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20. August 2008, 12:06 Uhr

Der Lohn der Qual

Kinder-Athleten, eine brutale Auslese und der gnadenlose Drill in den Sportschulen. Chinas Sportförderung ist gnadenlos - jedenfalls in den Augen vieler westlicher Beobachter. Warum sich dennoch so viele Chinesen auf diese Tortur einlassen, erklärt unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang.

Der tägliche Drill in den Sportinternaten wirkt unmenschlich. Doch gerade viele Chinesen aus ärmeren Provinzen sehen den Sport als eine gute Investition© David Gray/Reuters

Das harte Training in chinesischen Sportschulen ist nun auch in Deutschland vielen Sportfans bekannt, seit die Chinesen so viele Goldmedaillen gewinnen. Wenn man während dieser Olympischen Spiele über die chinesischen Sportler spricht, dann reden manche Leute von Robotern, Kampfmaschinen. Mittlerweile klingt das Wort "Kinderturnen" genauso gruselig wie Kindermisshandlung oder Tierquälerei.

"Die Trainingsinhalte grenzen an Körperverletzung: fünf Minuten Handstand, und wer am Ende die Zeit unter Schmerzen nicht noch herunterzählt, bekommt Ärger in Form anderer Quälereien," schrieb der stern.de-Kollege Jens Fischer im Artikel "Die Milchzahn-Roboter." Warum schicken die Eltern trotz aller schlimmen Bedingungen ihre Kinder in die Sportschule? Welchen Stellenwert hat Sport in China eigentlich?

Im chinesischen Alltag ist Sport überhaupt nicht so beliebt wie in Deutschland. Schließlich sind es nur die Rentner, die jeden Tag Sport treiben. Sie üben morgens im Stadtpark Taiji oder Gruppengymnastik. Oder es sind die gut verdienten jungen Frauen, die sehr auf ihre Figuren achten und nach Feierabend in die Sportclubs gehen. Außerdem ist eine Mitgliedskarte für chinesische Verhältnisse nicht billig.

Nun, warum schicken so viele Eltern ihre Kinder in die Sportschulen und lassen sie so hart trainieren und sogar "quälen?"

Sport als Chance, dem sozialen Elend zu entfliehen

Eine Tatsache ist: Viele chinesische Sportler kommen aus einfachen sozialen Verhältnissen. Die Turnerin Cheng Fei zum Beispiel musste vor zehn Jahren noch selbstgestrickte Handschuhe verkaufen, um ihr Schulgeld zahlen zu können. Auch der Star-Hürdenläufer Liu Xiang kommt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater ist Kraftfahrer, die Mutter arbeitslos.

Besonders die Sportler der harten Disziplinen wie Gewichtheben oder Langstreckenlaufen kommen traditionsgemäß aus ärmeren Provinzen. Für sie ist Sport eine Chance, aus dem Elend herauszukommen. Viele Eltern sehen daher Sport als eine gute Investition - als ein Glückslos in einer Lotterie.

Die Chance, Spitzensportler zu sein, ist gering, aber falls man es doch schafft, verdient man schneller Geld. Die Goldmedaillen-Gewinner bekommen diesmal zum Beispiel umgerechnet 100.000 Euro als Belohnung. So verdienen die jungen chinesischen Olympiasieger mit 16 oder 17 schon ihre erste Million, nach chinesischer Währung. Wenn das Kind es doch nicht bis zur Spitze schafft, schadet es dann auch nicht. In einer Sportschule sind die Kosten ohnehin geringer als auf einem Gymnasium und auch später im Studium.

Während man in Deutschland Sporttraining und Abitur gleichzeitig macht, ist das in China kaum möglich. Sport ist dort Beruf, kein Hobby. Außerdem ist das chinesische Abitur nicht einfach. Wenn man auf die Universität gehen möchte, muss man auch fleißig lernen. Deshalb haben die chinesischen Sportler in Sachen Bildung immer noch ein schlechtes Image: Die meisten können kein Englisch sprechen, sind schlecht ausgebildet. Viele Sportler haben gerade mal ihren Grundschul-Abschluss geschafft. Die Sportler konzentrieren sich lediglich auf das Training, nur wenn sie bis zur Spitze schaffen, haben sie ein sorgenfreies Leben.

Teure Sportarten wie Tennis oder Rudern könnten ohne staatliche Förderung nicht geleistet werden. Eine Ein-Man-Industrie wie bei dem amerikanischen Schwimmer Michael Phelps gibt es in China nicht.

Deal zwischen Staat und Sportlern

Sport ist ein Deal zwischen dem Staat und den Sportlern. Der Staat ist der Auftragsgeber, er steckt Geld hinein. Die Sportler müssen die Aufträge erledigen. Auch die Werbeeinnahmen teilen sie. Das Sportsystem funktioniert wie die Wirtschaft Chinas, halb sozialistisch, halb kapitalistisch. Auch zu ihren Trainern haben die Sportler eine sehr persönliche Beziehung, wie Meister und Lehrling. Die Sportler qualifizieren sich bei dem Meister und werden wahrscheinlich später den gleichen Beruf ausüben: als Trainer. Die meisten verbringen mit ihren Trainern mehr Zeit als mit den eigenen Eltern.

Obwohl das harte Training aus deutscher Sicht unmenschlich scheint, ist es in China normal. "Winterblüte blüht in der bitterlichen Kälte." Ein Spruch, den jeder Chinese kennt. Nicht nur das Training in einer Sportschule ist hart, auch für das Abitur oder in einer Musikschule braucht man viel Fleiß. Glaubt jemand, der Klavierspieler Lang Lang habe alles mit seinem Talent verdient? Vielmehr haben der ehrgeizige Vater und harte Übungen dazu beigetragen.

Das System ist durchlässiger geworden

Ich sehe allerdings ein paar positive Entwicklungen in der chinesischen Sportmaschinerie. Verglichen mit den Jahren zuvor ist das System viel lockerer geworden. Früher gab es nur Sportler, keine Sportstars. Jetzt aber schon. Früher zeigten die Sportler wenige Gefühle, jetzt können die Männer sogar weinen. Früher musste man trotz eines Knochenbruchs weiter laufen, nun entscheidet man sich fürs Aufgeben. Im Juni bin ich sogar einem Sportler begegnet, der studiert. Der Beachvolleyballer spricht gut Englisch und studiert in einer Shanghaier Elite-Universität. Sein Fach: Französisch.

Die Autorin

Die Autorin Yuanchen Zhang, 24 Jahre alt, kommt aus der Inneren Mongolei Chinas. Sie hat in Peking studiert, lebt seit fünf Jahren in Deutschland, studiert Medienkultur an der Universität Hamburg und ist derzeit Praktikantin in der Sport-Redaktion des stern.

Yuanchen Zhang
 
 
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