Olympia


China verschärft Kontrollen

  • 05.08.2008, 14:42 Uhr

 © Jewel Samad/AFP
Die Kontrollen in Peking werden von Tag zu Tag verschärft - Kritiker monieren schon eine "Sicherheitsparanoia"

Die Atmosphäre in Peking ist vor dem Beginn der Olympischen Spiele ohnehin angespannt, da sorgt ein Bericht über ein Arbeitsverbot von Journalisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens für zusätzlichen Wirbel. Unterdessen verschärft China seine Kontrollen: 18 "ausländische Terroristen" wurden bereits festgenommen.

Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Spiele ist Peking hermetisch abgeriegelt wie einst die "Verbotene Stadt". In der 17-Millionen-Metropole haben die Behörden ein enges Sicherheitsnetz geknüpft und verschärfen die Kontrollen von Tag zu Tag. Kritiker monieren schon eine "Sicherheitsparanoia" in Peking. Als Grund muss unter anderem die Bedrohung durch uigurische "Separatisten" herhalten, die angeblich Terroranschläge und Sabotageakte gegen die Spiele planen sollen. Einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf eine Polizeiwache im Nordwesten Chinas haben die Behörden nun die Festnahme von 18 "ausländischen Terroristen" bekannt gegeben. Ein genaueres Datum der Festnahmen wurde ebenso wenig genannt wie Angaben zur Nationalität der Verdächtigen.

Peking will aber auch Proteste während der Wettkämpfe und entlang des Fackellaufs verhindern, der von Mittwoch an durch die Hauptstadt führt. Schon seit den Unruhen in Tibet im März haben sich Pekinger Olympia-Organisatoren von der Vorstellung verabschiedet, die "besten Spiele" in der Olympia-Geschichte ausrichten zu wollen - sie versprechen heute vor allem "sichere Olympische Spiele". Dies habe "höchste Priorität" hatten der Sicherheitschef für die Spiele, Liu Shaowu, sowie der für Olympia zuständige Vizepräsident Chinas, Xi Jinping, erklärt. Das Mitglied des mächtigen Politbüros, der ehemalige Polizeiminister, Zhou Yongkan, rief zudem dazu auf, "die Massen" zu mobilisieren, um eine Störung der Spiele zu verhindern.

In der U-Bahn werden Taschen durchleuchtet
In den vergangenen Tagen wurden an vielen Ecken der Hauptstadt zusätzliche Polizeikräfte aufgefahren, an Zugängen zu diplomatischen Wohnanlagen wurden Verkehrsbegrenzungen errichtet. Jedes Auto von auswärts muss drei Straßensperren passieren. Die Pekinger Bürger bekommen die Kontrollwut vielerorts zu spüren. Auch fernab der Wettkampfstätten wird jeder genau überprüft. "Sicherheit ist für die Partei das Wichtigste", sagt ein Pekinger Taxifahrer. Beim Betreten der U-Bahn durchleuchten Wächter die Taschen. In Bussen sind 6000 Sicherheitskräfte unterwegs, die verdächtige Fahrgäste aufspüren sollen. An Haltestellen und Busbahnhöfen kommen 30.000 weitere Aufpasser hinzu.
 
Auch an öffentlichen Gebäuden wurden die Kontrollen verschärft. Auf dem symbolträchtigen Platz des Himmlischen Friedens müssen die Touristen nun wie am Flughafen durch Sperren gehen. "Langsam wird es lästig", klagt ein junger Pekinger. Er muss auf seinem Arbeitsweg an immer mehr Polizei vorbei. "Am Anfang fand ich die Olympischen Spiele toll." Nun sei er sich da nicht mehr so sicher.

Arbeitsverbot für Journalisten
Ausländischen Journalisten drohte sogar ein Arbeitsverbot auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Wenige Stunden nach einem Bericht über neue Beschränkungen, die einen Antrag für Interviews auf dem symbolischen Platz im Herzen Pekings vorschrieben, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, dass die Anforderung "nicht zwingend" seien. "Aber eine Vorabinformation würde uns helfen, besser Unterstützung zu leisten", zitierte Xinhua das Verwaltungskomitee für den Platz. Die Behörde habe auch gar nicht das Recht, für die Journalisten dort ein Arbeitsverbot zu erlassen.

Als besondere Gefahr haben die Behörden neben tibetischen Gruppen und der Kultbewegung Falun Gong das Turkvolk der Uiguren im Nordwesten des Landes ausgemacht. Am Montag waren bei einem blutigen Zwischenfall in Kashgar nach amtlichen Angaben 16 Grenzpolizisten getötet worden. Muslimische Uiguren sollen hinter der Bluttat stecken, sagt die Polizei. Der Sprecher der Olympia-Organisation, Sun Weide, wies eine Bedrohung für die Spiele gleichwohl zurück.

Die Regierung wappnet sich aber nicht nur gegen mutmaßliche Terroristen und Saboteure. Zu "Spieleverderbern" gehören auch Regimekritiker, Aktivisten, Bittsteller und Menschenrechtsanwälte, die vor den Spielen systematisch eingeschüchtert, vertrieben oder festgenommen wurden, wie Menschenrechtsgruppen beklagen. Die verschärfte Visa-Vergabe führt dazu, dass deutlich weniger ausländische Touristen nach Peking kommen als erwartet - in den Augen der Regierung kann jeder ein potenzieller Unruhestifter sein.

Auch gegen Luftangriffe gewappnet
Auch für die anreisenden etwa 25.000 Medienvertreter sind die Bedingungen eingeschränkt. Bei der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Dienstag durften internationale Fernsehanstalten entgegen der üblichen Praxis außerhalb des Saals im Tagungshotel keine Interviews führen. Olympia-Zuschauer dürfen in die Wettkampfstätten keine Banner mitbringen, kein Blitzlicht oder professionelle Kameras dabei haben.

Alle hundert Meter patroullieren auf den wichtigen Straßen nun ältere Leute in rot-weißen Polohemden - sie sollen alles Verdächtige registrieren und an höhere Stellen melden. Tausende Überwachungskameras nehmen jede Bewegung auf. In und um Peking werden 34.000 Soldaten eingesetzt, darunter Spezialtruppen zur Abwehr chemischer, biologischer und nuklearer Angriffe. Nicht weit vom Nationalstadion ("Vogelnest") hat das Militär auch Boden-Luft-Raketen gegen einen möglichen Luftangriff aufgebaut.
 
Stephan Scheuer und Till Fähnders/DPA



Diesen Artikel bookmarken bei...
Tausendreporter BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Yahoo MyWeb YiGG Webnews
Leser-Kommentare (7) zu diesem Artikel
Die Sportler (7.8.2008, 16:27 Uhr)
der eigentliche Skandal... (5.8.2008, 19:35 Uhr)
@micherl (5.8.2008, 16:51 Uhr)
Gehts noch (5.8.2008, 16:44 Uhr)
Hallo? (5.8.2008, 16:35 Uhr)
Warum eigentlich? (5.8.2008, 16:04 Uhr)
Olympia-Schlagzeilen
Protestler abgeschoben
Der Tibetaktivist Florian Norbu Gyanatshang ist aus chinesischer Haft entlassen und nach Deutschland abgeschoben worden. Der 30-jährige berichtete von nächtelangen Verhören.
Große Ehre für Steiner
Gewichtheber Matthias Steiner ist in China als einziger Deutscher in die Liste der zehn denkwürdigsten Olympioniken aufgenommen worden. Mit dabei: Usain Bolt und Michael Phelps.
Rekordquote
4,4 Milliarden Fernseh-Zuschauer haben weltweit die Spiele in Peking bis zur Abschlussfeier verfolgt. In Athen waren es zum Vergleich am Ende 3,9 Milliarden Menschen.
Funktionär tritt zurück
Hein Verbruggen ist überraschend zurückgetreten. Der Chef der Koordinierungskommission der Peking-Spiele will nach zwölf Jahren im IOC "ein ruhigeres Leben" führen.
Bolt spendet
Der dreifache Sprint-Olympiasieger Usain Bolt hat 50.000 US-Dollar für die Erdbeben-Opfer in der chinesischen Sichuan-Provinz gespendet.
Abschlussfeier
Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin trägt bei der Abschlussfeier die deutsche Fahne. Die Potsdamerin hatte mit dem Kajak-Vierer Gold und im Einer Bronze gewonnen.
USA fordern Freilassung
Die USA haben die "sofortige Freilassung" von acht inhaftierten US-Tibet- Aktivisten gefordert. Auch ein Deutscher und eine Britin befinden sich seit zehn Tagen in Haft.
Positives Fazit
IOC-Präsident Jacques Rogge hat ein positives Fazit der Olympischen Spiele gezogen. China habe die Welt besser kennengelernt, und die Welt habe China besser kennengelernt, sagte Rogge.
Keine Pressefreiheit
Chinas Regierung hat nach Angaben ausländischer Journalisten das versprechen gebrochen, völlige Freiheit bei der Berichterstattung zu garantieren.
Streit um Altersangaben
Im Streit um das Alter dreier Turnerinnen hat der chinesische Turnverband Dokumente nachgereicht. Es handele sich dabei um Pässe, Personalausweise und Familienstammbücher.
Neuer Doping-Fall
Das IOC gab bekannt, dass der ukrainische Gewichtheber Igor Rasoronow nach seinem Wettkampf im Schwergewicht positiv auf das Steroid Nandrolon getestet wurde.
Segel-Streit beendet
Das Ad-hoc-Tribunal des CAS hat den Einspruch der Spanier und Italiener gegen den Olympiasieg der Dänen in der Segeldisziplin 49er abgelehnt. Damit behalten die deutschen Peckolt-Brüder Bronze.
Aus für "Tischtennis-Opa"
Der Chinese Wang Hao hat den Siegeszug des "Tischtennis-Opas" Jörgen Persson gestoppt. Der Weltranglistenerste besiegte den 42-jährigen Schweden im Halbfinale in mit 4:1.
Blonska verliert Silber
Der ukrainischen Siebenkämpferin Ludmilla Blonska ist ihre Silbermedaille wegen Dopings aberkannt worden. Der 30- jährigen Wiederholungstäterin droht eine lebenslange Sperre.
Rekordflut
Allein Schwimmer und Leichtathleten haben bei den Spielen bis zum Schluss- Wochenende für 29 Welt- und 37 Europarekorde gesorgt. Die Gewichtheber löschten zehn Höchstmarken aus.
Ahlemann droht Fiasko
Springreiter Christian Ahlmann muss die Affäre um sein gedoptes Pferd bei einem Schuldspruch teuer bezahlen. Die fünfstelligen An- und Abreisekosten müsste er zurückerstatten.
Deutsche unter Verdacht
Die Trainer Norbert Warnatzsch (Schwimmen), Klaus Schneider und Klaus Baarck (Leichtathletik) sollen zu DDR-Zeiten junge Sportler mit Dopingmitteln versorgt haben.
Empfang für Gold-Britta
Schwimm-Star Britta Steffen ist nach ihrer Rückkehr aus Peking feierlich in Berlin empfangen worden. Rund 300 Fans begrüßten die Gold-Gewinnerin über 100 und 50 Meter Freistil.
Trauern verboten
Spaniens Wunsch, bei den Spielen der Opfer des Flugzeugunglücks zu gedenken, lehnte das IOC ab. Die Flagge sollte auf Halbmast wehen, Athleten sollten mit Trauerband antreten.
Für Bronze gibts ein Haus
Afghanistan feiert seine erste olympische Medaille: Präsident Hamid Karsai will Taekwondo-Kämpfer Rohullah Nikpai für sein Bronze sogar ein Haus schenken.
Ehre für Bokel
Mit den drittmeisten Stimmen schaffte Fechterin Claudia Bokel überraschend den Sprung in die IOC-Athleten-Kommission. Sie wurde für acht Jahre gewählt.
Höher, weiter, schneller
Olympia-Videos
Ihre Meinung
Peking 2008, das waren...



Favoriten-Check

stern.de wagt einen Tipp und sagt die Chancen von Nowitzki, Hambüchen & Co voraus

Die Welt der Listen
Songs über Muhammad Ali
  • 1. In Zaire - Johnny Wakelin
  • 2. The Ali Shuffle - Malachi Thompson
  • 3. Round 8: The Knockout - Cassius Clay
Bundesliga-Tippspiel

Mit dem stern.de Tippspiel können Sie zusammen mit Ihren Freunden oder Kollegen in der eigenen Tipprunde tippen