. .
News am 02.06.2012
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. August 2008, 09:10 Uhr

Reggae-Party auf der großen Mauer

Nach drei Wochen ist endlich Sightseeing angesagt: Unser Autor fährt zur großen Mauer. Glühende Hitze und endlose Menschenmengen fordern allerdings ihren Tribut. Dafür wird Jens Fischer durch ene besondere Begegnung entschädigt.

Chinesische Mauer: Bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt© Andrew Wong/Getty Images

Wenn einer in den Urlaub fährt, ist immer auch ein wenig Sightseeing angesagt. In Paris der Eifelturm, in London Westminster Abbey oder auch mal die Azteken in Mexiko - das darf man nicht verpassen, das muss man gesehen haben. Alleine schon wegen der lieben Zuhausgebliebenen. Denn die wollen Fotos sehen. Die brauchen Beweise, dass man an diesen Orten auch wirklich war. Und so ist das auch mit der großen Mauer.

Also gut. Dann fahre ich halt. Fast drei Wochen hatte ich sie immer im Hinterkopf, ständig präsent war dieses monumentale historische Steinmonster in den umliegenden Bergen. Aber ich hatte einfach keine Zeit. Von einer Wettkampfstätte zur anderen bin ich gehastet, immer auf der Suche nach einer guten Story. Von frühmorgens bis spät am Abend habe ich geschrieben, recherchiert, telefoniert - meine Leute in der Redaktion wollen ja was sehen. Da bleibt kein Raum für Freizeit. Aber ich muss doch noch, ich muss sie sehen diese Mauer.

Sündhaft teure Taxifahrt

Heute war es dann soweit. Sozusagen die allerletzte Chance. Mitten in der Nacht um halb sechs aufgestanden, schnell die letzte Folge meiner Show "Der Herr der Ringe" abgedreht - jetzt aber los! Wie komme ich hin? Bus oder Bahn - die günstigen Varianten. Aber wahnsinnig zeitintensiv. Hin und zurück - das dauert den ganzen Tag. Kann ich mir nicht leisten, also Taxi. Für chinesische Verhältnisse sündhaft teuer. Fast eine Stunde bin ich unterwegs, dann ist es endlich soweit. Ich bin an der Mauer. Also nicht direkt. Jetzt bin ich erst einmal auf einem Parkplatz. Und da bin ich nicht der einzige.

Verstopfung auf der Mauer

Halb China plus Touristen plus Journalisten wollen heute auf die Mauer. Hält die das denn überhaupt aus, denke ich mir. Egal, da muss ich durch. Ich entscheide mich für die bequeme Alternative und nehme die Gondel. Skifeeling an der großen Mauer, sozusagen. Schnell das Ticket gelöst und hoch geht's. Nach kurzer Fahrt bin ich da - endlich direkt an der Mauer. Sogar schon oben drauf. Soll ja irre steil sein und super anstrengend, ein einziges Auf und Ab habe ich gehört. Das erste Problem ist ein anderes - Stau. Verstopfung auf der Mauer. Ich komme nicht vorwärts, die Chinesen haben heute frei, und Kind und Kegel haben sie gleich mitgebracht.

Beeindruckend ist sie schon, diese Mauer. Alleine der Blick über das Bergpanorama ist fantastisch. Und sie will einfach nicht aufhören, weit hinten am Horizont ist sie noch zu sehen. Unglaublich. Wie haben die das früher geschafft, die Arbeiter des Kaisers? 6350 Kilometer lang soll sie sein, natürlich sehe ich nur einen Bruchteil. Jetzt laufe ich los, vielmehr: ich wühle mich durch. Die ersten Meter sind angenehm, was soll daran denn so anstrengend sein? Geht doch locker. Gut: Der erste Anstieg kommt erst noch.

Der Blick entschädigt für vieles

Eine Viertelstunde später bin ich körperlich am Ende. Steigungen von gefühlten 60 Grad, 40 Grad Celsius und stechende Sonne fordern ihren Tribut. Ich bin klatschnass geschwitzt, locker bleiben, denke ich mir - ist ja wahnsinnig historisch hier. Der Blick entschädigt für vieles, aber nicht für das fehlende Wasser und auch nicht für die pressenden, drückenden und schiebenden Menschenmassen. Nahkampf auf der Mauer - für mich die nächste olympische Disziplin.

Müde und erschöpft

Immer wieder schweift mein Blick auf die andere Seite, wenn ich nicht gerade erschöpft den Boden fixiere. Da ist ein anderes Stück Mauer. Ganz leer. Dort ist kein Mauer-Terror, fast romantisch ist es da drüben. Das ist die Independent-Mauer. Wie kommt man denn da rüber? Ich weiß es nicht und in diesem Moment ist es mir auch egal. Mir ist alles egal - der nächste Anstieg wartet, die nächste Hürde, die nächste Bergetappe meiner Tour de Mauer.

Während ich mich da so hoch kämpfe, höre ich plötzlich ausgelassene Jubelgesänge. Das ist jemand gut drauf, ich bin nur noch fertig. Als ich hochblicke, traue ich meinen Augen kaum. Die jamaikanischen Wundersprinter sind auch da, Bolt ist nicht dabei, aber einige andere. Hat man vor denen denn niemals seine Ruhe? Jetzt sprinten die auch noch hier allen davon und machen ihre Reggae-Party. Ich kann nicht mehr.

Nach etwa einer halbe Stunde mache ich mich auf den Rückweg. Rückzug - runter von der Mauer, natürlich wieder mit der Gondel, schnell zum Taxi. Ich bin müde und erschöpft. Und möchte nur noch schlafen.

Jens Fischer, Peking

Der Autor

Der Autor Während der Spiele von Peking klappt Olympia-Reporter Jens Fischer sein Tagebuch auf. Der Sportredakteur reist durch China und fängt zwischen den Wettbewerben die Stimmung im Reich der Mitte ein. In seinen Skizzen aus Peking erfahren Sie, was dem Mann in den Tagen von Olympia so alles widerfährt.

 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Peking-Skizzen, Teil 17 Die Fassade bröckelt schon

Noch drei Tage Olympia, noch drei Tage Hochglanz-China. Aber schon jetzt erlebe ich erste Vorzeichen der Zeit nach den Spielen. Die Wettkampf-Hallen werden ausgeräumt, man macht sich bereit für das normale Leben. Dass dies dann nicht mehr viel mit der Olympia-Welt zu tun haben wird - das ist mir seit letztem Abend mehr als klar. mehr...

Peking-Skizzen, Teil 16 Zu Gast bei Ronaldinho

Was ist das eigentlich, das olympische Dorf? Klar, da wohnen die Sportler, und der olympische Geist soll dort zu Hause sein, heißt es. Anscheinend wohnt er in grauen hässlichen Häuserblocks. Aber die Fassade trügt: Die Stimmung ist faszinierend. Als ich dann noch einen Weltstar treffe, ist es um mich geschehen. mehr...

Peking-Skizzen, Teil 15 Händler des Grauens

Alles ist billig, das darfst du nicht verpassen! Bevor ich nach China reiste, bekam ich einen klaren Auftrag: Einkaufen. Heute war es soweit - und es war schrecklich. Die "Schnäppchen-Halle" voll mit Menschen, die Händler aufdringlich, der Kaufvorgang extrem kräftezehrend. mehr...

Peking-Skizzen, Teil 14 Relaxen im Mondschein

Urlaubsgefühle? Fehlanzeige. Ich bin ja auch zum Arbeiten in Peking. Aber ein wenig Entspannung sollte doch auch mal möglich sein. Gestern Abend war es dann soweit, Olympia war weit weg. Chinesen schlenderten um einen See, liehen sich Ruderboote aus und genossen den Abend. Ich war dabei – und hatte endlich Zeit für ein nettes Restaurant. mehr...

Peking-Skizzen, Teil 13 Die Welt ist zu Gast - endlich

Beim Tischtennis, Fechten oder Handball - es gibt sie, die internationalen Fans, aber leider viel zu wenige. Bei der Leichtathletik ist das anders: Da machen die Afrikaner und Karibik-Boys richtig Stimmung. Das internationale Flair Olympias ist endlich angekommen. Nur eines fand ich am Samstagabend im "Vogelnest" so richtig nervig. mehr...