Peking-Skizzen, Teil 3


Heiße Karaoke im Brauhaus-Stüberl

  • 07.08.2008, 10:29 Uhr

 © Marcus Brandt/DDP
Bayrisches Brauchtum in China mit Weißbier und Dirndl - für unseren Tagebuch-Schreiber eine skurille Erfahrung

Von Jens Fischer, Peking

Das olympische Auftaktspiel der deutschen Fußball-Damen war schlecht, mein Aha-Effekt wenige Stunden später umso größer: Riesige Maßkrüge und Berge von Fleisch, dazu drei chinesische Damen, die alles gaben, was sie hatten - mein Abend-Schmaus hatte es wirklich in sich. Oder hätten Sie das Münchner "Paulaner Brauhäus" inmitten eines chinesischen Industrie-Molochs erwartet?

Ja, zugegeben: Eigentlich wollte ich Ihnen heute in meinem Olympia-Tagebuch von etwas anderem berichten. Und zwar von den von mir so genannten "Italo-Chinesen" - einer Spezies, die hier in Peking sehr weit verbreitet ist. Jetzt aber brennt mir etwas anderes auf den Nägeln, die Erlebnisse meines gestrigen Abends nach dem Spiel der deutschen Fußball-Frauen gegen Brasilien möchte ich Ihnen heute auf keinen Fall vorenthalten.
 
Ich kam gegen 22 Uhr in mein Hotel zurück, völlig erschöpft und nur wenig zufrieden mit dem Spiel der deutschen Damen-Nationalmannschaft. Ein mageres 0:0, da hatte ich mir wirklich mehr versprochen. Die Rückfahrt "nach Hause" toppte aber alles. Polizei und Armee hatten am Mittwochabend rund um das Stadion eine Art Sicherheitszone isoliert, kein öffentliches Taxi durfte in diese hinein- oder herausfahren. Für mich bedeutete das: ein ellenlanger Fußmarsch durch die Dunkelheit, quer über riesige Plätze und Straßen. Abseits des Olympia-Trubels merkt man erst, unter welchen Bedingungen die Menschen in diesem Land leben. Wohnungsbau nach kommunistischer Vorstellung - ästhetisch nicht besonders wertvoll.

Heiße Karaoke
Die Entschädigung für die Strapazen und doch etwas ernüchternden Eindrücke fand ich an einem Ort in der ersten Etage meines Hotels. Mit dem herrlichen Namen: "Shenyang Paulaner Bräuhaus". Das gute alte Brauhaus, hier Bräuhaus. Das altbewährte traditionelle Münchner Sammelbecken für schöne, feuchtfröhliche Stunden, für Aufenthalte ohne Sorgen, für köstliches Bier und leckere Würste und Haxen. Hier in Shenyang, mitten in China - nicht zu fassen…

Was ich dort zu sehen bekam, übertraf dann auch wirklich alle meine Erwartungen. Kaum hatte ich den riesigen und geschmacklos getäfelten Saal betreten, dröhnte mir auch schon wüste Siebzigerjahre-Discomucke mitten ins Gesicht. Zelebriert von drei jungen Damen auf einer Mini-Bühne, deren Outfit bei mir wirklich Eindruck schindete. Cheerleader-Röckchen und -Socken lustig kombiniert mit bayerischer Blusentracht - ein köstlicher Anblick, der die chinesischen Gäste in wahre Verzückung versetzte. Donna Summer, die Bee Gees, Abba und Boney M - die drei Girls präsentierten den Gästen ihr gesamtes Karaoke-Können. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte ich den Mann, der für die musikalischen Background sorgte: Mit skurriler Sonnenbrille und Hawai-Shirt ließ er seine Hammond-Orgel aufheulen, völlig überdreht, dafür aber in allerbester Laune.
 

Der Autor

Während der Spiele von Peking klappt Olympia-Reporter Jens Fischer sein Tagebuch auf. Der Sportredakteur reist durch China und fängt zwischen den Wettbewerben die Stimmung im Reich der Mitte ein. In seinen Skizzen aus Peking erfahren Sie, was dem Mann in den Tagen von Olympia so alles widerfährt.
Berge von Fleisch
Die Gäste fanden es spitze, was auch an deren übersteigertem Bier-Konsum gelegen haben muss. Alle hatten sie riesige Humpen von angeblich frisch gebrautem Paulaner vor sich und wirkten geselliger denn je. Klar: Ein Paulaner wirkt anders als ein dünnes Tsingtao. Da wollte ich mich natürlich auch nicht lumpen lassen, zumal ich von meinem Tag auch einen guten Durst mit nach Hause gebracht hatte. Darauf ein kühles Hefeweizen. Kennen Sie diese Bier-Verstümmelung "Bananen-Hefe", diese dunkelgelbe zähe Flüssigkeit? So sah mein Hefe dann auch aus. Dem Braumeister im "Shenyang Paulaner Bräuhaus" sollte man mal auf die Finger schauen. Oder ihm einen Trip nach München schenken.

Zu essen gab es auch etwas. Und zwar sämtliche bayerische Fleischwaren auf einem Teller. Am Nebentisch eine Megaportion Weißwürste, Wiener und Bratwurst übereinander gestapelt, dort riesige Steaks und Leberkäse in trauter Gemeinschaft. Die Chinesen aßen langsam, teilweise schienen die Fleischberge schon Stunden auf dem Tisch zu stehen. Dazu wurden kleine Sößchen serviert, das mag mit Peking-Ente und ähnlichem sehr gut harmonieren, aber zu bayerischer Hausmannskost? Ich weiß nicht.

Als ich den Saal verließ, war die Stimmung auf dem Siedepunkt. Maßkrüge wurden geordert, selbst die zierlichen Damen nippten emsig an den gewaltigen Humpen. Beeindruckend. Dennoch: Einen weiteren Besuch im "Paulaner Bräuhaus" von Shenyang kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Heute Abend gibt's bei mir köstliches China-Food. Ganz sicher.

Am morgigen Freitag werden die olympischen Spiele im "Vogelnest" feierlich eröffnet. Ich freue mich darauf, mindestens genauso wie auf Land & Leute hier in "Crazy Beijing". Bleiben Sie mir treu. Záijián.
 


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Leser-Kommentare (15) zu diesem Artikel
Gut...Besser....Paulaner (12.8.2008, 13:10 Uhr)
China Experten (11.8.2008, 6:30 Uhr)
@Aus_Peking (8.8.2008, 14:33 Uhr)
-.- (8.8.2008, 11:56 Uhr)
Verbreitung falscher Tatsachen! (8.8.2008, 10:50 Uhr)
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