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21. August 2008, 06:41 Uhr

Zu Gast bei Ronaldinho

Was ist das eigentlich, das olympische Dorf? Klar, da wohnen die Sportler, und der olympische Geist soll dort zu Hause sein, heißt es. Anscheinend wohnt er in grauen hässlichen Häuserblocks. Aber die Fassade trügt: Die Stimmung ist faszinierend. Als ich dann noch einen Weltstar treffe, ist es um mich geschehen. Von Jens Fischer, Peking

Faszinierende Begegnung im olympischen Dorf: Brasiliens Superstar Ronaldinho© DPA

Natürlich sind die Sportler in erster Linie hier in Peking, um Erfolg zu haben. Sie wollen eine Medaille erringen oder zumindest eine persönliche Bestleistung aufstellen. Das ist das große Ziel. Während meiner Zeit bei den olympischen Spielen fällt mir aber immer wieder auf, wie wichtig es den meisten Athleten ist, einfach hier in Peking dabei zu sein und den olympischen Geist zu spüren. Der deutsche NBA-Superstar Dirk Nowitzki ist nur ein Beispiel, das zeigt, welche immense Bedeutung Olympia für einen Sportler hat.

Was ist für die Sportler das Faszinierende an Olympia? Letztendlich ist es doch nur ein Wettkampf wie Welt- oder Europameisterschaften auch. Sie stehen unter Druck und müssen alles bringen. Aber Olympia ist anders. Besonders in den Momenten, in denen sie unbeobachtet von den Medien ihre Freizeit genießen. Was machen Nowitzki, Britta Steffen, unser Wahnsinns-Gewichtheber Matthias Steiner und die anderen deutschen Athleten eigentlich, wenn sie keinen Wettkampf haben und bei Olympia einfach einmal Mensch sein dürfen? Was ist das eigentlich – das olympische Dorf, der Ort, wo die Sportler in Peking zu Hause sind?

Es soll das schönste Dorf der olympischen Geschichte sein

Das will ich wissen und mache mich am Mittwoch auf den Weg. Ich habe einen Interview-Termin mit unserem besten deutschen Sprinter, Tobias Unger. Auf dem Weg zu meiner Verabredung fahre ich mit dem Bus am Heiligtum der Sportler vorbei: dem Olympischen Dorf. Aus dem Bus sehe ich eine riesige Wohnsiedlung. Ein Hochhaus neben dem anderen. Sozialistischer Wohnungsbau, denke ich mir. Das soll das von den Sportlern so hoch gelobte Dorf sein, nach Athleten-Meinung das schönste Dorf der olympischen Geschichte. Die Architektur können sie damit nicht meinen.

Auf jeden Fall ist es extrem wichtig. Ein meterhoher Zaun umgibt das Gelände, mal wieder überall Polizei, Armee, Kontrollen, wohin mal blickt. Vor dem Zaun und den Eingängen eine Fernsehstation neben der anderen - vielleicht kommt ja mal ein Superstar raus. Die Faszination des Unnahbaren - hier hat sie ihre Form gefunden. Das einzige, was auf der Fahrt bei mir Emotionen auslöst, sind die vielen Landesfahnen, die aus den Fenstern hängen. Schon ein gutes Gefühl, zu wissen, wo die Deutschen wohnen. Vorne links, ganz an der Ecke, direkt an der Straße - da ist es bestimmt am lautesten, denke ich mir. Bei den Jamaikanern hängt der größte Banner vom Balkon. Kein Wunder, fühlen sich ja auch am Größten. Und ach ja: Läuft da nicht Usain Bolt zwischen den Häusergassen herum. Schnell mal rüber zur restlichen Sprinter-Gang? Gut möglich. Sein Block, sein Viertel, sein Bezirk.

Im Teehaus lässt sich entspannt plaudern

Mein Interview mit Unger findet in der internationalen Zone statt. Ebenfalls akribisch abgesichert ist sie so eine Art Treff für Jedermann. Für Sportler, aber auch für Trainer, Offizielle - und natürlich Journalisten. Nachdem ich die Sicherheitskontrollen überstanden habe, gehe ich hinein in die internationale Zone. In diesem Augenblick bekommt Olympia für mich eine andere Qualität. Es ist emotionaler, man ist näher dran am Wichtigsten, direkt bei den Sportlern. Ich habe mich gerade einmal umgedreht, da stehen dann auch schon die beiden deutschen Beachvolleyballer Daniel Klemperer und Eric Koreng, dort plaudert das Triathlon-Gold-Ass Jan Frodeno. Jetzt muss sich mich beeilen, Tobi Unger wartet schon auf mich. Schnell noch vorbei an den bulgarischen Gewichthebern und drei dunkelhäutigen Sprinter-Schönheiten und da sitzt der Tobi schon: im chinesischen Teehaus. Wirklich nett, hier lässt sich entspannt plaudern, denke ich mir.

"Hier im Dorf ist es einfach einmalig. Man trifft die deutschen Kollegen aus anderen Sportarten, die ganze Atmosphäre ist einfach klasse", meint er im Interview zu mir. Tobi Unger ist begeistert. Besonders ein Erlebnis werde er nie vergessen: "Dirk Nowitzki hier zu treffen, ist super. Der ist einfach ein Superstar und trotzdem überhaupt nicht abgehoben." Nowitzki verkörpert den olympischen Geist, da sind sich auch die Sportler einig.

Alle Stars werden zu ganz normalen Menschen

Nach meinem Gespräch schaue ich mich noch ein wenig um. Die internationale Zone ist wie eine kleine Stadt. Frisör, Supermarkt, Post und diverse Möglichkeiten zum gemütlichen Einkehren - alles da. Allerdings schon merkwürdig, wenn man seine Freizeit in einem solchen Retorten-Areal verbringen muss.

Auf meinem Weg zurück zum Bus bin ich dennoch fasziniert. Der olympische Geist schwebt über allen, alle Nationen sind hier vertreten, alle Sportarten - die Stars werden hier zu ganz normalen Menschen. Kurz noch ein Hallo für Steffi Jones, unsere ehemalige Star-Kickerin, dann muss ich gehen. Wieder durch die Sicherheitsschleuse, dann stehe ich auf dem Busparkplatz. Als ich mich beim Einsteigen ein letztes Mal umdrehe, sehe ich Ronaldinho und die Brasilianer. Auch er steigt in den Bus.

Ich bin begeistert.

Der Autor

Der Autor Während der Spiele von Peking klappt Olympia-Reporter Jens Fischer sein Tagebuch auf. Der Sportredakteur reist durch China und fängt zwischen den Wettbewerben die Stimmung im Reich der Mitte ein. In seinen Skizzen aus Peking erfahren Sie, was dem Mann in den Tagen von Olympia so alles widerfährt.

Von Jens Fischer, Peking
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
LaoLu (23.08.2008, 03:50 Uhr)
@GoEast
das Unwort sollten Sie bei Ihrem nächsten Heimatbesuch mal mit einem deutschen Polizisten Ihres Vertrauens diskutieren...
GoEast (22.08.2008, 11:52 Uhr)
Wortschatz
"legale Gewalt" ist fuer mich das neue Unwort der chinesischen Seele die aufgebaut ist durch Propaganda!
Nana_Xiaojie (22.08.2008, 05:44 Uhr)
Jaja, der sozialistische Wohnungsbau!
Schonmal in Dortmund gewesen?
albundy69 (21.08.2008, 11:00 Uhr)
"unterdrückte Uiguren"
Soll hier wieder ein Mythos "a la liebe nette orangegewandete Komiker in Tibet" aufgebaut werden. Uigurische banden sind laut Eigenbezichtigung für den Tod von mehrerern Dutzend Chinesen verantwortlich. Wenn das Volk der Uiguren, wenn sein Repräsentanten, die Regeln des Spiels, das heisst die chinesische Verfassung beachten würden, dann wäre dieses Volk eine genauso geachtetes Mitglied der chinesischen Völkerfamilie, wei alle anderen 34 Völker auc. Im Moment aber sieht es so aus, dass die Uiguren unter Anwendung von legaler gewalt dazu gebracht werden müssen, hier korrekt zu handeln ! Sollten die Uiguren diesen Weg weiterbeschreiten ist es klar, dass es zu weiteren Repressionen und Zurechtweisungen seitens der Zentralregierung kommen muss. Der Fehler, den der Westen dann nicht machen darf, ist hier genauso blauäugig zu reagieren wie im "Fall Tibet"
LaoLu (21.08.2008, 10:14 Uhr)
"Ein meterhoher Zaun
umgibt das Gelände, mal wieder überall Polizei, Armee, Kontrollen, wohin mal blickt."
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Wie alt sind Sie, Herr Fischer? 1972 schon auf der Welt gewesen?
Damals fand das Blutbad im olympischen Dorf seinen Anfang.
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Und die chinesischen Sicherheitskräfte sind etwas nervös, rechnet man doch mit Störungen, unter anderem durch die unterdrückten Uiguren.
Für die man in der deutschen Presse einer gewissen Sympathie hegt...
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