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18. August 2008, 08:31 Uhr

Der Moment, als China weinte

China steht unter Schock. Ausgerechnet der Nationalheld Liu Xiang musste im Vorfeld über die 110-Meter-Hürden verletzt aufgeben. Für das Land eine nationale Katastrophe, wäre doch eine Goldmedaille Liu Xiangs das Wichtigste überhaupt bei diesen Olympischen Spielen gewesen. Von Jens Fischer, Peking

Nichts geht mehr, die Schmerzen sind zu groß: Achillesbeschwerden lassen den Traum von Chinas Nationalheld Liu Xiang von Gold über die 110 Meter Hürden platzen© Kay Nietfeld/DPA

Als Milliarden Chinesen am Montagmorgen aus ihren Betten stiegen, hatten sie nur eines im Kopf: den großen Auftritt ihres Helden. Liu Xiang, Olympiasieger von Athen, Weltmeister und ehemaliger Weltrekordler über die 110-Meter-Hürden, sollte an diesem Vormittag im Pekinger Nationalstadion seinen großen Auftritt haben. Exakt um 11.50 Uhr Pekinger Ortszeit war für den Mann, neben dem Basketballer Yao Ming das größte Sportidol Chinas, die Bühne frei. Vorlauf über die 110-Meter-Hürden, eigentlich nur eine Formsache und lockeres Einlaufen auf dem Weg zum Karrierehöhepunkt des Liu Xiang.

Wenige Minuten später stand ganz China unter Schock. Zahlreiche der 91.000 Zuschauer im seit Monaten ausverkauften "Vogelnest" weinten hemmungslose Tränen. Ihr Sprint-Gott, Identifikationsfigur dieses riesigen Landes, musste nach wenigen Aufwärmversuchen verletzt aufgeben. Liu Xiang war raus aus dem Wettbewerb, sein eigener und der Traum eines ganzen Volkes war geplatzt. Der 28-Jährige verließ das Stadion und hinterließ Trauer und Schmerz.

Das Ende der Rationalität

Den 1,3 Milliarden Chinesen war es egal, dass Liu Xiangs Coach Sun Haiping, einer der renommiertesten Trainer des Landes, bereits im Vorfeld der Spiele seine Bedenken über den Gesundheitszustand seines Schützlings äußerte. Achillesbeschwerden habe er, ein Start bei den Olympischen Spielen brächte viele Fragezeichen mit sich, sagte Haiping. Aber wenn die Chinesen Erwartungen an ihre Helden haben, dann werden rationale Gründe und auftauchende Probleme ignoriert. So auch bei Liu Xiang, der mit etwa fünf Millionen Euro Werbeeinnahmen im Jahr (Coca-Cola, Nike, China Mobile) der bestverdienende Leichtathlet der Welt ist.

"Ich mache mir wirklich Sorgen ums Finale. Wenn er den Fuß mit voller Kraft abdrückt, wird der Schmerz schlimmer. Es wird seine Vorstellung hier definitiv beeinträchtigen" - die Worte des Trainers verhallten ungehört. Dieser Montag war Nationalfeiertag in Peking - es sollte der Tag werden, an dem die große Stunde Liu Xiangs schlägt.

Bei Liu Xiangs Einlauf ins Nationalstadion steht die Menge Kopf. Schon vor Stunden haben sich die ersten chinesischen Zuschauer im Stadion eingefunden und sich bereit gemacht für die große Hürden-Party. Seit dem Beginn ihrer Olympischen Spiele haben sie auf diesen Augenblick gewartet. Liu Xiang geht gemächlich wie immer in Richtung seines Startblocks, die Bahn zwei haben die Veranstalter ihm zugeteilt. Er zieht seine Trainingsklamotten aus, lockert seine Muskulatur und macht sich bereit. In diesem Moment wird er bereits gewusst haben, dass er in den nächsten zehn Minuten Abermillionen seiner Landsleute enttäuschen wird. Aber er versucht es, er will laufen, im wichtigsten Rennen seines Lebens darf er einfach nicht verletzt sein.

Liu Xiangs Trainer Sun Haiping kann das Aus seines Schützlings kaum fassen© Diego Azubel/DPA

Fassungsloses Publikum

Locker nimmt er beim Einlaufen die ersten drei Hürden, alles sieht für die Zuschauer normal aus. Dann wechselt er sein verschwitztes Trikot, eben die normalen Abläufe, dann kann es losgehen. Noch ein Fehlstart von Mohammed Al-Thawadi (Katar), und Liu Xiang sprintet los. Er kommt nicht weit. Noch vor der ersten Hürde strauchelt er, bremst ab und humpelt. Die Menge schreit auf und kann nicht fassen, was soeben passiert ist. Liu Xiang reißt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Startnummer vom Oberschenkel. Einige der vielen Offiziellen stehen noch ratlos um ihn herum und können es nicht begreifen. Er selbst wirkt gefasst, so als hätte er das alles kommen sehen. Dann verschwindet Liu Xiang in den Katakomben. Die Olympischen Spiele sind für ihn beendet.

Kein Spray, kein Eis - es war nichts zu machen Auf einer live im chinesischen Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz versuchte Xiangs Trainer Sun Haiping anschließend den Schock zu erklären. "Der Grund für seine Aufgabe ist eine Verletzung an der Ferse. Diese Verletzung kommt immer wieder, besonders wenn wir hart trainieren. Angefangen hatte es bereits vor den Spielen in Athen, so etwa vor sechs Jahren", sagte er unter Tränen. Haiping betonte, dass man bis zum Schluss alles versucht habe, um einen Start zu ermöglichen. "Liu hat sein Bestes gegeben. Drei Ärzte waren ständig bei ihm, aber alle Maßnahmen halfen nichts. Kein Spray, kein Eis - es war nichts zu machen. Zuletzt waren wir hier sogar noch im Krankenhaus und haben es mit Massagen versucht, aber es hat leider alles nichts gebracht."

35 Goldmedaillen hatte China zu dem Zeitpunkt des Scheiterns Liu Xiangs gewonnen. Aber keine dieser 35 Goldmedaillen wäre so bedeutsam gewesen, wie die ihres Nationalidols. Xiang bedeutet übersetzt "Flieg!" - und das konnten die Chinesen mit ihm. Eine ganze Nation war stolz auf ihren Sprinter - bis innerhalb weniger Sekunden alles zusammenbrach.

Von Jens Fischer, Peking
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Nana_Xiaojie (18.08.2008, 14:52 Uhr)
Muss leider so sein...
... Herr Genosse Schuhverkaeufer. Die Telefonzelle, in der wir sonst unsere Sitzungen gehalten haben, hat man abgerissen und dort ein Einkaufszentrum hingebaut. Deshalb das Stern-Forum als Uebergangsloseung. Haben eine schriftliche Genehmigung vom Parteivorstand und von Sandra Maischberger.
albundy69 (18.08.2008, 14:24 Uhr)
Parteisitzunen bei Stern.de
Werden jetzt bereits Parteivorstandsitzungen der gloreichen KPC jetzt schon bei stern.de abgehalten. Die chinesische Botschaft in Berlin könnte euch aber wirklich einen eigenen Chatroom einrichen Genossen Nana und mramorak. Nana rezitiert hier das chinesische Fernsehprogarmm des Staatssenders "Wellen des geknechteten Volkes" während mramorak interene Parteikritik ´laut nach aussen trägt ! Das richt verdammt nach Straflager !!!!
Nana_Xiaojie (18.08.2008, 12:57 Uhr)
Da hste recht...
mramorak. Passiert leider nicht nur in China.
Undichsagnoch (18.08.2008, 12:55 Uhr)
leider zeigen Stern, Spiegel, Bild und C.o noch lange keine Wirkung
@Nana_Xiaojie
Nein - Stern, Spiegel, Bild und Co. zeigen leider noch immer keine Wirkung. Ich bin alles andere als ein China-Gegner, aber wenn der deutsche Blätterwald Wirkung gezeigt hätte, dann wären die deutschen sensibler hinsichtlich dem Thema China.
Ein kritisches Wort gegenüber China (was je nicht gleichbedeutend damit ist, dass man gegen ein ganzes Volk oder eine ganze Nation ist) und schon gehen die Hetzkampagnen aus China los. Demos und Boykott gegen westliche Unternehmen, etc. etc.
Die chinesische Regierung wiederum darf sich ständig in die politischen Entscheidungen der westlichen Regierungen einmischen – ohne dass auch nur eine Reaktion erfolgt.
Unsere Kapitäne der Großindustrie streichen noch einmal satte Gewinne ein – bis – ja bis die Chinesen technisch auf dem gleichen Stand sind, denn dann interessiert sich kein Chinese mehr für ein Produkt „Made in Germany“.
Würden Stern, Spiegel, Bild und Co. wirklich Wirkung zeigen, dann würden müssten die Europäer ebenfalls permanent auf die Straße gehen. Nur so würden die Chance bestehen, dass auch die Politiker endlich ein Gewissen und ein Rückgrat bekommen, die Industriebosse vielleicht etwas vorsichtiger werden bevor sie auch noch den heimischen Markt gegen sich aufbringen.
Vor Russland hatten die Europäer einmal richtig Angst – allerdings aus militärischen Gründen. Man sollte einmal darüber nachdenken, welche Macht ein Staat hat, wenn dessen Staatsbetriebe nach und nach sich in die europäischen Unternehmen eingekauft haben, wenn die Banken, die des Deutschen Auto und Haus finanzieren den chinesischen Staatsbanken gehören, und der „point of no return“ bereits schon lange überschritten wurde.
mramorak (18.08.2008, 12:22 Uhr)
Vielzuviel gekostet
Mit dem Geld, das die KPC in diese Spiele stekte, hätte sie sehr schnell das vom Erdbeben zerstürte Gebit wieder aufbauen können und noch extra Krankenhäuser und Schulen bauen können. Ja, aber der Weltruhm der KPC?
sandraberlin (18.08.2008, 12:11 Uhr)
@nana
schade, dass Ihre Gehässigkeiten dadurch stumpf wurden, dass mein Bericht von Genosse Schnipp-Schnapp "gecancelt" wurde ! Hatte geschrieben, dass tibetische Mütter auch weinten als ihre Kinder getötet wurden. Wetten laufen, wie lange dieses Posting stehen bleibt (5-10-30 Sekunden ?)
Nana_Xiaojie (18.08.2008, 12:04 Uhr)
Gratulation an Stern, Spiegel, Bild und Co.
Bei Sandra hat Ihre Arbeit schon volle Wirkung gezeigt. Bin uebrigens immer noch Deutsche.
sandraberlin (18.08.2008, 11:57 Uhr)
@undichsagnoch
Sie werden doch nicht annehmen, dass ein gloreicher chinesischer Athlet IN peking IN china, IN einem chinesischen Labor des Dopings überführt werden wird. Sowas hat der grosse Vorsitzende Rogge in seinem Plan nicht vorgesehen, denn dann kämen ja die rund 300 chinesischen Privatpatienten nicht mehr in seine mondäne belgische Privatklinik. In Beijing werden nur "poi-jois" (stinkende Hunde) des Dopings überführt. Gloreichen Athleten des Volkes wird ein tränenreicher Abgang gewährt !
Undichsagnoch (18.08.2008, 11:45 Uhr)
Als Milliarden Chinesen ... oder was ist der wirkliche Grund der Aufgabe
Zugegeben, China ist das bevölkerungsreichste Land der Erde, aber es sind noch immer rund 1,3 Milliarden Chinesen – aus diesem Grund ist die Einleitung wohl etwas übertrieben („Als Milliarden Chinesen am Montagmorgen aus ihren Betten stiegen ...“) .
weiter: „Den 1,3 Milliarden Chinesen war es egal, dass Liu Xiangs Coach Sun Haiping, einer der renommiertesten Trainer des Landes, bereits im Vorfeld der Spiele seine Bedenken über den Gesundheitszustand seines Schützlings äußerte.“
Nun, wie bei jedem Sportler gilt auch hier das Unschuldsprinzip, jedoch darf man sich auch zurecht Gedanken machen. Bei der Eröffnungsfeier (so zumindest die Kommentatoren im deutschen Fernsehen), war bis zuletzt nicht bekannt, wer der letzte Fackelläufer sein wird. Da Liu Xiang nicht bei den anderen Athleten war, wurde auch er als möglicher Kandidat dafür gewertet. Vielleicht, vielleicht hat aber auch Liu Xiang oder sein Trainer Sun Haiping einfach nur bedenken gehabt, dass Liu Xiang des Dopings überführt werden könnte, wenn er startet und erneut als Sieger hervor geht. Da ist ein Ausscheiden als Verletzter wesentlich geschickter, gerade weil er der Held einer ganzen Nation ist. Helden werden nicht demontiert, Helden werden gerade dann, wenn es nicht so gut aussieht, eher noch gestärkt. Ein Auftritt wie dieser Versuch an den Start zu gehen und wohlwissentlich eine ganze Nation zu enttäuschen, kann ihm am Ende sogar noch mehr Sympathien einbringen.
Malt (18.08.2008, 10:52 Uhr)
So ein...
...Schaden. Das ganze schöne Doping für die Katz!
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