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5. August 2008, 12:31 Uhr

Im Land der Ahnungslosen

"Ni hao" aus Peking, dem Nabel des sportlichen Universums. Ich heiße Jens Fischer und bin Ihr stern.de-Reporter vor Ort bei Olympia. Von mir erfahren Sie regelmäßig, was sich hier in Peking hinter den Kulissen abspielt, wie die Chinesen auf den Ansturm der Welt reagieren und was ich hier sonst noch so erlebe. Schon wenige Stunden nach meiner Ankunft weiß ich: Vertraue nie den kleinen Helferlein. Von Jens Fischer, Peking

Stets bemüht, aber leider ziemlich oft auch ahnungslos: die chinesischen Helfer© Peer Grimm/DPA

Die Chinesen haben alles im Griff, alles ist generalstabsmäßig organisiert, jeder noch so unbedeutende Helfer weiß genau, was er in den kommenden drei Wochen zu tun hat. Unbestritten: Diese Olympiade in Peking ist konflikt- und problembeladen, aber eines läuft wie am Schnürchen, hieß es zumindest im Vorfeld der Spiele. Die Planung dieses Mega-Events. Die Wettkampfstätten sind seit Monaten fertig, Zuschauer, Sportler und nicht zuletzt Journalisten wie ich werden hier in China perfekte Bedingungen vorfinden. Da war sich das allmächtige IOC sicher.

Und ließ nicht locker, dies über alle möglichen Kanäle zu verkünden. Aber die Realität zeigt leider einmal mehr: Jede Theorie muss sich erst beweisen. Jacques Rogge und seine Freunde haben die Rechnung ohne den Wirt, äh Chinesen, gemacht. Denn der normale Chinese an sich ist ein freundlicher Mensch, stets bemüht, aber leider ziemlich oft auch ahnungslos. Das wurde mir in den letzten Stunden meines ersten Tages mehr als klar. Eskort-Wahnsinn mit Null-Information Das Chaos begann bereits direkt nach meiner Ankunft am Flughafen. Schwer erschöpft nach dem langen Flug von Hamburg kam ich hier in Peking an, und wurde sogleich von der ungeheuren Dosis Service frontal erschlagen: Überall diese kleinen Helferlein, mit weißen, roten und roten Uniformen, sportlich, adrett und immer mit einem netten Lächeln im Gesicht. "Ni hao" hier, "Nia hao" da, "Nie hao" dort, überall "Nia hao" – schön und gut, aber was hilft' s, wenn sich dieser Eskort-Wahnsinn als wahrer Meister der Null-Information entpuppt.

Gleich in der Ankunftshalle verkauft die nette junge Frau an ihrem putzigen Ständchen chinesische Handykarten, hat aber keine Ahnung, wie diese frei zu schalten, geschweige denn einzulegen sind. Da weiß der nette uniformierte Herr an der Passkontrolle nicht, dass Akkreditierung gleich Visa ist. Nicht ganz unwichtig bei der Einreise. Wenigstens kam meine Tasche zuverlässig aus dem Schlund gekrochen, na gut, Fließbänder können auch nicht sprechen, Englisch haben sie nicht nötig.

Nähzeug für Journalisten

Nach Verlassen des Pekinger Flughafens das gleiche Spiel: Überall wuselt es um einen rum, Frage hier, Antwort dort, Meinungen überall - klare Antworten gab es nie. Stichhaltige Informationen: Fehlanzeige. Wie sicher war sich doch mein Taxifahrer, den Weg zu meinem Hotel zu kennen, das Resultat am Ende: Ewige Fahrt, falsches Hotel, wieder rein ins Taxi, noch mal durch die halbe Stadt. Klasse.

Jetzt ist es 17 Uhr Pekinger Ortszeit und ich bin endlich angekommen - noch weiß ich nicht viel über diesen Moloch, kenne die Wege zu meinen Arbeitsstätten nicht und gegessen habe ich auch noch nichts. Da fällt mir ein: Waren da nicht an jeder Straßenecke diese bizarren Helferstände? Dort gibt es Hilfe für Journalisten jeder Art: Pflaster, Vitamine, Nähzeug (kein Witz!)… Aber eines gibt es dort ganz sicher nicht: Kompetente Ratschläge, nützliche Hinweise, Aussagen die einen ganz konkret nach vorne bringen. Halt: Gibt es wahrscheinlich schon - aber wer kann schon chinesisch?

Lesen Sie morgen über meinen Ausflug nach Shenyang zum ersten Spiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gegen Brasilien. Ich freue mich schon, klappt sicher wie am Schnürchen. Záijián.

Von Jens Fischer, Peking
 
 
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