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25. August 2008, 17:51 Uhr

Das Gesicht ist gewahrt

Olympia ist vorbei - Zeit für eine Rückschau. Während in China das Echo überschwänglich ausfällt, blickt man in Deutschland mit eher zwiespältigen Gefühlen auf die Ereignisse in Peking zurück. Hier zieht unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang ihre ganz persönliche Bilanz.

Feuriger Abschluss: Mit einem gewaltigen Feuerwerk gingen in Peking die Olympischen Spiele zu Ende© Christophe Simon/AFP

16 Tage Dauernervensägen, endlich sind die Olympischen Spiele in Peking vorbei. Die Chinesen - sowohl das Volk, als auch die Regierung - haben sich unglaublich Mühe gegeben für das Großereignis. Was sie am Ende jedoch bekommen haben von den westlichen Staaten wie Deutschland, ist eher zweifelnde Kritik als herzliches Lob.

Man versteht in diesen Ländern nicht, warum die Chinesen eine so emotionslose Masseninszenierung auf der Eröffnungsfeier lieferten? Warum waren die Sicherheitsmaßnahmen überall präsent? Warum musste man die Jubelregeln sogar lernen? Warum wollte China unbedingt die meisten Goldmedaillen gewinnen? Warum schickt China die Kinderturner zum erbarmungslosen Drill? Warum wurden so vielen Fabriken in kurzer Zeit geschlossen? Warum sah man keine Kinder, keine Behinderten in der Nähe des Nationalstadiums?

Nur eine perfekt inszenierte Show?

Angesichts dieser vielen Fragen scheinen die Olympischen Spiele für viele ausländischen Beobachter vor allem eine perfekt inszenierte Show gewesen zu sein - Peking in Hochglanz nur für diese kurzen 16 Tage.

Wenn man zu dem Anschein unbedingt eine Erklärung finden muss, dann ist die Antwort aus meiner Sicht einfach. Es liegt wohl an unserem Gesichtsproblem.

Haben wir Chinesen ein Problem mit dem Gesicht? Ja, schon seit tausend Jahren. Natürlich ist Gesicht als eine Metapher zu verstehen. Es kann etwas Peinliches bedeuten, oder auch etwas Ehrenhaftes. Das Gesicht zu wahren, bedeutet, dass man die Peinlichkeit für sich behält und nicht einen anderen davon wissen lässt. Wenn man dies getan hat, dann verliert man sein Gesicht. Scheidungen gelten zum Beispiel als Gesichtsverlust, oder auch wenn ein Kind schlechte Schulnoten bekommt. Das gehört zu den Sachen, die man nicht unbedingt einem anderen mitteilen muss.

Die Gesicht-Metapher benutzt man nicht nur in der alltäglichen Kommunikation, sondern auch für große öffentliche Projekte. Auch eine Architektur, die mehr symbolische Bedeutung enthält als praktische, wird ironischerweise als „mianzi gong cheng“, ein „Gesicht-Projekt“, bezeichnet. Wenn das private Leben schief geht, dann verliert man sein eigenes Gesicht. Wenn das staatliche Projekt schief geht, dann verliert das ganze Land sein Gesicht, so lautet die Philosophie.

Waren die Olympischen Spiele nun ein Gesicht-Projekt? In China sprach man oft von Hundertjahre-Spielen, denn Gastgeber zu sein, passiert nicht oft. England war zum Beispiel im letzten Jahrhundert nur zwei Mal Gastgeber, 1908 und 1948. China hat wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten wenig Chancen. Als Gastgeber sahen viele Chinesen die Olympischen Spiele als eine einzigartige Gelegenheit, ein schönes Gesicht Chinas zu präsentieren.

Das erklärt einiges, was geschehen ist. So durfte die Hälfte der Autos während der Spiele in Peking nicht fahren, weil sonst die Luft zu schlecht und der Verkehr zu eng gewesen wäre. Die Eröffnungs- und die Abschlussfeier mussten perfekt inszeniert werden. Nur ein hübsches Mädchen durfte bei der Eröffnungsfeier auftreten und das Lied mit der Stimme eines anderen singen. Und auch der Platz eins auf dem Medaillenspiegel hat dem Gesicht Chinas Glanz beschert. Das Aufgeben von dem Hürdenläufer Liu Xiang wurde von manchen Leuten wiederum als Gesichtsverlust beschimpft.

Bloß nicht vor dem Ausland das Gesicht verlieren

Eigentlich kritisieren viele Chinesen, besonders die wohlhabende Mittelschicht, die Kommunistische Partei und die Regierung oft. Viele sind besorgt über die Umweltverschmutzung, Inflation, die hohen Preise der Immobilien in den Großstädten. Man weiß ebenso, dass der Himmel in Europa blauer ist als in Peking. Aber wenn es um ein Großereignis wie die Olympischen Spiele geht, bleiben das Volk und die Regierung unter sich. Das Ziel war: das schöne Gesicht Chinas zu zeigen und sein Gesicht vor Ausländern nicht zu verlieren.

Besonders der Gesichtsverlust vor Ausländern gilt als sehr peinlich und unerträglich. China ist da wie eine große Familie. Die Partei ist das Oberhaupt, und alle anderen sind Familienmitglieder. Diese Familie hat Probleme, die aber nur unter den eigenen Familienmitgliedern diskutiert und gelöst werden müssen. Man darf die Probleme nicht einem anderen verraten, und man mag es auch nicht, dass sich die anderen in die Familienangelegenheit einmischen. Genauso funktionierten auch die Olympischen Spiele in China. Alle machten etwas dafür, und die Probleme sollte man verstecken.

Wenn man jetzt darüber redet, ob Olympia ein Erfolg war oder nicht für China, dann muss man sich fragen, ob das chinesische Volk sein Gesicht vor der Welt verloren hat. Die Antwort ist: Nein, ganz bestimmt nicht. Das ist das Wichtigste für China.

Wie es mir persönlich dabei ging? Ehrlich gesagt, habe ich dafür kein Gefühl. Allen Lesern möchte ich zum Abschluss meiner Kolumnen aber eines sagen: Danke für Ihr Interesse! Es hat mich sehr gefreut, Ihnen ein bisschen die Gedankenwelt der Chinesen erklären zu dürfen.

Ihre Yuanchen

Die Autorin

Die Autorin Yuanchen Zhang, 24 Jahre alt, kommt aus der Inneren Mongolei Chinas. Sie hat in Peking studiert, lebt seit fünf Jahren in Deutschland, studiert Medienkultur an der Universität Hamburg und ist derzeit Praktikantin in der Sport-Redaktion des stern.

 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
blackblondi (26.08.2008, 12:59 Uhr)
Zustimmung
Ich kann Intercity und eisenbaer nur zustimmen
chatahootchee (26.08.2008, 04:18 Uhr)
AUFPASSEN, FRAU ZHANG!
Kommen Sie bloss nicht in die Negativmuehle des 'stern.de'.
Ihr Beitrag hebt sich wohlwollend von den Artikeln der 'stern.de' Meckerbatallione ab. Wenn China solch eine Diktatur ist, wie haben 'stern.de' Leute ueberhaupt ein Visum bekommen?
WernerMeyer (26.08.2008, 03:04 Uhr)
Die Deutschen sind einfach neidisch
Solche tollen Spiele hat es noch nie
gegeben.Respekt für das grossartige
chinesische Volk und mal ehrlich Demokratie gibt es doch gar nicht schon gar nicht in Deutschland,siehe
Heiligendamm wo die Demonstraten nieder geknüppelt wurden und wir wissen ja wie Gesetze in Deutschland gemacht werden,die Abgeorneten bekommen die Sachen gar nicht zu lesen stimmen ab sie Eu Vertrag.
sjm2000 (26.08.2008, 02:28 Uhr)
Glanzvolle Maske ohne Herz
Wenn man sich, nur um das Gesicht zu wahren, hinter einer Maske versteckt, darf man sich nicht wundern, wenn man keine Freunde gewinnt. Das gilt fuer eine ganze Nation genauso wie fuer jeden Einzelnen. Sie liebe Frau Zhang sind vermutlich nicht nur "Gefangene Ihrer Familie" sondern haben Freunde die Ihnen auch in schwierigen Situationen beistehen, weil sie nicht nur Gesicht sondern auch Herz zeigen. Nur wenn es China gelingt die Maske abzulegen und sich als das zeigt was es ist, eine grosse Nation, mit vielen noch groesseren Problemen, erst dann wird es die Freunde unter den Nationen finden die China benoetigt, um diese Probleme zu loesen. Diese Chanse wurde mit der "Alabaster Maske Olympia" fuer eine ganze Weile verspielt.
S-achte (25.08.2008, 23:51 Uhr)
@Yuanchen
Ich möchte mich Annbellis anschließen.
Ich habe es genossen, auch andere Kommentare als die ewig gleichen Nörgeleien zu lesen.
Unbeachtet dessen, daß China noch viele große Aufgaben zu lösen hat, ist es ein wundervolles Land mit einer ganz eigenen, faszinierenden Tradition und Sichtweise auf das Leben. Wir können nur gewinnen, wenn wir uns darauf einlassen, das zu fühlen.
Eisenbaer (25.08.2008, 21:56 Uhr)
Ein ähnliches Problem hatten wir auch einmal...

Wir nannten das Phänomen: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf."

In China heißt es: "Weil niemand sehen soll, was nicht sein darf."

Das wirkliche Problem liegt allerdings ganz woanders: Alle Welt hält dieses Verhalten für kindisch. So als ob diese Nation glaubt, dass man unsichtbar ist, wenn man sich die Augen zuhält.

China hat also ein wirkliches Problem, allerdings nicht das "Das Gesicht zu verlieren" sondern das Problem mit dieser Einstellung ernst genommen zu werden. Darüber sollten sich "die Chinesen" auch mal ein paar Gedanken machen... ;-))
Annbellis (25.08.2008, 21:05 Uhr)
Yuanchen, toll, dass Sie kommentiert haben!
Sehr geehrte Yuanchen,
Ihre Kommentare zu den olympischen Spielen in Peking gehören für mich zu dem Besten, das in der deutschen Presse darüber geschrieben wurde.
Vielen Dank!
DasBertl (25.08.2008, 21:05 Uhr)
China hat has Gesicht
zwar nicht in den eigenen aber in den Augen vieler Ausländer verloren, das mag gar nicht so sehr daran liegen, dass Menschenrechte verletzt werden und die Pressefreiheit unterdrückt wird, sondern viel mehr, dass gelogen und betrogen wurde (u.a.um überhaupt an Olympia zu kommen) dass sich die Balken bogen, was jedenfalls in den westlichen Kulturen eine der größten Schanden ist (außer in der Politik, da weiß das Volk schon, wenn die da oben den Mund aufmachen kommt nur heiße Luft und Lügen)
Johann58 (25.08.2008, 20:45 Uhr)
wie erwartet
Der Kommentar it wirklich so wie man es erwarten konnte. China will sein gesicht nicht verlieren und versucht einen Spagat zwischen Tradition und kommunistischer Diktatur. So gesehen perfekt, wenn es nicht eben doch das ein oder andere Mal durchgesickert waere, dass man sich eben doch nicht so weltoffen gibt wie man gerne moechte und dank einiger Tibet Aktivisten eben das schmutzige Gesicht Chinas gezeigt hat.
@ramazotti natuerlich haben die Amerikaner gejubelt und bis auf einige Privatpersonen sich zurueckgehalten. Zum einen hat man die die meisten Medaillen geholt und zum anderen hat man ja kein Problem mit China, man macht sich ja schliesslich keine ernsthaften Gedanken was da ablaeuft, solang man bei WalMart billig Made in China kaufen kann. Da ist auf der einen Seite die Diktatur der Kommunistischen Partei und auf der anderen Seite die Diktatur des Geldes.
Intercity (25.08.2008, 20:14 Uhr)
Gesichtsverlust
Für mich hat China in vielen Fällen geheuchelt und somit sein Gesicht verloren. Z.B. hat der Regisseur der Eröffnungs- und der Abschlussfeier in einem Interview u.a. geäußert, dass China in vieler Hinsicht dem Westen weit überlegen wäre (Demokratie wäre z.B. hinderlich, es würde jedes Problem lange ausdiskutiert und, und, und. Die Masseninszenierung wären von unübertroffener Schönheit. Das könnte z.B. der Westen nicht. Welch eine Überheblichkeit. Ich hatte erwartet, dass China mehr Mitgefühl für die eigenen Bürger zeigen würde. Das fehlte in vieler Hinsicht. Wer sich nur für den Sport interessierte, konnte begeistert sein. Aber hinsichtlich der Menschenrechte hat China vollkommen versagt und sein wahres Gesicht gezeigt. Wir (in Europa) haben andere Fehler. Doch das war ja hier nicht das Thema.
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