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11. August 2008, 09:06 Uhr

"Onkel Volksbefreiungsarmee" - Held oder die Schreckfigur?

Wie fühlt sich eine Chinesin, die die Olymischen Spiele von ferne in Deutschland verfolgt? Was sagt sie über das China-Bild, das in Deutschland durch die Medien vermittelt wird? In ihrer Kolumne "Hier spricht China" schreibt die chinesische Studentin Yuanchen Zhang auf stern.de über ihre Eindrücke von Olympia. Von Yuanchen Zhang

Für westliche Augen ist der Aufmarsch der Soldaten vor dem "Vogelnest" ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, die Menschen in China dagegen empfinden Stolz bei diesen Bildern© Saeed Khan/AFP

Peking während der Olympischen Spiele: strenge Sicherheitsmaßnamen, Militärparade auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Gewehre in der Hand der Soldaten. Für mich kein ungewöhnliches Bild. Für meinen deutschen Kollegen schon. "Eine Provokation", sagt er. "Die Männer marschieren über den Platz, schussbereit. Mir macht das Angst." Und schützt seinen Kopf symbolisch mit den Armen. Für mich ist seine Reaktion eine totale Überraschung.

Denn wir Chinesen sehen die Volksbefreiungsarmee anders. Ich bin in China aufgewachsen, habe dort 19 Jahre gelebt, und vertraue der Armee. Im Lehrbuch der sechsten Klasse stand ein Artikel, der mich und meine Generation wesentlich prägte. Der Titel: "Wer ist die beliebteste Person Chinas?" Die Antwort lautet: die Volksbefreiungsarmee. Der Autor Wei Wei begleitete als Reporter die Armee im Koreakrieg in den Fünfzigerjahren. Seine Beschreibung der Armee: "Ihre Mentalität ist so pur und edel, ihr Wille ist hartnäckig und stark, ihr Temperament ist ehrlich und bescheiden, ihr Verstand ist schön und breit. Wer ist unsere beliebteste Person? Unsere Armee und unsere Soldaten."

Aus deutscher Sicht mag das wie Propaganda klingeln. In China liest jedes Kind diesen Text. Die chinesischen Kinder nennen gerne alles Onkel oder Tante, dem sie vertrauen. So heißt es auch Onkel Volksbefreiungsarmee. Ein Bild, das sich in unseren Köpfen festsetzt und das die Medien in unserem Land weiterentwickeln. Im Fernsehen heißt es: Der Onkel sei überall da, wo er gebraucht wird. Bei Flutüberschwemmungen, schweren Schneefällen, dem Erdbeben von Wenshuan im Mai, und so natürlich auch bei den Olympischen Spielen.

Als Ausländer muss man wissen, dass der Platz des Himmlischen Friedens selbst ohne das große Sportereignis ihr alltäglicher Einsatzort ist. Sie sollen stolz und mächtig marschieren, denn sie vertreten das Bild des Helden, sie sind ein Zeichen der Sicherheit. Für viele chinesische Touristen aus den Provinzen ist es deshalb sogar eine Ehre, mit den Soldaten einmal fotografiert zu werden. Also, alles ganz normal. Alltag sozusagen.

Aber jetzt sind Olympische Spiele, und die Ausländer fühlen sich nicht so wohl mit der Volksarmee wie wir Chinesen. Die Männer der Armee mussten deshalb viel erleiden. Sie wurden bei ihrer Arbeit als Schützer der olympischen Fackel beschimpft und sogar angegriffen. Und jetzt macht der "Onkel" den ausländischen Journalisten Angst und sorgt so für Empörung.

Besonders die Deutschen fühlen sich - ich denke, das liegt an ihrer schrecklichen Vergangenheit - nicht wohl, wenn sie Soldaten mit Gewehr marschieren sehen. Mein Kollege schimpft: "Die Olympischen Spiele sind keine nationale Feier, warum nehmen die Chinesen keine Rücksicht auf unsere Gefühle?"

Ich verstehe, was er meint. Für ihn ist der Aufmarsch kein Signal der Sicherheit, sondern pure Angeberei. Eine Provokation mit nationalem Stolz. Mittlerweile beim Kaffee angelangt, fragt er mich: "Könnt ihr das nicht ein bisschen unauffälliger machen?" Angeblich haben die US-Amerikaner das bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City besser hingekriegt. Gerade einmal fünf Monate nach dem Terroranschlag am 11. September, als sie sich so bedroht wie noch nie in ihrer Geschichte fühlten. Trotzdem hätten sie nicht mit ihren Waffen und der Armee geprotzt, sondern seien nett, fröhlich und sogar humorvoll gewesen. Selbst bei den Sicherheitskontrollen an den Stadien.

Ja, Humor kann Uncle Sam sicherlich besser als Onkel Volksbefreiungsarmee. Ich gebe nicht gerne zu, dass die Chinesen weniger witzig sind als die US-Amerikaner. In der Tat hat der Onkel Volksbefreiungsarmee nie gelernt, wie man stolz und würdig sein kann und gleichzeitig auch humorvoll. Außerdem ist es auch schwierig, einen chinesischen Witz auf Englisch zu erzählen. Schließlich ticken wir anders. Aber wir lernen ja noch. Ihr vielleicht auch.

Die Autorin

Die Autorin Yuanchen Zhang, 24 Jahre alt, kommt aus der Inneren Mongolei Chinas. Sie hat in Peking studiert, lebt seit fünf Jahren in Deutschland, studiert Medienkultur an der Universität Hamburg und ist derzeit Praktikantin in der Sport-Redaktion des stern.

Von Yuanchen Zhang
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
LaoLu (13.08.2008, 14:09 Uhr)
sorry, endbenutzer,
Sie haben recht.
Ich reagiere mittlerweile überzickig, weil hier so viele so viel über China erzählen und so wenig wissen.
Fragen: jederzeit, gerne!
Xiny2000 (13.08.2008, 12:46 Uhr)
Ich schließe mich der Autorin an
Als langjärig (seit 18 Jahren) in Deutschland lebende Chinesin möchte ich mich der Autorin nur anschließen. Falls jemand meinte, der Artikel sei eine Einzelmeinung kann ich nicht bestätigen. Die Volksbefreiungsarmee genießt unter der chinesischen Bevölkerung hohes Ansehen (im Gegenteil zur Polizei). Nicht weniger aufgrund der vielen Einsätzen in Katastrophengebieten wie neulich bei den Erdbeben. Das ist keine Propaganda! Wenn Sie chinesisch können, können Sie gern die Websiten der Übersee-Chinesen besuchen. Dort können Sie lesen, welche Meinung die 50 Millionen in "Freiheit" lebende Übersee-Chinesen über die Volksbefreiungsarmee haben. Aber Wenn Sie kein Chinesisch können, sich aber dafür interessieren, können Sie auch chinesische Studenten in Ihrer Nähe befragen. Allein in Stuttgart leben einige Tausende. Wenn Sie jedoch nicht glauben, was Sie hören oder lesen, kann ich Ihnen leider auch nicht mehr weiter helfen. Ich persönlich bin in Deutschland augewachsen, besuchte in Deutschland Gymnasium und machte auch hier das Abitur. Apropo Abitur, wenn man in China studieren möchte, muss man keine politische Voraussetzung erfüllen. Man muss aber gutes Zeugnis haben. Das chinesische Abitur ist um vielfach schwerer als das Deutsche. Zu meinem Glück.
endbenutzer (13.08.2008, 08:10 Uhr)
@LaoLu:
Weshalb so dünnhäutig? Ich habe nur gefragt. Und ich habe auch nie behauptet, fundierte Kenntnisse über China zu haben. Interessiert mich auch nicht sonderlich dieses Land. Es reicht mir schon, dass man fast keine Waren mehr kaufen kann, die anderswo hergestellt wurden. Aber das ist eine andere Sache.
Übrigens: Es ist durchaus üblich zu fragen, wenn man etwas nicht weiß...
LaoLu (13.08.2008, 01:47 Uhr)
Tja, endbenutzer, mit der Frage
nach den (politischen?) Voraussetzungen für ein Studium haben Sie Ihre fundierten Kenntnisse über China unter Beweis gestellt.
Kurze Antwort: Keine.
Sie brauchen gute Zeugnisse, that's it!
endbenutzer (12.08.2008, 14:13 Uhr)
@weisserHai:
"...Der Machtapparat hat längst die Bedeutung einer Ausbildung im Ausland für das eigene System erkannt...."
.
Wobei die junge Dame zuerst in Peking studiert hat. In diesem Fall ist meine Frage berechtigt. Ich bin mittlerweile vorsichtig geworden bei solchen Statements. Genauso, wenn es sich um irgendwelche Artikel im Bereich "Wirtschaft" handelt. Blickt man hinter die Kulissen (was mit Google in vielen Fällen nicht allzu schwer ist), erkennt man oft schnell, welchem Herrn der Schreiberling dient.
weisserHai (12.08.2008, 13:46 Uhr)
@endbenutzer
soweit ich weiß, ist Linientreue nicht in besonderem Maße erforderlich.
Der Machtapparat hat längst die Bedeutung einer Ausbildung im Ausland für das eigene System erkannt.
Aber ganz ohne Linientreue geht es auch nicht. Schließlich ist das nicht ein demokratisches System.
Die inhaltlichen Auswahlkriterien für Schüler, die studieren wollen, sind streng und der Wettbewerb groß.
Man sollte aber auch vorsichtig sein, über Menschen zu urteilen, die in einem totalitären System leben und sich dort arrangieren müssen.
Wie das ist, wissen hierzulande höchstens noch Ostdeutsche.
endbenutzer (12.08.2008, 12:58 Uhr)
Und Zack!..
..verschwindet das Artikelchen von der Startseite, sobald eine etwas unangenehme Frage gestellt wird. Lächerlich!!
endbenutzer (12.08.2008, 12:13 Uhr)
Ohne jetzt persönlich werden zu wollen:
Welche (politische?) Voraussetzungen muss man eigentlich erfüllen, um als Chinese im eigenen Land studieren zu dürfen?
Think-Smart (12.08.2008, 11:58 Uhr)
Onkel Bundespolizei
Wenn du einfach zum ausspannen auf der Neckarwiese sitzt und Onkel Bundespolizei plötzlich vor dir steht und dir in die Augen leuchtet, dich dann abführt, weil du rote Augen hast wegen einer Pollenallergie, dann hat schön öfter der japanische Schlossbesichtiger ziemlich verwirrt dreingeschaut.
Ich sage ihnen dann: So ist das bei uns, wir haben uns daran gewöhnt, es ist allgegenwärtig.
eurokrat (12.08.2008, 11:57 Uhr)
Typisch
Militarismus scheint typisch für jedes kommunistische Regime zu sein, mussten wir doch in den DDR-Schulen auch jedes Jahr den Tag der NVA feiern und sogar das Rechnen wurde mit Beispielen von NVA-Manövern beigebracht. Trotzdem scheint mir diese Mentalität viel gesünder als die heutige. Die Bundeswehr wird allgemein als schlechtes Übel betrachtet und europäische Soldaten überhaupt können nicht mal eine Platzpatrone abfeuern ohne dass dabei Amnesty International und die Gutmenschen zu meckern anfangen. Das Resultat sehen wir klar im Fiasko der NATO in Afghanistan.