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20. August 2008, 14:36 Uhr

"Einfach eine Schweinerei"

Usain Bolts Weltrekorde forcieren die Doping-Diskussionen. "Diese Leistung muss einen einfach stutzig machen", sagt Tobias Unger, Deutschlands schnellster Sprinter, zu stern.de. Fehlende Kontrollen und lasche Bestrafungen seien Gründe für die abnormen Leistungen. Für Unger ist ein Ende der Doping-Spirale nicht in Sicht.

Tobias Unger schied in Peking über die 100-Meter-Distanz im Zwischenlauf aus© Gero Breloer/DPA

Ihre Bestzeit steht bei 10,16 Sekunden. Im Zwsichenlauf sind sie 10,36 Sekunden gelaufen. Usain Bolt ist im Finale über sieben Zehntel schneller gewesen. Wie können Sie sich das erklären?

Im Interview meinte er, dass er viel Chicken gegessen hat. Meiner Meinung nach war der Lauf einfach arrogant von ihm. Im Ernst: Das ist eine Schweinerei.

Wie meinen Sie das?

Die Jamaikaner haben im eigenen Land keine nationale Doping-Agentur. Und das Beste: Die Amerikaner lassen sie in Ruhe, weil die auch auf Jamaika trainieren und natürlich auch unbehelligt bleiben wollen. Man weiß ja aus Medienberichten, was da dann abgeht. Mich hat das bislang nie richtig gestört, aber wenn ich dann direkt gegen so einen laufe, bei dem nicht alles nicht mit rechten Dingen zugeht, dann muss ich aufpassen, dass ich nicht den Spaß an meinem Sport verliere.

Verständlich.

Das bringt doch gar nichts, wenn die Jamaikaner hier bei Olympia zehn Mal kontrolliert werden. Die griechischen Sprinter haben sie doch auch im Training erwischt, drei Wochen später hier im Wettkampf wären die auch sauber gewesen.

Die Leistungen der Jamaikaner sind hier extrem auffällig...

Die haben die Amerikaner hier demontiert. Aber die Amerikaner werden in ein, zwei Jahren wieder kontern mir irgendwelchen Mitteln. Da läuft dann einer halt 9,65 Sekunden.

Letztlich also nur ein Wettkampf der besseren Drogen?

Möglicherweise. Aber das ist alles ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite muss man die nicht Kontrollierten natürlich alle aus dem Verkehr ziehen, auf der anderen Seite wollen doch alle Weltrekorde sehen. Wenn die Zeiten schlechter sind, kommt doch bei einigen gleich Langeweile auf. Kim Collins ist mit 10,07 Sekunden 2003 Weltmeister geworden, das war vielleicht der letzte saubere Sieger.

Die Leute wollen Spektakel - deswegen wird gedopt.

Klar. Bei der Tour de France fährt ein Lance Armstrong am Berg allen weg, obwohl das restliche Feld am Anschlag fährt. Die 100 Meter sind das wichtigste Rennen in der Leichtathletik. Da schauen alle hin, da kann man sich profilieren.

Bolt hatte nicht einmal seine Schuhe richtig geschnürt...

Ja, Wahnsinn. Der hat sich überhaupt nicht warm gemacht. Kommt in kurzen Hosen ins Stadion, macht zwei Steigerungen und startet. Das kann nicht sein. Vor drei Wochen läuft er 9,74 Sekunden und schon im Mai hatte er super Zeiten stehen. Jetzt läuft er Weltrekord. Von Mai bis September in Top-Form - das muss einen einfach stutzig machen.

Die Folgen der fehlenden Dopingkontrollen...

... sind vor allem für die Europäer drastisch. Im Finale standen nur Sprinter aus Ländern, in denen kaum oder gar nicht kontrolliert wird. Einer von den niederländischen Antillen, zwei aus Trinidad, drei Jamaikaner und zwei Amerikaner - das sagt doch alles.

Haben die dunkelhäutigen Läufer auch anatomische Vorteile?

Ihre ganzen Bewegungen sind geschmeidiger, ihr Muskelaufbau ist stabiler, sie sind von Grund auf austrainierter. Denen fällt das Sprinten einfach leichter. Da kann ich mir einiges abschauen. Wenn man sie mal trainieren sieht…

Was für eine Zeit trauen Sie sich überhaupt zu?

9,70 Sekunden werde ich nie laufen. Aber um die 10,00 Sekunden könnte klappen. Im nächsten Jahr bei den Weltmeisterschaften in Deutschland will ich das schaffen.

Noch einmal zurück zum Thema Doping. Wie schafft man es, die Betrüger auch zwischen den Wettkämpfen zu überführen?

Das geht nur mit Abschreckung. Wer erwischt wird, muss lebenslang gesperrt werden. Das ist doch alles ein Wettlauf: Die Ärzte erfinden ständig neue Drogen und die bieten sie den Athleten an. Wie weit ist die WADA (Weltdoping-Agentur, Anm. d. Red.) und wie weit voraus sind diese Ärzte und deren Abnehmer? Da hinkt die WADA doch immer hinterher.

Und der Wettlauf geht immer weiter?

Natürlich. Jetzt beginnt das Gen-Doping, das ist das Nächste.

Was kann man dagegen tun?

Viel härter bestrafen. Hier sind so viele Athleten am Start, die schon einmal gedopt waren, das ist unglaublich. Da geht im Diskus der Ungar Robert Fazekas an den Start, der sich bei seiner positiven Kontrolle einen Katheter gelegt hatte. Der wirft hier locker mit und das finde ich einfach scheisse. Nach zwei Jahren ist alles vergessen und die Gedopten sind wieder die Helden.

Frustrierend, oder?

Stimmt. Besonderes wenn man direkt dabei ist, dann nervt das. Es ist einfach eine größere Motivation, gegen saubere Gegner vorne mitzulaufen als gegen Gedopte keine Chance zu haben.

Schon einmal selber etwas ausprobiert?

Nein, lieber beende ich meine Karriere. Mir wurde auch noch nie etwas angeboten. Die wissen, dass sie da bei mir an der falschen Adresse sind. Ich habe so viel meinem Sport zu verdanken, das würde ich mir durch Doping nie kaputt machen lassen.

"Sauberer Sport" - Ihrer Meinung nach eine Illusion?

Da müssten schon die Medien mitmachen und ein Jahr komplett nichts übertragen. Vielleicht sollte man für einen Olympiasieg eine Essenmarke oder ein Paar Schuhe als Prämie vergeben - dann wäre der Anreiz zu dopen sicherlich geringer. Es ist einfach zu viel Geld im Spiel.

Was sagen Sie zu den Leistungen der deutschen Leichtathleten? Bislang noch keine einzige Medaille...

Wir sind alle sehr enttäuscht. Wir waren einige Mal dicht an Bronze, wie zum Beispiel Robert Harting. Es hat bislang aber einfach nicht gereicht. Aber vielleicht holen wir noch eine Medaille - die Schwimmer hatten ja auch einen Spätstart.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema lesen Sie im aktuellen stern. Dabei geht es auch um die merkwürdige Rekordflut der Superathleten in Peking.

 
 
KOMMENTARE (10 von 47)
 
Dirk_37 (23.08.2008, 22:20 Uhr)
@Prewok
Ich denke nicht, das H. Unger seine persönliche Zeit huldigen wollte, sie haben mit Ihrem Zeitvergleich ja Recht. Aber alles gleich immer auf die ja "ach so typische deutsche Jammerkultur" (wer behauptet das eigentlich immer?) zu schieben ohne sich Gedanken zu machen, erscheint halt auch nur lächerlich. MfG Dirk
Prewok (22.08.2008, 15:13 Uhr)
Jammern, jammern, jammern...(2)
Ist Herrn Unger eigentlich klar, das er mit seiner tollen Zeit von 10,36 s vor zweiundsiebzig Jahren Herrn Owens in Berlin bei der Olympiade nicht hätte schlagen können.
Nach Herrn Ungers Theorie war Herr Owens dann sicher auch schon gedopt.
Nach dem was jetzt in Hongkong passiert ist sollten sich all die deutschen Kommentatoren mit den Dopingbeschuldigungen etwas zurückhalten.
Luc-Guitar (22.08.2008, 14:33 Uhr)
Boykottiert den gedopte port
Ich ziehe den Hut vor H.Unger. Endlich sagt einer das, was viele ehrliche Sportler und Zuschauer denken.Ich hab mir bislang keine einzige Übertragung dieser Spiele in Peking angesehen. Genauso wenig die Tour de France. Boykott ist das Einzige was die Geldgeber dieser wandelnden Chemiefabriken evtl. nachdenklich stimmt. Denn dann können sie ihre anderen Produkte nicht mehr dem Millionenpublikum präsentieren.Der Sport wird immer mehr zum Trauerspiel.
piet82 (22.08.2008, 14:33 Uhr)
wenn ich usain bolt wäre
und wirklich ein ausnahmeathlet wär, würd ich von mir aus hunderte internationale dopingtests über mich ergehen lassen, um mich mit recht in die geschichtsbücher einbrennen zu können, hat er aber nicht getan...
ben johnson 9.8 sek
usain bolt 9.6 sek
:)
jan ulrich war gedopt bis unter die hutschnur und lance armstrong mit seinem krebsgebeutelten körper ist ihm natürlich am berg SAUBER weggefahren.. is doch nur noch lächerlich und da hilft auch nicht zu sagen, es sollen halt alle dopen...
jeder körper reagiert anders auf mittelchen und der eine hat evtl bessere mittelchen zur verfügung als der andere...
leistungssport muss sauber sein sonst ist er komplett unnütz und leute die nicht von sich aus zu den regelmässigen internationalen kontrollen kommen gehören mal von anfang an ausgeschlossen...
malibuli (21.08.2008, 12:35 Uhr)
Aus aktuellem Anlass muss ich meinen Kommentar von gestern nochmal aufgreifen
Er [Unger] könnte ja auf Reiten umsteigen, da muss er nicht sich, sondern den Gaul dopen.
Mich persönlich interessiert es nicht, ob jemand mit oder ohne Doping arbeitet. In anderen Disziplinen (nicht Sport) gibt es Schmiergelder, Betrüger, Mobbing und und und.
Im Vergleich dazu ist für mich der Leistungssport ein Refugium der Ehrlichkeit. Einfache Regeln, einfache Siegerfindung. Ich bin nur Hobbysportler, dope nicht. Hätte ich die Aussicht auf Millionen, würde ich aber auch nicht zögern.
aeternitas (21.08.2008, 09:45 Uhr)
Wer von euch
Spatzenhirnen 100m in 10s läuft, darf weiterhin den Herrn Unger beleidigen. Es ging ihm keinesfalls darum, seine Leistung in irgendeiner Weise zu beschönigen. Es geht darum: nehme ich als Sportler die Jahrzehnte der Quälerei auf mich, trainiere hart, lebe nur für den Sport, um dann zu sehen, dass andere Sportler Grenzen übergehen, die einfach nicht mehr mit gutem Müsli und gezieltem Training zu erreichen sind. Langsam auslaufend und mit offenen Schuhen! Da will doch keiner mehr Sportler sein!
Und was den Matthias Steiner angeht: Er hat mehrere Jahre(!) an KEINEM internationalen Wettkampf teilgenommen. Und dass man in 4 Jahren im Leistungssport bei besserem Training seine Leistung steigern kann, das ist eher einleuchtend, als wenn jemand innerhalb von ein paar Monaten plötzlich seine Kugel 2m weiter stößt als die Konkurrenz oder wenn jemand bei Disziplinen wo es um 100stel Sekunden geht mit mehreren Zehntelsekunden Vorsprung ins Ziel kommt. Das sind dann immer die Momente, wo die Fachleute rätseln, mit wieviel Chicken man Oberschenkel bekommt wie Marion Jones oder was genau das besondere Training ist, das Schwimmer so schnell macht...
sportartmakler (21.08.2008, 08:46 Uhr)
@prewok / millhouse
das hat doch nichts mit dt. jammerkultur zu tun wenn OFfensichtliche mißstände angeprangert werden. ihr habt mitbekommen dass bolt die letzten 15-20m mal eben locker ins ziel eingelaufen ist?? mit offenem schuh außerdem, wobei ich da natürlich nicht urteilen kann in wie weit das von nachteil war. jedem sportler sei sein erfolg gegönnt, aber starke zweifel sind wohl eher angebracht als seine huldigung.
Millhouse73 (21.08.2008, 05:12 Uhr)
@Prewok:
Da muss ich Ihnen vollkommen Recht geben mit Ihrer Aussage.
Da zeigen sich mal wieder die typischen Deutschen Eigenschaften wie das staendige Jammern und die Schuld bei anderen suchen.
Vielleicht haette sich Herr Unger einfach mal ein bischen besser vorberreiten sollen und mehr trainieren, dann haette er eventuell auch eine bessere Leistung gebracht.
Aber keine Chance, mit diesen Aussagen wird er keinen Erfolg haben, von seiner schlechten Leistung abzulenken.Vielleicht war ja auch Herr Unger gedopt, hatte aber das falsche Mittel erwicht und ist deshalb so langsam geworden....
You never know :-)
Prewok (21.08.2008, 03:50 Uhr)
Jammern, jammern, jammern...
Herr Unger reiht sich nahtlos in die Reihe der deutschen Versager ein, die anderen, die erfolgreich sind, erst mal Doping unterstellen. Wenn man solche Behauptungen/Vermutungen in den Raum stellt sollte man sie auch beweisen können. Weiter ist es schon eine grobe Unverschämtheit allen Leuten, die an der Ausführung der Dopingkontrolle beteiligt sind, Unfähigkeit zu unterstellen.
freestyle (21.08.2008, 01:26 Uhr)
Hirn-Doping
.... wäre hier wohl für so manch einen Poster angebracht. Ob Unger nun nach internationalen Maßstäben schnell ist oder nicht....Fakt ist, daß er als Olympionik sehr wohl das Recht hat, Zweifel an der Leistung von Bolt zu äussern. 9,69 auf 100m, die letzen 20m locker ausgelaufen. Laut Experten wäre er auf ca. 9,60 gekommen, wäre er durchgelaufen. Ja, schon klar... alles sauber... und mein 54PS Cinquecento fährt ab Werk schon 280km/h. Dass einige Poster hier Unger Neid unterstellen oder seine Leistungen runterputzen find ich fast schon wieder lustig. Kann mir sehr gut vorstellen, wie sie mit Chips und Bier vor dem Fernseher sitzen und die Leistungen der Athleten kommentieren. Sorry Leute, aber die einzigen Ringe die Ihr kennt, sind nicht olympisch, sondern die unter Euren Augen und die auf Euren Hüften. Wenn einer von Euch mal schneller ist als Unger, dann kann er/sie hier wieder einen auf "dicke Hose" machen.
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