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13. Juli 2008, 18:04 Uhr

Altern Das Beste kommt noch

Zoom

Dominique Horwitz, 51: "Ich staune heute darüber, wie viele Fehlentscheidungen ich beruflich und privat getroffen habe"© Mareike Foecking

Was ist mit mir, lebe ich mein Leben noch, oder lebe ich längst neben mir und meiner Partnerin her? Fragen, die scheinbar naturgesetzlich sind. Und unabhängig vom Geschlecht. Eine Ehe muss nicht verkehrt sein, aber sie kann sich totlaufen. Vielleicht gerade dann, wenn man oben angekommen, der gemeinsame Entwurf, Kinder und Karriere erfüllt sind. Wie das offensichtlich beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff war. Oder bei Dominique Horwitz, der heute mit seiner zweiten Frau Anna Wittig und deren Kindern in der Nähe von Weimar lebt.

"Das Bedürfnis nach Klarheit"

Wir treffen ihn im "Anno 1900", dem Restaurant seiner Frau; sitzen, Zufall oder nicht, an jenem Tisch, an dem Horwitz saß, als er bei ihr eine Bestellung aufgab. Anna Wittig ist 14 Jahre jünger. Der Altersunterschied ist, wie kann es auch anders sein, deutlich. Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie nur vier Jahre jünger gewesen wäre? Nein, sagt er, sie hätte auch vier Jahre älter sein können. Horwitz wirkt nicht wie einer dieser Männer, die dem eigenen Altern eine junge Frau entgegensetzen. Worum geht es Ihnen dann, Herr Horwitz? "Ich spüre das Älterwerden an einem Bedürfnis nach Klarheit. Ich kläre meine Lebenssituation, und ich glaube, das gelingt mir. Ich habe mich vor zweieinhalb Jahren scheiden lassen, habe vor einem Jahr wieder geheiratet, meinen Lebensmittelpunkt von Hamburg nach Weimar verschoben, habe eine neue Firma gegründet und meine Jacques-Brel-CD mit der NDR-Radiophilharmonie selbst produziert. Also: Ich kann schon noch in die Hände spucken und ins Wasser springen."

Das sind Sätze, die - aus dem Zusammenhang gerissen - arrogant klingen können. Deshalb sagt Horwitz: "Damit das nicht überheblich klingt: Das alles ist mit Risiko behaftet, aber es ist mein selbst gewähltes. Ich spüre, ich komme mir mit jedem Schritt näher. Ich habe die Kategorie ,erfolgreich‘ durch ,richtig‘ ersetzt. Die private Veränderung, die berufliche Konzentration, alles zusammen bringt mich mit mir stärker in Einklang. Das gilt auch für meine Bühnenpräsenz, ich glaube, ich spiele heute unangestrengter. Bei aller Unsicherheit über den Gang der Lebensdinge habe ich eine Zuversicht wie noch nie in meinem Leben."

Auf der Suche nach dem "richtigen Leben", nach größerer Intensität und geringerer Anpassung profitieren die Älteren von der Annäherung zweier Generationen: Sprach- und Dresscodes der 35- und 55-Jährigen sind oft identisch. Noch vor drei oder vier Jahrzehnten trennten sie Welten. Das macht es so schwer für die Marktforscher und Werber. "50plus" - wer will so heißen? "Das Alter selbst", sagt Rolf Kirchmair, "ist ja die größte Kränkung für Männer über 50."

Diskrepanz zwischen echtem und gefühltem Alter

Rolf Kirchmair, 64, ist Marktpsychologe in Frankfurt am Main, seit über 30 Jahren schon. Er hat ein "kleines Institut" für Seniorenforschung, Senior Research, und trifft sich alle paar Wochen mit Peter Rogge, Heinz-Peter Diekneite und Holger Burckhard im Konferenzraum einer Werbefabrik in Frankfurt-Rödelheim; deep thought heißt sie. Die Männer sind zwischen Ende 50 und Ende 60, "gefühlte zehn Jahre jünger", wie Rogge sagt. Er ist Texter, Diekneite der Marketingmann und Burckhardt der Designer.

Womöglich haben die vier eine geniale Marktlücke gefunden in der ewig auf jung getrimmten Branche: Nur wer selbst ergraut ist, kann eine alternde Zielgruppe - über fünf Millionen Männer - verstehen. "Wir haben die gleichen Gefühle, Bedürfnisse und Ansprüche", sagt Rogge. Über konkrete Projekte, das verbiete die Marktlogik, können sie nicht sprechen. Aber Rogge erinnert an die Supermarktkette, die in den neuen Ländern als Service für die altersweitsichtige Klientel kettengesicherte Lupen an die Regale gehängt hatte. Das kam natürlich ganz schlecht an.

Rogge zieht ein Kunststoffkärtchen in Visitenkartengröße aus seinem Portemonnaie. Der obere Teil ist durchsichtig, auf dem unteren steht sein Agenturname: Nestor Agency. Vor die Augen gehalten, vergrößert das Klarsichtkärtchen die Schrift um etwa das Fünffache. "So etwas für kleines Geld an der Kasse verkaufen", das funktioniere. Wie, das ist ihr Thema, verpacken wir das Alter(n)?

Das Leben wird porös

Verpackung, das ist weit weg vom Arbeitsfeld des Privatdozenten Dr. Stefan Conrad, Chefarzt der Urologie am Friederikenstift in Hannover. Sein Chefarztzimmer liegt im dritten Stock am Ende eines Ganges mit Räumen, die "Urodynamik" heißen, "Harnflussmessung" und "Katheterzimmer". Eine Dreiviertelstunde sind wir auf- und abgegangen, weil der Chef noch auf Visite war, immer wieder "Urodynamik" auf und "Harnflussmessung" ab. Das macht demütig. Jetzt sitzen wir Conrad gegenüber, einem stämmigen Endvierziger mit feinen und ruhigen Gesichtszügen, die nicht erkennen lassen, was heute alles auf dem OP-Programm stand. Prostata-Totalresektionen und was es so gibt, wenn das Leben poröser wird. Conrad strahlt jene Gelassenheit aus, die einem Patienten Sicherheit gibt. Sein Nachhorchen der eigenen Worte vermittelt Vertrauen.

Warum trauen sich so wenige Männer, Dr. Conrad, warum gehen sie nicht zur Vorsorge?

Der Verlust der Selbstbestimmung - und die gibt man ja beim Arzt ein wenig aus der Hand - passt eben nicht in das klassische Männerbild, das uns zum Teil anerzogen worden ist, das zum Teil auch hormonell geprägt ist: eine gewisse Rudelführerschaft. Wissen Sie, wie ein Mann reagiert, der auf der Autobahn gegen die Verkehrsregel überholt worden ist? Er überholt seinerseits den Rüpel, zeigt ihm auf gleicher Höhe den Vogel, setzt sich dann vor ihn und bremst ab. Er will die Kontrolle über die Situation haben.

Und warum begegnen kontrollversessene Männer dem Thema Prostata so verkrampft?

Sicher auch, weil die Prostata und ihre Veränderungen, gut- wie bösartig, Synonym für das Altern des Mannes ist. Jeder kennt heute eigentlich jemanden, der unter diesem Krebs leidet, der daran gestorben ist. Im Alter zwischen 50 und 60 beginnt die Prostata, in gutartigen Knoten zu wachsen und sich zu vergrößern. Ein Teil der Männer erlebt schon in diesem Alter, dass das Wasserlassen sich verändert, dass sie vielleicht nachts einmal mehr aufstehen müssen, dass der Harnstrahl schwächer wird. Jeder zweite Mann ab Mitte 50 wird Ihnen sagen, der Strahl ist nicht mehr so wie früher, aber es reicht noch.

Was aber ist mit der Sexualität, ab wann verliert ein Mann seine körperliche Männlichkeit?

Etwa 20 Prozent der Männer spüren schon im Alter zwischen 40 und 50 eine nachlassende Erektionsstärke. Natürlich sind die Grenzen fließend, aber ab 50, um das kritische Datum zu nehmen, ist jeder zweite bis dritte Mann von sexuellen Veränderungen betroffen. Was nicht heißt, dass jeder auch behandlungsbedürftig ist.

Können Sie die Veränderungen näher umschreiben?

Da ist zunächst die Stärke, die Rigidität, wie wir das nennen. Die Schwellkörper schwellen eben nicht mehr so an, wie das in jüngeren Jahren war. Der Bluteinstrom in die Schwellkörper erfolgt durch eine aktive Entspannung der Muskelzellen in den zuführenden Gefäßen. Wenn die Muskulatur schwächer wird, reduziert sich die Öffnung der Gefäße, weniger Blut strömt ein, die Stärke der Erektion nimmt ab. Hier setzen Medikamente wie Viagra an, die auf den Regulator am Muskel einwirken und den Impuls der Gefäßöffnung stärken.

Nehmen Männer das mit Frust oder Melancholie, dass alles schwächer wird, der Strahl, die Schwellkraft, die Lebensdynamik?

Die einen betrachten es - durchaus auch depressiv - als Abschied von der Jugend. Nur wenige brechen, soweit ich das beurteilen kann, aus und suchen eine jüngere Partnerin. Die meisten versuchen, aus der Not eine Tugend zu machen: Alles wird langsamer, schlechter, also leben wir bewusster, stellen die Beziehung auf andere Fundamente, wir kümmern uns um Sport, wir ernähren uns anders. Da sind den Neuentwürfen keine Grenzen gesetzt."

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 28/2008

KOMMENTARE (10 von 10)
 
Biggi80687 (15.07.2008, 18:52 Uhr)
Männer um 50
Guter Bericht, aber es stimmt, es geht
hier fast ausschliesslich um Männer aus der Oberschicht. Es ist ja allgemein bekannt, das Männer jenseits der 50 grosse Probleme haben mit ihrer Identität. Sie nehmen sich junge Frauen,verlassen die Familie und meinen, dann wird alles besser.
Sicher kann man das nicht verallgemeinern, aber in einer bestimmten Schicht, ist es wohl an der Tagesordnung. Aber es gibt ja
auch genug junge Frauen, die sich
einen Älteren nehmen, dann sind sie
versorgt. Anstatt in Würde älter zu
werden und die Jahre ganz anders
zu geniessen, fragen sich Männer,
soll das alles gewesen sein?
Frauen jenseits der 50 werden für
Männer uninteressant. Frauen jenseits
der 50 sind heute gut drauf, die
brauchen keinen jungen Mann um sich
selber zu finden und mit sich im
Reinen zu sein.
Liebe Männer, ihr solltet in Würde
altern und die Zeit, die Euch noch
bleibt geniessen, eine Jüngere ist
anstrengend und kostet Nerven und
viel Geld !
utospatz (14.07.2008, 12:49 Uhr)
Der größte Irrtum der Menschheit ist,
wenn ein alter Zausel sich beim Rasieren ein Glätten seiner Falten verspricht, denn anschließend hat er ein zerschnittenes Gesicht. Ich z.Bsp. freue über jede Falte in meinem Gesichte mich, denn dieß sind Lachfalten, die ich errungen, beim Anhören von dämlichem Politikergeschwätz!
Da hilft selbst ein Botoxgetränkter Rasierer nicht!
botoxia (14.07.2008, 11:40 Uhr)
Freue mich auf die 45
Bin zwar kein Mann, macht aber nichts. Sollte eigentlich Angst vorm altern haben, wegen Optik (Hängebusen und Orangenhaut) und Krankheiten, kann mich aber nur schwer mit dieser Angst identifizieren. Werde 45. Mit 40 habe ich beruflich nochmal völlig neu angefangen. Selbständigkeit, wegen "kein Job mehr gekriegt, mit 40". Ich bin gefühlte 30. "Echte 20" würde ich nicht mehr sein wollen, altern macht Spaß und das Leben kann schön sein.
Fiasc0 (14.07.2008, 08:03 Uhr)
Werd doch erstma 50 !
Warum immer diese Angstmache vor dem Alter ? Erstmal alt werden ist schon ne Herrausforderung, in diesem Artikel auch noch so glücklich.
In jeder anderen Kultur werden Alte geachtet nur hier in Deutschland werden sie entmündigt.
Warum sollte sich denn ein Deutscher auch aufs altern freuen ? Ihm droht Entmündigung und landet als Anonymer im Pflegeheim, in dem bei einer Arbeitlosenzahl von rund 4 Mill. Personal fehlt. Und dafür soll er auch noch sparen sobald er ein Billigjob bekommt.
DAS SYSTEM STINKT !
JoeausderHeide (14.07.2008, 00:02 Uhr)
Guter Artikel, ABER
..auf den zweiten Blick dann doch nicht so gut. Die Verwendung seltsamer Vokabeln wie "gesettelt" laesst leider das Folgende vermuten: der Artikel wurde aus dem Englischen geklaut, die Fotos und Namen der Beteiligten etwas modifiziert und das ganze einmal gut durchgemischt um es als recyclete Ware wiederzuverkaufen.
Macht aber nichts, denn die Problematik und das Thema sind faszinierend. Ich bin 27 Jahre alt und wenn ich darueber nachdenke dass ich vor zwanzing Jahren ein sehr kleiner Junge war (fuehlt sich an wie vorgestern), aber in zwanzig Jahren auch zu den sehr alten Maennern gehoere, dann kommt mir das kalte Grauen und ich spuere schon den eisigen Atem der Midlife bzw. Endlifecrisis.
Was ist real, wenn sich die Zeitwahrnehmung im Laufe des Lebens so eklatant veraendert. Es fuehlt sich an als ob die Zeit immer schneller vergeht je aelter man wird.
schichtarbeiter (13.07.2008, 20:12 Uhr)
Malocher
Berichtet doch mal über den Malocher aus der Fabrik.
Bei dem fängt das leben mit 50 sicher nicht an.
Warum wird immer nur über die Oberschicht berichtet und nicht über den Normal sterblichen?
Achso, das will keiner wissen, man möchte sich keine Gedanken machen. Im Urlaub schaue ich mir auch keine Slums an, auch wenn es die Masse des Volkes ausmacht!
LisaT (13.07.2008, 20:07 Uhr)
Danke, Herr Stoessinger
Ein differenzierter, bereichernder Artikel. Ein großes Lob dem Autor und jenen Männern, die den Mut hatten, offen über sich selbst zu berichten.
speedbirdsky (13.07.2008, 19:14 Uhr)
age
the age between 50 and ....?
Youth is not a period of time. It is a state of mind, a result of the will, the quality of imagination, a victory of courage over timidity, a taste for the adventure over the love of comfort. A man doesn't grow old because he has lived a certain number of years. A man grows old when he has deserted his ideal. The years may have wrinkled his skin, but deserting his ideal wrinkles his soul. Preoccupations, fears, doubts, and despair are the enemies which slowly bow us toward the earth and turn us into dust before death. You will remain young as long as you are open to what is beautiful, good and great; receptive to the message of other men and women, of nature and of God. If one day you should become bitter, pessimistic, and gnawed by despair, may God have mercy on your old man’s soul?
barcelona 2008
bluebird artist 61 years
TiloKlaas (13.07.2008, 18:35 Uhr)
Na ja...
Das problem faengt doch schon sehr frueh an, in der Schule z.B., der beste wirde immer hervorgehoben, das praegt. Spaeter im Leben, wenn nicht alles so gelaufen ist, wundert man sich dann waru, war man frueher doch mal der Beste, dann gibts die Mid-life crisis, und alles dreht sich nur um sich selber.
Vielen Mannern wuerde es seelisch besser gehen, wenn sie ihre Energie anderen zuteil lassen wuerden. Der staendige Fokus auf sich selbst faellt weg, und man bekommt eine NEue Ausrichtung. Wie waers zum Beispiel mit Freiwilligenarbeit im Tierheim?
herdubreid (13.07.2008, 18:22 Uhr)
Hier gehts nur um Männer der Oberschicht,
die sich eine Auszeit leisten können. Was ist mit den übrigen 80%?
Und was ist "gesettelt"????
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