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26. Mai 2009, 15:15 Uhr

Die Zeit heilt keine Wunden

Winnenden, Amoklauf, Opferfamilien, Waffengesetze

Unter den 15 Opfern war auch die 24-jährige Nina Mayer, Referendarin für Deutsch und Religion© Privat

Haben Sie sich in das Leben Ihrer Kinder eingemischt?

Ja, ich habe die Kommunikation mit meinen Töchtern immer am Leben gehalten. Die Ältere, die jetzt erschossen wurde, gehörte zu den Menschen, die sich in ihrer Pubertät zurückziehen. Sie ist Konflikten ausgewichen und gegangen. Das habe ich nicht geduldet. Ich habe sie provoziert, die Auseinandersetzung bewusst herbeigeführt, um sie zu lehren, sich auseinanderzusetzen. Das war nicht sehr angenehm, musste aber sein. Mama nervt, richtig. Eigentlich müsste das in jedem Elternhaus stattfinden.

Das wäre der Idealfall. In der Realität ist es aber doch so, dass viele Eltern ihren Erziehungsauftrag den Schulen überlassen.

Ja, und wenn die Kinder Fehlverhalten zeigen, heißt es: Da haben die Lehrer versagt. Es wird kaum noch registriert, dass das Elternhaus versagt hat. Das heißt, Lehrer haben eine doppelte Aufgabe. Sie sollen zum einen erziehen, also Elternaufgaben übernehmen, sie sollen helfen, und sie sollen gleichzeitig Wissen vermitteln - und das häufig auch noch in Auseinandersetzung mit dem Elternhaus. Dafür sind Lehrer definitiv nicht ausgebildet. Lehrer sind keine Psychologen.

In der Tat: Es gibt nicht wenige Lehrer, die Schüler kraft ihrer Macht beschämen und bloßstellen.

Kann ich Ihnen völlig zustimmen. Natürlich hat der Lehrer eine ungeheure Machtposition. Mobbing gibt es nicht nur zwischen Schülern, es gibt Mobbing auch zwischen Lehrern und Schülern, und zwar von beiden Seiten. Der Lehrer ist heute keine Respektsperson mehr. Das heißt, die Lehrerausbildung ist im Grunde genommen auch eine Wurzel des Übels. Die Ausbildung muss wesentlich umfassender sein. Außerdem haben wir keine Kontrollen, was die Persönlichkeitsstruktur der Lehramtsstudenten betrifft. Ich mache mich jetzt furchtbar unbeliebt, aber solange unsere Lehrer Beamte sind, ist ein Fehlverhalten seitens des Staates auch wahnsinnig schwer zu korrigieren. Wenn mal ein Lehrer eingestellt ist, bleibt der auch eingestellt.

Sie fordern Eignungstests für Lehrer?

Ja. Lehrer müssen charakterlich geeignet sein für den Beruf. Sie müssen mit jungen Menschen umgehen können, ihnen helfen wollen. Das hat mich bewogen, Lehrerin zu werden. Das war auch das Motiv meiner Tochter: das Engagement für den anderen. Meine Tochter war ein helfender Mensch durch und durch. Sie hat immer den Schwächeren geholfen.

Und ist von einem schwachen Menschen getötet worden. Wie oft am Tag verfluchen Sie Tim Kretschmer?

Ich weiß es nicht. Ich habe jetzt in dem Interview mit Ihnen zum ersten Mal seinen Namen ausgesprochen. Es ist mir erst vor einigen Tagen überhaupt bewusst geworden, dass ich das bislang nicht getan habe. Erst wenn ich den Namen ausspreche, nehme ich ihn auch als Person wahr. Dass er wirklich bewusst handelnd meine Tochter getötet hat, habe ich ihm bisher verweigert.

Weil Sie nicht über ihn, den Täter, nachdenken wollten?

Richtig. Mit ihm selbst bin ich noch gar nicht in eine direkte Konfrontation getreten. Die Begegnung auf Augenhöhe spreche ich ihm im Moment noch ab. Woran ich permanent denke, sind meine Tochter und die Alltäglichkeiten, diese Eckpunkte unseres gemeinsamen Lebens, die mir so fehlen. Wir waren wirklich täglich im Gespräch. Sie wissen, wie das geht, mit SMS und Telefonieren, Kleinigkeiten austauschen. Wir waren einander keine Sekunde lang gleichgültig.

Man spricht bei solchen Taten - meist hilflos - von "sinnlosen Morden". Als wenn Morde einen Sinn ergeben könnten.

Sie finden den Sinn nicht, der wächst nicht auf Bäumen. Wir geben ihn - oder wir lassen es. Die Familien der Opfer haben sich dafür entschieden, dem Morden von Winnenden einen Sinn zu geben. Deshalb unser Aktionsbündnis. Wir brauchen gesellschaftliche Veränderungen, und dafür brauchen wir einen langen Atem. Daran ist Erfurt gescheitert nach dem Amoklauf. Es gab gute Ansätze damals, gute Ideen, aber ein ebenso schnelles Abflauen des Interesses. Wir brauchen mehr Zeit.

Wird Ihnen die Zeit helfen?

Definitiv nicht. Die Zeit heilt keine Wunden. Nicht bei mir und auch nicht bei meiner Familie. Ich muss jetzt meiner jüngeren Tochter helfen, mit diesem belasteten Leben klarzukommen. Sie wollte nie ein Einzelkind sein, sie wollte nie allein sein. Sie muss es jetzt. Ich versuche, ihrem Anspruch auf ihr Leben gerecht zu werden, auf sie einzugehen, durchaus auch mit ihr zu lachen und mit ihr lustig zu sein. Das kostet Kraft. Dafür brauche ich dann immer mal wieder Auszeiten. Zeiten, in denen ich einfach nur alleine bin.

Wie sieht Ihr Familienleben aus?

Wir sind alle unendlich sensibel geworden, achten genau darauf, einander nicht zu verletzen, weil jeder vom anderen weiß, dass er jetzt extrem verletzbar ist. Mit Kleinigkeiten versuchen wir, unsere tote Tochter ins Familienleben zu integrieren. Und dann denken auch noch andere an sie. Gestern wäre der Abschlusstag der Prüfungen meiner Tochter gewesen. Sie wollte mit einer Freundin so richtig feiern. Als mein Mann gestern auf dem Friedhof war, ist er dort der Freundin begegnet. Sie hatte eine Flasche Bier bei sich, die sie zur Hälfte trank. Die andere hat sie auf das Grab geleert. Das ist, was ich unter Miteinander verstehe. Und das zeigt Ihnen auch, wie der Umgang meiner Tochter mit ihren Freunden war, wie die an ihr hängen.

Frau Mayer, wie schaffen Sie es, so viel Leid auszuhalten und gleichzeitig so klar und gefasst zu wirken?

Ich versuche, den Verstand auch als Bollwerk zu benutzen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

Interview: Michael Stoessinger und Michael Streck
Seite 1: Die Zeit heilt keine Wunden
Seite 2: Haben Sie sich in das Leben Ihrer Kinder eingemischt?
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
vaben (30.05.2009, 22:33 Uhr)
@traldors
In Ihrem sarkastischen Kommentar gehen Sie davon aus, dass Ihre Thesen etwas mit der Realität zu tun haben. Das ist nicht der Fall. Die Prohibition hat gar nichts mit dem Thema zu tun und auch der Fall Liverpool lässt sich nicht verallgemeinern. Er lässt sich noch nicht einmal auf andere englische Städte übertragen.
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Sollte es, wie Sie behaupten, bei einem Totalverbot (wofür ich mich ja nicht ausspreche) zu einer deutlichen Zunahme des Schwarzmarktes kommen, dann wäre der Beweis endgültig erbracht, dass der Schießsport nur ein Vorwand ist um an eine Waffe zu kommen. Dann wären die Maßnahmen erst recht richtig.
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Nochmal, Schusswaffen ob legal oder illegal haben in privaten Haushalten nichts verloren. Der Staat muss dafür sorgen, dass das auch durchgesetzt wird. Mit der aktuellen Regelung wird der Bock zum Gärtner gemacht. Das kann und wird nie funktionieren. Gegen illegale Waffen muss natürlich auch mehr unternommen werden, das ist klar. Denn, wenn ich mich recht entsinne, sind laut Schätzung 2/3 der Waffen in Deutschland illegal.
traldors (30.05.2009, 19:24 Uhr)
@vaben
"Weg mit den Schusswaffen!!
Selbstverständlich nützt ein strengeres Waffenrecht etwas. Schusswaffen haben in Privathaushalten nichts verloren."
Ja, genau, ich unterrsstütze das als illegaler Waffenverkäufer dem der allzu liberale Waffenbesitz in Deutschland ein "Dorn im Auge" ist. Meine Geschäfte gehen in Deutschland nämlich im Gegensatz zu England echt "bescheiden". Daher: SOFORTIGES WAFFENVERBOT IN DEUTSCHLAND, DAMIR WIR UMGEHEND LIVERPOOLER VERHÄLTNISSE HABEN.
Respekt Mr. Vaben für soviel "Durchblick".
vaben (30.05.2009, 17:42 Uhr)
Weg mit den Schusswaffen!!
Selbstverständlich nützt ein strengeres Waffenrecht etwas. Schusswaffen haben in Privathaushalten nichts verloren. Wer seinen Sport betreiben will kann seine Waffe auch im Vereinshaus in den Tresor schließen, die Munition von einer Aufsichtsperson erhalten und die Hülsen wieder abgeben. Das ist das Mindeste was man verlangen kann. Diese biometrischen Laufsicherungen wurden ja bereits als blödsinnige Geldmacherei enttarnt. Sie gehören zu einem Bündel von sinnlosen Maßnahmen, die entschlossenes Handeln vortäuschen sollen, aber in Wirklichkeit nur bestimmten Inustriezweigen dienen. Dass gerade der Innenminister Baden-Württembergs, Heribert Rech, dann noch persönlich profitiert ist ein Treppenwitz, der aber zeigt, solange verantwortungslose Politiker nicht das Rückgrat haben sich gegen die Waffenlobby durchzusetzen wird sich in der Sache auch nichts bewegen und den pathetischen Worten des Bundespräsidenten folgen wieder keine Taten. Ich habe mir die Drückeberger gemerkt, die damals sofort von den Waffen abgelenkt haben. Interessanterweise gehört der sonst so aktive Bundesminister Schäuble dazu. Gut, dass bald Wahlen sind, denn ich habe mir auch diejenigen gemerkt die sich deutlich gegen die Lobbyisten positioniert haben.
Viper2024 (30.05.2009, 17:23 Uhr)
Niemand braucht in Deutschland Waffen
aber da Waffenfetischten (der Vater des Täters hatte 17 Schußwaffen!) nun auch mal CDU Wähler sind, wird sich daran auch nichts ändern. Stattdessen hetzt man dann lieber gegen Paintball, Computerspiele und Co.
Juris1 (30.05.2009, 15:40 Uhr)
Die Menschen wundern sicht
Die Menschen wundern sich- dass es zu solchen schlimmen Taten kommt. - Ich wundere mich, dass es nicht zu mehr solchen Taten kommt. -
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Nicht Waffen tragen Schuld, sondern Menschen die diese benutzen.
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Bei allem Respekt für das Leid dieser Frau - den Eltern des Schützen Vorwürfe zu machen - ist nicht gerecht. Auch diese Eltern sind Opfer. Ich kann es mir kaum vorstellen, wie es ist mit dem Wissen zu leben, dass der Eigene Sohn solche Taten begangen hat.
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Jede Gesellschaft trägt die Früchte ihrer Erziehung. - und muss damit Leben lernen. - Oder erkennen und vieles besser machen. - Aber das kostet Zeit, nerven und Einsatz. Da ist es doch einfacher, dem Kinde mal ein wenig mehr Geld in die Hand zu drücken.
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Auch zu meiner Zeit gab es sicherlich Jugendliche, die kurz davor standen unsinn zu machen. Der Gedanke an die Familie und die Werte die uns damals vermittelt wurden, hielten und oftmals von Dummheiten ab.
Und heute? -
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Ein schärferes Waffenrecht nützt niemandem. - Dies ist eindeutig der falsche Weg !!
Oberamtsrat (30.05.2009, 15:30 Uhr)
Waffengesetze
mit Verlaub, wir haben schon die schärfsten Waffengesetze der Welt. Was soll man noch machen? Ganz kann man solche schlimmen Verbrechen nicht verhindern. S. den letzten Fall, wo eine Schule niedergebrannt werden sollte von einer 16 jährigen.
traldors (30.05.2009, 15:29 Uhr)
Frau Mayer (...)
sollte sich auf die Positionen beschränken, bei allem Respekt, die Sie kraft Ihres "Bollwerks" auch beherrscht.
Das Verbot von Waffen führt zu noch mehr Waffen. Das ist unausweichlich. Ich empfehle ein Studium von Liverpool, England. Einer Stadt in einem Land, in dem der private Waffenbesitz verboten ist. Das Leid das dort auszuhalten ist, ist um einiges grösser als das was durch Winnenden verursacht wurde.
Dazu gibt es erschreckende Dokumentationen.
Abschliessend ist festzutstellen, das auch die Prohibition zu keinem Ergebnis geführt hat. Die Ursachen und die Auslöser von Amoktaten befinden sich weitgehend in einem "Graufeld" mit einer sehr unterschiedlichen Symptomatik.
Wiebitte20081 (30.05.2009, 14:48 Uhr)
???
Ein sehr guter Artikel
Es muss etwas in der Gesllschaft verändert werden.In der eigenen Familie.Gleichgültigkeit,Desinteresse,Respektlosigkeit und Gefühlskälte werden nicht angeboren.Man darf Kinder u. Jugendlichen einfach nicht mehr alle Freiräume unkontrolliert lassen die diese dann mit Konsum,Daddelei und Phantasien,keiner Phantasie ausfüllen.Die Familien die Erziehung,Verantwortung und Wertevermittlung den Schulen,Medien und der Strasse überlassen müssen sich nicht wundern wenn sie eines Tages Emotionslose Zombies und Internetjunkies arbeitslos zu Hause hocken haben.Ich selbst,ein Kind der 70er habe viele Bewegungen kommen und gehen sehen.Aber was da heute an den Bushaltestellen zur Mittagszeit hockt...wenn man denen nur mal versucht 10 Minuten zu zu hören.Die gesammte kommunikation nur ein einziges Eywa,Rotzen und absingen von Stereotypen Gesprächstexten die allesammt von irgendwelchen CD,s zu stammen scheinen.Die hören sich untereinander offensichtlich gar nicht zu sondern sind in immer gleichen Geräusch un Bewegungsmustern in einer Gruppe versammelt.Wenn mir ein 16 jähriger in stakkatoartigem Singsang versucht seine Meinung zu sagen und dabei 3 x die Rotze hochzieht da kann es einem schon mal in der Faust jucken.Wenn weiterhin die Lebenserfahrung nur noch gechattet oder Getwittert wird kann man denen auf Dauer nur noch mit der Strahlenkanonen beikommen.Ein Volk dessen Jugend nicht mehr fähig ist sich mitzuteilen ist zwangsläufig am Ende wenn diese Jugendlichen erwachsen werden.
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