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3. Juli 2008, 15:23 Uhr

Provokative Freiheiten der Kunstfabrik

Wo einstmals ein riesiges, von Deutschen erbautes Industrie-Kombinat stand, befindet sich heute das Zentrum der chinesischen Kunstszene: Im Pekinger Stadtteil Chaoyang produzieren Künstler international gefragte Werke - streng bewacht vom chinesischen Militär. Ein Ortsbesuch. Von Andreas Srenk

An dem Ort des von Deutschen gebauten Industrie-Kombinats wird heute chinesische Kunst angefertigt© Andreas Srenk

Die Annäherung an die Kunst beginnt abrupt: Eben noch glitt das verbeulte Taxi mit dem in gewöhnungsbedürftiger Manier aus dem geöffneten Fenster spuckenden Fahrer über einen der glitzernden sechsspurigen Prachtboulevards in Peking. Unvermittelt bremst das alte japanische Auto. Der Mann zeigt auf den Zettel mit der chinesischen Adresse, deutet auf eine Seitenstraße und kassiert. Gerade mal sieben Euro für eine gute Stunde Fahrt. Das also soll sie sein, die Kunstmeile 798 im Stadtteil Chaoyang, die nach einem Fabrikgebäude benannt wurde, das auf dem Gelände steht. Eine Art Hauptstraße führt in den ausufernden ehemaligen Industrie-Komplex, der aus Schloten, Lagerhallen und Versorgungstrakten besteht.

Eine bizarre Szenerie erwartet den Besucher. Demolierte Gebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben wechseln sich ab mit schick renovierten Lofts, vor deren Eingangstüren "Gallery 313 Art Space" und "Red Gallery" steht. Überall werkeln Bauarbeiter, bessern Wege aus, entkernen weitere Gebäude und bewegen holpernde Schutt beladene Schubkarren. Dazwischen Maler, Bildhauer, Designer und Fotografen, die im "Vantt-Galerie-Café" sitzen und Espresso schlürfen. Milizionäre im Stechschritt paradieren vorbei oder sind an Kontrollpunkten postiert. Nur sie selbst wissen, wen oder was sie bewachen.

Die Staatsmacht zeigt paranoide Züge

Vermutlich alles: Die wertvolle Kunst, die Künstler, das Gelände. "Das Olympiastadion ist ja bereits streng abgeschirmt", sagt einer der Kreativen im Café, der aber bitte, bitte weder fotografiert noch beim Namen genannt werden möchte. "Vielleicht befürchtet man Säure-Attentate tibetischer Mönche auf chinesische Bilder." Das klingt bitter-ironisch. In diesen Tagen zeigt die Staatsmacht paranoide Züge, ist wegen der prestigeträchtigen Olympiade hypernervös, lässt zwar ausländische Helfer ins Erdbebengebiet und sogar ganz offiziell die US-Luftwaffe, will aber dennoch alles unter Kontrolle behalten. Wollte man böswillig und zynisch sein, könnte man annehmen, dass auch das verheerende Erdbeben noch dem Dalai Lama in die Sandalen geschoben werden soll.

Sun Ning wartet schon. Er ist der China-Repräsentant von artnet, einer globalen Vereinigung von 1800 Galerien in mehr als 250 Städten. Sie bietet 100.000 Arbeiten internationaler Künstler zum Verkauf an. Händler und Kunstsammler können sich mittels artnet über neue Trends schnell informieren und zielgerichtet einkaufen. Dabei spielt der chinesische Markt eine bedeutende Rolle. Hatte jahrzehntelang die Kommunistische Partei in Sachen Kultur die Daumenschrauben angezogen, wurde mit der zunehmenden Einbindung Chinas in die globalisierte Ökonomie auch der Druck auf die Kunstschaffenden gelockert.

Vorbei die Zeiten, als chinesische Avantgarde-Kunst noch über verschlungene Wege bei Hongkonger Galeristen wie Chang-Zung Tsong landeten, der sie bis nach Hollywood verkaufte und dem Oliver Stone einen gewissen Kevin Costner in der Stadt am Perlfluss vorbeischickte, damit dieser Künstler wie Zeng Fanzhi aus Wuhan oder Ding Yi aus Shanghai kennen lernte.

Die Regierung erlaubt immer mehr Freiheiten

Diesen Umweg muss man heute nicht mehr gehen. Die Regierung in Peking erlaubt mehr und mehr die kleinen provokativen Freiheiten in der Kunstszene, die eine politische Ventilfunktion haben. Gemalt werden darf Vieles: Abstraktes genauso wie Kritik am Umgang mit der Umwelt, die auf Kosten der Wirtschaftsentwicklung fast immer den Kürzeren zieht. Hinzu kommt, dass der internationale Kunstmarkt zum Milliardengeschäft geworden ist, von dem auch die offiziellen Stellen profitieren wollen.

Die Geschichte der Kunstmeile 798 ist für all diese Entwicklungen gleichsam ein Mikrokosmos. "Als hier vor einigen Jahren alles begann, konnte man als Künstler noch für weniger als einen Yüan (etwa zehn europäische Cent) Miete pro Tag und Quadratmeter im Atelier auskommen. Inzwischen hat sich dieser Preis verzehnfacht", so Sun Ning. Nicht nur die Kunstproduktion hat sich verteuert, auch die erzielten Verkaufserlöse bewegen sich mittlerweile locker im fünfstelligen Eurobereich. So manche am Straßenrand geparkte deutsche Nobelkarosse markiert diese Entwicklung.

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Administrator (04.07.2008, 09:25 Uhr)
@Nana_Xiaojie
Liebe/r Nana_Xiaojie,
vielen Dank für Ihre Kommentare.
Zu Ihrer Info: Hier werden keine Postings "veröffentlicht" insofern, als dass wir sie freischalten würden. Jeder Ihrer Kommentare geht zunächst online und ist sofort lesbar.
Wir lesen die Debatten mit und greifen ggf. moderierend ein. Gelöscht werden dabei nur Postings, die gegen die Hausordnung verstoßen. Zudem haben wir an dieser Stelle noch keinen Kommentar entfernt.
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Nana_Xiaojie (04.07.2008, 07:35 Uhr)
Schon interessant...
... dass mein Kommentar zur Verbreitung von Unwahrheiten und zum Bedienen von Dumm-Klischees nicht veroeffentlich wird- passen der Stern.de-Redaktion solche Beitraege etwa nicht? Aber Zensur gibt's natuerlich nur im boesen China! Ich lach mich tot.
Nana_Xiaojie (04.07.2008, 06:34 Uhr)
Schon schmerzhaft...
... wie hier gnadenlos Unwahrheiten verbreitet werden in dem Glauben, dass die Leser es ja nicht besser wissen. Erst werden schoen China-Klischees bedient (altes Taxi, rotzender Fahrer- in meinen sechs Monaten in Beijingsind mir diese beiden Sachen jeweils ca. 3x passiert), dann kommt der absolute Schwachsinn: Wie bereits von meinem Vorredner bemerkt, handelt es sich bei dem Herrn auf dem Bild weder um einen Soldaten noch einen Polizisten, sondern um einen Wachmann, der zu einer Sicherheitsfirma gehoert. Das haette der Autor auch durch eine einfache Frage heuarsfinden koennen- aber es ist ja viel bequemer, einfach Unwahrheiten zu verbreiten. Setzen, Sechs.
Zhuschnitzer (04.07.2008, 03:59 Uhr)
Kein Schimmer
Sehr geehrter Herr Srenk,
auf dem vom ihnen veroeffentlichtem Bild sehen sie kein Militaer sondern ein Parkwaechter, leider gibt es so einen Service in Deutschland nicht mehr und ist ihen offensichtlich fremd. Schreiben sie doch bitte in ihrem Artikel ueber Kunst so wie in der Ueberschrift angekuendigt, und unterlassen sie ihr sammelsierium an gehaesigen Bemerkungen, offensichtlich haben sie keine Anhung von China.Wundern sie sich nicht, wenn sie das naechstemal kein Visa bekommen.
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