Titisee unter Schock

26. November 2012, 23:20 Uhr

Die Aufräumarbeiten beginnen nach der Feuerkatastrophe mit 14 Toten in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt. Überlebende, Helfer und Anwohner versuchen, die Katastrophe zu verarbeiten. Von Frank Brunner, Titisee-Neustadt

Es ist 13.58 Uhr am Montagnachmittag, als bei Gotthard Benitz das Telefon klingelt. Feuer in einem Wohnheim für Behinderte, meldet die Leitstelle Freiburg. Der Einsatzleiter der Feuerwehr im baden-württembergischen Titisee-Neustadt reagiert routiniert. Sechs Minuten dauert es, bis die ersten Löschfahrzeuge vor dem zweistöckigen Gebäude eintreffen. Sieben Stunden später steht Benitz sichtlich erschöpft vor einem provisorisch errichteten Zelt der Einsatzzentrale und ringt um Worte. "Eine solche Tragödie habe ich noch nicht erlebt", sagt er stern.de.

Etwa fünfzig Personen befanden sich zum Zeitpunkt des Brandes in der Caritas-Werkstatt. Nach bisherigen Erkenntnissen ist das Feuer nach einer Explosion im Dachgeschoss ausgebrochen. Für 14 Menschen kommt jede Hilfe zu spät. Noch am Montagabend gleicht das Gelände am Rande von Titisee-Neustadt einem Katastrophengebiet. Scheinwerfer tauchen die umliegenden Häuser in taghelles Licht. Die Polizei hat das Haus abgesperrt; davor rollen Mitarbeiter von Technischem Hilfswerk und der Feuerwehr die Löschschläuche ein. "Wir werden in den kommenden Stunden vor Ort bleiben", sagt Benitz. Seine Kollegen haben in der Werkstatt Wärmebildkameras installiert, um eventuell versteckte Brandherde schnell zu identifizieren.

Erst kurz nach 21 Uhr haben die ersten Helfer Zeit für einen Becher Kaffee. "Als erstes sah ich einen Rauchpilz über dem Gebäude, dann sagte der Heimleiter, dass sich noch Menschen im Haus befinden", erzählt Feuerwehrmann Benitz. Etwa 120 Erwachsene mit geistigen oder mehrfachen Behinderungen montieren in der Werkstatt Elektrogeräte und Verpackungen für Firmen in der Umgebung. Betreut werden sie dabei von Pädagogen. Auf einen von ihnen wartet Manfred G. Nervös geht er vor dem Absperrband immer wieder auf und ab. Denn auf dem Gelände ist noch seine 30-jährige Tochter, die als Erzieherin arbeitet. "Vor einigen Stunden hat sie angerufen und gesagt, dass es ihr gut gehe", so G. Doch nun wisse er nicht, was los sei.

Eine "unbekannte Dimension von Unglück"

Auch für Wolfgang Schäfer-Mai ist die Nacht noch nicht zu Ende. "Nach dem derzeitigen Stand haben wir neun Verletzte, diese sind in den Krankenhäusern, und keiner von ihnen ist in Lebensgefahr", sagt der Geschäftsführer des DRK Freiburg. Zuvor haben er und seine Kollegen die körperlich Unverletzten betreut. "Viele von ihnen standen unter Schock, wollten zurück in das Haus", berichtet Schäfer-Mai. Doch das Schlimmste sei, zu wissen, dass man 14 Menschen nicht helfen konnte. Von einer für ihn bislang "unbekannten Dimension von Unglück", spricht der DRK-Mann, der mit 80 Rettern aus dem ganzen Hochschwarzwald vor Ort ist. Fast alle Helfer in Titisee-Neustadt werden wohl in den nächsten Tagen psychologische Betreuung benötigen. "Die ersten 24 Stunden nach so einem Einsatz fühlt man sich wie in einem Film", sagt Feuerwehr-Einsatzleiter Benitz. "Erst dann begreift man langsam, was passiert ist."

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