
Bob Bowman, 43, hier jubelnd bei einem Rennen seines Collegeteams, formte aus dem Problemkind einen Topathleten© Andrew Cutraro
Bowman änderte rasch seine Meinung, nachdem er den Jungen schwimmen gesehen hatte. "Ich wusste: Nichts und niemand wird ihn stoppen." Eine mutige Prognose für einen Jungen, der noch das Wachstum vor sich hatte. Ein halbes Jahr später, nach einem langen Gespräch mit Michaels Mutter Deborah und der Bitte an sie, seine Arbeit mit ihrem Sohn bedingungslos zu unterstützen, wurde Bowman sein neuer Trainer.
Zunächst ging es schwierig weiter. "Ich hatte Angst vor Bob. Und versuchte es zu verbergen, indem ich ihn ständig ärgerte und wahnsinnig machte", sagt Phelps. Bowman aber hatte längst einen Masterplan im Kopf, wie er aus dem hyperaktiven Knirps einen Superstar machen würde. Er schindete den Jungen bis zur totalen Verausgabung. Täglich. Stundenlang. Ohne Gnade. Noch vor der Pubertät musste Phelps trainieren wie ein Erwachsener. Bei einem Wettbewerb etwa schickte Bowman ihn innerhalb von zwei Tagen 24-mal an den Start. "Das Ziel war, ihn belastbarer zu machen und seine Regenerationsfähigkeit zu beschleunigen." Herz und Lunge, die sich bei Kindern gut anpassen, sollten unter der Anforderung leistungsstärker werden. Ein gewagtes Experiment am lebenden Objekt.
Deborah Phelps, genannt Debbie, ist Ende 50 und arbeitet als Direktorin einer Mittelschule in Baltimore. Ihre Stimme klingt regungslos, wenn sie sagt: "Ich bin überzeugt, bei meinem Sohn das absolut Richtige getan zu haben." Das Leben hat ihr Härte abgefordert. Nach der Scheidung stand sie allein mit drei Kindern und einem großen Haus da. Es blieb kein Platz für Mitleid mit dem gedrillten Sohn. "Ich verlange von den Kindern in der Schule totalen Einsatz. So auch von meinen eigenen."
Für ihre Tochter Whitney, Michaels vier Jahre ältere Schwester, war der Druck zu stark. Die Nachwuchsschwimmerin verbarg monatelang eine Rückenverletzung, erkrankte an Bulimie und musste ihre Karriere früh beenden. Trotzdem zweifelte Debbie Phelps nie daran, dass Bowmans Härte für Michael gut war. "Schauen Sie sich das Ergebnis an", sagt sie. "Ich sehe meinen Sohn gerne siegen. Tun das nicht alle Eltern?"
"Ich bin wie Bob", erklärt sie am Telefon mit dem Ton tiefster Überzeugung. War der Sohn mal wieder wegen Disziplinlosigkeit aus dem Training geflogen, ließ die Mutter ihn oft stundenlang vor der Schwimmhalle warten. "Michael rief mich vom Münzsprecher an und bettelte, dass ich ihn abhole. Ich habe ihn natürlich stehen lassen, er sollte lernen, sich anzustrengen."
Bowman füllte die Lücke, die Michaels Vater hinterlassen hatte. Der fanatische Stratege schrieb Pläne, führte Buch und sprach Verbote aus. "Ich war ein Schwimmroboter, wenn Bob sagte: Spring!, fragte ich: Wie hoch?", erzählt Phelps heute. Es ist einer der wenigen Augenblicke, in denen er ernst wirkt, nicht auf dem Stuhl herumrutscht. Nicht sein ewig gleiches Lächeln aufsetzt.
Als Phelps in der Pubertät seine Identität zu entdecken begann, eskalierten die Streitigkeiten zwischen Trainer und Schwimmer. So wie es zwischen Vater und Sohn eigentlich üblich wäre. Mutter Debbie berichtet: "Einmal bewarfen sie sich bei uns im Haus mit Büchern." Und Michael ergänzt: "Das Einzige, was wir uns nicht angetan haben, ist körperliche Gewalt." Am Ende siegt immer Bowman, Phelps fügt sich und trainiert weiter. An 365 Tagen im Jahr, sogar an Weihnachten. Jeweils sechs Stunden.
Nur ein einziges Mal versucht Phelps auszubrechen. Ende 2004, er ist gerade bei seiner Mutter ausgezogen, wird er mit 0,8 Promille am Steuer seines aufgemotzten Cadillacs von der Polizei erwischt und zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. "Der größte Fehler meines Lebens", sagt er heute. Das Projekt Phelps, wie Bowman seine Arbeit gern nennt, steht nun vor dem Abschluss. In Peking an den Start gehen wird ein auf dem Papier Erwachsener, dessen Leben fanatisch auf ein Ziel ausgerichtet wurde. Der einen schier übermächtigen Siegeswillen besitzt, aber jenseits des Pools nur bedingt überlebensfähig ist. Der freudig erzählt, wie er seine Spülmaschine mit Handseife befüllte und seine Küche voller Seifenblasen war. Der sich ein Haus direkt neben der Schwimmhalle gekauft hat und eine Katze, damit er nicht zu einsam ist. Trotzdem überzeugt ist, nichts im Leben verpasst zu haben.
Es hat immer noch Züge von Hörigkeit, wenn Phelps über das Verhältnis zu seinem Trainer spricht. "Ich mache, was er mir sagt. Ich frage nicht nach." Als Bowman 2004 an die University of Michigan wechselte, folgte Phelps ihm brav aus Baltimore in die Provinz: "Ich wäre mit ihm überall hingegangen. Auch nach Sibirien", sagt er.
Verläuft Olympia nach Plan, gibt es keine Steigerung für die Karriere von Michael Phelps. Obwohl er noch jung ist, wird er als Schwimmer seinen Zenit überschritten haben. Das jahrelange harte Training wird seinen Tribut fordern. Das weiß auch Bowman. Er sagt: "Wenn im September alles vorbei ist, will ich, dass Michael ein halbes Jahr Pause macht und über sein Leben nachdenkt." Phelps-Freund Cazeneuve meint: "Das wird sehr, sehr schwer für ihn. Er interessiert sich für nichts anderes, ein Studium ist sicher auch nicht sein Ding." Und Phelps selbst? "Ich will zum ersten Mal im Leben Spring Break feiern", sagt er spontan. "Mit Bier und Mädels." Was er mit dem Rest seines Leben anfangen wird? Schulterzucken bei Phelps. Viel Zeit, sich freizuschwimmen.
Mitarbeit: Sebastian Moll
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2008