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30. Juli 2008, 14:47 Uhr

Kniefall vor Zensur in China

Das Internationale Olympische Komitee hat sein Versprechen gebrochen, Journalisten bei den Sommerspielen in Peking "unzensierten" Zugang zum Internet zu gewährleisten. Ohnmächtig muss das machtlose IOC die Eingriffe Chinas in die freie Berichterstattung hinnehmen - und verspielt viel von seiner Glaubwürdigkeit.

Nicht nur die Sicherheit wird während der Olympischen Spiele in Peking groß geschrieben, sonder auch die Zensur© Oded Balilty/AP

"Ich kann den Chinesen nicht sagen, was sie tun sollen", sagte der Chef der IOC-Pressekommission, Kevan Gosper, in einem Interview der Hongkonger Zeitung "South China Morning Post". Empörte Journalisten kritisierten die Sperren von Webseiten wie etwa von Menschenrechtsgruppen, Tibetern oder auch von chinesischen Inhalten der Deutsche Welle. Es war von "Wortbruch" die Rede. Die Glaubwürdigkeit des IOCs stehe auf dem Spiel.

Der Australier Gosper entschuldigte sich, die Weltmedien mit seinen früheren Versprechen über freien Internetzugang in die Irre geführt zu haben. "Ich bin unterrichtet worden, dass einige der IOC-Vertreter mit der chinesischen Seite ausgehandelt haben, dass einige heikle Webseiten gesperrt werden", sagte Gosper, obwohl vor zwei Wochen noch IOC-Präsident Jacques Rogge in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur DPA beteuert hatte, die Journalisten hätten "unzensierten Zugang zum Internet". Selbst Gosper hatte im April in Peking unmissverständlich zugesagt, dass es zumindest in den Pressezentren ungehinderten Zugang zum Internet geben werde.

IOC knickte komplett gegenüber China ein

Im Widerspruch dazu stellte Gosper die Verhandlungen mit den Chinesen jetzt so dar, als wenn es nur um die freie Berichterstattung über die Spiele, nicht China allgemein gegangen sei. "Das erstreckt sich nicht notwendigerweise auf den freien Zugang und die Berichterstattung über alles, was mit China zu tun hat", sagte Gosper in Peking vor Journalisten, als wenn diese nicht über das aufstrebende Milliardenreich berichten sollen, das sich mit den Spielen auf der Weltbühne präsentieren will. In Wirklichkeit musste Gosper eine Niederlage des China gegenüber machtlosen IOC eingestehen: "Wir haben es hier mit einem kommunistischen Land zu tun, in dem zensiert wird. Wir bekommen, was sie einem zugestehen."

Nicht einmal mehr protestieren will das IOC - geschweige denn an der Zensur rütteln. "Ich vermute, sie haben ihre Entscheidung getroffen", sagte Gosper in dem Interview resigniert. Warum das IOC plötzlich einknickte, blieb unklar. Nach dem Sturm der Entrüstung unter Journalisten schalteten wichtige IOC-Mitglieder oder Sprecher in Peking lieber ihre Mobiltelefone ab. Noch am Vortag hatte Olympia-Direktor Gilbert Felli die Internetsperren mit der chinesischen Seite angesprochen, sich aber offensichtlich eine Abfuhr eingeholt.

Mit siegessicherer Miene belehrte der chinesische Sprecher Sun Weide dann auch die ausländischen Reporter, ihr beschränkter Internetzugang sei doch "ausreichend" und "umfassend". "Die Berichte über die Spiele sind nicht beeinträchtigt", sagte der Sprecher auf einer Pressekonferenz. Warum Webinhalte von Amnesty International oder der exiltibetischen Regierung gesperrt seien, beschied er mit gespielter Unwissenheit: "Über einzelne Webseiten weiß ich nicht Bescheid." Erhitzt klagte ein ausländischer Reporter: "Wir können unsere Arbeit nicht machen, wie es vom IOC und von BOCOG versprochen worden war." Unbeirrt wiederholte der Sprecher darauf immer nur: "Ihre Berichterstattung wird in keiner Weise beeinträchtigt."

IOC verspielt letzte Reste von Glaubwürdigkeit

Empört erinnerten Journalisten an BOCOG-Vizepräsidenten Wang Wei, der 2001 bei der Bewerbung Pekings um die Spiele versichert hatte: "Wir werden den Medien umfassende Freiheiten zur Berichterstattung geben, wenn sie nach China kommen." Für die Menschenrechtsgruppe Olympic Watch steht jetzt die Glaubwürdigkeit des IOC auf dem Spiel. Es müsse seine "unwirksame Strategie der stillen Diplomatie beenden und öffentlich zu einem Ende der Zensur in China aufrufen". Journalisten müssten in Peking in der Lage sein, auf alle verfügbaren Informationen zurückgreifen zu können - auch über die Verfolgung von chinesischen Bürgerrechtlern vor Olympia. Nicht zuletzt müssten auch die Sportler im olympischen Dorf unzensierten Internetzugang haben.

Auch in den USA wurden schwere Vorwürfe gegen China laut. Der republikanische US-Senator Sam Brownback beschuldigte chinesische Behörden, den Internetverkehr von Olympia-Gästen ausspionieren zu wollen. Hotels seien aufgefordert worden, Spionage-Programme in ihren Netzwerken zu installieren, um "über jeden einzelnen Besucher in den Hotels Informationen zu sammeln", sagte Brownback in Washington. Der chinesische Geheimdienst ziele dabei auf "Journalisten, Familien der Athleten, Menschenrechtsaktivisten und andere Besucher".

Repräsentanten mehrerer internationaler Hotelketten hätten ihn über die Überwachungsmaßnahmen und die Installation informiert, sagte der konservative Senator aus Kansas. Brownback sagte nicht, um welche Hotelketten es sich handele. Mehrere internationale Hotels in Chinas Hauptstadt wollten die Angaben auf Anfrage nicht bestätigen. In einem Haus hieß es allerdings: "Das betrifft die interne Operation, deswegen ist es nicht zweckdienlich, darauf zu antworten."

Auch Internetcafés in China haben ähnliche Software installiert, die den Netzverkehr ihrer Besucher mitliest. Ob Internetaktivitäten von Journalisten im Hauptpressezentrum der Olympischen Spiele in Peking ähnlich ausspioniert werden, ließ der Sprecher der Olympia- Organisatoren (BOCOG) Sun Weide unbeantwortet. Entgegen allen Versprechungen von BOCOG und seitens des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wird das Internet für die 25 000 ausländischen Journalisten während der Spiele wie in China üblich zensiert.

Hintergrund Im großen Stil zensiert China das Internet. Informationen von Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International oder des US-Senders Radio Free Asia über die Verfolgung von Bürgerrechtlern in China sind genauso blockiert wie etwa das Angebot der Deutschen Welle für chinesische Leser. Gesperrt sind auch die Seiten exiltibetischer Organisationen in Indien oder die Katholische Nachrichtenagentur Asianews, die über die Untergrundkirche in China berichtet. Chinesische Nutzer bekommen stattdessen eine allgemeine Fehlermeldung, die für einige Zeit auch jede weitere Suche blockiert.

Aus Rücksicht auf den mit 253 Millionen Nutzern inzwischen größten Internetmarkt der Welt zensieren sich internationale Suchmaschinen wie Google oder Yahoo in China auch selbst - genau wie die chinesische Konkurrenz Baidu, die Marktführer ist. Heikle Suchergebnisse wie etwa ein Foto des Dalai Lamas oder Informationen über die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 werden gar nicht erst angezeigt, so dass sich ein völlig verfälschtes Bild der verfügbaren Internetinhalte ergibt.

Email-Verkehr ist in China auch nicht sicher. Internetunternehmen geben sensible Informationen an Behörden weiter. Dissidenten sind schon unter anderem mit solchen Beweisen wegen angeblich subversiver Tätigkeiten zu hohen Haftstraten verurteilt worden. Emails werden systematisch nach Stichworten gefiltert. Ob die Mails und andere Internetaktivitäten der 5000 ausländischen Journalisten im Hauptpressezentrum der Olympischen Spiele auch verfolgt werden, wollte ein Sprecher der Pekinger Olympia-Organisatoren (BOCOG) nicht beantworten. Eine chinesische Internet-Expertin räumte gleichwohl ein, dass sich die Sperren im Pressezentrum nicht von der landesüblichen Internetzensur unterscheiden.

Andreas Landwehr/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 29)
 
Driftshogun (01.08.2008, 11:04 Uhr)
Schonmal was
von freier Meinungsäußerung gehört? Anscheinend nicht. Und anstatt sich dem Thema zu widmen gibt es immer wieder "User", die nichts Besseres zu tun haben, als andere User bezüglich ihrer Meinung zu kritisieren. Gibts auf der Straße nichts Interessantes zu beobachten? Dürfte doch nach Ihrem Geschmack sein.
LaoLu (01.08.2008, 01:27 Uhr)
Schade, doch gelöscht.
Aber die anderen Beiträge von
driftshogun
bleiben stehen.
.
Obwohl dieser Teilnehmer seinem Wunsch nach einem Terroranschlag auf die Sportstätten Ausdruck verliehen hat und dabei auch "chinesische Tote" als "Kollateralschaden" in Kauf nehmen möchte.
.
Sorry, wenn man solche Diskussionsteilnehmer akzeptiert,
muß man auch solche Beiträge, eventuell kommetiert, stehen lassen.
.
So, ich hoffe, dieses posting kommt komplett durch, mit den Pfeilen habe ich offensichtlich Euer System überfordert...
UThome (31.07.2008, 15:50 Uhr)
Es gibt eine Lösung !!
Last die Chinesen mit dem IOC und den Sportlern alleine, keine Berichterstattung von den Spielen bis die Journalisten wieder frei arbeiten können. Nicht wie in der Vergangenheit den Sportlern oder den Verbänden die Handlungsmacht vorschreiben, jetzt sind die Journalisten selber gefragt. OLYMPIA und keiner bekommt was mit!
kuki83 (31.07.2008, 15:06 Uhr)
Das wusste man auch schon vorher...
Es ist unglaublich, wie in letzter Zeit sich die Leute die Augen reiben und vollkommen überrascht sind über die "Sitten" in China. Als Olympia nach Peking vergeben wurde herrschte da auch schon Zensur und das Menschenrecht wurde im wahrsten Sinne des Wortes mit Füssen getreten. Herrschte zu dieser Zeit keine Zensur in China? Ziemlich heuchlerisch wie empört sich jetzt viele Funktionäre, Sportler und Fans zeigen. Die Gier des IOC nach milliardenschweren Umsätzen in einem Milliardenland war der einzige Grund für diese Vergabe. Alles andere ist unglaubwürdig! Wo waren all die Leute damals, die jetzt einen Boykott fordern? All diese Unruhe bringt jetzt auch nicht mehr viel. Lasst uns die Spiele genießen, es werden gute Spiele werden mit einigen gedopten Sportlern, manchen Überraschungen und klaren Siegern!
BreadMan (31.07.2008, 09:41 Uhr)
Das Regime...
...in China, unstreitbar korrupt, verlogen, machtgeil, herrschsüchtig und abgehoben ist ja nur die eine Seite der Medaille. Die Amerikaner, Europäer, Ozeanier usw. sind doch aber keinen Deut besser, wenn sie sich vom gelben Mann am Nasenring durch die Manége ziehen lassen. Ich wünsche mir zu Dutzenden den politschen Protest von Sportlern, weil die Spiele eben nicht unpolitisch sind. Schon deswegen nicht, weil Hunderttausenden von Menschen diese Spiele Elend und Not gebracht haben, statt Wohlstand und Hoffnung. Und wieviel die Erwartungen an China wert sind, ist aktuell ja schon zu erkennen. Die Presse ist mitschuldig, läßt sie sich von den Machthabern einschüchtern. Deren Aufgabe ist klar umrissen, was sie zu tun hätte, wüßte die Presse eigentlich. Man kann nur dazu aufrufen, nehmt Euren gesellschaftlichen Auftrag wahr, berichtet nicht nur vor sondern vielmehr auch hinter den Kulissen, bringt die Mächtigen zur Weißglut, macht Ihnen einen Strich durch ihr schönes heile Welt Konzept. In China wird man nach den olympischen Spielen den bislang noch lückenhaften Überwachungsstaat mit den Einnahmen, Möglichkeiten und Installationen bzgl. Olympia erst recht perfektioniert haben.
arnd_gehrmann (31.07.2008, 09:41 Uhr)
nicht jammern, tun!
In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei interessante Webseiten hinweisen:
1) Diese Seite ermöglicht es, zu testen, ob eine URL in China geblockt
ist, oder nicht:
http://www.websitepulse.com/help/testtools.china-test.html
Interessanterweise sind mache Seiten in Hong Kong erreichbar, wie z.B.
Amnesty International und die der Exilregierung von Tibet.
2) Über diese Seite ist auch der
Empfang geblockter Seiten in China möglich:
http://www.picidae.net/
a.g.
Backbert (31.07.2008, 09:29 Uhr)
@Watschdog39
Niemand behauptet dass in Deutschland alles super und bestens ist. Aber objektiv betrachtet gibt es einen riesigen Unterschied, zwischen dem wie es hier ist, und dem wie es in China gehandhabt wird. Mann sollte hier Qualität und Quantität nicht ganz außer acht lassen....
Backbert (31.07.2008, 09:14 Uhr)
@Beijinger
ich stimme dem Kommentar in fast allen Punkten zu. Sich in China auf absprachen zu verlassen ist nicht wirklich sinnvoll, in einem Land der "cut corners" Mentalität. Nur wer auch Stärke zeigt wird aktzeptiert.... Das lässt sich zwar nicht absolut verallgemeinern, aber ist leider in vielen Fällen zutreffend. Da kann ich die Erfahrungen von Beijinger betätigen.
Watschdog39 (31.07.2008, 09:10 Uhr)
Znesur?
Die gibt es auch hier in Deutschland!!
Google.de z.B. sucht bestimmte Seietn nicht, die Google.com ganz ohne zögern aufzeigt.(Schäuble läßt grüßen)
Und es ist unverständlich, warum sich hier so viele Leute aufregen.
Die Journalisten fahren nach Peking um über die Spiele zu berichten. Wenn sie Informationen aus den in China gesperrten Seiten brauche haben sie die Möglichkeit diese vorher oder per Telefon in Echtzeit zu bekommen.
Hier wird nur wieder versucht China in ein schlechtes Licht zu rücken.
Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen schmeißen.
beijinger1818 (31.07.2008, 07:26 Uhr)
wir dummen und naiven Auslaender
Ich schreibe direkt aus Beijing, China. Lebe seit ca. 8 Jahren hier und kann einiges dazu sagen.
Wir haben viele, hier lebende Auslaender, viele sprechen ebenfalls Chinsesisch, aber das reicht bei weitem noch nicht aus, das Land und Leute zu verstehen.
China ist wie ein kleines Kind, das die Schwaechen der anderen austestet.
Warum kriechen wir Auslaender immer vor den Chinesen ? weil wir Sie wirtschaftlich brauchen ? Diese "neue" Supermacht ?
Wohl kaum!! Ich lasse mich schon lange nicht mehr taeuchen von den Chinesen. Die brauchen uns, unsere Hochtechnologie, unsere Idee.
Wer Chinesen mit Arroganz und eiserner Haerte begegnet bekommt, was er will. Klingt im ersten Moment merkwuerdig, aber leider ist es so.
Die chinesiche Elite ? meist Bauern, die zu Geld bekommen sind und nun meinen in der oberen Liga mitspielen zu koennen.
Wo waere China, wenn wir nicht Joint Venture und Kooperationen geschlossen haetten ? was hat china denn alleine entwickelt ? wo haben sie den nicht kopiert und geklaut ?
Visabestimmungen verschaerft ? das ist also der dank!!
Jemand sollte dem Entwicklungsland mal deutlich sagen, wo es steht.
China ist und wird nie Supermacht.
Von Beijing bis Shanghai, die Gebaeude sind marode, oder schlecht verarbeitet, die Gesellschaft ist korrupt und ungebildet, das Militaer ist lachhaft..
Ich lebe gern in diesem Land, aber es ist nicht das Land, von dem Spiegel und Stern berichtet.
Wir Auslaender waren naiv und dumm, die Spiele nach China zu verlegen.
Jeder weiss, dass Chinesen gerne duemmlich laecheln und versprechen.
Wer sich darauf verlaesst....ist schnell verlassen.
Richtig, Spiele boykottieren, warum denn nicht ? Warum muessen wir alles hinnehmen? Es geht doch immer nur wieder um Geld! Doch wer die Chinesen kennt, weiss, dass Staerke Respekt verschafft.
Auslaender, die sich auf Vertraege etc. verlassen, haben selbst Schuld.
China ist keine Gesellschaft, die bereit ist, Supermacht zu werden, dafuer sind die Chinesen zu egoistisch und korrupt.
Das Kind wird in Brunnen fallen, und ich hoffe, dass der Hype um China dann endlich ein Ende findet.
Ich persoenlich scheue mich auch in Beijing nicht davor oeffentlich meine Meinung ueber die Spiele kundzutun, das habe ich bereits mehrfach getan. Ich bin Deutscher und komme aus einer der fuehrendsten Industrienationen der Welt.
Wer ist China, dass ich kriechen muss. Ich habe sogar mehrfach mein Visum ablaufen lassen. Ist was passiert ? Nein, Staerke in diesem Land und Sie kommen ans Ziel.
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