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27. Juli 2008, 15:59 Uhr

Das menschliche Antlitz

Sieben Monate durchs Reich der Mitte: Die Reise begann in Peking und endete in Hongkong. Die Fotografen wurden dreimal festgenommen und porträtierten 172 Menschen in 30 von 33 Provinzen, autonomen Regionen und selbstständigen Städten© stern.de-Infografik

Und so wird die Führung von Xinmin ein wenig freundlicher. Liebenswürdig fast. Man erklärt geduldig, dass es keine gute Idee sei, einen Chinesen zu fotografieren, der schmutzige Kleidung trage. Dass es doch viel Schöneres zu sehen gebe. So geht es stundenlang. Am Abend lädt man die beiden Schweizer zum großen Gelage ein. Man lächelt. Man serviert ihnen Schnaps um Schnaps. Am nächsten Morgen dürfen Monika Fischer und Mathias Braschler mitsamt ihren Filmen die kleine, schmutzige Stadt verlassen.

Es war die erste von drei Festnahmen. Die Fotografen haben keine Angst vor den örtlichen Autoritäten. Am Rande einer Militärzone in der Takla-Makan-Wüste, in der Atomwaffen getestet wurden, schleichen sie sich in ein Hotel - Ausländer dürfen die Region eigentlich nicht besuchen. Am Ende müssen sie Hals über Kopf das Land verlassen, weil die Behörden ihnen die Verlängerung der Visa verweigern. Der chinesische Staat ist übermächtig. Dieses Gefühl begleitet sie auch im entferntesten Winkel des Riesenreichs.

Sie kennen die Ängste und Schwächen des anderen genau, sie sind sich einig, wie weit sie gehen. Seit über 15 Jahren sind Mathias Braschler und Monika Fischer ein Paar. Sie haben sich an der Universität Zürich kennengelernt, in einer Geografievorlesung über die Anden. Sofort verliebt. Er ging nach New York. Sie blieb in Zürich. Sechs Jahre Beziehung über zwei Kontinente hinweg.

Eine Geschichte von Liebe und gemeinsamer Leidenschaft, der Leidenschaft zur Fotografie, die er während eines Ferienjobs bei einem Fotografen entdeckte und sie bei ihm. Wenn sie unterwegs sind, entwickeln sie beide das Bild, das er dann mit der Kamera einfängt. Vor dem US-Wahlkampf 2004 sind sie gemeinsam durch Amerika gereist und haben ganz normale Menschen in ihrer ganz normalen Umgebung fotografiert - eine Porträtsammlung, die von der politischen Spaltung des Landes erzählte. Vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland haben sie die Beckhams, Ronaldinhos und Zidanes fotografiert, 30 Stars, fünf Minuten nach dem Abpfiff, verschwitzt und fertig - Bilder, die von Glück und Wut, Enttäuschung und Erschöpfung erzählen.

Fischer und Braschler haben schon schwierige Projekte durchgestanden - doch keines so riesig und schwierig wie China.

Huaxi, Provinz Jiangsu,
Ende November 2007

Sie kommen vom Huang Shan, dem Gelben Gebirge, dem schönsten Chinas. Sie sind noch ganz beseelt von den Hunderten Spitzen im weichen Nebel. Um elf Uhr fahren sie am Haupttor von Huaxi vor, dem reichsten Dorf Chinas. Das schon lange kein Dorf mehr ist. Mehr als 60.000 Menschen leben inzwischen in der abgeschirmten Gemeinde.

Am Tor erwartet sie der Medienbeauftragte. Er wird ihnen drei Tage lang nicht von der Seite weichen. Er wird für sie das Programm abspulen, das jeder Fremde in diesem Dorf verpasst bekommt. Sie wohnen in einer 200-Quadratmeter-Suite mit zwei Bediensteten, einem Kingsize-Bett und zwei güldenen Thronen. Und man zeigt ihnen: ein tolles Krankenhaus. Saubere Fabriken. Brave, zufriedene Bürger, die 1500 Dollar Jahreseinkommen plus 10.000 Dollar Bonus plus 25 000 Dollar in Aktien bekommen. Unvorstellbarer Reichtum, auch wenn die Bewohner 80 Prozent vom Bonus und 95 Prozent der Aktien wieder in die Gemeinde investieren müssen. Huaxi ist nicht nur das reichste Dorf Chinas. Für die kommunistische Führung in Peking ist es das Musterdorf, das verheißt, wie die Menschen der Volksrepublik morgen leben werden. Wohlhabend. Stolz. In hellblauen Reihenhäusern im Stil US-amerikanischer Vororte. Mit Swimmingpool im Garten und Auto in der Garage. Von morgens bis abends von Security und Polizei überwacht. Big Brother.

Die Bewohner werden zwar immer noch Bauern genannt, doch sie sitzen in Büros und arbeiten für die alles beherrschende Familie Wu, während Wanderarbeiter in den Fabriken schuften. Vor 30 Jahren galt Wu Renbao, der greise Patriarch, noch als Kapitalist, als Staatsfeind. Damals wurde er verhaftet. Heute ist er ein gefeierter Held der Volksrepublik, der Milliarden in der Textilund Stahlindustrie macht. Ein bisschen senil geworden, lässt er sich gern im 500er Mercedes durch die Straßen seines Wunderdorfes kutschieren. Sein Sohn Wu Xie'en hat die Führung des Konzerns übernommen. Auch die Wohnung des alten Herrn Wu müssen sich die beiden Fotografen anschauen, alles so klein und bescheiden, und der Medienbeauftragte erklärt ihnen lächelnd: "Herr Wu pflegt einen einfachen Lebensstil, weil er nah bei den Menschen sein will." Huaxi ist ein Gesamtkunstwerk.

Nirgends in China, nicht in der Kohleprovinz Shanxi, wo die weißen Hühner grau und die Menschen krank sind, nicht in Chongqing, dem am schnellsten wachsenden Moloch der Welt, nicht in Shenzhen, der riesigen Stadt der Nutten und Zuhälter - nirgends in China fühlen sich Monika Fischer und Mathias Braschler so unwohl wie in diesem Dorf. Kein Mensch auf der Straße - nur Polizei. Kein Kind auf den Plätzen - nur klinische Stille. Die Überwachung ist total, hat den Alltag durchdrungen, und doch scheint es niemanden zu stören. Familie Wu hat mit den Menschen in Huaxi ein Abkommen geschlossen, ein Abkommen, das die Regierung in Peking mit allen Chinesen schließen will: Macht gegen Wohlstand. So einfach. So perfide genial.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 30/2008

 
 
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