Gigantisch ist sie gewesen, inspirierend weniger: Die Olympischen Spiele haben mit der Eröffnungsfeier offiziell begonnen. Die mit viel Aufwand produzierte Show lieferte zwar perfekte Bilder, aber nur selten ehrliche Emotionen. Nur beim Einmarsch der Athleten brach sich ehrliche Freude Bahn. Von Mathias Schneider, Peking

Fahnträger Dirk Nowitzki führte das deutsche Team beim Einmarsch der 204 Nationen ins Olympiastadion an© Fabrice Coffrini/AFP
Am Vormittag war von gesteigerter Aufregung noch nicht viel zu spüren. Dirk Nowitzki spurtete um zehn Uhr konzentriert wie eh und je über das blank gewienerte Parkett des Tsinghua Universitiy Gymnasium. Hier ein Korbleger, dort ein Dreipunktwurf, dazwischen harsche Parolen des Nationaltrainers Dirk Bauermann.
Der Schweiß rann über das kurz geschorene Haupt. Das vorletzte Training seiner Basketballnationalmannschaft absorbierte Nowitzkis gesamte Aufmerksamkeit. Er kann sich ja wie kaum ein zweiter Sportler auf seine Ziele konzentrieren, und weil ihn diese Gabe zusammen mit seinem universalen Basketballspiel zu einem der besten Athleten seines Sports gemacht hat, wähnte das Nationale Olympische Komitee die Fahne beim Einmarsch in seinen riesigen Pranken gut aufgehoben.
Die Anspannung wird noch wesentlich gestiegen sein in den Stunden nach der Trainingssession. Eröffnungsfeiern bei Olympischen Spielen ziehen sich gemeinhin ziemlich in die Länge, und wenn man dann noch als 199. von 205 teilnehmenden Nationen zum Einlauf gebeten wird, bleibt mehr Zeit als einem lieb ist, um die Tragweite des Ereignisses zu überblicken.
Nowitzki hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass das Amt des Fahnenschwenkers für ihn ein lohnendes Ziel ist. Strahlend führte er denn auch seine Mannschaft um 23.02 Uhr Ortszeit in das Nationalstadion namens Vogelnest. Die 92 000 Menschen klatschten erfreut. Kurz darauf schwoll der Beifall noch einmal an, als der Gastgeber sich auf seine Runde machte, Männer und Frauen sauber getrennt. Für einen Moment sprang der Funke über, das einzige Mal an diesem Abend und China-Sprechchöre ließen erahnen, zu welchem Patriotismus der Chinese durchaus fähig ist. Kurz darauf erklärte der Staatschef Hu Jintao die Spiele für eröffnet.
China, oder besser seine Machthaber, haben während der dreieinhalb Stunden kein Superlativ gescheut, um im Auge der Welt zu zeigen, warum sie sich als stolze Kraft Asiens im Konzert der Weltmächte angekommen sehen. Dass George Bush und Wladimir Putin - trotz eines ausbrechenden Krieges seines Volkes - ihre Aufwartung im Stadion machten, dürften die Granden der Partei mit einiger Genugtuung registriert haben.
Eine akkurat durchkomponierte Show ist es gewesen, die den Betrachter auf eine von Lichteffekten und traditionellen Kostümen und Instrumenten flankierte Zeitreise durch die lange Historie des Landes führte. Bereits das Feuerwerk zur Ouvertüre ließ keinen Zweifel daran, dass diese Inszenierung in ihrer Perfektion sowie ihrem Gigantismus alles zuvor Dagewesene in den Schatten zu stellen suchte. 2008 Fou-Trommler eröffneten den Abend mit einem ohrenbetäubenden Wirbel, es folgten Licht durchflutete Pergamentrollen zur Erinnerung an die Erfinder des Papiers.
Allein der Formalismus ließ die Show nie los. Bisweilen schien es, als sollte bewiesen werden, wie symmetrisch und konform ein ganzes Volk zu agieren imstande ist. Der Mensch als perfekt funktionierendes Werkzeug, aufgehend im Ganzen. In allen Variationen marschierten die treuen Diener im Gleichschritt wie eine riesige bunte Armee durch das Stadion, mal rot mal grün angestrahlt. Im Hintergrund umspielte leichtes klassisches Einerlei das Ohr.