Es sollten fröhliche Spiele werden. 36 Jahre nach der Nazi-Olympiade von Berlin sollte die Welt ein neues, offenes Deutschland sehen. München war auch ein Freudenfest - bis die Schüsse von Terroristen den Traum zerstörten. In einer Serie berichten wir über Olympische Spiele, die die Welt veränderten.

Ein bewaffneter Polizist geht im Olympischen Dorf in Stellung. Zuvor haben palästinensische Terroristen das israelische Quartier besetzt© Archiv/Picture-Alliance
Es war ein schöner Versuch, ein letztes Nachbeben des "Summer Of Love" im Jahr 1972, Olympische Spiele der Blumenkinder im Olympiapark von München. Die Sicherheitsvorkehrungen waren ebenso locker wie das ganze Konzept. Im Gegensatz zu den von autoritären Strukturen in den austragenden Ländern sehr streng limitierten Spielen von Tokio und Mexiko sollte es ein Fest mit großer Nähe zwischen Sportlern und Zuschauern sein. Bundeskanzler Willy Brandt und Bundespräsident Gustav Heinemann repräsentierten ein anderes Deutschland, einen weit deutlicheren Bruch mit wilhelminischen Traditionen als es zuvor in der Adenauer-Ära möglich gewesen war.
Sportlich erbrachte zweifellos der amerikanische Schwimmer Mark Spitz die auffälligste Leistung, der in sieben Wettbewerben antrat und alle sieben Goldmedaillen gewann. Daneben gab es hinter den Kulissen eine Fülle von heute kurios anmutenden Protesten und Dopingfällen.
So verweigerte das US-Basketballteam die Annahme ihrer Silbermedaillen, weil sie der Meinung waren, der siegbringende Korb der UDSSR sei nach Ablauf der Spielzeit irregulär erzielt worden. Ähnliches passierte im Hockey, wo die pakistanische Mannschaft im Finale der Bundesrepublik unterlag und Spieler und Funktionäre die Schiedsrichter der Bestechlichkeit beschuldigten. Bei der Siegerehrung spielten die Pakistanis mit ihren Silbermedaillen Fußball, nachdem sie zuvor bereits die Umkleidekabine des Olympischen Hockeystadions gründlich zerlegt hatten.
Einen weiteren Skandal gab es beim Volleyballturnier der Frauen, wo es beim Spiel um die Bronzemedaille zum politisch hochbrisanten Aufeinandertreffen von Nord- und Südkorea kam. Nach dem 3:0-Erfolg der Vertretung des kommunistischen Staates erhob Südkorea einen schweren Vorwurf gegen die Siegerinnen: Die herausragende Spielerin Kim Jung-Bok sei ein Mann! Das IOC verwies auf einen vorliegenden Test, der der Spielerin Weiblichkeit attestierte und wies den Protest ab, woraufhin Südkorea behauptete, nicht diese "Spielerin", sondern eine andere Athletin sei zum Test erschienen - die Sache verlief im Sande, genau wie mindestens 30 mehr oder weniger spektakuläre Dopingfälle.
Die manchmal geradezu anarchische Fröhlichkeit endete jäh an dem schwärzesten Tag der olympischen Geschichte, dem 5. September 1972. Das Olympische Dorf der "heiteren Spiele" war so gut wie gar nicht gesichert. Es war lediglich von einem zwei Meter hohen Maschendrahtzaun umgeben. Ihn zu überklettern war schon in den ersten zehn Tagen der Spiele für viele Sportler üblich geworden. Sie wollten damit Umwege vermeiden.
Kurz nach vier Uhr morgens überkletterten acht palästinensische Terroristen jenen Zaun und drangen ohne Schwierigkeiten zu den Quartieren der Olympiamannschaft aus Israel vor - diese lagen praktischerweise im Erdgeschoss. Mit äußerster Brutalität brachen palästinensische Terroristen in das unbewachte Gebäude ein und nahmen elf israelische Sportler und Trainer als Geiseln. Zwei von ihnen wurden allerdings schon beim Angriff so schwer verletzt, dass sie wenig später starben.
Die Terroristen der Bewegung "Schwarzer September" standen der PLO von Jassir Arafat nahe. Sie versuchten mit diesem Überfall sowohl inhaftierte Terroristen in Israel, als auch die deutschen RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof, die im Juni desselben Jahres verhaftet worden waren, freizupressen.
Nach dem Ablauf verschiedener Ultimaten vereitelte die bayrische Polizei ihren ersten Befreiungsversuch selbst. Sie vergaß, den Geiselnehmern den Strom abzustellen. So konnten diese den Aufmarsch der Sicherheitskräfte vor dem Olympischen Dorf live im Fernsehen verfolgen.