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10. August 2008, 06:23 Uhr

Mit Sido am Strand

Kaum zu glauben, aber die Chinesen können auch anders. Locker, einfach mal entspannt. Beim Beachvolleyball. Dort war richtig Partystimmung angesagt, ganz so wie die Menschen überall auf der Welt diese Sportart lieben. Ein tolles Gefühl, dass ich hier in Peking gerne noch viel öfter hätte. Von Jens Fischer, Peking

Chinas Beachvolleyballerinnen versetzten ihre Landsleute in Ekstase© Michael Steele/Getty Images

Es war gerade einmal zehn Uhr morgens, als im Chaoyang-Park von Peking bereits alle Dämme brachen. Die Zeit war reif für die beiden chinesischen Heldinnen des Beachvolleyballs. Wang und Tian Jia betraten das Sand-Areal und in diesem Moment war ich mir seit meiner Ankunft hier in Peking zum ersten Mal sicher: Die Chinesen haben durchaus Emotionen und sind in der Lage, sich der Ekstase hinzugeben. Leider dauerte das Spiel der beiden Asiatinnen gegen die trägen Schweizerinnen Kuhn und Schwer nicht allzu lange, schnell hatten die beiden chinesischen Pop-Stars des Sports das Spiel für sich entschieden.

Schade. Ich hätte dieses Spiel und die schöne Zeit unbeschwerter Lebensfreude gerne noch viel länger genossen. Dennoch war ich froh, mich an diesem Tag für den Beachvollyball entschieden zu haben. Hier hatte ich das Gefühl, in einer völlig anderen Welt zu sein. Hier gab es keine Polizei, hier gab es keine Soldaten, hier gab es pure Lebensfreude. Endlich war eine Sportart so, dass sie in der Lage war, ein Lebensgefühl zu transportieren. Es war einfach Partystimmung auf den Rängen - und das trotz glühender Hitze, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und der Insekten-Invasion aus dem benachbarten Park.

Deutsche Schlager verlassen dich nie

Zu sehen, wie die Chinesen sich bei jedem Punktgewinn ihrer Spielerinnen freuten, in Jubelstürme ausbrachen und frenetisch applaudierten, rettete mir den Tag. Als ich nach circa zwei Stunden das Beachvolleyball-Gelände verließ, mal wieder auf der Suche nach einem geeigneten Gefährt zum Medienzentrum, war ich einfach nur gut drauf. Nur einmal erschrak ich an diesem Vormittag: Als sich der DJ - verantwortlich für die dröhnende Disko-Mucke zwischen den Ballwechseln - urplötzlich als Fan des deutschen Schlagers entpuppte. Halluzinierte ich?

"Du hast mich einfach angemacht, das war ein Überfall", "Weiber wollen immer nur das eine", und ja: "Weiber sehen tierisch gut aus". Unfassbar: Spinnt der? Ist der von allen guten Geistern verlassen? Ist das Michael Wendler oder der König der Bierstraße? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was den DJ geritten hat und wie er überhaupt an diese Perle deutschen Liedguts geraten ist. Den Leuten im Stadion war es egal: Sie gingen voll ab, sie fanden alles gut, was Stimmung bringt. Und ehrlich gesagt: Ich auch in diesem Moment.

Böses Erwachen im Hotel

Auch die aufgedrehten, blutjungen Chearleaderinnen in den Pausen störten mich nicht. Gaben sie doch auch wirklich alles. Waren da Drogen im Spiel? Ich denke nicht, das Wildsein hatten sie wahrscheinlich monatelang geübt. So wie mit Sicherheit auch fünf andere Zeitgenossen ihren großen Auftritt akribisch einstudiert hatten. Die taten mir dann doch richtig Leid. Bei fast 40 Grad Celsius Außentemperatur tanzten fünf arme Seelen im Fuwa-Kostüm durch den Sand und verloren bei jedem ihrer Einsätze die Hälfte Körperflüssigkeit. Arme Maskottchen.

Ich jedenfalls hatte einen klasse Vormittag. Der mir dann sogleich noch einmal versüßt wurde. Denn der erwähnte DJ hatte ein weiteres Schmankerl parat: Sido - ja unser Sido, der deutsche Promi-Skandalrapper - meldete sich aus den Lautsprecher: "Meine Stadt, mein Bezirk - mein Block". Witzige Idee, passt ja gut zum Volleyball.

Weniger witzig dagegen, was mir in der letzten Nacht passierte. Um halb eins ein heftiges Klopfen an der Hoteltür, chinesische Kommandos hallten aus dem Gang. Ich öffne die Tür, vor mir sechs grimmige Polizisten. Ausweiskontrolle, "You are alone?", was machen Sie hier. Ein Schock zu später Stunde. Meine Akkreditierung besänftigte sie, nach 15 Minuten bangen Wartens waren sie wieder weg und widmeten sich den anderen Zimmern. Aber da war meine gute Stimmung vom Vormittag schon wie weggeblasen - Gute Nacht!

Der Autor

Der Autor Während der Spiele von Peking klappt Olympia-Reporter Jens Fischer sein Tagebuch auf. Der Sportredakteur reist durch China und fängt zwischen den Wettbewerben die Stimmung im Reich der Mitte ein. In seinen Skizzen aus Peking erfahren Sie, was dem Mann in den Tagen von Olympia so alles widerfährt.

Von Jens Fischer, Peking
 
 
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