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12. August 2008, 12:48 Uhr

Debakel für den Deutschland-Achter

Der Deutschland-Achter ist bei den Olympischen Spielen in Peking untergegangen. Das Paradeboot des deutschen Ruderverbandes enttäuschte auf der ganzen Linie. Auch die vor den Spielen ausgebootete alte Achter-Besetzung zog die Konsequenzen und trat zurück. Nun beginnt ein Hauen und Stechen.

Erschöpft und frustriert: Die Besatzung des Deutschland-Achters ruderte in Peking nur hinterher© Roland Weihrauch/DPA

Der einstmals stolze Deutschland-Achter bot ein Bild des Jammers. Lang ausgestreckt und völlig ausgepowert lag Crew-Mitglied Jochen Urban nach dem kapitalen Schiffbruch auf dem Steg, seine Mitstreiter verharrten minutenlang regungslos und mit gesenktem Blick im Boot. Der letzte Platz im Hoffnungslauf der olympischen Ruderregatta verschlug allen Beteiligten zunächst die Sprache. Der Blick auf seine völlig frustrierten Schützlinge bereitete auch Trainer Christian Viedt Seelenpein: "Das ist eine Riesenenttäuschung, diese Erfahrung hätten wir uns gern erspart."

Schuld ist wohl die mißglückte Vorbereitung

Der Auftrag an Viedt, binnen zwei Monaten aus starken, aber unerfahrenen Ruderern einen schlagkräftigen Achter zu formen, entpuppte sich als "Mission impossible". Noch während die jungen Recken verzweifelt nach Erklärungen für die folgenschwere Havarie suchten, ergriff Roland Baar das Wort. Aus Verärgerung über die größte Achter-Pleite seit der verpassten Olympia-Qualifikation im Jahr 2000 forderte der einstige Schlagmann an Ort und Stelle Konsequenzen: "Wir sind weit weg von alten Erfolgen. Deshalb müssen Entscheidungsträger im DRV endlich zur Verantwortung gezogen werden."

Ausgerechnet das prestigeträchtige Flaggschiff, jahrelang ein nationales Erfolgssymbol, blieb als erstes deutsches Boot auf der Strecke. Nach passablem Start fehlte der Mannschaft im Finish das Stehvermögen, um den für die Finalqualifikation nötigen vierten Rang zu erreichen. Weil die Deutschen dem hohem Anfangstempo Tribut zollen mussten, hatte die Konkurrenz aus den USA, Australien, den Niederlanden und Polen leichtes Spiel. "Auf den letzten 500 Metern sind wir auseinandergefallen", gestand Schlagmann Andreas Penkner.

Alte Besetzung des deutschen Achters erklärt Rücktritt

Die vieldiskutierte Maßnahme der Verbandsspitze, das Team komplett auszutauschen, erwies sich als Schlag ins Wasser. Breitseiten aus der Heimat ließen nach der Beerdigung erster Klasse deshalb nicht lange auf sich warten. Bis auf eine Ausnahme erklärten die kurz zuvor ausgebooteten Weltmeister-Besetzung von 2006 kurz nach der Havarie der Nachfolger ihren Rücktritt. Bernd Heidicker (Herne), Philipp Stüer (Münster), Thorsten Engelmann (Berlin), Sebastian Schulte (Wiesbaden), Ulf Siemes (Oberhausen), Stephan Koltzk (Essen) und Jörg Dießner (Dresden) beendeten ihre aktive Karriere.

"Wir gehen davon aus, dass uns der Deutsche Ruderverband - wie auch Generationen von erfolgreichen Athleten vor uns - nicht verabschieden wird. Darauf schließen wir, weil uns die Mietzuschüsse gestrichen wurden und der Kaderstatus in den ungeförderten B-Kader geändert wurde. Deshalb möchten wir uns selbst verabschieden", hieß es in einer Erklärung der Ruderer.

Stüer fordert personelle Konsequenzen

"Die Verantwortung für das Ergebnis des Achters ist in der sportlichen Leitung des DRV zu suchen. Wir haben lange und laut auf die Fehlentscheidung hingewiesen, das ist die Quittung", kommentierte das ehemalige Teammitglied Philipp Stüer und forderte zum wiederholten Mal den Rücktritt von Sportdirektor Michael Müller.

Inmitten der lebhaften Diskussionen verteidigte Verbandspräsident Siegfried Kaidel den Umbau und warnte im gleichen Atemzug vor voreiligen Schritten. "Nur weil bisher ein Boot ausgeschieden ist, reden wir jetzt nicht über personelle Konsequenzen. Aber es wird nach Olympia Strukturveränderung geben." So werde bereits intensiv nach Kandidaten für den neu zu schaffenden Posten des Bundestrainer für alle vier Skull- und Riemenbereiche gesucht.

Noch neun Boote im Rennen

Nur eine passable Medaillenausbeute der restlichen Flotte am kommenden Wochenende kann helfen, die Wogen zu glätten. Immerhin blieben dem DRV am vierten Wettkampftag weitere Ausfälle erspart. Der Frauen-Doppelvierer um die viermalige Olympiasiegerin Kathrin Boron (Potsdam) untermauerte mit einem souveränen Vorlaufsieg seine Medaillenambitionen. Dem Zweier ohne Steuerfrau mit dem Duo Lenka Wech (Saarbrücken) und Maren Derlien (Hamburg) genügte ein zweiter Rang zum Finaleinzug. Damit ist der DRV bereits mit drei Booten für die Endläufe qualifiziert, weitere neun Boote sind noch im Rennen.

DPA
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Exrower (12.08.2008, 14:20 Uhr)
Ergänzung...
Und jetzt stellen diejenigen, die das Debakel verursacht haben (Heidicker, Stüer und Konsorten), sich als Opfer hin und erklären ihren Rücktritt! Feine Geste!
Exrower (12.08.2008, 14:14 Uhr)
Achterdebakel keine Überraschung
Mimosenhaftes Verhalten der "alten Garde und ein Top-Trainer (Grahn), der sich von seinen Athleten erpressen ließ, MUSSTEN zu diesem Ergebnis führen. - Spätestens nach den Frühjahrstests hätte eine gesunde Mischung aus erfahrenen Achterfahrern (für den Rhythmus) und den physisch stärkeren "jungen Wilden" einen schnellen Achter ergeben. Aber der Trainer konnte (oder wollte?) sich im Athletenkreis nicht durchsetzen. Es kann doch nicht sein, dass die Crew eines Nationalteams (des alten Achters) entscheidet, dass die Bootsbesetzung unabhängig von offensichtlich fehlender Physis unverändert bestehen bleibt! Und da eben diese Athleten nicht bereit waren, sich einem normalen Mannschaftsbildungsprozess zu unterwerfen, blieb nichts anderes als der radikale Neuanfang übrig. Aber acht starke Athleten können nach zu kurzer Vorbereitungszeit eben leider noch keinen schnellen Achter bilden. - Bin jetzt mal auf die Verbandsdiskussionen gespannt...
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