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18. August 2008, 09:39 Uhr

Protestpark wird zum Stasipark

Während der Olympischen Spiele dürften Chinesen für ihre Interessen demonstrieren, hieß es zum Auftakt. Doch die Realität sieht anders aus: In den drei extra dafür ausgewählten Parks ersticken Geheimagenten jeden Protest im Keim. Von Adrian Geiges, Peking

Die Realität in China: Als Familie Hai mit ihrem Sohn Xing Yang (3) im Ritan Park demonstriert, versuchen Sicherheitsbeamte sie einzuschüchtern© Harald Schmitt/stern

Zwei Wochen vor der Eröffnungszeremonie kündigte Liu Shaowu, Chef der Sicherheitsabteilung des Pekinger Organisationskomitees der Olympischen Spiele (BOCOG), überraschend an: Während Olympia dürfe in Peking protestiert werden. Nach vorheriger Anmeldung bei der Polizei. Nicht in den Sportstätten und nicht auf der Straße, aber in drei dafür ausgewählten Parks: Ritan-Park, Weltpark des Fengtai-Distrikts, Zizhuyuan-Part des Haidian-Distrikts.

Beginn einer neuen Freiheit in China? Ein schlauer Schachzug, fern von den Olympiabesuchern Demos zuzulassen und damit gleichzeitig einen Vorwand zu haben, sie an anderen Orten der Stadt zu unterdrücken? Manche fragten sich sogar: Werden hier Schauspieler engagiert, um zu belanglosen Themen Schilder in die Luft zu recken oder Parolen zu rufen?

Nichts dergleichen. An den meisten Tagen ist in den Parks gar nichts los. Warum das so ist, zeigen Vorkommnisse im Ritan-Park an einem Tag, an dem es anders kommt. Ein Mann zupft mich am Ärmel: "Sind Sie Journalist? Sie müssen uns helfen!". Plötzlich sind wir von seiner ganzen Familie umgeben. Der dreijährige Xingyang hält ein Schild, auf dem steht: "Die Regierung des Kreises Huimin, Shandong-Provinz, hat illegal das Haus meiner Großmutter verkauft und das Geld weggenommen." Der Großvater zeigt Dokumente zu dem Fall. Da, wo ihr Haus gestanden habe, sei jetzt ein prunkvolles Bankgebäude errichtet worden.

Plötzlich sind die Sicherheitsleute da

In Sekundenschnelle postiert sich um uns ein Dutzend Männer, die meisten von ihnen tragen ihr Haar kurz geschoren, sind muskulös und haben einen kleinen Kopfhörer im Ohr stecken. Manche von ihnen machen Fotos von der protestierenden Familie und uns, andere filmen. Während sich Geheimagenten in anderen Ländern eher unauffällig verhalten, tritt die chinesische Stasi offen auf. Es geht ihr darum einzuschüchtern. Nicht so sehr uns, sondern die Familie aus Shandong und andere, die Protest erwägen. Journalisten können sie nicht viel anhaben, denn Chinas Regierung musste freie Berichterstattung versprechen, um den Zuschlag für die Olympische Spiele zu bekommen. Aber sie wollen bei ihren unzufriedenen Landsleuten Angst erzeugen: Sobald die Journalisten weg sind, geht es euch an den Kragen.

Diese Angst ist begründet. Doch der Großvater sagt: "Sollen sie tun, was sie wollen, ich fürchte mich nicht." Die Stasi-Agenten werfen der Familie vor, sie habe ihren Protest nicht angemeldet. Doch bisher ist noch kein Fall bekannt, in dem ein Antrag dafür genehmigt wurde. Die pensionierte Ärztin Ge Yifei wollte für den Park eine Aktion von 100 Hausbesitzern anmelden, deren Gelände jetzt von einer Immobiliengesellschaft aus Singapur genutzt wird. Sie wurde von Polizisten festgenommen und in ihre Heimatstadt Suzhou zwangsdeportiert. Als sie um die Genehmigung ihres Protests ersuchte, wurde die Pekingerin Zhang Wei verhaftet, deren Haus zerstört worden war, um für Olympiabauten Platz zu schaffen. Genauso ging es dem Anwalt Ji Sizun aus der Fujian-Provinz, der im Park für ein demokratisches China eintreten wollte.

Die Regierung greift hart durch

Dieses Umgehen mit der eigenen Bevölkerung zeigt, wie weit die kommunistischen Machthaber von der Realität entfernt sind. Sie glauben, Proteste während Olympia würden dem Ansehen ihres Landes schaden. Tatsächlich wären sie, wenn geduldet, von der Welt als positives Zeichen einer Öffnung gedeutet werden. Und vor allem von den Chinesen selbst. Ein Lehrer ist extra aus der Nähe von Shanghai angereist, um zu sehen, wie die Regierung mit den Kritikern umgeht. Er ist enttäuscht: "Ich habe befürchtet, dass es so wird."

Die chinesischen Bürger sind sehr viel weiter als ihre Führung. Passanten im Park stellen die Stasi-Männer zur Rede und lassen sich auch nicht einschüchtern, als sie von diesen nach Namen und Wohnort gefragt werden. "Das ist nicht Ihr Park, das ist der Park des Volkes", ruft ein Mann mittleren Alters einem der Spitzel entgegen. Der antwortet wie zu Maos Zeiten: "Ihr Denken hat Probleme."

Von Adrian Geiges, Peking
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Malt (19.08.2008, 14:37 Uhr)
Jaja...
...der Vegefranz war halt nicht bei Heiligendamm dabei... da hätte er mal sehen können, wie die Schwarz/Rote Regierung mit Ihren Kritikern umgeht... mit den friedlichen, wohlgemerkt, denn den "schwarzen Block" hat man gewähren lassen...
Grebin (19.08.2008, 14:32 Uhr)
Wenn Dummheit weh tut...
Immer die leeren Versprechungen und Geisterbeschwörungen hinsichtlich der Partei DIE LINKE - nicht mal richtig schreiben kann der Autor, der den Untergang des Abendlandes anmeldet. Billiger geht es nicht, wenn die Argumente fehlen.
mramorak (19.08.2008, 12:59 Uhr)
Überzeugend
Mehr und mehr überzeugen Sie mich. Es ist höchste Zeit, dass die deutschen Medien - wie der Stern jetzt - einen Unterschied machen zwischen dem chinesischen Volk und den chinesischen kommunisten. Schon beim Fakellauf hat man immer - mit KPC-Unterstützung - Von der Chinesischen Kultr gesprochen, die da geschändet wird. Das war genau, was die KPC brauchte. Die konnten dem eigenen Volk sagen: die wollen doch unsere Kultur kaputt machen. Die meisten, die die KPC kritisieren, kennen und schätzen die Kultur Chinas. Und die Sympathisanten in den Demokratien machen noch weiter so - Augen zu und durch.
vegefranz (19.08.2008, 11:29 Uhr)
Linke/ex SED wählen und bei uns sieht es in 10 Jahren genauso aus
Der bericht könnte allen eine Warnung sein, die auf die Parolen der linken/Ex SED hereinfallen. Eins steht fest: Linke/ex SED wählen und bei uns sieht es in 10 Jahren genauso aus
Nana_Xiaojie (18.08.2008, 13:42 Uhr)
Das war zu erwarten...
... ist aber trotzdem traurig.
albundy69 (18.08.2008, 12:24 Uhr)
Rogge verdient an den Chinesen mit
Laut belgischem Fernsehen besuchen rund 300 gutbetuchte Chinesen Rogge´s Privatklinik und geben ihm somit Millionen zu verdienen. Dieser Mann wird den Teufel zun und die Chinesen zur Ordnung rufen!
sjm2000 (18.08.2008, 11:50 Uhr)
IOC Heuchler
Der Olympische Gedanke ist schon lange tot, die Damen und Herren in Lausanne denken doch nur ans Geldmachen damit sie sich aus der IOC Schatulle bedienen und ein koenigliches Leben fuehren koennen. Wen interessiert da, dass dafuer in China Haeuser abgerissen und Menschen auf die Strasse gesetzt werden. Dass die dann irgendwohin verschwinden ist den IOC Bonzen doch genauso lieb wie der China-Stasi. Die Zeiten wo man von Leuten in "Amt und Wuerde" noch Moral erwarten konnte sind laengst vorbei, jezt regiert nur noch die "Geld-mafia", in Lausanne genauso wie in Peking, da braucht sich dann ein Gasprom-Altbundeskanzler auch nicht zu schaemen.
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