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"Sexueller Missbrauch ist alltäglich gelebter Terror"

Die Empörung über das eingestellte Verfahren gegen den SPD-Politiker Sebastian Edathy reißt nicht ab. Jetzt meldet sich eine der profiliertesten Expertinnen zum Thema Kinderpornographie zu Wort.

  In Deutschland gab es Hunderte Kunden des kanadischen Kinderpornographie-Anbieters Azov

In Deutschland gab es Hunderte Kunden des kanadischen Kinderpornographie-Anbieters Azov

Die Psychologin Julia von Weiler gilt als eine der renommiertesten Experten beim Thema Kindesmissbrauch. Sie ist Geschäftsführerin der deutschen Sektion des internationalen Netzwerks Innocence in Danger, das sich gegen sexuellen Missbrauch engagiert. Unterstützer der gemeinnützigen Organisation ist auch Til Schweiger, dessen Plädoyer für die Rechte von Kindern auf stern sehr viele Menschen bewegt. Mittlerweile hat Til Schweiger dem Kinderschutzbund 10.000 Euro überwiesen: die doppelte Summe des Geldes, das Sebastian Edathy nach Einstellung des Verfahrens zahlen sollte. Der Kinderschutzbund aber hatte es abgelehnt, diese Summe entgegenzunehmen.

Frau von Weiler, hat Sie der Abschluss des Gerichtsverfahrens gegen Sebastian Edathy überrascht?
von Weiler: Ich mache mir so meine Gedanken.

Welche?


Man könnte sich fast fragen, ob mit Absicht so schlampig und geräuschvoll ermittelt wurde, um Ergebnisse von vornherein zu verhindern. Drei prominente Tatverdächtige sind in der vergangenen Zeit mit Geldauflagen davongekommen. Ein Spitzenbeamter des Bundeskriminalamts, dessen Aufgabe es ausgerechnet war, Ermittlungen gegen Kinderpornographie zu leiten, akzeptierte Ende 2012 einen Strafbefehl und zahlte zwischen 10.000 und 20.000 Euro, um einen Prozess zu vermeiden. Georg Hupfauer, ehemaliger Bundesvorsitzender der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), sollte 90 Tagessätze zu je 100 Euro zahlen und gilt damit nicht als vorbestraft. Und Edathy kommt mit 5000 Euro davon.

Was wurde diesen Männern vorgeworfen?
Unter anderem waren alle drei Männer Kunden des kanadischen Kinderpornographie-Anbieters Azov, dessen Betreiber sich mittlerweile vor Gericht verantworten muss. Sexueller Missbrauch ist die Grundlage für diese Missbrauchsdarstellungen. Man kann sexuellen Missbrauch gleichsetzen mit alltäglich erlebtem Terror.

Heißt das, Edathy ist für Sie ein Terrorist?


Zu so einer Aussage lasse ich mich nicht hinreißen. Aber was man sagen kann: Edathy hat durch seine nachgewiesenen Käufe beim kanadischen Anbieter Azov ein Kindesmissbrauch-Terror-Netzwerk mitfinanziert. Dieses bot unter anderem Bilder an, auf denen - das sind Untersuchungsergebnisse - "nackte Knaben" im Alter zwischen 9 und 14 Jahren zu sehen waren, die "toben und spielen, in natürlichen Posen sitzen und sich darstellen. Alles jedoch in Bezug zu den Genitalien." Und Azov vertrieb außerdem auch so gewalttätige Darstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch, dass einige Ermittler nach der Durchsuchung einen Zusammenbruch erlitten.

Mittlerweile ist ja öffentlich ziemlich viel aus den Ermittlungsakten bekannt. Was halten Sie davon?
Das ist ein Skandal. Wie die Details im Verfahren Edathy durchgestochen worden sind, das hat mit sauberer Ermittlungsarbeit oder mit dem Schutz des Einzelnen, wie ich ihn mir in einem Rechtsstaat vorstelle, nichts zu tun. Diesen Skandal thematisiert Edathy zu Recht. Aber dass, wie mittlerweile bekannt ist, mindestens 57 Leute von den Ermittlungen gegen ihn wussten, macht es ihm eben auch einfach, sich als Opfer zu stilisieren. Journalisten zitieren Einzelheiten aus der Ermittlungsakte, die nicht mal im Verfahren verhandelt wurden.

Welche Konsequenzen hatte dies für das Verfahren?


Das bedeutet, dass die Ermittlungen nicht mehr sauber geführt werden konnten, weil der Lärm dazu führte, dass wahnsinnig viele Menschen gewarnt wurden. Aus Kanada waren 2011 den deutschen Behörden 805 IP-Adressen übermittelt worden, es gab 800 Beschuldigte und 70.000 Fotos. Das ist jetzt vier Jahre her: Eigentlich könnte man eine Meldung darüber erwarten, dass die Behörden eine Art Netzwerk ausgehoben haben. Aber das Rumgeheule um Edathy hat dazu geführt, dass auch die anderen zugesehen haben, dass ihre Laptops verschwinden oder wie Edathy sagt, gestohlen worden sind.

Wollen Sie den Behörden mangelnde Entschlossenheit unterstellen oder gar Vertuschung?
Nein, ich kenne viele wahnsinnig engagierte Ermittler. Aber sie sind auch frustriert, weil unter anderem auch die rasante technische Entwicklung ihre Arbeit so schwierig macht. Ein kleiner Stick speichert mittlerweile zehntausende von Bildern. In dem Verfahren gegen den kanadischen Kinderporno-Anbieter Azov, dessen Kunde auch Sebastian Edathy war, wurde Datenmaterial im Umfang von 45 Terabyte sichergestellt: Das entspricht 27 Millionen Filmminuten, die zu sichten sind. Und während 1995 noch drei Beamte im Bundeskriminalamt pro Person 166 Fälle betreuten, waren es im vergangenen Jahr bereits 266, eine Steigerung von mehr als die Hälfte.

Der ehemalige BKA-Präsident Jörg Ziercke, übrigens auch SPD-Mann, muss sich die Frage gefallen lassen, wieso der hochrangige BKA-Beamte, der sich eben auch kinderpornographisches Material bestellt hatte, so geräuschlos, wie soll ich sagen, beiseite gestellt wurde. Dieser Mann, ausgerechnet, war zuständig auch für die Ermittlungen im Bereich Kinderpornographie. In der Abteilung "Schwere und organisierte Kriminalität".

Es ist doch klar, warum dieser Mann von seinem Chef gedrängt wurde, in den Vorruhestand zu gehen ...


... ja. Aber auch hier sieht man: Es geht immer nur darum, einen oder den eigenen Ruf zu retten, statt wirklich aufzuklären. Vielleicht hätte man diese Geschichte öffentlich kommunizieren können. Vielleicht wäre eine gesellschaftliche Debatte gefolgt. Das wäre mutig gewesen. Aber dass dieser Mut fehlt, haben wir ja auch bei den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche gesehen.

Haben Sie insgesamt das Gefühl, dass dem Schutz von Kindern in unserer Gesellschaft nicht so viel Bedeutung zugemessen wird?
Vielleicht ist es so. Aber bei diesem Thema gibt es einen psychologischen Effekt. Wir haben in den vergangenen Jahren so viel über sexuellen Missbrauch und Missbrauchsabbildungen, also Kinderpornographie, gehört und gelesen, dass man eigentlich meint, alles zu wissen. Das Thema ist so gespenstisch, dass man damit auch nichts zu tun haben will. Sexueller Missbrauch aber geschieht jeden Tag um uns herum. 2013 wurden täglich 33 Fälle sexuellen Missbrauchs angezeigt - ein Fall alle 48 Minuten. Und wir wissen, die meisten Taten werden gar nicht angezeigt. Das bedeutet, Täter und Täterinnen sind um uns herum, sie sind unsere Nachbarn und unsere Kollegen, wir wissen aber nichts von ihnen und wollen auch nichts wissen. Sich auszudenken, was wäre wenn: Diese Gedanken denken wir nicht zu Ende. Wir reden uns ein: Dies passiert nicht in meiner Familie, nicht in meinem Job, nicht in meiner Schule. Aber wir müssen darüber sprechen, wir dürfen da nicht herumdrucksen. Wir müssen der Heimlichtuerei, die ein wichtiger Nährboden für sexuellen Missbrauch ist, den Boden entziehen. Jeden Tag aufs Neue. Das ist anstrengend, aber notwendig.

Das Gespräch führte stern-Reporter Uli Hauser.

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