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12. August 2008, 14:52 Uhr

Sexy Tanzen? Sorry, das müssen wir erst lernen

Unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang hat einiges zu hören bekommen in Deutschland – an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking zum Beispiel hatten viele etwas auszusetzen. Man ist nicht zufrieden mit Chinas Auftritt als Gastgeber. Aus europäischer Sicht, findet sie, ist das natürlich alles leicht zu kritisieren.

Mancher Europäer emfand die Eröffnungfeier in Peking als emotionslose Jubelarie. Doch an die westliche Party-Tradition müssen sich die Chinesen erst gewöhnen© Cancan Chu/Getty Images

"Die mit viel Aufwand produzierte Show lieferte zwar perfekte Bilder, aber nur selten ehrliche Emotionen", schrieb der stern-Kollege Mathias Schneider zur Olympischen Eröffnungsfeier in Peking. Der "Spiegel" sah das ähnlich: "Die Eröffnungsfeier geriet über weite Strecken nicht zu einem heiteren Fest der Jugend der Welt, sondern zur monumentalen Jubelfeier einer Nation und ihres strahlenden Selbstbildes."

Ja, ich gebe zu, auf der Eröffnungsfeier fehlten tatsächlich einige fröhliche Gesichter. Die gesamte Zeremonie wirkte ziemlich ernst. Es ging vor allem darum, der ganzen Welt unsere Jahrtausende alte Kultur zu präsentieren. So bewegten sich die Tänzer, die Schauspieler, die Kung-Fu-Kämpfer, über Jahre darauf vorbereitet, formalistisch, symmetrisch und konform. Auch unsere gute alte Philosophie wurde deutlich sichtbar hochgehalten: Harmonie, Innere Energie, Selbstbeherrschung, Kollektivität und Treue. Es wurde wenig individuelle Emotion gezeigt – man sah nicht einmal das Gesicht des Fackelentzünders Li Ning.

Doch es ist so: Keine eigenen Emotionen zu zeigen – genau das gilt für Chinesen als wahre Kunst von gesellschaftlicher Kommunikation. Für Europäer ist das wohl kaum vorstellbar. Aber als Chinese sollte man zum Beispiel bei Konflikten den Gegner anlächeln, selbst wenn man ihn von Herzen hasst. Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen gilt als irrational: So gibt man schnell seine eigene Schwäche zu erkennen. Oder man verliert sein Gesicht.

"Was ist eine Paidui?"

Also war es für mich keine Überraschung, dass am 08.08.08 ab 8.08 Uhr keine Party gemacht wurde. In der Tat steht "Paidui", das chinesische Wort für Party, noch nicht lange im Modernen Chinesischen Wörterbuch. Das Wort wurde zuerst in Hongkong aus dem Englischen übernommen und verwendet, und dann erreichte es langsam das Binnenland. In Großstädten wie Peking und Shanghai ist das Wort mittlerweile bekannt, aber es ist trotzdem alles andere als üblich, Gastgeber einer Party zu sein. Für viele Chinesen ist Party gleichbedeutend mit Schickimicki. Vielen ist das Wort noch sehr fremd. Im Internetforum fragt man ganz direkt: Was ist eine "Paidui"?

Aber treffen sich die Chinesen etwa nicht, um zu feiern? Doch, natürlich. Aber eine Party im chinesischen Verständnis funktioniert anders. Es wird normalerweise eine Mahlzeit vereinbart. Es muss zuerst schön gegessen werden. Man lädt vor allem solche Freunde ein, von denen man weiß, dass sie sich auch gut miteinander verstehen. Mit Fremden feiert man nicht.

Land ohne Party-Tradition

Auch ist eine Party immer etwas Kollektives, ein gemeinsames Kartenspiel zum Beispiel, dabei wären alle Gäste unter einen Hut gebracht. Unter einen Hut bringen – diese deutsche Formulierung ist perfekt, um eine Party unter Chinesen zu beschreiben.

Dabei ist sicher, dass zum Beispiel niemals einzelne Paare allein gelassen werden. Den Unterschied arbeitet die chinesisch-deutsche Grafikerin Yang Liu in ihren Bildern ziemlich gut heraus.

Die olympische Bewegung hat sich in ein Land ohne Party-Tradition begeben. Insofern ist es eine gewaltige Herausforderung, auf der Eröffnungsfeier und auch während der Spiele Party-Stimmung zu erzeugen. Die Chinesen müssen alles neu lernen, sogar das Klatschen: zweimal klatschen, dann beide Arme mit flachen Händen nach oben strecken, wieder zweimal klatschen, dann beide Arme mit erhobenem Daumen nach oben strecken. Der Staat regelt, wie man Emotionen zeigen soll. Auf viele meiner deutschen Freunde wirkt das wie ein unmoralischer Würgegriff des Staates.

Cheerleader lernen sexy zu tanzen

Dabei geht das Lernen noch viel weiter: Einstudiert wird auch, wie man als Cheerleader ein bisschen sexy tanzt, mit engen Höschen und superkurzen Röcken. Für die jungen Tänzerinnen war es am Anfang völlig ungewöhnlich, so viel Haut zu zeigen und sich sexy zu präsentieren. Sie haben sich recht schnell daran gewöhnt, während das der älteren Generation noch schwerfällt. Meine Mutter, eine konservative Frau aus der Inneren Mongolei würde sich für mich schämen, tanzte ich im Bikini am Strand. "Was für eine Schande," würde sie denken.

China ist ein Land, in dem im Moment sehr viel gelernt wird. Selbst die Party. Vielleicht ist es wirklich absurd, dass sogar das Jubeln geregelt werden muss. Aber was sollte man anderes tun, wenn man vorher noch nie Erfahrungen damit gemacht hat?

Die Autorin

Die Autorin Yuanchen Zhang, 24 Jahre alt, kommt aus der Inneren Mongolei Chinas. Sie hat in Peking studiert, lebt seit fünf Jahren in Deutschland, studiert Medienkultur an der Universität Hamburg und ist derzeit Praktikantin in der Sport-Redaktion des stern.

Yuanchen Zhang
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Nana_Xiaojie (14.08.2008, 08:32 Uhr)
Mein Land...
... ist immernoch Deutschland. Nur lebe ich zur Zeit nicht dort, sondern in China. Und in diesem Artikel geht es ausschliesslich um Tanzen/Feiern. Dazu habe ich Stellung genommen. Nicht mehr und nicht weniger.
Rooney (13.08.2008, 20:40 Uhr)
@Nana_Xiaojie
Nun bleiben sie mal am boden der Tatsachen so munter wie hier alles beschrieben wird ist es sicher bei weitem nicht in China denn wo wir probleme mit Migranten haben habt ihr zb welche mit eurem Politischen System das ja wohl jeden Chinesen beeinflussen darf ohne etwas zu befürchten. Ich würde da nicht anfangen Europa schlechter hinzustellen solang ich in meinem eigenen Land nicht regimekritisch auftreten darf... oder stimmt das etwa nicht mehr und in den letzten 2 Wochen hat sich alles geändert? Ich glaube nicht
weisserHai (13.08.2008, 09:37 Uhr)
natürlich war die Eröffnungsfeier
ein gewaltiges und gelungenes Spektakel.
Aber warum wird gleich wieder vieles kaputt gemacht, indem teilweise Bilder gefälscht werden?
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Party: Eine zügellose Loveparade wird es in Peking so schnell nicht geben - hoffentlich.
Es ist ja bei Leibe nicht alles nachahmenswert, was in Europa/USA so geschieht.
Nana_Xiaojie (13.08.2008, 08:48 Uhr)
Muss doch auch nicht, oder?
Wer von China zur Olympiade komplett verwestliches Tanzen, Anfeuern usw. erwartet, darf gern zu hause bleiben. Faehrt man nicht dort hin, um die lokale Kultur zu erleben? Mir macht es auch gar nichts aus, dass die Kultur hier nicht so "versext" und auf "Partaaaaay!" aus ist. Ist ja nicht so, als ob Chinesen nicht feste feiern koennen. Nur die kotzenden/schwangeren/U-Bahn-pruegelnden Jugendlichen bleiben einem heir erspart.
LaoLu (13.08.2008, 00:55 Uhr)
Danke, Zhang Yuan Chen,
für Ihren ernsthaften Versuch, Kritikastern Ihr Mutterland zu erklären.
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Fakten:
1. Die Eröffnungfeier war ein absoluter Hammer.
Die Tanzmäuse in weiß ein Augenschmaus (nach Dudelsackmusik können eh nur die Scots tanzen!).
Das Feuerwerk so, wie ich das von den chinesischen Pyromanen erwartet habe (und der letzte footprint war ja auch echt)
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Und was Herr Schneider moralinsauer zur Eröffnungsfeier von sich gegeben hat, ist dortselbst ausreichend kommentiert worden.
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Ja, und der SPIEGEL (MEIN Spiegel für über 30 Jahre!!) - ich lese ihn nicht mehr.
Mit dem Abgang von Rudolf Augstein begann der Abstieg, und jetzt sind sie unten angekommen.
weisserHai (12.08.2008, 21:14 Uhr)
und gerade das macht China spannend
solange es vermeintlich unpolitisch ist, lässt das System in China erstaunlich viele Lernprozesse zu.
Es wird spannend, wie sich China weiterentwickelt.
Wieder eine sehr interessanter Einblick in chinesische Sichtweisen.
So eine Kolume würde mich über die Spiele hinaus interessieren.
Profiler (12.08.2008, 20:58 Uhr)
Partyyyy
Eure Probleme möchte ich haben, liebe Redakteure!
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