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27. Juli 2008, 15:59 Uhr

Das menschliche Antlitz

Fotografenteam Monika Fischer und Mathias Braschler© Monika Fischer & Mathias Braschler

Auf ihrer Reise durch das Reich der Mitte erleben die beiden Schweizer ein Land der Extreme. Die vier Generationen der Bauernfamilie Su im Hinggan-Gebirge, die einen großen Stein an den Traktor gebunden haben, um damit das Korn zu dreschen. Den 70-jährigen Unternehmer Yin Mingshan in Chongqing, der 14 Jahre nach Gründung seiner Motorradproduktion die 14. Fabrik errichtet und im Jahr 930 Millionen Euro Umsatz macht. Den Fensterputzer Zhou Huajian, der vor zwei Jahren noch als Bauer auf den Feldern gearbeitet hat, genau an der Stelle, an der jetzt das China-Mobile- Gebäude in Chongqing steht, dessen unendliche Fensterfläche er heute Tag für Tag putzt. Den Milliardär Xia Yang, laut Visitenkarte Architekt und Besitzer von neun Firmen, der unendlich viel Geld und Energie darauf verwendet, den Elitesport Polo in seinem Land populär zu machen. Die Gynäkologin Zhong Rufang, die im Krankenhaus des Dorfes An'ding Gebärende betreut - und manchmal auch Abtreibungen im siebten Monat vornimmt, weil die Ein-Kind- Politik der Regierung das verlangt.

Die beiden Fotografen holen sie alle vor ihre Kamera, setzen sie in ihrer alltäglichen Umgebung in Szene - manche wie Ikonen der kommunistischen Parteipropaganda, andere verloren, wie aus der Zeit gefallen, aus dieser neuen, harten Zeit.

Kunming, Provinz Yunnan,
November 2007

Unten, 100 Meter den Berg hinab, glitzert grün der See Dian. Groß, so weit das Auge reicht, dieses kräftige Grün. Am Ufer gelblichweißer Schaum, am Himmel eine Seilbahn mit Gondeln. Sie steht still. Weil keiner mehr den Dian-See bewundern will. Weil er ein Symbol der Zerstörung geworden ist.

An diesem Morgen steht Zhang Zhengxiang mit Mathias Braschler und Monika Fischer auf dem Berg und predigt. In China ist er ein berühmter Mann. Sein Erbe hat er für den See geopfert. Er wurde bedroht, er wurde verhaftet, er wurde verprügelt - und schreibt weiter Flugblätter und Briefe an die Regierung. Sie soll den Fabriken verbieten, ihr Abwasser weiter in den See zu leiten. Die Algen wuchern und wuchern und ersticken alles Leben. "Ich bin mit dem See groß geworden. Meine Eltern sind früh gestorben. Seither ist der See meine Mutter. Ich habe ihm mein Leben verschrieben", sagt Zhang Zhengxiang. Er redet sich heiß. An diesem Morgen hält er für die Fremden die Bergpredigt. Ein kleiner Herr mit Aktentasche, befremdlichem Eifer. Und großem Mut.

Auf ihrer langen Reise haben die Schweizer niemanden kennengelernt, der derart furchtlos kämpft. Yuan, der Assistent der Fotografen, meint, viele Chinesen hielten Herrn Zhang für dumm. Er könnte doch ein reicher Mann sein. Stattdessen macht er sich für diesen See kaputt.

Die Umweltzerstörung, der Smog über den Städten, die Ausbreitung der Wüsten, die bröckelnden Berge: Das Ausmaß ist so gigantisch, dass der verzweifelte Kampf von Herrn Zhang die beiden Schweizer irritiert. Jeden Tag haben sie erlebt, dass China ohne zu zögern bereit ist, die Natur für die Wohlstandsgesellschaft zu opfern. Das Land giert nach Rohstoffen. Es fehlt an Diesel. Es fehlt an sauberem Wasser. Lastwagen, überladen mit Kohle, stehen 24 Stunden im Stau. Und Zhang Zhengxiang opfert sein Leben im aussichtslosen Kampf gegen die Gier.

Zürich, Schweiz, Frühling 2008 Ein Diplomat der Schweizer Botschaft hat die 300 Rollen Film der beiden Fotografen sicher aus China herausgebracht. Bis zum letzten Moment hatten sie Sorge, dass ihre Arbeit konfisziert werden könnte.

Sie waren gestartet mit einem unguten Gefühl - dem Gefühl, zu viel zu wagen und zu wenig zu wissen. Sie sind zurückgekehrt mit einem klaren Urteil: dass dieses Land härter ist, als sie sich je vorstellen konnten. Einmal, in Guizhou, trafen sie eine Frau, die an der Autobahn Flaschen sammelte. Die Frau war über 80 Jahre alt. Pro Flasche bekommt sie einen Cent. Davon lebt sie. Rente hat sie nicht, und ihr Sohn, der sie unterstützen sollte, arbeitet als Fahrer für einen Lokalpolitiker. Lohn erhält er, wenn überhaupt, nur nach Lust und Laune seines Chefs.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 30/2008

Von Franziska Reich
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