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Was machen die da? Folge 3: Brit Bartuschka

Kreativ für Kinder: In unserer Serie erzählen Menschen, was ihren Beruf ausmacht - und ob er tatsächlich so viel Spaß macht, wie alle denken. In dieser Folge: Brit Bartuschka, Schauspielerin am Kindertheater.

Herrin Der Meere: Brit Bartuschka mit Bär im Boot

Text: Isabel Bogdan & Maximilian Buddenbohm | Fotos: Benne Ochs

Ich bin Schauspielerin, arbeite aber auch theaterpädagogisch, hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Manchmal arbeite ich mit arbeitslosen Jugendlichen zusammen, jetzt leite ich gerade eine Theatergruppe in Leer mit geistig behinderten Menschen, manchmal arbeite ich mit Grundschulkindern, das ist sehr breit gefächert.

Als Schauspielerin habe ich meist Stückverträge. Ich habe fast immer frei gearbeitet, das war für mich mit zwei Kindern die beste Variante. Als nächstes bin ich in Wilhelmshaven für das Weihnachtsmärchen engagiert, wir werden „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ spielen. Gleichzeitig spiele ich dann für das Oldenburger theater wrede+ ein Stück weiter, das bereits produziert ist, und ich spiele im Kriminaltheater in Bremen. Was andere an einem Theater spielen, in dem sie ein Festengagement haben, das spiele ich an verschiedenen Häusern.

Weihnachtsmärchen sind wahnsinnig anstrengend. Man hat zwei oder manchmal sogar drei Vorstellungen am Tag, und ich muss morgens zwischen fünf und sechs Uhr los. Die erste Schulvorstellung ist um neun, du musst eine Stunde vorher da sein, und die Landesbühne Wilhelmshaven fährt meist auch noch ins Umland. Sie decken Theater an vielen Orten in Ostfriesland ab, manchmal ist das mehr als eine Stunde Anfahrt.

Ich habe in Essen an der Folkwang-Hochschule Pantomime studiert. Heute heißt das anders, es wurde vor ein paar Jahren umbenannt in „Physical Theatre“. Das ist cooler und moderner, es beschreibt die Sache aber auch tatsächlich besser. Reine „Pantomime“ war es schon bei mir damals nicht. Die Abteilung ist sehr klein, da gab es immer nur einen Prof und ein paar Lehrbeauftragte, und der Prof hat die Richtung vorgegeben. Bei mir war das Peter Siefert. Ein großartiger Mensch. Er kam aus dem Schauspiel, hat zwar auch Pantomime studiert, dann aber viel Regie geführt, bei Opern und im Theater. Und dementsprechend war meine Ausbildung, ganz viel Commedia dell’arte, viel mit Masken, auch mit der Schauspielabteilung zusammen. „Pantomime“ hieß dabei nie, dass es ganz ohne Sprechen war. Commedia-Masken zum Beispiel sind Halbmasken, und die sprechen. Vollmasken dürfen nicht sprechen, das ist tatsächlich nur das körperliche Spiel. Wir hatten auch Sprechunterricht, Atem- und Stimmtraining und so weiter. Das war mein Glück, weil ich mit 20 da ankam und keine Ahnung hatte, was ich eigentlich machen wollte auf der Bühne.

Zwischen Matten und Styroporpilzen: Verschnaufpause im Theaterfundus

Ich habe in der Schulzeit auch schon immer Theater gespielt. Dann hatte ich aber eine Phase, in der ich kaum geredet habe. Und da dachte ich, was ich gut kann, ist: nichts sagen. Vielleicht sollte ich das mal versuchen! Aber mit diesem ganz klassischen Marcel-Marceau-Ding wäre ich später eingegangen. Das war auch nicht meins, so exakt im Körper und ganz ohne Sprache. Ich habe gemerkt, dass mir die Sprache total wichtig ist.

Das andere Tolle war, dass es im Studium ganz viel darum ging, eigene Stücke zu entwickeln. Nicht nur kurze Nummern, sondern wir mussten tatsächlich eigene Stücke entwickeln. Es gab keine Vorlagen, wie andere Schauspieler sie haben. Und jetzt merke ich, dass das total gut war, weil ich gezwungen war, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen und damit, was ich auf die Bühne bringen will. Für meinen Abschluss habe ich den Roman „Levins Mühle“ von J. Bobrowski bearbeitet und habe gemerkt, dass ich das total spannend finde. Bücher, Lieblingsbücher auf die Bühne zu bringen.

Das habe ich dann auch weiterhin gemacht. Mit Umwegen. Nach dem Studium – das ist auch ein bisschen klassisch – habe ich mich erstmal ganz weit entfernt vom Alles-selber-machen. Da dachte ich, ich muss unbedingt ans Theater, nur das geht. Das Eigene habe ich ein bisschen auf Eis gelegt. Ich hatte ja mein Abschlussstück „Levins Mühle“, das war ein Solo, mit Masken und Sprache und so, eigentlich ganz schön. Das habe ich dann aber erstmal nicht gespielt, sondern bin den Umweg übers Theater gegangen und wollte lieber fest angestellt sein. Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass das auch nicht mein Weg ist.

Ich bin dann erstmal mit einem Stückvertrag beim Weihnachtsmärchen am Landestheater Schwaben in Memmingen gelandet, weil die Frau meines Professors – Angela Khuon-Siefert – dort Regie führte. Das war mein erster Kontakt mit dem Kindertheater. Und ich fand das toll, weil die Reaktion so unmittelbar ist, Kinder reagieren ja sofort. Sie äußern sich spontan zu dem, was auf der Bühne abgeht. Wenn sich welche streiten, rufen sie „Nein! Nicht streiten!“, und du denkst, „Ja, ist ja gut, es geht ja alles gut aus.“ Aber das fand ich toll!

Dann war ich wieder ein Jahr lang in Essen und habe ein paar freie Produktionen gemacht, und dann ein Jahr am Schnawwl, das ist das Kindertheater des Mannheimer Nationaltheaters. Das war eine gute Lehre! Dort habe ich mit der sehr tollen Theaterpädagogin Elke Bauer zusammen ein Solo entwickelt und habe es wieder für mich entdeckt, eine Vorlage zu verarbeiten. In dem Fall war das eine Fabel von La Fontaine, „Die Grille und die Ameise“, aus der wir das Stück „Am Maulwurfshügel Nr. 9“ entwickelt haben, das ich seit 2002 immer noch und immer wieder spiele. Das ist </i>mein<i> Solo. Es ist für Kinder ab drei Jahren gedacht, funktioniert aber auch noch bis ungefähr sieben Jahre. Letztes Jahr habe ich es beim Oldenburger Kultursommer im Zelt gespielt, da hat es auch für Ältere super funktioniert. Es wurde als mobiles Kindergartenstück konzipiert, das hat den Vorteil, dass man kein wahnsinniges Bühnenbild braucht, sondern nur ein Bodentuch und einen nachgebauten Holz-Cellokasten.

Die Requisiten für „Sonne, Wolke, Meer… Bär“

Anfangs war ich ein bisschen blauäugig. Wenn ich jetzt meine Tochter höre … sie ist 12, und wenn sie sich überlegt, was sie später mal machen will, dann denkt sie schon daran, dass sie damit auch Geld verdienen muss. Darüber habe ich mit 19 noch gar nicht nachgedacht. Ich habe mich gefreut, dass ich an der Folkwang angenommen wurde, das war toll, aber Geldverdienen war einfach nicht das Thema. Dann wäre ich wahrscheinlich nicht Schauspielerin geworden.

Die Schnawwl-Zeit war der Auslöser, dass ich beim Kindertheater geblieben bin, das hat die Richtung vorgegeben. Weil sie dort auf sehr hohem Niveau arbeiten. Bei vielen Schauspielern und auch in der Außenwahrnehmung ist Kindertheater ein bisschen verschrien, es wird nicht richtig ernstgenommen. Als wäre das „schlechteres“ Theater!

Das Arbeiten an Kinder- oder Erwachsenenstücken unterscheidet sich aber überhaupt nicht. Wie man arbeitet, hängt vom Regisseur oder der Regisseurin ab, nicht vom Zielpublikum. Das ist meine Erfahrung. Das Spielen selbst ist allerdings sehr viel unmittelbarer. Bei den Erwachsenen merkst du im besten Fall auch irgendwann, ob es läuft und wie sie reagieren, aber sie flippen zwischendurch nicht aus.

Mir ist am Theater immer wichtig, eine Geschichte zu erzählen. Ich möchte nicht nur dieses Assoziative machen. Bei mir geht es immer um die Geschichte. Jetzt spiele ich gerade in einem ganz kleinen Theater hier in Oldenburg, dem theater wrede+, das Stück „Sonne, Wolke Meer … Bär“, das ist sogar schon ab zwei. Da war ich am Anfang nicht sicher, ob das überhaupt geht. Aber es geht! Und natürlich läuft da auch mal ein Kind auf die Bühne. Da muss man dann mit umgehen.

Ansonsten ist die Reaktion der Kinder einfach Gold. Bei Kindern ist die vierte Wand oft auf, man spricht sie direkt an. Das muss man machen, gerade bei den ganz Kleinen, ab zwei oder drei Jahren. Nicht zu viel, weil sie sonst verschreckt sind und nicht wissen, wie sie reagieren sollen, aber der Umgang ist viel direkter als mit Erwachsenen.

Wenn es wirklich gut läuft, dann kommt von den Kindern ganz viel, sie haben Vorschläge, „jetzt musst du das machen“, das ist sehr hilfreich und sozial eigentlich! Man hat daher immer einen Impro-Anteil mit dabei, und das finde ich auch spannend, wenn es nicht zu viel wird. Inzwischen habe ich ganz gut raus, was ich mit aufnehmen kann und was nicht, weil ich ja auch meine Geschichte weitererzählen muss.

Es gibt immer bestimmte Stellen im Stück, die sich gut dafür eignen, die Kinder einzubeziehen. Aber dann muss man auch wieder weitermachen. Sonst flippen die total aus, und dann ist nur noch Halligalli.

Die Proben zu „Cowboys und Pferde“ – ein tolles Stück und meine Lieblingsregisseurin Carola Unser – waren nicht einfach, denn meine Rolle war die „Vollblutstute“, die vom weißen und schwarzen Cowboy nicht ernstgenommen wird. Meine Frage war die ganze Zeit über, wie spiele ich das Pferd und dieses Gefühl des Ausgegrenztseins? Und dann hat sich bei einer der ersten Vorstellungen die ganze Anstrengung der Proben einfach aufgelöst, als ein Mädchen im Publikum nach einem kleinen Monolog des Pferdes sagte: „Aber wir mögen dich doch.“

Was auch immer wieder schön ist: wenn im Stück „Am Maulwurfshügel Nr. 9“ die Kinder die Mimik des Maulwurfs übernehmen und ich von der Bühne in ganz viele Maulwurfsgesichter schaue, während ich selbst gerade der Maulwurf bin.

Es gibt sehr viele schöne Momente in meinem Beruf. Wo ich merke, die Kinder sind total dabei und haben zum Beispiel tolle Vorschläge, wenn es etwa in dem Maulwurfsstück um Reime geht und sie mitreimen. Beim Weihnachtsmärchen kann man meist nicht so gut auf die Kinder eingehen, sonst wird man totgeschrien. Das ist ein anderes Ding als bei einem Solo, wo man im Kindergarten sitzt und alle Kinder sieht.

Ich mag die Weihnachtsmärchen trotz der Stressfaktoren sehr gerne. Aber je älter ich werde, desto anstrengender finde ich das frühe Aufstehen, denn
Kindertheater ist meistens tagsüber. Wenn man selbst Kinder hat, ist das natürlich gut, deswegen bin ich auch dabei geblieben. Gar nicht mal als bewusste Entscheidung, aber ich habe gemerkt, dass ich das gut integrieren konnte. Jetzt sind meine Kinder 9 und 12, jetzt ist alles schon viel einfacher. Sie können sich mittags ihr Essen auch mal alleine machen, wenn ich probe. Als sie noch in den Windeln waren, war das schwieriger.

Meine Tochter geht nicht mehr oft mit ins Theater, aber mein Sohn kommt immer noch gerne. Der kommt auch zu dem Stück ab zwei Jahren, und er findet es dann auch super. Das finde ich schön. Für mich ist das auch ein Anreiz, wie meine eigenen Kinder die Stücke finden. Sie finden es schon cool, dass ihre Mutter Schauspielerin ist, der Vater ist es übrigens auch. Sie konnten immer mit ins Theater und auch hinter die Bühne, das ist natürlich etwas Besonderes. Das ist schon spannend, da kommen ja andere Kinder nicht hin.

Meine Eltern sind beide Ärzte. Wir sind fünf Kinder, und keines ist Arzt geworden. Das ist eher untypisch. Meine Schwester macht Mime Comedy & Pantomime in Berlin, mein Bruder hat nach dem Zivildienst Musik studiert, Gitarre, und ist dann Musiktherapeut geworden. Damit hat er den Bogen zu meinem Vater geschlagen, der Psychotherapeut ist. Dann habe ich noch zwei jüngere Brüder, Zwillinge, die haben beide Geschichte studiert. Sehr breit gefächerte Kinder. Meine Eltern waren aber ziemlich entspannt mit unserer Berufswahl. Da blieb aber immer ihre Sorge, können die Kinder davon leben? Gerade bei meiner Schwester und mir, weil wir Freiberufler sind. Freischaffende können eben nie lange vorausplanen, was kommt. Da haben sich meine Eltern durchaus Sorgen gemacht, aber sie haben nie gesagt, nein, du lernst jetzt mal was Richtiges. Sie haben die Ruhe bewahrt.

Mein Beruf ist jetzt im Moment, wie ich es jetzt gerade habe, genau richtig. Vor vier, fünf Jahren hatte ich eine Phase mit weniger Stückverträgen, da habe ich gedacht, werde ich vielleicht doch noch Physiotherapeutin? Mache ich jetzt noch eine Ausbildung? Dann gab es aber hier in Oldenburg eine Spiel – und Theaterpädagogikausbildung , die man nebenbei machen konnte, das habe ich von 2010 – 2013 gemacht. Und das war genau richtig, es brachte einen neuen Kreis an Leuten, und ich habe noch ein bisschen mehr Handwerk gelernt. Wie man einen Workshop aufbaut z.B. Genau das finde ich jetzt gut, dieses duale Arbeiten. Wenn man nur Theater macht, dann ist man nur noch in der Theaterwelt, das ist zu wenig echtes Leben. Diese Workshops oder Kurse mit allen möglichen Leuten sind ein schöner Gegensatz, es ist viel näher am Leben dran. Das finde ich gut. Und ich habe dabei mehr Möglichkeiten, wieder eigene Sachen auszuprobieren. Mit den arbeitslosen Jugendlichen habe ich „Es war einmal in Amerika“ als Stück gemacht, oder von Thomas Brasch „Engel aus Eisen“. Weil ich die Bücher toll fand, weil ich da etwas ausprobieren konnte.

Ich mache das gar nicht wahnsinnig pädagogisch, sondern als Schauspielerin. Ich habe meine Übungen, Improvisationen und Spiele, von denen ich weiß, dass sie gut funktionieren. Ich weiß auch, wie man die Jugendlichen dazu anleitet, etwas auszuprobieren, aber letztendlich ist es richtige Theaterarbeit. Da waren Jugendliche dabei, die haben mir vor der Premiere gesagt: „Ich hasse dich“, aber dann haben sie es so cool gemacht! Die haben sehr viel mitgenommen. Schauspieler ist keiner von ihnen geworden, aber es hat doch für ihr Leben eine Perspektive eröffnet. Sie haben gemerkt, sie können reden, sie können schnittig sein, sie können etwas spielen – das hat ihnen schon was gebracht.

In Großstädten wäre ich beruflich nicht sicherer als hier in Oldenburg, es gibt da weniger Jobs, und sie sind schlechter bezahlt. Das kriege ich durch meine Schwester mit, die in Berlin lebt – da sind ja tausend Leute! Arbeitslose Schauspieler! Da bietet mir die Provinzstadt mehr. Ich habe nach der Trennung von meinem Mann schon überlegt, gehe ich jetzt nochmal woanders hin, aber dann habe ich gedacht, nein, es läuft hier doch gut. Ich will meinen Kindern auch eine Basis bieten, ich will nicht alle zwei bis drei Jahre umziehen müssen. Und solange ich mich erfüllt fühle, was das Arbeiten angeht, bleibe ich hier. Man kann hier auch gut leben. In der Großstadt ist mehr Angebot zum Gucken, aber nicht zum Arbeiten.

Solange mich die Kinder noch brauchen, werde ich also hierbleiben. Vielleicht noch zehn Jahre. Aber dann könnte ich mir schon vorstellen, dass ich mich wieder weiter orientiere, woanders hin. Ob ich jetzt unbedingt umziehen muss, weiß ich nicht. Aber die Kontakte, die ich durch die Theaterarbeit habe, vielleicht noch einmal nutzen, noch einmal in anderen Städten gucken …

Ich habe durch meine eigenen Kinder auch den Zugang zu Kindern gelernt. Ich habe meinem Sohn die Soli vorgespielt oder wie ein Hörspiel erzählt, das war immer sehr interessant, wie er reagiert. Manchmal überlege ich, ob ich mit meinen Kindern auch aus dem Kindertheater herauswachse. Jetzt geht mein Sohn gerade noch mit, aber irgendwann eben nicht mehr. Meine Tochter schon lange nicht mehr. Vielleicht hört es bei mir dann auch irgendwann auf. Eigene Stücke nehme ich da aber aus, bei meinen selbst erarbeiteten Sachen ist das anders, da kann ich mir vorstellen, sie noch sehr lange zu spielen.


In der preisgekrönten Interview-Serie Was machen die da? lassen Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm interessante Menschen ausführlich von ihrem Beruf erzählen, für Nido haben sie dieses Format adaptiert. Eine etwas kürzere Version des Gesprächs mit Brit Bartuschka ist in Nido #9 2015 erschienen. Alle Titelthemen der aktuellen Ausgabe gibt es hier im Überblick.

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