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6. August 2008, 10:43 Uhr

Wilde Irrfahrt durch den Smog

"Ni hao" - willkommen zu meinem Tagebuch aus Peking. Mein erster ganzer Tag hier in diesem abgedrehten Land: Früh raus, Flug nach Shenyang zu den deutschen Fußball-Frauen und immer wieder dieses wahnsinnige Gefühl, sich auf einem riesigen Sport-Planeten zu befinden. Da verliert man leicht einmal den Durchblick. Von Jens Fischer, Peking/Shenyang

Unser Mann in Peking wurde auf den Straßen der chinesischen Hauptstadt buchstäblich zum rasenden Reporter - allerdings mehr als unfreiwillig© Gil Cohen Magen/Reuters

Sie sind Skifahrer? Sie lieben es in Ihrem Feriendomizil aufzuwachen, verträumt aus dem Fenster auf die verschneiten, noch Wolken verhangenen Berge zu blicken und gleichzeitig zu wissen: Heute wird ein klasse Tag. Der Nebel wird sich verziehen, die Sonne aufsteigen - alpine Romantik zum Verlieben. So ähnlich erging es mir heute Morgen auch – aber unter etwas veränderten Vorzeichen.

Bereits um 6 Uhr klingelte mein Wecker. Nach dem Schock die Erkenntnis: Ich bin da, ich bin im Zentrum der Sportwelt angekommen, ich bin in Peking, der Heimat der Olympischen Sommerspiele 2008. Ich fühle mich gut, schließlich fliege ich heute in den Hitze-Moloch Shenyang zum Vorrunden-Kracher der deutschen Fußball-Mädels gegen die Samba-Girls aus Brasilien. Aber komisch, etwas trübt meine Vorfreude - und zwar im wahrsten Sinne: Der Blick aus meinem Hotelzimmer. Der Smog ist da, mit seiner ganzen Macht - gefürchtet von Einheimischen, Athleten und auch uns Journalisten.

Kein Himmel weit und breit

Keine 50 Meter weit sind zu sehen. In die Hinterhöfe hat er sich gefressen, die Abgasglocke verdeckt die Hochhäuser, kein Himmel über Peking. Da ist er also, egal: Ich muss los, auf zum Flughafen, auf zum Sport. Aber kaum habe ich das Hotel verlassen, werde ich schon wieder zum Protagonisten eines Filmes mit surrealem Anstrich. Zum nächsten Taxistand sind es lediglich 100 Meter, durch den Smog, inmitten der wild hupenden Abgas-Ungeheuer, vorbei an den Wanderarbeitern mit ihren fast kunstvoll zusammengeflickten Fahrrad-Vehikeln - und ich bin für die Leute hier einfach eine merkwürdige Erscheinung: der Mann mit dem Laptop, der Journalist mit der Akkreditierung um den Hals.

Noch schnell am Straßenrand ein Teigtäschchen mit undefinierbaren Tier-Inhalt? Oder ein Solei, eingelegt in rote Essig-Brühe. Oder einen leckeren "Smoothie" aus dicker, roter Obst-Brühe? Ich nehme ein Wasser für 10 Cent - da weiß ich, was ich habe, und mein Magen wird es mir sicher danken. Dann rein ins Taxi, das übliche Gestikulieren, Erklären, nichts Verstehen - endlich geht’s los zum Flughafen.

Rückwärts auf der Autobahn

Klar, der Fahrer weiß Bescheid. Klar, Terminal 3 - für ihn locker und leicht zu finden. Nur, dass er mitten auf der Autobahn die entscheidende Ausfahrt verpasst. Mist, ich verpasse meinen Flieger, denke ich. Aber da habe ich die Rechnung ohne den Piloten gemacht. Mitten auf der Autobahn rast er auf die Standspur, haut den Rückwärtsgang rein und zurück mit Vollgas - 500 Meter, die jedem Autofahrer in Deutschland für sehr, sehr lange den Führerschein kosten würden. Nicht in Peking. Hier ist das normal, hier darf man das ganz offensichtlich. Er findet es jedenfalls irre komisch, ich weniger, aber Hauptsache ich erwische mein Flugzeug. Schon verrückt, was hier so alles möglich ist.

Nach einer Stunde Flugzeit komme ich an. In Shenyang, einem 5-Millionen-Industrie-Giganten. Schnell zum Hotel, meine Kolumne fertig schreiben und dann los: Mit den deutschen Damen beginnt die Olympiade jetzt so richtig, und ich bin froh, dass es endlich auch sportlich losgeht. Peking ist irre, aber schließlich ist es irgendwo einfach auch nur Olympia 2008.

Am Donnerstag werde ich zurück in Peking sein. Dann werde ich ihn wieder erleben, den Typus "Italo-Chinese". Zu finden immer und überall. Morgen stelle ich Ihn vor. Záijián.

Von Jens Fischer, Peking/Shenyang
 
 
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