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25. Juli 2008, 12:50 Uhr

Randale im Reich der Harmonie

Fast 90.000 Proteste, Demonstrationen und Unruhen wurden in China vergangenes Jahr gezählt. Immer häufiger wehren sich die Menschen mit Gewalt gegen die Willkür korrupter Parteikader - es ist der Unterschied zwischen Arm und Reich, an dem das Land zu zerbrechen droht. Von Adrian Geiges, Peking

Ausschreitungen in Wengan: Gewalt gegen die da oben ist in China Alltag© Kyodo News/AP

"Vorfälle mit Massencharakter", so nennen Chinas Bürokraten Unruhen. Sie führen sogar eine Statistik darüber. Danach hat sich die Zahl der "Vorfälle" in den letzten 15 Jahren verzehnfacht. Eine feste Zahl wurde zuletzt 2005 genannt, 87.000 Unruhen. Inzwischen gibt es allen Anschein nach noch mehr "Vorfälle".

Was unter einem solchen "Vorfall" zu verstehen ist, ließ sich vor wenigen Wochen im Kreis Wengan der südchinesischen Provinz Guizhou beobachten. 30.000 aufgebrachte Bürger stürmten Partei-, Regierungs- und Polizeigebäude, setzten 150 von ihnen in Brand und stürzten 40 Polizeiwagen um. Eliteeinheiten gingen brutal gegen die Demonstranten vor und nahmen 300 von ihnen fest, darunter 30 Schüler.

Typisch für solche Unruhen in China: Sie richten sich nicht gegen das System oder die Regierung "an sich", sondern entzünden sich an einem lokalen Ereignis. In diesem Fall: Am Tod der 15-jährigen Li Shufen. Ihre Leiche wurde im Fluss gefunden, so viel ist gesichert. Das Mädchen wurde vergewaltigt und ermordet, sagen die Eltern. Sie hat sich selbst das Leben genommen, behauptet die Polizei.

In anderen Ländern würden sich die Angehörigen einen Anwalt nehmen oder an die Presse wenden, hier machen sie Randale. Denn schnell kam der Verdacht auf, ein Mord werde vertuscht, da einer der mutmaßlichen Täter Sohn eines örtlichen Funktionärs sei.

In Wengan und anderswo gehen Chinesen nicht gegen die Kapitalisten auf die Straße, sondern gegen die Korrupten. Ein volles Bankkonto oder protzige Villen sind in China keine Schande, ganz im Gegenteil. Wer es zu etwas bringt, erwirbt großes Ansehen und dient anderen als Vorbild. Zum Frühjahrsfest, dem hiesigen Gegenstück zu Weihnachten und Neujahr, wünschen sich die Leute gegenseitig: "Werde reich." Den Kindern schenken sie aus diesem Anlass Geld in roten Umschlägen, das ist auch das landesübliche Hochzeitsgeschenk. Was hingegen Wut auslöst, sind Ungerechtigkeit und Amtsmissbrauch von Parteikadern.

Zu einer Revolution ist es im neuen China bisher nicht gekommen, da die Konflikte örtlich und sachlich begrenzt blieben. Die meisten Bürger glauben, die Habgier örtlicher Beamter sei das Übel, die zentrale Führung bekämpfe die Korruption. Das stimmt im Prinzip sogar. Mit moralischen Appellen und der Todesstrafe für Bestechliche versucht Peking, diese Epidemie einzudämmen, auch weil sie die Glaubwürdigkeit und letztendlich die Macht der Kommunistischen Partei gefährdet.

Die hat jetzt die "Harmonie" auf ihre Fahnen geschrieben, möchte das Elend von Bauern und Wanderarbeitern mildern. Gleichzeitig tastet sie aber das bestehende System nicht an: Die Partei und damit ihre Funktionäre bestimmen die Regierungen auf allen Ebenen, die Scheinparlamente, die Gerichte und die Presse. Eine Kontrolle von unten gibt es nicht. Zwar will die Pekinger Führung Schritt für Schritt alle Lebensbereiche durch Gesetze regeln und einen Rechtsstaat durchsetzen. Die Bürger machen aber die Erfahrung, dass sie auf normalem Weg keine Chance haben gegen die Bonzen - und rasten deshalb immer öfter aus.

Statt das Land politisch zu reformieren, reagieren die übergeordneten Führungen mit Bauernopfern. In Wengan setzten sie jetzt den Parteiboss, den Landrat und den Polizeichef ab. Selbst die offizielle Presse muss inzwischen zugeben: Während die Umstände des Tods des Mädchens nach wie vor unklar sind, haben die Bürger allen Grund gegenüber den Behörden misstrauisch zu sein. Fortgesetzt hätten diese "grobe und rücksichtslose Lösungen" gewählt bei Konflikten über Bauvorhaben und Zwangsumsiedlungen.

Die Verteidiger des Systems argumentieren, ein großes und armes Land wie China brauche die Einparteidiktatur um die Stabilität zu wahren. Viele ausländische Unternehmer, die in China investieren, beten dies nach. Tatsächlich wird die Stabilität aber gerade dadurch gefährdet, dass die Chinesen ihre Führer nicht abwählen oder verklagen können. Da scheint manchen Gewalt der einzige Ausweg zu sein.

Die Krake Korruption reicht bis ganz nach oben

Und nicht nur Dorfvorsteher missbrauchen ihre Macht, die Krake Korruption reicht bis ganz nach oben. Vor anderthalb Jahren wurde Shanghais Parteichef Chen Liangyu verhaftet. Er war bis zu diesem Zeitpunkt auch Mitglied des Politbüros, der obersten Führungsgruppe des Landes. Die Ermittlungen gegen ihn warfen ein Bild darauf, wie es an Chinas Spitze zugeht: Er habe umgerechnet 300 bis 400 Millionen Euro aus der staatlichen Rentenkasse in Immobilien gesteckt und elf Mätressen unterhalten.

Der Tod eines Mädchens bringt 30.000 Menschen auf die Straße. "Aus dem Funken schlägt die Flamme", hieß früher eine kommunistische Lösung. Peking fürchtet: Wenn verschiedene lokale Konflikte zusammenfließen und sich dabei eine Führungsgruppe oder ein Anführer herausschält, kann das ganze System einstürzen.

China - das Land verstehen: Opposition
Von Adrian Geiges, Peking
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
LaoLu (26.07.2008, 13:52 Uhr)
Hochaktueller Artikel, Robbi,
vom 4.April.
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Und wie heißt es so schön:
Zitat: Am nächsten Tag steht in der Zeitung: "Nach Berichten einer Hongkonger Menschenrechtsorganisation …" Zitat Ende.
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Ein Mann, dessen Informationen wahrscheinlich ohne große Überprüfung übernommen und publiziert werden.
So macht man Stimmung. Mit der Realität hat das aber nicht immer was zu tun.
.
Übrigens: Waren Sie zwischenzeitlich mal bei Ihrem ehemaligen Deutschlehrer und haben sich den Unterschied zwischen scheinbar und anscheinend erklären lassen?
Robbespierre (26.07.2008, 11:42 Uhr)
@laolu
@laolu: Haben Sie diesen Artikel schon mal gelesen: http://www.stern.de/politik/ausland/
:Frank-Lu-Chinas-Dissident/616215.html? Stört so etwas ihre Kolonial-Idylle oder würden Sie den Mann auch lieber im Gefängnis sehen, damit er ihr sorgsam zurecht gelegtes Selbstverständnis und ihre Geschäfte in der beschaulichen chinesischen Provinz nicht stört?
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@H.P.: Ein bisschen mehr Randale á la francaise sollte IMHO auch bei uns nicht schaden. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, daß sich die Zustände gerade durch das AUSBLEIBEN der Randale verschärfen... :-)
ganzbaf (26.07.2008, 09:21 Uhr)
Macht des Geldes...

und der Konzerne brechen!
Direktdemokratie einführen!
WIR sind das Volk! :-)
H.P. (26.07.2008, 08:58 Uhr)
Wir sollten nicht denken bei uns wäre dies nicht möglich
Wir sollten nicht denken bei uns wäre dies nicht möglich, wenn ich sehe wie viele immer ärmer werden, keine Arbeit haben und finden, Entlassungen anstehen bei Daimler, Telekom, Infineon usw. Noch kann der Staat diesen Menschen helfen und sie unterstützen, nur wie lange noch. Diese Stütze holt der Staat sich bei den Bürger, die noch gerade über die Runden kommen, nur wenn er diese Schicht weiter schröpft, haben wir dasselbe Problem und am Ende das Chaos und den Aufstand.
arniston (26.07.2008, 07:47 Uhr)
1936
ist klar das dies chaoten olympia brauchen , wie hitler 1936
LaoLu (26.07.2008, 07:19 Uhr)
Ja, Robbi,
scheinbar
Robbespierre (26.07.2008, 01:36 Uhr)
@laolu
Scheinbar ist die chinesische Diktatur schon so marode, daß sie den vielen Massenprotesten gegen die örtlichen Korruptions- und Vertuschungsskandale nur wenig entgegensetzen kann und will. Wahrscheinlich ist den Verantwortlichen klar, daß es Ventile für die Wut geben muß, damit die Terrordiktatur insgesamt erhalten bleiben kann. Anders dürfte die Obrigkeitsstaatlichkeit mit politischen Oppositionellen umgehen: Eine Demonstration gegen die Unterdrückung und für die Demokratie würde wohl auch heute noch von Panzern niedergewalzt werden. Anders als '89 befänden sich unter den Claqueuren aber viele westliche Unternehmer und anderes Gesindel, welches von der Unfreiheit des chinesischen Volkes maßlos profitiert.
LaoLu (26.07.2008, 01:20 Uhr)
Wie verträgt sich denn das
mit den Berichten über den
brutalen, unterdrückenden, alles überwachenden und jede Opposition im Keim erstickenden
Polizeistaat???
BrunoK (26.07.2008, 00:43 Uhr)
Unterschied
Da gibt es aber gewaltige Unterschiede.
Korruption ist keine Frage eines politischen Systems, die gibt es in Diktaturen, Monarchien und Demokratien.
Das ist ein Problem des menschlichen Charakters.
In einer Demokratie gibt es zumindest noch eine freie Presse, freie Wahlen, freies Internet..
In China gibt's keine Wahlen und keine freie Presse.
Selbstverständlich läuft auch hier im Westen nicht alles "richtig", aber wir haben doch viel mehr Möglichkeiten zu steuern. Durch eine freie Presse und durch eine freie Meinungsbildung.
Solange wir hier nur auf hohem Niveau rumjammern, geht sowie keiner auf die Straße.
Hier in Deutschland lebt sich's halt recht komfortabel, auch ohne arbeiten zu gehen... ,-)
fischesser (26.07.2008, 00:11 Uhr)
Anders in Deutschland??
Seien wir doch mal ehrlich! Ist es viel anders bei uns?? Nicht viel jedenfalls, bis jetzt nicht. Zum Glück gibt es keine Morde, zumindest sind keine oder nur wenige bekannt, bis jetzt...
Das Prinzip ist aber sehr ähnlich, wenns oben nicht richtig läuft, dann geht es an das Geld vom Bürger, scheißegal was passiert. Soll der "Bürger" doch zusehen, wie es weiter geht...
Auf jeden Fall wird die Etikette gewahrt, auf Teufel komm raus. Demokratie??
Wenn niemand auf die Straße geht, so wie in China, wird es nie anders werden...
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