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12. September 2009, 15:52 Uhr

Das Leben in Freiheit hat Grenzen

Mauerfall, Ungarn, Urlaub, Müller, Jahrestag, DDR

Karola und Edgar Müller haben ihre Vergangenheit in Fotoalben abgelegt. Ein Blick hinein und jede Menge Erinnerungen werden wach© Zenke

Ende August 2009. Thüringer Würstchen brutzeln auf dem Grill, der große Holztisch auf der Terrasse ist liebevoll gedeckt, es ist ein herrlicher Sommertag. "Ist das schön, dass wir uns endlich einmal alle wieder sehen." Karola Müller strahlt über das ganze Gesicht, prostet ihren Gästen zu. Zwanzig Jahre danach - zwanzig Jahr in Freiheit, ein Grund, zu feiern. Deswegen haben die Müllers eingeladen. Diejenigen, die ihnen den Start in ein neues Leben erleichtert haben. Nach Neuweiler, wo die Familie immer noch lebt, mittlerweile in einem eigenen gemütlichen Haus. Sie sind geblieben, auch nach dem Mauerfall. Ihr Haus im Osten, das sie unerwartet zurückbekamen, haben sie verkauft.

Der Weg in ein normales Leben im Westen war steinig

Mit am Tisch sitzen die Bekannten aus Calw. Und Annemarie Senar. "Unser Omaersatz und eine gute Freundin", sagt Karola mit feierlicher Stimme. Natürlich sind auch Susan und Sören da. Sören, 24 Jahre inzwischen jung, ist Elektriker und wie sein Vater begeisterter Motorradfahrer. Er wohnt noch bei den Eltern. Seine Schwester Susan, 29, verheiratet, "schafft" beim Landratsamt. Gemeinsam mit Ehemann Tino wohnt sie ein Dorf weiter. Während Susan und Sören munter schwäbeln, hört man ihren Eltern die Herkunft aus dem Osten noch an. Zwanzig Jahre - eine lange Zeit. Viel Alltag hat sich über die Erinnerungen der Müllers gelegt, jetzt, bei dem Treffen mit Würstchen und Bier werden jede Menge von ihnen wieder wach. "Es war ein sehr, sehr steiniger Weg", sagt Karola Müller nachdenklich und blättert in einem Album, das die ersten Jahre im Westen dokumentiert. Denn auch hier, auf der anderen Seite der Mauer, gab es Entbehrungen: So brach Karolas Vater zunächst den Kontakt zu seiner Tochter ab. Ihren Neuanfang im Westen, den Drang nach Freiheit, das alles konnte der Lehrer nicht begreifen. "Es gab zwar nach dem Mauerfall eine Aussprache, aber ich glaube, er hat mich nie richtig verstanden", sagt Karola mit dünner Stimme. Das beschäftigt die sonst so fröhliche Frau mit dem blonden Pferdeschwanz immer noch, oft schleicht sich die Verzweiflung in ihre nächtlichen Träume: "Ich stehe am Rand eines Grabens und meine Eltern stehen auf der anderen Seite."

Ein paar Mal besuchten ihre Eltern sie in Neuweiler. 1995 starb ihr Vater, mit ihrer Mutter hat Karola kaum noch Kontakt. Beruflich fasste Karola nur schwer Fuß, die Personalchefs reagierten verhalten. "Wir hatten kein einziges Zeugnis mehr, unsere persönlichen Sachen waren aus unserem Haus in Neunhofen entfernt worden." Außerdem kam ein Vollzeitjob für die junge Mutter damals nicht in Frage, sie musste sich um die Kinder kümmern. "Eine Ganztagsbetreuung wie im Osten gab und gibt es bis heute nicht auf dem Dorf."

Niemand konnte voraussehen, dass die Mauer fällt

Auch Heimweh und Zweifel, ob sie das Richtige getan haben, plagten die Müllers anfangs sehr. "Wir hatten nur uns", sagt Karola. Heute wissen sie, "dass Zuhause dort ist, wo wir uns wohl fühlen". Neuweiler, das ist ihr zuhause. Und Edgar Müller ist sich sicher: "Wir würden alles wieder so machen." Seine Frau nickt. Dass die Mauer wenige Wochen nach ihrer Flucht fallen würde, das habe niemand voraussehen können. Dennoch gab es manche Situation, wo sie sich überfordert fühlten, drohten, unter die Räder einer ihnen bislang unbekannten Ellbogen- und Neidgesellschaft zu geraten. Arbeitskollegen von Egdar Müller stichelten noch Jahre später, seine Familie habe im Westen alles geschenkt bekommen. Auf die Eingangstür ihres Hauses schmierten Unbekannte: "Ossis raus". Und als ein Kunde Karolas - sie ist mittlerweile selbstständig, hat sich im Haus einen kleinen Tierfutter-Laden eingerichtet - die Motorräder von Sören und Edgar im Hof stehen sah, sagte er: "Aus dem Osten müsste man kommen, dann kann man sich so etwas leisten." Das war vor knapp zwei Jahren. Edgar schüttelt den Kopf und wirkt ein wenig müde, zu oft musste er sich schon rechtfertigen. "Wir haben viel Hilfe erfahren, das werden wir nie vergessen. Aber das meiste haben wir uns selbst erarbeitet." Auch wenn das Ehepaar beruflich einige Male Schiffbruch erlitt, weil der Arbeitsplatz aus Kostengründen gestrichen oder der Betrieb gleich ganz dicht gemacht wurde. Es ging immer wieder weiter. Sie haben sich angepasst, sie haben das Spiel des Westens mitgespielt, sie fühlen sich heute als "Wessis".

Noch heute schlägt ihnen Ignoranz und Kälte entgegen

Dennoch haben die Flucht und ihre Folgen irgendwo tief in ihrem Innersten Risse hinterlassen. Sie sind nur oberflächlich verheilt. "Das kann sich niemand vorstellen", ein Satz, den Edgar Müller an diesem Abend immer wieder betont, wenn es um die DDR, um ihre Flucht geht, um die ersten Jahre in der Fremde. Wie war es wirklich in der DDR? Kapiert einfach keiner, der es nicht erlebt hat. Welche Gründe konnte es für eine junge Familie geben, die eigene Heimat zu verlassen? So ein Verhalten scheint manchem Westler fragwürdig. "Ich habe mir oft mehr Offenheit und Interesse der Menschen gewünscht", sagt Karola. Es klingt nicht verbittert.

Die Kälte und Ignoranz, die ihnen manchmal noch heute entgegenschlägt, das hat die Familie nur noch fester zusammengeschweißt. Sie haben zwar Freunde im Westen gefunden, für die Müllers hat die eigene Familie einen noch höheren Stellenwert als vielleicht üblich. "Es stimmt schon", sagt Karola nachdenklich, "wir sind oft für uns". Und dann, mit einem Mal, als Karola sich noch ein Thüringer Würstchen auf den Teller packt, dazu einen dicken Klecks Bautzener Senf, bricht es aus ihr heraus. "Wenn ich Ostprodukte sehe, muss ich zuschlagen." Edgar und Sören prusten vor Lachen, stoßen ausgelassen mit Köstritzer Bier an. Dann wird es still am Tisch. Karola blickt zu ihrem Mann, dann zu Sören und Susan, sie hat Tränen in den Augen: "Die Zeit in der DDR und unsere Flucht", sagt sie, "das werden wir nie vergessen. Das ist ein Kapitel in unserem Leben, das wird nie abgeschlossen sein".

Von Stefanie Zenke
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KOMMENTARE (4 von 4)
 
dr_bernardy (14.09.2009, 14:01 Uhr)
Trojanischen Pferde der SED
Mit der Massenflucht kamen auch die Trojanischen Pferde der SED und regieren heute unser Land
herdubreid (13.09.2009, 22:00 Uhr)
@zappuser
Sind Sie aus dem Osten, kennen Sie solche Leute?
Ich selbst war innerlich zerissen, wollte aber die Freunde und die kranke Mutter nicht zurücklassen, um "abzuhauen". Und so ging es aus verschiedenen Gründen anderen Menschen auch. Ist es schlecht, seine Heimat zu lieben? Welches Problem wäre gelöst , wenn alle in den Westen gehen würden? Würden Sie selbst irgendwohin ziehen, wo Sie keinen Menschen kennen, für einen Job, der vielleicht für ein Jahr befristet ist? Stellen Sie sich das bitte mal praktisch vor, wenn Sie Familie haben! Es pendeln schon tausende heutzutage, familienfreundlich ist was anderes.
Aquarius2 (12.09.2009, 19:56 Uhr)
@zappuser - Wer hat mehr Biß?
Haben diejenigen Biß, die weglaufen, oder diejenigen, die bleiben, notwendige Veränderungen anpacken und Umgestaltungen durchführen. Jeden Tag, von Anfang an ? Mit Flucht lassen sich keine Veränderungen von Mißständen herbeiführen.
Ich kann mir vorstellen, dass heute auch noch Menschen beim Einkaufen weinen: weil sie ihren Kindern wegen unverschuldeter Arbeitslosigkeit/Hartz IV nicht einmal das Allernotwendigste kaufen können. Wohin können diese Menschen flüchten?
zappuser (12.09.2009, 17:50 Uhr)
Die Meisten mit Biß, die ihr Leben
in die eigene Hand nehmen, haben inzwischen den Osten verlassen. Zurück bleiben massenweise Transferempfänger, von denen Studien zeigen, daß sie noch nichtmal mit einer Jobzusage umziehen würden. Kein Wunder, daß die Linke im Osten so stark ist.
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