Abstellungspflicht


Bundesligavereine gewinnen Olympia-Streit

  • 06.08.2008, 12:09 Uhr

 © How Hwee Young/DPA
Die Brasilianer Diego und Rafinha trainieren für Olympia, obwohl ihre Vereine Werder Bremen und Schalke 04 laut einem Urteil des Obersten Sportgerichts nicht verpflichet sind, ihre Profis für das Turnier in Peking freizustellen

Die Bundesligavereine Werder Bremen und Schalke 04 sind nicht verpflichtet, ihre beiden Spieler Diego und Rafinha für das olympische Fußball-Turnier abzustellen. Das entschied jetzt der Oberste Sportgerichtshof CAS. Doch für die Vereine ist das Urteil wohl dennoch ein Muster ohne Wert.

Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat die Rechte der Fußball-Vereine gestärkt, dennoch dürfen sich die Brasilianer Diego (Werder Bremen) und Rafinha (Schalke 04) wahrscheinlich ihren Olympia-Traum erfüllen. Nicht unerwartet entschied der Cas in Peking unter Vorsitz von Ephraim Barak (Israel) in der Berufungsverhandlung gegen die Entscheidung des Fußball-Weltverbandes FIFA - und im Sinne der klagenden Bundesliga-Clubs: Spieler unter 23 Jahren müssen von den Vereinen nicht für eine Olympia-Teilnahme freigestellt werden, weil sich keine Abstellungspflicht aus den Fifa-Statuten ergebe und auch kein entsprechendes Gewohnheitsrecht existiere.
 
Vereine werden die Profis nicht zurückbeordern
Die Bundesligavereine werden trotz ihres Erfolges vor dem CAS vermutlich auf eine aufwändige und zu diesem Zeitpunkt für die Clubs wenig sinnvolle Rückholaktion ihrer Leistungsträger verzichten, wollen den Verbleib der Spieler aber offenbar an Voraussetzungen knüpfen. Wie der Manager von Hertha BSC, Dieter Hoeneß, verriet, sollen die Verbände vor dem ersten Spiel bestimmte Bedingungen erfüllen: Sie müssen das Gehalt des Spielers für den Zeitraum der Abstellung übernehmen, eine Abstellungsgebühr zahlen und eine Versicherung abschließen. Die betroffenen Clubs wollen in dieser Sache jetzt eine gemeinsame Linie verabreden.

Hertha hatte Gojko Kacar (Serbien) ziehen lassen, dem serbischen Verband diese Bedingungen aber bereits vor einigen Tagen übermittelt. "Wie sich die FIFA verhalten hat, ist ein Unding", schimpfte Hoeneß. Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) fühlt sich in ihrer Ansicht bestätigt. "Diese Entscheidung haben wir aufgrund der Sach- und Rechtslage erwartet", sagte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus. "Die FIFA hat es leichtfertig verpasst, frühzeitig die geltende Rechtslage anzuerkennen." Insgesamt sind aus der Bundesliga neun Spieler bei den Spielen in China.

Der brasilianische Verband erklärte, dass Diego und Rafinha beim Team bleiben. "Wir haben keine offizielle Mitteilung bekommen. Die Spieler bleiben Teil des Teams und werden gegen Belgien spielen", betonte Verbandssprecher Rodrigo Paiva. Auch der FC Barcelona - derzeit auf US-Tour - kann sich als Sieger fühlen und könnte Lionel Messi noch zurückfordern. Doch Argentiniens Trainer Sergio Batista ließ kurz nach dem Urteil verkünden, dass der Mittelfeldspieler in China bleiben werde: "Messi will das ganze olympische Turnier spielen. Er ist für die Startelf vorgesehen."

Schallende Ohrfeige für die Fifa
Für die FIFA und insbesondere Präsident Joseph Blatter, der sich vehement für die Teilnahme der Profis eingesetzt hatte, ist das CAS- Urteil eine schallende Ohrfeige. Zudem profitieren nicht nur die drei klagenden Vereine, sondern alle Clubs weltweit. "Die FIFA ist überrascht und enttäuscht über die Entscheidung, aber wir respektieren sie. Dennoch, ich appelliere an die Vereine: Lasst eure Spieler teilnehmen. Es wäre ein Akt der Solidarität in perfekter Übereinstimmung mit dem olympischen Geist. Zudem wäre es wunderbar für die Spieler, die Fans und für den Fußball insgesamt", sagte Blatter.
 
Auch Hertha BSC oder 1899 Hoffenheim hatten wegen des psychologischen Drucks ihre Profis Gojko Kacar (Serbien) und Chinedu Obasi (Nigeria) abgestellt, könnten sie vor dem Bundesliga-Start nun theoretisch aber zurückholen. Doch das ist ebenso nicht zu erwarten. "Ich finde es großartig, dass mir der Verein die Möglichkeit gibt, an Olympia teilzunehmen und sich die sehr komplizierte Situation damit entspannt", hatte Obasi nach der Freigabe aufgeatmet. Auch der Hamburger SV und Bayern München haben Profis abgestellt.

Der Berufung von Werder und Schalke gegen das von der FIFA vor einer Woche gesprochene Urteil wurde in vollem Umfang stattgegeben. Das Sportgericht folgte der Argumentation von Rechtsanwalt Theo Paeffgen, der die Bundesligisten in dem wegweisenden Rechtsstreit vertrat.

Zukunft des Olympia-Turniers infrage gestellt
In letzter Konsequenz stellt die Entscheidung die Zukunft des olympischen Fußball-Turniers der Männer in der jetzigen Form komplett infrage. Profis über 23 Jahre (z.B. Ronaldinho) unterlagen schon bisher keiner Abstellungspflicht, die Clubs konnten sie allerdings freiwillig zu den Olympischen Spielen ziehen lassen. Die Regelung mit den Spielern unter 23 war ein wachsweicher Kompromiss zwischen der Fifaund dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), denn der mächtige Fußball-Verband wollte seinen eigenen Turnieren (Weltmeisterschaft/U 20-WM) mit einer völligen Öffnung keine Konkurrenz machen.

Die beiden größten Sport-Organisationen der Welt sind nun aufgefordert, mit einer Reform des Reglements künftig für Klarheit und Rechtssicherheit zu sorgen. Klar ist: In der bisherigen Form wird das Olympia-Turnier künftig keinen Bestand mehr haben, weil die Vereine keine Streitigkeiten und Sanktionen mehr fürchten müssen, wenn sie die von ihnen bezahlten Profis nicht abstellen. Den "Schwarzen Peter" haben vorerst die Spieler, die auf das "Goodwill" ihrer Clubs angewiesen wären. Fifa und IOC kündigten bereits an, dass sie sich nach den Peking-Spielen treffen und beraten wollen.

Gleichwohl blieb die Fifa in ihrer Stellungnahme bei ihrer bisher vertreten Meinung. Das olympische Fußball-Turnier sei gerade für junge Spieler eine hervorragenden Chance, sich auf der internationalen Bühne zu präsentieren und Erfahrung zu sammeln. Somit würden neben den Spielern auch die Nationalteams und letztlich auch die Clubs von einer Teilnahme profitieren, meinte Blatter: "Ich bedaure, dass der Cas den olympischen Geist bei der Entscheidung nicht berücksichtigt hat."
 
kng/DPA



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