edu. „Er sieht aus, wie ein dicker gelber Elefantenschlauch. Vielleicht trötet er ja auch?“ Er drehte den Wasserhahn auf und horchte gespannt, aber er hörte kein „Töröö!“, er hörte ein „Muh!“. Da schaute er nach oben und sah die Kuh. Ganz oben im Wipfel des Baumes stand sie und muhte.

Sie war vom Wind nach oben geweht worden und kam nun nicht mehr herunter. Klettern ging nicht, denn der Baum hatte fast alle Äste im Sturm verloren, überall im ganzen Garten lagen sie verstreut herum.
„Ojemine. Oje. Oje. Das ist nicht gut. Das tut mir weh.“ Edu flatterte aufgeregt hin und her. Was für ein Chaos. Das würde wirklich dauern, bis das alles wieder aufgeräumt sein würde.
Sie fingen gleich damit an. Viktor lief zum Berg, um die Straße wieder zurückzurollen, und Edu sammelte die Äste des Baumes vom Boden und klebte sie mit extrastarkem Kleber wieder an den Stamm. Der Baum freute sich darüber und lachte. „Danke, Papagei! Das sieht doch wieder ganz gut aus! Aber wie kriegen wir jetzt diese Kuh von mir runter?“ Edu dachte nach.

Gisbert zu Knyphausen, 37, ist ein deutscher Sänger und Gitarrist. 2009 wurde er mit dem HANS zum besten Hamburger Künstler ausgezeichnet. Zuletzt veröffentlichte er 2012 zusammen mit Nils Koppruch das Album „I“ unter dem Bandnamen „Kid Kopphausen“. 

Gisbert zu Knyphausen, 37, ist ein deutscher Sänger und Gitarrist. 2009 wurde er mit dem HANS zum besten Hamburger Künstler ausgezeichnet. Zuletzt veröffentlichte er 2012 zusammen mit Nils Koppruch das Album „I“ unter dem Bandnamen „Kid Kopphausen“. 

„Tragen kann ich sie nicht, ich hab’s mit dem Rücken so sehr und Flügel wachsen ihr bestimmt auch nicht mehr, von daher wird selber fliegen eher schwer. Aber warte mal. Ich hab’s! O yeah!“ Er flog schnell ins Haus und holte so viele Matratzen und Kissen und Decken, wie er finden konnte, und legte sie zu Füßen des Baumes.
„Ich verstehe!“, sagte der Baum. „Gute Idee. Jetzt brauche ich mich also nur noch ordentlich zu schütteln und schon fällt die Kuh runter und auf die Matratzen und tut sich dabei nicht einmal weh.“ Gerade wollte er loslegen, aber Edu hielt ihn auf. „Hey, tu das nicht! Sonst verlierst du an Gewicht! Und zwar in Form von den Ästen. Ich nutzte als Kleber zwar einen der besten, doch braucht der noch Stunden, um sich ganz zu verfesten.“ „Verfestigen“, berichtigte ihn der Baum. „Um sich ganz zu verfestigen, muss das heißen. Kitzel die Kuh doch mit deinen Federn, dann fällt sie schon von alleine runter.“ Das hielt Edu für eine gute Idee, er kitzelte die Kuh so lange, bis sie vor Lachen vom Baum kippte. Als sie flog, freute sie sich, denn das Fliegen hatte ihr gestern Nacht schon so einen Spaß gemacht, aber die Freude währte diesmal nur kurz, denn schon plumpste sie auf eine der Matratzen. Sie stand auf, schüttelte und bedankte sich und lief eilig davon. „Jetzt aber schnell nach Hause und meinen Stall wieder aufräumen“, muhte sie. „Was das für ein stürmischer Sturm war! Muh, muh, muh, muh.“ Edu freute sich, aber nur kurz, denn es gab ja noch so viel zu tun! Das ganze Gemüse war aus der Erde geflogen und musste zurück in die Beete gesteckt werden. Das verängstigte Wasser musste aus dem Schlauch zurück in den Teich gelockt werden und die krumm gebogenen Straßenlaternen mussten sie wieder geradehämmern.


Sie arbeiteten, bis es dunkel wurde, machten dann eine Pause und schauten, was noch zu tun war. Da fiel ihnen auf, dass es überall um sie herum glitzerte und funkelte und strahlte. Komisch. Was war das denn? Auf den Bäumen, auf den Wiesen, in den Pfützen und auf der Straße. Es leuchtete und funkelte und brannte. So wie man das sonst nur vom Nachthimmel kannte. „Ojemine. Oje. Oje. Das kenn ich nicht, was ich da seh“, reimte der Papagei, denn er konnte einfach nicht anders. Viktor schaute sich eine dieser funkelnden Stellen aus der Nähe an. „Hm. Sieht aus wie … ja!, wie ein Stern. Komisch.“ Er nahm ihn in die Hand und drehte ihn hin und her. Dann schaute er nach oben. Der Himmel war schwarz und fast ganz leer. Nur ein dünner Mond hing schief im schwarzen Umhang der Nacht. „Dann ist das ja tatsächlich ein Stern!“, murmelte Viktor. „Der Wind muss so stark geweht haben, dass alle Sterne vom Himmel gefallen sind. Edu! Komm her und schau dir das an, der Wind hat die Sterne vom Himmel geweht!“ „Ui. Müssen wir die jetzt alle wieder aufhängen? Da müssen wir uns aber sehr doll anstrengen“, krächzte Edu. „Sieht wohl so aus“, murmelte Viktor. „Hier am Boden können wir sie jedenfalls nicht liegen lassen. Er holte die Schubkarre aus dem Schuppen und fing an, die Sterne einzusammeln. Edu half ihm dabei. Es waren ganz schön viele und es dauerte sehr lange, aber nach einer Weile hatten sie alle Sterne zusammen.

„Wie werden wir die jetzt wieder los? Wir sind doch gar nicht so groß“, fragte sich Edu, aber Viktor hatte schon eine Idee. „Wir nehmen einen gaaaaanz langen Faden und binden die Sterne daran fest. Aber nur ganz leicht. Und dann fliegst du mit dem Faden hoch und hängst ein Ende am Mond auf. Das andere Ende nimmst du in den Schnabel und fliegst so schnell im Kreis, wie du nur kannst. Je schneller du dich um den Mond herumdrehst, desto besser. Irgendwann fliegen die Sterne dann vom Faden ab und verteilen sich in alle Himmelsrichtungen.“ Edu fand das geradezu genial und so knoteten sie die Sterne an einem langen Faden fest und dann flatterte er damit nach oben. So weit nach oben, wie er noch nie in seinem ganzen Leben geflogen war. Das Land unter ihm sah schön aus, die Berge ganz klein und die Flüsse auch. Als er am Mond angelangt war, knotete er wie geplant ein Ende des Fadens an der unteren Spitze des Mondes fest, flatterte dann so schnell wie er konnte im Kreis und ließ so den Faden mit den Sternen immer schneller um den Mond herumrotieren, bis sich die Sterne durch die Geschwindigkeit vom Faden zu lösen begannen und in alle Richtungen davonpurzelten.

„Nicht schlecht, nicht schlecht, das klappt ja echt!“, jubilierte Edu. „Mein Freund Viktor hatte recht!“ Dann flog er wieder runter und gemeinsam sahen sie zu, wie die Sterne sich zu allen Seiten über den Himmel verteilten. Schön sah das aus. Wie Sternschnuppen. Die meisten Sterne blieben auch wie geplant am Himmel hängen, aber einige fanden keinen Halt und purzelten zurück auf die Erde. Die, die runtergepurzelt waren, sammelten sie wieder auf, aber es dauerte die halbe Nacht, und als sie endlich fertig waren, waren sie so müde, dass sie beschlossen, die restlichen Sterne mit ins Haus zu nehmen und erst am nächsten Abend weiterzumachen. Viktor hängte die Sterne an der Wohnzimmerdecke auf. Es funkelte und glitzerte und er fand das so schön, dass er schnell alle anderen Lichter im Haus ausmachte, damit es noch schöner aussah. Dann legte er seine Lieblingsplatte auf den Plattenspieler und sich selbst auf den Teppich in der Mitte des Wohnzimmers, um die Sterne besser sehen zu können. Edu tat es ihm gleich. „Applaus, Applaus, das sieht ja richtig super aus“, staunte er. „Man könnte denken, hier drin wär jetzt draußen! Aber draußen ist ja außen, und wir liegen innen, also drinnen“, sinnierte er. „Das macht mich ganz von Sinnen.“ Er war müde und gähnte schon mehr, als dass er krächzte, und schon bald fielen ihm die Augen und der Schnabel zu. Viktor schnarchte schon längst und Edu tat es kurz darauf auch.

Was für ein Tag!

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