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24. August 2008, 11:14 Uhr

Könige der Randsportarten

Platz fünf im Medaillenspiegel, 16 Goldmedaillen, insgesamt 41 - das deutsche Olympia-Resultat ist zufriedenstellend. Es hat aber einen schweren Makel: In den "großen" Wettbewerben, wie Leichtathletik oder Schwimmen, versagten die Deutschen auf ganzer Linie. Von Jens Fischer, Peking

Dabei sein ist Alles - das Olympische Motto zählte nicht nur für Fahnenträger Dirk Nowitzki. Auch ein Großteil des deutschen Teams nahm sich dies zu Herzen© Mike Blake/Reuters

Als Claudia Hoffmann dann endlich ins Ziel trudelte, hatten sich die Siegerinnen aus den USA im Jubelrausch fast schon in den Sternenbanner gewickelt. Zehn Sekunden Rückstand über die 4x400-Meter der Frauen - ein Katastrophen-Rennen, das den Leistungsstand der deutschen Leichtathletik bei den Olympischen Spielen 2008 vortrefflich widerspiegelt. Sage und schreibe eine lausige Medaille hat der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in Peking für sich verbuchen können. Christina Obergföll wurde zur Heldin. Bronze im Speerwerfen - juchheisa!

Deutsches Fördersystem hinkt im Vergleich hinterher

Spaß beiseite: Eine Bronze-Medaille bedeutet Platz 37 für Deutschland im Medaillenspiegel der Leichtathletik. Also keine Witze mehr über die Exoten, über die von allen belächelten Außenseiter bei diesen Spielen. Im Pekinger "Vogelnest", dem Mekka der Leichtathletik dieser Tage, wurde Deutschland selber zum Exot. Eine bittere Tatsache und ein Umstand, der auch Chefbundestrainer Jürgen Mallow und Eike Emrich, Leistungssport-Vize des DLV, auf die Palme brachte. Das deutsche Fördersystem würde nur Erfolg belohnen, Niederlagen zögen finanzielle Kürzungen nach sich - für beide eine sinnlose Konsequenz. Überhaupt sei das System des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Bundesinnenministeriums (BMI) ein viel zu zäher Bürokratie-Apparat, und ausreichend Geld würden sie auch nicht erhalten.

Mallow und Emrich waren nicht die Ersten, die bei den Deutschen in Peking für teaminterne Zwistigkeiten sorgten. Auch im Schwimmerlager gab es mächtig Ärger. Katastrophale Zeiten, verpasste Endläufe, keine Medaillen - zumindest bis die Einzelkämpferin Britta Steffen kam. Aber da war die gute Stimmung schon ins Wasser gefallen. Örjan Madsen, als Schwimm-Sportdirektor nach Peking gekommen, gab noch zwischen den Wettkämpfen sein Amt auf. Offiziell freiwillig, aber der Unmut über das deutsche Fördersystem und über die Zusammenarbeit mit den Heimtrainern war dem von Natur aus griesgrämigen Madsen anzusehen. Schnell wurde Lutz Buschkow, bis dato Cheftrainer der Wasserspringer, installiert. Ob Buschkow die deutschen Schwimmer schneller macht, bleibt mehr als fraglich.

Plötzlich Außenseiter in ehemaligen Parade-Disziplinen

Leichtathletik und Schwimmen - zwei Sportarten, die bei Olympia zu den publikumswirksamsten gehören und mit denen man sich als Verband profilieren kann. Zwei Traditionssportarten, in denen die Deutschen in Peking hoffnungslos hinterher hinkten und komplett versagten. Das Bittere: Die Liste der deutschen Enttäuschungen lässt sich fortführen. Darauf stehen in erster Linie die "großen" Sportarten.

So haben die deutschen Ruderer in Peking einen Totalschaden erlitten. Am Ende blieben eine Silber- und eine Bronzemedaille - die Deutschen haben sich während Olympia 2008 als beste Rudernation der Welt verabschiedet. Die riskante Achterumbesetzung kurz vor Peking endete im Fiasko. Das einstige deutsche Flagschiff belegte den blamablen achten Platz - eine Katastrophe.

Seine Geschichte rührte die Deutschen zu Tränen und machte Matthias Steiner zum deutschen Helden der Spiele© Jung Yeon-Je/AFP/DDP

In den Ballsportarten versagt

Auch im Straßen-Radsport hagelte es eine Enttäuschung nach der anderen. Stefan Schumacher, Hanka Kupfernagel oder Judith Arndt - sie alle konnten die großen Erwartungen nicht erfüllen. Ihre beste Leistung zeigten sie nach ihren Rennen. Da lag es an der Hitze, an der zu langen Strecke oder der falschen Taktik - Medaillen-Aussichten hatten sie allerdings nie. Oder die deutschen Boxer. Vier Starter wurden in den Ring geschickt. Alle Vier verloren ihren Erstrunden-Kampf. Es gab Zeiten, da galt das Boxen als deutsche Disziplin. Endgültig vorbei.

Auch in den Ballsportarten muteten die deutschen Sportler den Zuschauern einiges zu. Die Handball-Nationalmannschaft, aktueller Weltmeister und landesweiter Sympathieträger, scheiterte kläglich in der Vorrunde. Schmerzhaft daran: Gerade den Perspektiv-Spielern mangelte es an internationalem Format. Ein Umstand, der traurig in die Zukunft blicken lässt und wenig Hoffnung für die Spiele in London 2012 macht. Die "alten" Handball-Helden treten ab, die Gefahr ist groß, auf der internationalen Bühne über Jahre hinaus in der Versenkung zu verschwinden. Ähnlich die Lage bei den Basketballern. Trotz des von Allen umschwärmten Dirk Nowitzki wurde das große Ziel Viertelfinale verfehlt. Nowitzki wird die nächsten Jahre nicht mehr im deutschen Trikot zu sehen sein, auch dem deutschen Basketball drohen schwere Zeiten. Volleyball und Wasserball spielen in der deutschen Bilanz keine Rolle - sie sind endgültig im Niemandsland verschwunden.

Gold der Hockey-Herren ist einer der wenigen Lichtblicke

"Die deutschen Hockey-Herren haben mit der Goldmedaille eine einmalige Leistung abgeliefert. Die Stimmung beim Finale war einfach einzigartig. Darauf können wir alle stolz sein", versucht Michael Vesper, der deutsche Chef de Mission, bei der Abschlusskonferenz im Pekinger Kempinski-Hotel gute Stimmung zu verbreiten. "Die Gesamtbilanz der deutschen Mannschaft stellt mehr als zufrieden", erklärt er mit ruhiger Stimme. 41 Medaillen habe man gewonnen, davon 16 aus Gold. Das Abschneiden sei besser gewesen, als das der Olympischen Spiele 2004 in Athen, erklärte Vesper voller Stolz.

Und vergaß dabei: Alle ersten Plätze holte die deutsche Mannschaft in Randsportarten. Bei den Kanuten wurde kräftig abgeräumt, im Reiten, beim Kajak und beim Fechten. Gewichtheben, Judo, Moderner Fünfkampf - hier gab es deutschen Jubel. Der deutsche Held war diesmal ein Gewichtheber: Matthias Steiner. Nie davor von ihm gehört? Jetzt kennt man ihn. Aus der Not geboren.

Schicken Sie ihr Kind zum modernen Fünfkampf

Das Problem an der deutschen Bilanz ist nicht der fünfte Rang im Medaillenspiegel, der geht in Ordnung. Alle Erfolge wurden in Sportarten geholt, die in den nächsten Wochen und Monaten wieder aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwinden werden. Die Wirkung auf den Breitensport geht gegen null. Oder wer schickt sein Kind zum modernen Fünfkampf?

Deutschlands Sport kennt nach diesen Olympischen Spielen keine neuen Idole. Keine neuen Fabian Hambüchens und Dirk Nowitzkis. Bei Hambüchen hat man gesehen, wie groß der Druck auf ihn lastet. Er ist mit Bronze statt dem erhofften Gold bitter abgestürzt. "Wir brauchen keine Aushängeschilder wie Michael Phelps oder Usain Bolt, an denen immer ein gewisser Verdacht klebt", sagte Vesper dann noch. Man wolle in der deutschen Mannschaft schließlich saubere Sportler.

Von Jens Fischer, Peking
 
 
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