
Unter den 15 Opfern war auch die 24-jährige Nina Mayer, Referendarin für Deutsch und Religion© Privat
Ja, ich habe die Kommunikation mit meinen Töchtern immer am Leben gehalten. Die Ältere, die jetzt erschossen wurde, gehörte zu den Menschen, die sich in ihrer Pubertät zurückziehen. Sie ist Konflikten ausgewichen und gegangen. Das habe ich nicht geduldet. Ich habe sie provoziert, die Auseinandersetzung bewusst herbeigeführt, um sie zu lehren, sich auseinanderzusetzen. Das war nicht sehr angenehm, musste aber sein. Mama nervt, richtig. Eigentlich müsste das in jedem Elternhaus stattfinden.
Ja, und wenn die Kinder Fehlverhalten zeigen, heißt es: Da haben die Lehrer versagt. Es wird kaum noch registriert, dass das Elternhaus versagt hat. Das heißt, Lehrer haben eine doppelte Aufgabe. Sie sollen zum einen erziehen, also Elternaufgaben übernehmen, sie sollen helfen, und sie sollen gleichzeitig Wissen vermitteln - und das häufig auch noch in Auseinandersetzung mit dem Elternhaus. Dafür sind Lehrer definitiv nicht ausgebildet. Lehrer sind keine Psychologen.
Kann ich Ihnen völlig zustimmen. Natürlich hat der Lehrer eine ungeheure Machtposition. Mobbing gibt es nicht nur zwischen Schülern, es gibt Mobbing auch zwischen Lehrern und Schülern, und zwar von beiden Seiten. Der Lehrer ist heute keine Respektsperson mehr. Das heißt, die Lehrerausbildung ist im Grunde genommen auch eine Wurzel des Übels. Die Ausbildung muss wesentlich umfassender sein. Außerdem haben wir keine Kontrollen, was die Persönlichkeitsstruktur der Lehramtsstudenten betrifft. Ich mache mich jetzt furchtbar unbeliebt, aber solange unsere Lehrer Beamte sind, ist ein Fehlverhalten seitens des Staates auch wahnsinnig schwer zu korrigieren. Wenn mal ein Lehrer eingestellt ist, bleibt der auch eingestellt.
Ja. Lehrer müssen charakterlich geeignet sein für den Beruf. Sie müssen mit jungen Menschen umgehen können, ihnen helfen wollen. Das hat mich bewogen, Lehrerin zu werden. Das war auch das Motiv meiner Tochter: das Engagement für den anderen. Meine Tochter war ein helfender Mensch durch und durch. Sie hat immer den Schwächeren geholfen.
Ich weiß es nicht. Ich habe jetzt in dem Interview mit Ihnen zum ersten Mal seinen Namen ausgesprochen. Es ist mir erst vor einigen Tagen überhaupt bewusst geworden, dass ich das bislang nicht getan habe. Erst wenn ich den Namen ausspreche, nehme ich ihn auch als Person wahr. Dass er wirklich bewusst handelnd meine Tochter getötet hat, habe ich ihm bisher verweigert.
Richtig. Mit ihm selbst bin ich noch gar nicht in eine direkte Konfrontation getreten. Die Begegnung auf Augenhöhe spreche ich ihm im Moment noch ab. Woran ich permanent denke, sind meine Tochter und die Alltäglichkeiten, diese Eckpunkte unseres gemeinsamen Lebens, die mir so fehlen. Wir waren wirklich täglich im Gespräch. Sie wissen, wie das geht, mit SMS und Telefonieren, Kleinigkeiten austauschen. Wir waren einander keine Sekunde lang gleichgültig.
Sie finden den Sinn nicht, der wächst nicht auf Bäumen. Wir geben ihn - oder wir lassen es. Die Familien der Opfer haben sich dafür entschieden, dem Morden von Winnenden einen Sinn zu geben. Deshalb unser Aktionsbündnis. Wir brauchen gesellschaftliche Veränderungen, und dafür brauchen wir einen langen Atem. Daran ist Erfurt gescheitert nach dem Amoklauf. Es gab gute Ansätze damals, gute Ideen, aber ein ebenso schnelles Abflauen des Interesses. Wir brauchen mehr Zeit.
Definitiv nicht. Die Zeit heilt keine Wunden. Nicht bei mir und auch nicht bei meiner Familie. Ich muss jetzt meiner jüngeren Tochter helfen, mit diesem belasteten Leben klarzukommen. Sie wollte nie ein Einzelkind sein, sie wollte nie allein sein. Sie muss es jetzt. Ich versuche, ihrem Anspruch auf ihr Leben gerecht zu werden, auf sie einzugehen, durchaus auch mit ihr zu lachen und mit ihr lustig zu sein. Das kostet Kraft. Dafür brauche ich dann immer mal wieder Auszeiten. Zeiten, in denen ich einfach nur alleine bin.
Wir sind alle unendlich sensibel geworden, achten genau darauf, einander nicht zu verletzen, weil jeder vom anderen weiß, dass er jetzt extrem verletzbar ist. Mit Kleinigkeiten versuchen wir, unsere tote Tochter ins Familienleben zu integrieren. Und dann denken auch noch andere an sie. Gestern wäre der Abschlusstag der Prüfungen meiner Tochter gewesen. Sie wollte mit einer Freundin so richtig feiern. Als mein Mann gestern auf dem Friedhof war, ist er dort der Freundin begegnet. Sie hatte eine Flasche Bier bei sich, die sie zur Hälfte trank. Die andere hat sie auf das Grab geleert. Das ist, was ich unter Miteinander verstehe. Und das zeigt Ihnen auch, wie der Umgang meiner Tochter mit ihren Freunden war, wie die an ihr hängen.
Ich versuche, den Verstand auch als Bollwerk zu benutzen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2009