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Wut auf das eigene Kind

Ja, ihre Kinder machen sie aggressiv. Ja, sie möchte sie manchmal schütteln. Eine Mutter schildert in ehrlichen Worten ihre Wut. Sie rührt damit an einem Tabu: Eltern scheint es nicht erlaubt, auf ihre Kinder wütend zu sein. Warum eigentlich nicht?

von Lena Gorelik

  Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit die Mutter, dann schreit bald der Vater, dann schreit bald das Kind...

Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit die Mutter, dann schreit bald der Vater, dann schreit bald das Kind...

Da ist er wieder, dieser eine Moment, und in diesem einen Moment ist dieses eine Gefühl: Der Drang, ihn an den schmalen Schultern zu fassen und zu schütteln. Nur so ein bisschen. Weil er es sonst nicht versteht. Weil. Er. Es. Nicht. Versteht. Und ich es bereits gefühlt zwanzig Mal erklärt habe, und ich habe auch alles andere versucht: Ich habe ihn freundlich gebeten. Ich habe befohlen, in einem Ton, den er als streng erkannt hat, denn er hat besonders trotzig geblickt als Antwort. Ich habe gedroht, allen meinen pädagogischen Überzeugungen zum Trotz, ich habe mir einen „Sonst kannst du nicht …“-Satz erlaubt. Und dann habe ich geschrien. Weil. Er. Es. Nicht. Versteht. Aber: In seinem bildhübschen Gesicht ist dieser Trotz, immer noch oder noch mehr, oder es kommt mir nur so vor, und deshalb möchte ich ihn an seinen schmalen Schultern fassen und dann … Das ist er wieder, dieser eine Moment.

"Es dauert zwei Tage, bis ich meinem Mann von meiner Wut erzähle"

Meine Kinder haben ein Buch, das heißt „Die kleine Motzkuh“. Darin heißt es, manchmal besuche die kleine Motzkuh kleine Kinder. Dann würden sie, wie der Name schon sagt, motzen und quengeln, und dann gelte es, die Motzkuh zu finden, hinter dem Ohr oder auf der Schulter, und wegzuschicken, irgendwohin. Da steht auch drin, dass die kleine Motzkuh sich manchmal auch bei Mama oder Papa einnisten würde. Dann würde Mama „Himmel und Hölle!“ stöhnen und Papa „Herrschaftszeiten, das darf doch nicht wahr sein!“ rufen, aber von der Großen Wut steht da nichts. Da steht nichts davon drin, wie sich die Große Wut breitmacht im Bauch, wenn zum Beispiel die kleine Motzkuh die Kinder besucht und wenn sie motzen und quengeln, nach einem Tag im Freibad zum Beispiel, mit Rutsche und Eis und Freunden und allen anderen Kinderfreuden, die es gibt, und wie einem der Kopf schmerzt, weil es laut war und anstrengend und weil eines der Kinder verloren gegangen war und ein anderes getröstet werden musste, als es hinfiel, und dann noch einmal, und wie das Eis herunterfiel und wie die Biene gestochen hat, und weil man nicht eine Seite des Buches gelesen hat, das man mitgenommen hatte, und weil es spät ist und die Kinder im Bett sein sollten, und weil man noch arbeiten muss heute Abend und man vergessen hat, wie es ist, sich abends nach einem guten Film zu sehnen, da ist immer irgendetwas zu tun. Da steht nichts davon drin, wie die Große Wut in den Bauch kriecht und wie schnell sie durch die Blutbahnen in die Hände fließt und wie sehr die Finger kribbeln. Sie möchten zu Fäusten geballt werden. Man kann mit einem Mal das trotzige Kind verstehen, das sich auf den Boden wirft und mit den Fäusten auf den Boden trommelt, und wenn man ganz ehrlich ist, möchte man mit den Fäusten auf das Kind losgehen. Aber das tut man natürlich nicht. Man atmet durch, noch einmal. Und dann noch einmal.

  Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit das Kind, dann schreit bald die Mutter, dann schreibt bald der Vater...

Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit das Kind, dann schreit bald die Mutter, dann schreibt bald der Vater...



Mein Sohn war ungefähr zwei Jahre alt, als die Wut mich zum ersten Mal schlug. Sein Bruder war ein Baby und seit Tagen krank, und wir waren dementsprechend unausgeschlafen. Ich hatte den Kleinen endlich, endlich, viel zu spät zum Einschlafen gebracht, da fand es der Große – Aufmerksamkeitssuche, weil der Kleine die Eltern so sehr beanspruchte – urkomisch, ihn immer wieder aufzuwecken. Es war spät, viel zu spät, und während mein Verstand die Sache mit der Aufmerksamkeitssuche begriff und das Herz von Mitleid für beide Kinder durchströmt wurde, war mein Körper einfach nur müde. Müde, müde, müde und … Was ist die Steigerung von müde? Lass ihn in Ruhe, gehe nicht mehr in dieses Zimmer, sagte ich. Hör auf, rief ich. Etwas lauter: Sag mal, hörst du mir eigentlich zu? Er aber lachte, und er rannte immer wieder hinein, und ich zerrte ihn immer wieder hinaus, und er lachte. Du gehst jetzt in dein Zimmer und bleibst da. Neinneinnein, und er lachte. Ich brachte ihn in sein Zimmer – er war noch klein – und ich warf ihn: auf die Matratze, die auf dem Boden lag. Ich warf ihn so, dass ich sicher sein konnte, dass er sich nicht wehtun würde. Ich warf ihn so, dass er sich nicht zu sehr erschreckte, da war dieses Fünkchen Kontrolle. Aber da war auch dieser Moment, und ich warf ihn.

"Über der Wut liegt die Stille. Als käme das Eingeständnis des Gefühls bereits einer Tat gleich"

Es dauert trotz Müdigkeit zwei Stunden, bis ich an diesem Abend einschlafen kann. Es dauert zwei Tage, bis ich meinem Mann von meiner Wut erzähle. Es dauert bis heute, dass ich diesen Moment nicht vergessen kann. Man wird wütend. Seit man denken kann, wird man wütend. Man wird wütend auf seine Eltern, erst weil sie einem das Eis, dann die Party nicht erlauben, und später weil man etwas verstanden zu haben meint. Man wird wütend auf Freunde, die nicht teilen wollen, und später auf Partner, die verletzen, das ist die Liebe. Man wird wütend auf den Chef, den Hund und die unfreundliche Verkäuferin. Ein Gefühl wie alle anderen auch. Man wird wütend, und Psychologen sagen, das ist gesund, und nach der Wut kommt das leise Erwachen, ein Heilungsprozess, an dem man wächst. Bei unseren Kindern erlauben wir uns die Wut aber nicht; sie sind unschuldig, klein, nicht wehrhaft. Wir dürfen nicht. Sie aber schon. So.

  Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit der Vater, dann schreit bald das Kind, dann schreit bald die Mutter... 

Der unendliche Kreislauf der Wut: Schreit der Vater, dann schreit bald das Kind, dann schreit bald die Mutter... 


Über der Wut auf Kinder liegt die Stille. Unter dem Verbot versucht man, ein Vorhandensein dieses Gefühls zu verbergen. Ich werde manchmal wütend, ungeheuer wütend auf meine Kinder, und ich werde nicht die Einzige sein. Die Tabuisierung ist zum Teil Horrorgeschichten geschuldet: diese Mutter, die ihr Baby totschüttelt oder gegen die Wand wirft, weil es schreit. Und zum Teil dem eindeutigen Machtgefälle, das entsteht, wenn ein großer Mensch einen kleinen anschreit, einen, der weniger kann, weniger versteht und in der Liebe abhängig ist. Wenn man das so zusammenfasst, dann darf man das tatsächlich nicht: der Wut auf diesen kleinen Mensch Raum geben. Dann muss man zählen, bis zehn, bis zwanzig, den Raum verlassen, das Haus und das eigene Gefühl.

Das Schweigen, das über der Wut gegen die Kinder liegt, ist ein einzigartiges: Weil Wut an sich und all ihre hässlichen Konsequenzen – das Geschrei, die später bereuten Worte, die zugeschlagenen Türen, die eine Bewegung zu viel, das verzerrte Gesicht – kein Tabuthema sind. Weil wir darüber reden, wie wütend uns der Partner manchmal macht, wie man zuweilen das Haus mit zugeschlagener Tür verlässt, weil man ihn in diesem Streit nicht erträgt, wie die Wut eines Partners, eines Freundes, eines Elternteils uns zu Tränen bringt, uns verletzt. Weil man über Streitigkeiten, lautstarke, ausfallende, unbeherrschte, sprechen darf, über Ausfälle, über all das, wofür man sich später entschuldigen muss, immer und immer wieder, das gilt für alle, außer für das Kind. Es gilt, sein Leben zu beschützen, es gilt, es zu lieben. Aber gerade weil wir die Kinder so lieben und gerade weil wir sie beschützen, gibt es niemanden, der uns so schnell an die eigenen Grenzen treiben kann. Auch an die Grenze des eigenen Ichs: Wer bin ich, wenn ich, und wie kann ich denn nur?

Einmal bricht eine Freundin die Stille. Ich weiß nicht mehr, warum und wann sie das erzählte, aber ich weiß noch um die Bedeutung, um mein Festhalten an dieser Erzählung: Ich bin nicht allein. Es war eines Nachts, ihr Kind war kleiner und krank, und in allem Mitleid, das sie für das Kind empfand, empfand sie irgendwann Mitleid auch mit sich selbst. Schlafen und Ruhe und Stille, und nicht mehr dieses ununterbrochene Geschrei. Sie schmiss eine Glasflasche an die Wand, um nicht das Kind gegen die Wand zu schmeißen. Schlaf doch endlich mal, brüllte sie, oder ich dichte mir das hinzu. Das Kind aber schlief nicht. Morgens rief sie, erschöpft und verzweifelt, ihre Schwester an. Ich kann nicht mehr, sagte sie. Wenn er nicht aufhört zu brüllen, bring ich ihn um! Was man so sagt in einer Verzweiflung, einer Erschöpfung, einer Wut. Wie kannst du so was nur sagen. Der Kleine ist doch krank!, antwortete die Schwester, und sie fügte noch ein paar andere Dinge hinzu, und die Schwestern redeten ein paar Wochen nicht miteinander. So lernte meine Freundin zu schweigen.


Das Schweigen ertrage ich nur schwer. Kennst du das?, frage ich Freundinnen und Freunde, geht es dir auch so? Ich suche nach anderen, um mich besser zu fühlen, um mich nicht schuldig zu fühlen und schlecht, diese verdammte verzweifelte Suche nach Absolution. Ja, sagen sie, sie tun das leise, und sie führen das Ja nicht aus, es werden keine Geschichten erzählt. Ja, kenne ich, und das ist Bekenntnis genug. Über der Wut liegt die Stille. Als käme das Eingeständnis des Gefühls bereits einer Tat gleich. Pssst!
Unseren Kindern bringen wir bei, dass Wut ein natürliches Gefühl ist. Wenn meine Kinder wütend werden, zum Beispiel weil ich sie bei einem Freund abhole und sie noch länger spielen wollen, wenn die Wut über sie kommt, und sie 'Nein, ich will nicht nach Hause!' schreien und wegrennen und ich sie einfangen muss. Und – bevor meine Stimme strenger wird und ich diese Satzkonstruktion verwende, die ich hasse: Komm, hier ist deine Jacke, jetzt ziehst du dich an – versuche ich etwas, wovon ich nicht weiß, ob das einer Natürlichkeit entspricht, dass ich das sage, oder ob ich irgendwo gelesen und gelernt habe, dass man das so macht: Ich verstehe ja, dass du gerne noch länger hier spielen würdest, und ich verstehe, dass du wütend bist auf mich, weil ich dich nicht lasse, aber wir müssen … Und in einem solchen Moment hören sie mir nicht zu und auch das ist ein natürlicher Prozess, und ich lasse es ihnen, weil ich weiß, dass man nicht zuhören kann in dieser Wut. Aber das, was ich ihnen zugestehe, gestehe ich mir selbst noch lange nicht zu. Wut ist für Kinder wie Eltern ein natürliches Gefühl, und hierbei muss man den Erziehungspapst Jesper Juul mit seiner Forderung nach authentischen Eltern noch nicht einmal bemühen. Weil wir uns alle daran erinnern – und nein, das kommt nicht aus der Wir-haben-das-auch-überlebt-also-wird-es-unseren-Kindern-nicht-schaden-Ecke –, wie unsere Eltern wütend wurden. Manchmal brüllten meine Eltern, und als ich in die Pubertät kam, brüllte ich zurück, und einmal gab es eine Backpfeife von meinem Vater, an die erinnere ich mich ganz besonders gut. Aber müsste ich mich auf etwas festlegen, was meine Eltern falsch gemacht haben, so wäre es nicht zu wenig, sondern zu viel Liebe, und in keinem dieser Momente stellte ich diese Liebe infrage. Unsere Streitigkeiten waren laut, sie waren emotional. Irgendwann weinte man, vielleicht weinten alle, und man entschuldigte sich, und das war das Leben. Das Leben war auf eine simple Weise ehrlich.

"Man wird wütend, und Psychologen sagen, das ist gesund, und nach der Wut kommt das leise Erwachen, ein Heilungsprozess, an dem man wächst"

Wenn ich auf meine Söhne wütend war, krieche ich zu Kreuze. Erst leise – da sind die Vorwürfe: Wie konnte ich nur? Da ist der Selbstzweifel: Vielleicht hätte jemand wie ich nicht Mutter werden sollen. Dann betrete ich das Kinderzimmer vorsichtig, klopfe womöglich an, entschuldige mich, erkläre meine Wut und mein Ich und sitze da mit schuldigem Gesicht auf diesem Autostraßenteppich. Sie sitzen neben mir, und sie schieben Autos über diesen Teppich, und manchmal gibt es einen Stau. Ja, das fand ich ganz doof, dass du so wütend warst, sagt manchmal einer, und manchmal fragt einer: Aber warum warst du?, wenn ich ihm die Müdigkeit erkläre und die aufgestauten Schlechtigkeiten des Tages und meinen verzweifelten Versuch, den Konflikt im Guten zu lösen, der gescheitert ist. Manchmal erteilt einer, ohne es zu ahnen, mir Absolution, – Das macht doch nichts, Mami! – was mich mich noch schlechter fühlen lässt, und manchmal ist da auch nur ein dahingeworfenes Guck mal, Mami, meine Autos machen einen Stau. Und alle Antworten sind gleichermaßen gut. In einem Konflikt, einem laut, einem emotional, einem fuchsteufelswild ausgetragenen, lernen wir und lernen unsere Kinder. Wir, sie und ich, lernen, wo unsere Grenzen liegen und wo sie überschritten wurden, wir lernen eigene Unfähigkeiten und auch die Bedeutung des anderen für uns selbst. Wir verlieren die Selbstbeherrschung, aber nicht die Liebe, und wir erleben eine authentische Auseinandersetzung – erst mal im Schlechten. Im schlechten Gewissen, weil wir unsere Wut so deutlich gezeigt haben; im Bewusstsein der eigenen Schuld. Aber umso ehrlicher ist nach der Auseinandersetzung die Versöhnung, und umso ehrlicher wird anschließend auch wieder gemeinsam Stau gespielt. Meine Kinder haben ein anderes Buch, es trägt den Titel „Man wird doch wohl mal wütend werden dürfen“. Es ist ein Buch mit liebevollen Bildern und liebevollen Sätzen. Der letzte lautet: „Das Eichhörnchen nickte und versuchte, sich etwas auszudenken, um wütend zu werden, und fragte nicht weiter.“


Dieser Text ist in der Ausgabe 10/2016 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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