
Dominique Horwitz, 51: "Ich staune heute darüber, wie viele Fehlentscheidungen ich beruflich und privat getroffen habe"© Mareike Foecking
Was ist mit mir, lebe ich mein Leben noch, oder lebe ich längst neben mir und meiner Partnerin her? Fragen, die scheinbar naturgesetzlich sind. Und unabhängig vom Geschlecht. Eine Ehe muss nicht verkehrt sein, aber sie kann sich totlaufen. Vielleicht gerade dann, wenn man oben angekommen, der gemeinsame Entwurf, Kinder und Karriere erfüllt sind. Wie das offensichtlich beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff war. Oder bei Dominique Horwitz, der heute mit seiner zweiten Frau Anna Wittig und deren Kindern in der Nähe von Weimar lebt.
Wir treffen ihn im "Anno 1900", dem Restaurant seiner Frau; sitzen, Zufall oder nicht, an jenem Tisch, an dem Horwitz saß, als er bei ihr eine Bestellung aufgab. Anna Wittig ist 14 Jahre jünger. Der Altersunterschied ist, wie kann es auch anders sein, deutlich. Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie nur vier Jahre jünger gewesen wäre? Nein, sagt er, sie hätte auch vier Jahre älter sein können. Horwitz wirkt nicht wie einer dieser Männer, die dem eigenen Altern eine junge Frau entgegensetzen. Worum geht es Ihnen dann, Herr Horwitz? "Ich spüre das Älterwerden an einem Bedürfnis nach Klarheit. Ich kläre meine Lebenssituation, und ich glaube, das gelingt mir. Ich habe mich vor zweieinhalb Jahren scheiden lassen, habe vor einem Jahr wieder geheiratet, meinen Lebensmittelpunkt von Hamburg nach Weimar verschoben, habe eine neue Firma gegründet und meine Jacques-Brel-CD mit der NDR-Radiophilharmonie selbst produziert. Also: Ich kann schon noch in die Hände spucken und ins Wasser springen."
Das sind Sätze, die - aus dem Zusammenhang gerissen - arrogant klingen können. Deshalb sagt Horwitz: "Damit das nicht überheblich klingt: Das alles ist mit Risiko behaftet, aber es ist mein selbst gewähltes. Ich spüre, ich komme mir mit jedem Schritt näher. Ich habe die Kategorie ,erfolgreich‘ durch ,richtig‘ ersetzt. Die private Veränderung, die berufliche Konzentration, alles zusammen bringt mich mit mir stärker in Einklang. Das gilt auch für meine Bühnenpräsenz, ich glaube, ich spiele heute unangestrengter. Bei aller Unsicherheit über den Gang der Lebensdinge habe ich eine Zuversicht wie noch nie in meinem Leben."
Auf der Suche nach dem "richtigen Leben", nach größerer Intensität und geringerer Anpassung profitieren die Älteren von der Annäherung zweier Generationen: Sprach- und Dresscodes der 35- und 55-Jährigen sind oft identisch. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten trennten sie Welten. Das macht es so schwer für die Marktforscher und Werber. "50plus" - wer will so heißen? "Das Alter selbst", sagt Rolf Kirchmair, "ist ja die größte Kränkung für Männer über 50."
Rolf Kirchmair, 64, ist Marktpsychologe in Frankfurt am Main, seit über 30 Jahren schon. Er hat ein "kleines Institut" für Seniorenforschung, Senior Research, und trifft sich alle paar Wochen mit Peter Rogge, Heinz-Peter Diekneite und Holger Burckhard im Konferenzraum einer Werbefabrik in Frankfurt-Rödelheim; deep thought heißt sie. Die Männer sind zwischen Ende 50 und Ende 60, "gefühlte zehn Jahre jünger", wie Rogge sagt. Er ist Texter, Diekneite der Marketingmann und Burckhardt der Designer.
Womöglich haben die vier eine geniale Marktlücke gefunden in der ewig auf jung getrimmten Branche: Nur wer selbst ergraut ist, kann eine alternde Zielgruppe - über fünf Millionen Männer - verstehen. "Wir haben die gleichen Gefühle, Bedürfnisse und Ansprüche", sagt Rogge. Über konkrete Projekte, das verbiete die Marktlogik, können sie nicht sprechen. Aber Rogge erinnert an die Supermarktkette, die in den neuen Ländern als Service für die altersweitsichtige Klientel kettengesicherte Lupen an die Regale gehängt hatte. Das kam natürlich ganz schlecht an.
Rogge zieht ein Kunststoffkärtchen in Visitenkartengröße aus seinem Portemonnaie. Der obere Teil ist durchsichtig, auf dem unteren steht sein Agenturname: Nestor Agency. Vor die Augen gehalten, vergrößert das Klarsichtkärtchen die Schrift um etwa das Fünffache. "So etwas für kleines Geld an der Kasse verkaufen", das funktioniere. Wie, das ist ihr Thema, verpacken wir das Alter(n)?
Verpackung, das ist weit weg vom Arbeitsfeld des Privatdozenten Dr. Stefan Conrad, Chefarzt der Urologie am Friederikenstift in Hannover. Sein Chefarztzimmer liegt im dritten Stock am Ende eines Ganges mit Räumen, die "Urodynamik" heißen, "Harnflussmessung" und "Katheterzimmer". Eine Dreiviertelstunde sind wir auf- und abgegangen, weil der Chef noch auf Visite war, immer wieder "Urodynamik" auf und "Harnflussmessung" ab. Das macht demütig. Jetzt sitzen wir Conrad gegenüber, einem stämmigen Endvierziger mit feinen und ruhigen Gesichtszügen, die nicht erkennen lassen, was heute alles auf dem OP-Programm stand. Prostata-Totalresektionen und was es so gibt, wenn das Leben poröser wird. Conrad strahlt jene Gelassenheit aus, die einem Patienten Sicherheit gibt. Sein Nachhorchen der eigenen Worte vermittelt Vertrauen.
Der Verlust der Selbstbestimmung - und die gibt man ja beim Arzt ein wenig aus der Hand - passt eben nicht in das klassische Männerbild, das uns zum Teil anerzogen worden ist, das zum Teil auch hormonell geprägt ist: eine gewisse Rudelführerschaft. Wissen Sie, wie ein Mann reagiert, der auf der Autobahn gegen die Verkehrsregel überholt worden ist? Er überholt seinerseits den Rüpel, zeigt ihm auf gleicher Höhe den Vogel, setzt sich dann vor ihn und bremst ab. Er will die Kontrolle über die Situation haben.
Sicher auch, weil die Prostata und ihre Veränderungen, gut- wie bösartig, Synonym für das Altern des Mannes ist. Jeder kennt heute eigentlich jemanden, der unter diesem Krebs leidet, der daran gestorben ist. Im Alter zwischen 50 und 60 beginnt die Prostata, in gutartigen Knoten zu wachsen und sich zu vergrößern. Ein Teil der Männer erlebt schon in diesem Alter, dass das Wasserlassen sich verändert, dass sie vielleicht nachts einmal mehr aufstehen müssen, dass der Harnstrahl schwächer wird. Jeder zweite Mann ab Mitte 50 wird Ihnen sagen, der Strahl ist nicht mehr so wie früher, aber es reicht noch.
Etwa 20 Prozent der Männer spüren schon im Alter zwischen 40 und 50 eine nachlassende Erektionsstärke. Natürlich sind die Grenzen fließend, aber ab 50, um das kritische Datum zu nehmen, ist jeder zweite bis dritte Mann von sexuellen Veränderungen betroffen. Was nicht heißt, dass jeder auch behandlungsbedürftig ist.
Da ist zunächst die Stärke, die Rigidität, wie wir das nennen. Die Schwellkörper schwellen eben nicht mehr so an, wie das in jüngeren Jahren war. Der Bluteinstrom in die Schwellkörper erfolgt durch eine aktive Entspannung der Muskelzellen in den zuführenden Gefäßen. Wenn die Muskulatur schwächer wird, reduziert sich die Öffnung der Gefäße, weniger Blut strömt ein, die Stärke der Erektion nimmt ab. Hier setzen Medikamente wie Viagra an, die auf den Regulator am Muskel einwirken und den Impuls der Gefäßöffnung stärken.
Die einen betrachten es - durchaus auch depressiv - als Abschied von der Jugend. Nur wenige brechen, soweit ich das beurteilen kann, aus und suchen eine jüngere Partnerin. Die meisten versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen: Alles wird langsamer, schlechter, also leben wir bewusster, stellen die Beziehung auf andere Fundamente, wir kümmern uns um Sport, wir ernähren uns anders. Da sind den Neuentwürfen keine Grenzen gesetzt."
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Stern
Ausgabe 28/2008