Er dürfte der Superstar der Olympischen Spiele werden: Michael Phelps will in Peking acht Goldmedaillen. Maßlos? In jeder Hinsicht. Der US-Schwimmer schindet sich wie ein Besessener, zofft sich täglich mit seinem Trainer, hat kein Leben neben dem Pool. Hausbesuch bei einem Ausnahmetalent. Von Alexandra Kraft

Geübter Blick: Um die Konkurrenten einzuschüchtern, schaut Phelps, 23, wie hier für den stern-Fotografen, vor dem Start besonders grimmig© Andrew Cutraro
Er ist ein solcher Rotzlöffel. Und an diesem Morgen in der Schwimmhalle der University von Michigan sucht er eindeutig Ärger. Die müden Augen noch halb geschlossen, hat er erst seine Trainingspartnerin ins Becken geschubst. Dann dreimal hintereinander laut ausgespuckt, der grüne Schleim treibt nun in Richtung Nebenbahn. Jetzt hat er seinen Trainingsplan im Wasser eingeweicht und wirft die nasse Kugel seinem Coach Bob Bowman ans Poloshirt. Platsch. Michael Phelps grinst breit und quietscht laut: "Guter Schuss."
Bowman sieht für einen Moment so aus, als würde er den Kaffeebecher in seiner Hand nach Phelps werfen. Der grauhaarige Mittvierziger holt kurz aus, besinnt sich aber, ruft schneidend: "Michael!" Zu mehr kommt er nicht. Denn Phelps krakeelt schon wieder: "Fuck you!" Und wieder platsch. Der zweite feuchte Klumpen fliegt in Richtung Bowman, trifft diesmal seine Sporthose.
Zwei Stunden später, das Training ist vorbei. Phelps hat noch ein paar Mal "Fuck you" gerufen und Bowman immer wieder, wie ein Tonband auf Dauerbetrieb, mit einem lauten "Michael!" reagiert. Jetzt sitzt der Trainer am Schreibtisch. Nur eine Glastür trennt sein Büro vom Rand des Pools. Bowman blickt an das Ende der Halle. Dort hängt eine rote Uhr mit der gelben Aufschrift "Countdown for Beijing". "Das ist das Einzige, was jetzt zählt", sagt Bowman und klingt dabei wie einer, der sich selbst daran erinnern muss, wofür er sich heute hat beschimpfen lassen. "Michael zu trainieren ist, wie einen Hengst einzureiten. Mit einem Unterschied: Ihn muss man jeden Tag aufs Neue zähmen." Und zum ersten Mal an diesem Morgen lächelt er. "Zur Not eben mit Sporen."
Bowman ist umgeben von Pokalen, Medaillen und unzähligen Fotos. Darauf immer nur ein Motiv: Phelps. "Wir sind wie ein altes Ehepaar", sagt Bowman. Er denkt lange nach, bevor er sagt: "Ja, die Arbeit mit Michael ist anstrengend. Aber seine Siege sind meine Belohnung."
Gut für ihn, denn Phelps ist der weltweit überragende Schwimmstar. Keiner hat auch nur annähernd eine so beeindruckende Bilanz wie der 23-Jährige aus Baltimore: Sechs Goldmedaillen bei Olympia in Athen, zweimal Bronze, 22 Weltrekorde, 17 Weltmeistertitel, 34-mal war er amerikanischer Meister. Während andere 15-Jährige sich mit Mädchen und Pickeln herumärgerten, schrieb Phelps 2001 als jüngster Weltrekordler über 200 Meter Schmetterling Geschichte. Schon jetzt ist er eine Legende. Überstrahlt sogar seinen großen Landsmann Mark Spitz. Phelps ist ein Ausnahmetalent, schier unschlagbar in allen vier Disziplinen.
In den vergangenen fünf Jahren demütigte Phelps seine Konkurrenten immer wieder. Einmal schaffte er es, innerhalb einer Stunde zwei Weltrekorde zu schwimmen. Dabei soll er, laut Planung seines Trainers, den Höhepunkt seiner Karriere erst bei den Olympischen Spielen in Peking erreichen. Phelps plant, in fünf Einzeldisziplinen zu starten, und will dreimal für die Staffel schwimmen. So könnte er als erster Athlet achtmal Gold gewinnen. Der Cheftrainer der amerikanischen Schwimmmannschaft, Eddie Reese, sagt über Phelps: "Der Letzte, der das Wasser so beherrscht hat, war Moses."
An Land bewegt sich der Schwimmkünstler nur schlurfend fort. Er hebt die Füße gerade so weit vom Boden, dass er nicht ins Straucheln gerät. Jogging hat ihm sein Trainer verboten, weil er immer über die eigenen Füße fiel und sich verletzte. Nach dem Training schleicht Phelps mit grauem Jogginganzug und Fellstiefeln in den Teambesprechungsraum. Sein Gesicht wirkt noch lange nicht erwachsen: braune Knopfaugen, ein paar Flusen am mächtigen Kinn. Die vom Chlor ausgemergelten Haare stehen in alle Richtungen. Seine Fingernägel sind angenagt, einzelne Hautfetzen beißt er ab, während er spricht. Kein schöner Anblick.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2008