
Aus dieser Jugendherberge in Rheine wurde ein Zehnjähriger entführt - alles deutet auf den "Schwarzen Mann" hin© Friso Gentsch/DPA
Dennis gilt als zurückhaltend, fast ein bisschen schüchtern. Ein kleiner, blonder Junge, mit großen Augen, schmalem Hals und leichten Segelohren. Ein "Mama-Kind", ein "Schmuse-Kind", sagen Freunde der Familie. "Ein lieber, ordentlicher Junge", sagt seine Oma Erika. Dennis besucht sie oft im Nachbarort. Spielt im Hof Fußball, und wenn der Ball in Nachbars Garten landet, wagt er nicht, ihn allein zu holen, Oma muss mit, "ein zartes Kind", sagt sie.
Dennis liebt die Pokemon und das Einkaufen im Supermarkt, wo er selten von Mamas Seite weicht, sich auf den Einkaufswagen stellt und durch die Regalreihen kutschieren lässt. Nach der Schule geht`s mit Freunden auf den Sportplatz, ein Katzensprung von zu Hause, Torwarthandschuhe, ein Ball, los geht`s, "wie Jungs so sind", sagt der Trainer.
Schullandheim Cluvenhagen, 34 Kilometer von Scharmbeckstotel, 1992. Eine Lehrerin sieht nachts im Notlicht des Flurs eine dunkle Gestalt, die einen Jungen bei sich hat. Das Kind ist schlaftrunken, schreit nicht. Der Mann flieht. Die Polizei wird informiert.
Bremen-Lehe, 13 Kilometer von Scharmbeckstotel, 30. November 1994, zwei Uhr nachts: Ein Mann dringt in ein Einfamilienhaus ein, geht in das Zimmer eines 14-Jährigen. Mit vorgehaltener Pistole zwingt er ihn, sich auszuziehen, vergeht sich an ihm. Der Täter ist groß, dunkel gekleidet, maskiert mit einer Motorradhaube, hat eine weiche, beruhigende Stimme.
Am 1. August 2001 ist Schulanfang in Niedersachsen. Dennis kommt in die 4. Klasse der Scharmbeckstoteler Grundschule. Es ist ein besonderes Jahr im Klinkerbau neben dem Kindergarten mit der großen backsteinbraunen Aula, mit den gelben Papierblumen, die an Schnüren in der Luft hängen. Ein Landheim-Ausflug ist geplant, nach Wulsbüttel. Das erste Mal. Ein Abenteuer für die Klassen 4a und 4b.
Jugendherberge Bademühlen, 31 Kilometer von Scharmbeckstotel, 9. April 1995: Ein unbekannter Mann berührt einen Jungen nachts unter der Decke. Der Vorfall wird angezeigt, es werden zusätzliche Streifen mit der Polizei abgesprochen.
Schullandheim Wulsbüttel, 13 Kilometer von Scharmbeckstotel, 1995: Ein Schüler erzählt der Lehrerin, ein Mann habe vor seinem Bett gestanden und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Der Junge ist bekannt dafür, dass er schlecht träumt. Der Vorfall wird angezeigt. Die Heimleitung installiert Bewegungsmelder.
Schullandheim Badenstedt, 31 Kilometer von Scharmbeckstotel. 20. Juni 1998, drei Uhr nachts: Ein maskierter Mann dringt in das Heim ein. Er tritt in einen Schlafraum, berührt mehrere Kinder. Die Kinder schreien, der Mann flieht. Die Polizei sucht den Unbekannten wegen versuchten sexuellen Missbrauchs.
Schullandheim Wulsbüttel, Juli 1999: Ein Junge wird nachts von einem Mann geweckt. Der Mann trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Lederhose und eine schwarze gestrickte Gesichtsmaske. Er trägt den Jungen aus dem Zimmer und missbraucht ihn. Dann schickt er das Kind zurück und spricht Drohungen aus für den Fall, dass der Junge etwas verrät. Das Kind schweigt. Erst als es im September 2000 wieder ins Schullandheim fahren soll, vertraut es sich den Eltern an.
Bremen, September 2000: Das Kommissariat für Sexualdelikte ermittelt im Fall des Wulsbütteler Kindesmissbrauchs aus dem Juli 1999. Da Personen mit direkter Verbindung zum Heim verdächtigt werden, wird die Heimleitung weder informiert noch befragt. Zehn Monate nach der Anzeige, im Juli 2001, kommt es zu einer Hausdurchsuchung. Ergebnislos. Obwohl die Verdächtigungen damit ausgeräumt sind, wird die Heimleitung immer noch nicht über den Vorfall von 1999 informiert oder befragt. Auch der Tatort wurde während der Ermittlungen nie aufgesucht. Heim-Vorsitzender Sönke Hofmann erfährt nach eigenem Bekunden erst im September 2001, dass ein schwarz maskierter Mann in Wulsbüttel ein Kind missbraucht habe.
Auf Dennis und seine Klassenkameraden wartet das "Abenteuer Natur". Das Schullandheim Wulsbüttel liegt mitten im Wald, versteckt zwischen hohen Kiefern, in deren Schatten Eichen aus dem moorigen Boden wachsen. Hinter dem weißen Bau liegt ein großer Spielplatz, eine Sandfläche, darauf Fußballtore aus Baumstämmen. Abgerissene Lederbälle ohne Luft liegen auf dem Platz. Daneben ein zweites Schullandheim, in der Nähe ein Badeteich.
1960 wurde das Heim gebaut. Wie bei den meisten fehlt es am Geld. Die Dachrinnen tropfen, Wasserflecken haben sich in die Außenwand gefressen, dafür locken Moorwanderungen und Blaubeersammeln. Die langen Gänge riechen nach dem grauen Linoleumboden, der sich langsam auflöst, aber die Schränke wurden in Eigenarbeit in knalligem Gelb gestrichen, Naturschutz-Poster schmücken die Räume, "Der Knutt im Wattenmeer", "Warum lila Kühe keine Milch geben".
Am Montag, dem 3. September 2001, gegen elf Uhr wird Dennis mit seiner Klasse in Wulsbüttel von Dörte Brinkmann begrüßt. Eine fröhliche Frau, 28, mit blondem langem Haar, Brille und Holzfällerhemd. Sie erklärt den Kindern die Regeln: nicht mit Straßenschuhen ins Gebäude, keine Süßigkeiten auf den Zimmern. Dennis und seine Freunde werden später trotzdem heimlich Gummibärchen naschen. Fredi und Rosa, die Pommerschen Schafe von Dörte Brinkmann, werden vorgestellt, dann gibt es Spaghetti Bolognese für alle.
Dennis' erster Tag in Wulsbüttel ist verregnet, die Kinder bleiben im Haus, erst am Dienstag geht es raus ins Freie. Gallische Wildschweinjagd: Dennis und die anderen verstecken kleine Papierschweinchen im Wald. Abends verkleiden sie sich und tanzen in der Schullandheim-Disco, einem Kellerraum, die Fenster abgedunkelt mit blauen Bettbezügen. Der Hit ist DJ Ötzi, "Heyey Baabyy, uh ah!!!"
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