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22. August 2008, 09:36 Uhr

Springen für England

Die Briten haben in diesem Sommer gelernt, Salti zu zählen. Sie erkennen mittlerweile einen nach hinten drehenden Auerbach, und wissen, wann ein Sprung gehockt oder gehechtet ist. Der Grund: ein 14-Jähriger mit Igelfrisur und Zahnspange. Tom Daley springt in Peking vom 10-Meter-Turm um Gold. Von Cornelia Fuchs, London

Nachwuchsstar Tom Daley ist mit 14 Jahren schon Großbritanniens große Turmspringhoffnung in Peking© David Davies/AP

Tom Daley ist ein Ausnahmetalent. Sein Körper ist perfekt geformt für die Sportart des Kunstspringens, kompakt aber elegant. Sein räumlicher Orientierungssinn verlässt ihn auch in der schnellsten Umdrehung nicht, und sein Sieges-Wille treibt ihn stets über die eigenen Grenzen hinaus. Und dann ist da noch etwas Undefinierbares, das aus Tom Daley, dem Turmspringer, Tom Daley, den neuen britischen Sport-Star macht. Es liegt in den lustig auf und ab wippenden Augenbrauen, die jede Antwort begleiten, in den Grübchen in den Wangen, und in diesem Lachen, das jeden überzeugt, dass da nicht nur ein großartiger Sportler sitzt, sondern ein prima Kerl.

Tom Daley kann für das Turmspringen in Großbritannien werden, was Boris Becker für das Tennis in Deutschland einmal war. Ein Botschafter, der den Sport zu einer nationalen Obsession werden lässt, der die Anmeldezahlen hoffnungsvoller Nachwuchs-Athleten ins Unerhörte steigert und den Sport in die Hauptsendezeiten hebt.

Jugendmagazine produzieren Pin-Up-Poster von ihm

Dutzende Filmcrews haben seine letzten Sprünge im Swimmingpool im südenglischen Plymouth für jede Nachrichtensendung im britischen Fernsehen gefilmt, bevor er Richtung Olympia-Trainingscamp aufbrach. Die Videoaufnahmen seiner gehockten dreieinhalbfachen Salti aus dem Handstand werden im Internet diskutiert wie die eines Popstars, Jugendmagazine produzieren herausnehmbare Pin-Up-Poster, in der größten Sportgala des Landes war er der Shooting-Star. Er ist der Sport-Held, der Siege abonniert zu haben scheint. So sehr lieben die britischen Medien diesen Jungen, dass seine Betreuer im Moment vor allem eine Sorge haben: Ihn nicht zu früh zu hoch zu loben. Denn so weit Tom Daley mit seinen 14 Jahren schon gekommen ist, ganz oben ist er noch nicht.

Die europäischen Meisterschaften in Eindhoven hat Tom Daley gewonnen, weil andere verloren haben. Der amtierende World-Cup-Champion Sascha Klein aus Aachen, zum Beispiel, vergeigte gleich mehrere Sprünge und ließ Tom Daley so an sich vorbeiziehen. Springt Klein jedoch nahe seiner Bestmarke, dann ist er von Daley nicht mehr einzuholen – Daley beherrscht im Gegensatz zu den routinierten älteren Athleten die Sprünge mit den höchsten Schwierigkeitsgraden noch nicht.

Kontrollierte Angst auf dem olympischen Sprungturm

Tom weiß das. Im Gegensatz zu den Turnern darf er im Turmspringen bereits mit 14 Jahren bei Olympia starten. Wenn man ihn auf seine Chancen in Peking anspricht und ihn fragt, ob er Sascha Klein wieder schlagen will, antwortet er mit einem langgezogenen "Yeaaaahh" und einem schnell hinterher geschossenen: "Sascha ist ein großartiger Athlet, einer der besten der Welt." Dabei ziehen sich seine Augenbrauen ziemlich steil nach oben. Nur keine übertriebenen Erwartungen wecken, heißt das, nicht bei sich selbst, nicht bei den Zuschauern.

Denn so jung Tom Daley ist, so erfahren ist er schon mit Niederlagen, sportlichen und privaten. Tom ist nicht frei von Ängsten, er ist schon viel weiter: Er kontrolliert seine Angst, wenn er auf diesen Turm steigt, jede der 36 Stufen nach oben, bis hinauf auf zehn Meter.

"Turmspringen ist wie Achterbahnfahren"

Sein Trainer Andy Banks erinnert sich, dass der kleine achtjährige Tom heulte und sich hinter der Säule versteckte, als er das erste Mal vom Drei-Meter-Brett springen sollte. "Da habe ich gedacht, das war's", erinnert sich Banks. "Tja, als Talentsucher eigne ich mich nicht besonders." Denn Banks hatte eines übersehen bei diesem Jungen: die Faszination am Unheimlichen. Daley heulte zwar, aber schon als Achtjähriger wollte er eigentlich nichts lieber, als sich ins Wasser zu stürzen. "Turmspringen ist wie Achterbahnfahren - der Adrenalinstoß ist großartig", sagt Tom.

Dafür überwindet er seine Angst vor der Höhe jedes Mal aufs Neue. Sein Lieblingssprung ist der dreifache gehockte Salto aus dem Handstand. Als er den das erste Mal übte, klatschte er mit dem Rücken aufs Wasser. Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 50 Stundenkilometern wirkt ein Vielfaches des Körpergewichts beim Aufprall, der Schmerz geht durch und durch. "Es war schwer, danach den Turm wieder hinaufzusteigen, und es noch mal zu probieren. Aber es", und dann pausiert Tom, als ob er erst einmal in sich hineinhorchen will, "es ist jetzt in Ordnung."

Plötzlich vergaß er, wie sein Körper das machen sollte

Tom kennt kein Aufgeben. Vor einem Jahr vergaß er bei einem Wettkampf in Madrid plötzlich, wie sein Körper das machen sollte: Schrauben in der Luft. Es ist ein bekanntes Phänomen im Kunstspringen - die Bewegungsabläufe zu verlieren. Der Kopf löscht alles, was man vorher in hunderten und aberhunderten Trainingsstunden den Nervenverbindungen zu Muskeln und Sehnen eingehämmert hat. Tom brach den Wettkampf ab und musste danach wochenlang jede Bewegung wieder neu lernen. Schrauben sind heute seine stärksten Elemente in den Sprüngen.

Weder Vater Rob Daley noch Mutter Debbie sind Sportler. Sie waren überrascht, dass ihr ältester Sohn plötzlich so viel Begeisterung zeigte für die Rand-Sportart des Kunstspringens, die zufällig ein Verein in ihrem Schwimmbad um die Ecke anbot. Seitdem hat sich das Leben der Familie ziemlich auf den Kopf gestellt. Vater Rob kutschiert Tom seit sechs Jahren quer durch Großbritannien und Europa, überall ist die Familie mit dabei. Tom soll wissen, dass er nicht allein ist.

Sprünge für den Vater

Sogar eine Hirn-Tumor-Operation vor zwei Jahren hat Rob Daley dem Wettkampf-Kalender seines Sohnes angepasst. Monatelang fühlte sich Vater Daley depressiv und niedergeschlagen. Unerträgliche Kopfschmerzen machten seine Arbeit als selbstständiger Maschinenbauer unmöglich. Als die Diagnose feststand, begleitete Rob seinen Sohn noch zu seinem ersten großen internationalen Wettkampf nach Australien. Von der bevorstehenden Operation erzählten die Eltern weder Tom noch seinen zwei kleineren Brüdern.

Erst als Tom ihn nach erfolgreicher Operation im Krankenhaus besuchte, erklärte Rob Daley seinem Sohn, was da unter den Bandagen entfernt wurde. Tom sagt, er habe immer noch Angst um seinen Vater. Der Krebs ist nicht verschwunden, er ist unter Kontrolle. Toms Vater ist nun hauptberuflich Chauffeur für seinen Sohn, Reisebegleiter, Pressesprecher und Motivator. Tom springt nicht mehr nur für sich, er springt auch für seinen Vater.

Jeden Tag mindestens 75 Sprünge

Die größte Leistung für einen 14-Jährigen, die erreicht er kurz vor dem Absprung. Wenn er auf dem Turm steht, mehr als drei Stockwerke über dem Wasser, die Zehen am Rande des Betonvorsprungs, die Arme nach oben ausgestreckt – in diesem Moment blendet Tom alles aus. Die Krankheit seines Vaters, die Angst vor der Höhe, vor dem falschen Aufprall, vor dem Verlust der Bewegungsabläufe, das Schreien eines Babys irgendwo im Publikum.

Für diesen Moment der inneren Stille trainiert er jeden Tag mindestens 75 Sprünge, dreieinhalb Stunden nach der Schule, an Samstagen sechs Stunden lang. Und sein Ziel in diesem Sommer im Peking ist ganz einfach: "So gut zu sein, wie möglich, Spaß zu haben, zu lernen."

Ist er nicht doch etwas zu jung?

Die erste Lektion hat er in Peking bereits hinter sich: Auch der engste Sportkamerad kann sich im Moment der Niederlage gegen dich wenden. Beim Synchron-Springen vom Zehn-Meter-Brett wurden Tom Daley und sein Partner, der 26-jährige Blake Aldridge, nur achte. Aldridge war offensichtlich sehr enttäuscht und beschuldigte Tom. Der sei viel zu nervös gewesen, ein kleiner Teenager halt. Die britische Presse überschlug sich beinahe: Wird Tom Daley reagieren? Wird er sich erholen bis zu seinem Einzelspringen? Ist er nicht doch etwas jung?

Tom Daley blieb ruhig, seit zwei Wochen hat er sich zurückgezogen und trainiert für seinen Einzel-Auftritt auf dem Zehn-Meter-Turm. Was für ihn wirklich zählt, das hat er schon vor der Reise nach Peking gesagt, sind die Olympischen Spiele 2012 in London. Da wird Tom 18 Jahre alt sein. Und, wenn es nach Tom Daley geht, der beste Turmspringer der Welt.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
RobRoy (22.08.2008, 19:44 Uhr)
Briten?
Der junge Mann mag zwar gut sein aber hier bei uns in Schottland und auch in Wales wird und wurde kaum ueber ihn berichtet, eher wohl in England.Man steht eher hinter den lokalen teilnehmern wie Hoy aus Edinburgh usw.und wuenscht sich das es irgendwann wie bei den Commonwealth games, getrennte mannschaften gibt. Denn ohne die waliser und Schotten haetten die, die sich so gerne Briten nennen, gar nicht so gut ausgesehen.
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