
John Darwin wird am Mittwoch der vergangenen Woche im Haus seines Sohnes verhaftet© Rex Features/ action press
Das Ehepaar richtete sich in seinem neuen Nicht-Leben ein. John zog in das Dachgeschosszimmer des vermieteten Hauses. Dort gab es in einem Wandschrank einen geheimen Durchgang zum Familienhaus nebenan. Drei Jahre lang lebte er auf der anderen Seite seines eigenen Schlafzimmers, oft nur Meter von seinen beiden Söhnen entfernt. Und er hörte mit, wie die Mutter mit ihren Söhnen um ihn trauerte an dem Tag, als er für tot erklärt wurde. John Darwins Version klingt etwas anders. Er behauptet, er könne sich nicht an die Monate nach seinem Verschwinden erinnern. Aber kaum habe sein Gedächtnis wieder funktioniert, sei er zu seiner Frau zurückgekehrt. Die aber hätte schon die Lebensversicherungen kassiert. Da sie das Geld nicht zurückzahlen konnten, entwickelten sie gemeinsam im Frühjahr 2003 den Plan, dass er als Leiche weiterleben müsse. Tatsächlich war John Darwin am 10. April 2003 offiziell für tot erklärt worden. Die Lebensversicherungen zahlten daraufhin die Hypothek der beiden Häuser ab, außerdem bekam Anne Darwin eine einmalige Hinterbliebenenversorgung von 83.000 Euro von der Gefängnisbehörde. Insgesamt brachte ihr der vermeintliche Tod des Gatten 385.000 Euro ein.
Der sass wie lebendiG begraben zwei Jahre in seiner Mansarde und begann wieder, hanebüchene Pläne zu schmieden. Er verbrachte Stunden im Internet, sammelte Emigrationstipps für Kanada und Immobilienanzeigen auf Zypern. Schließlich beantragte er einen Pass auf den Namen John Jones und bekam ihn seltsamerweise auch. Mit diesem Ausweis reiste er nach Amerika zu einer Frau in Kansas, die er über das Internet kennengelernt hatte. Ob er mit der Kansas gehabt haben mag, sie klappten nicht. Im November 2005 versuchte er, in Gibraltar einen hochseetüchtigen Katamaran für 62.000 Euro zu kaufen. Er fühlte sich offensichtlich so sicher, dass er dem Makler für den Vertrag seine richtige Adresse gab. Der Kauf kam allerdings nicht zustande, weil Darwin einen Wutanfall bekam, als die Vorbesitzer ein Barometer aus dem Schiff als Erinnerung behalten wollten. In England konnte Darwin nur im Winter mit Wollmütze und vorgetäuschtem Hinken vor die Tür gehen. John und Anne stritten sich immer häufiger. Und meistens ging es ums Geld. Anne verriegelte dann manchmal die Tür zum Geheimgang, der in ihr Schlafzimmer führte. Sex, sagt sie, habe es lange nicht gegeben: "Ich kann nicht ins Bett hüpfen mit jemandem, der mich ständig ärgert." Womöglich wurde ihr auch allmählich bewusst, dass sie ihren Mann in der Hand hatte. Denn das gesamte Geld lag auf Konten mit ihrem Namen - und ein John Darwin existierte nicht mehr.
Dann aber entdeckte John Panama. Im August 2005 gründeten die Darwins über eine Anwaltskanzlei in Panama City die Briefkastenfirma "Jaguar Properties". Zwei Jahre später, im Juli 2007, kauften sie über diese Firma ein 98-Quadratmeter-Apartment in einer Mittelklasse-Gegend der Hauptstadt, mit gusseisernem Metallknauf an der Tür und Keramikengel an der Klingel. Im selben Jahr, im März und im Oktober 2007, verkaufte Anne Darwin die beiden Häuser bei Hartlepool mit rund 400.000 Euro Gewinn und überwies die Summe nach Panama. Die Taschen voller Geld, konnte John Darwin endlich wieder aktiv werden. Er versetzte ein ganzes Dorf in Aufregung mit seinen Plänen, ein Ökohotel am See Gatún zu bauen. Dafür erwarb er dort ein 200 Hektar großes Grundstück für 270.000 Euro. Mit einer Kamera schritt John Darwin im Dorf auf und ab und fotografierte illegale Mülldeponien. Über die beschwerte sich dann Anne bei der Gemeinde, weil die Abfallberge "abträglich sind für eine gute Investitionsumgebung".
Doch das Projekt ging nicht recht voran, weil sich die beiden immer wieder über Geld stritten. Vielleicht hatten sie aber auch mitbekommen, dass ihnen die Polizei inzwischen auf der Spur war. Im September hatte eine Kollegin von Anne Darwin den Behörden gemeldet, dass die Arzthelferin Telefongespräche im Flüsterton aus der Praxis führe. Sie hielte es für möglich, dass sie mit ihrem toten Ehemann spreche. Die Polizei holte daraufhin Informationen von Banken ein und stieß dabei auf Kreditkartenanträge in John Darwins Namen - gestellt in den Jahren nach seinem Verschwinden. Es ist unklar, weshalb John Darwin irgendwann entschied, nicht länger tot sein zu wollen. Ob er sich in Sicherheit wähnte und glaubte, man würde ihm die Geschichte mit dem Gedächtnisverlust abkaufen. Oder ob seine Frau ihn nach einem bösen Streit vor die Tür gesetzt hatte und er nicht wusste, wohin als lebender Toter. Und vielleicht wollte er einfach nur verhindern, dass sich Anne ein schönes Leben mit dem erschwindelten Geld, aber ohne ihn aufbaut. Die sagt, er habe einfach seine Söhne vermisst.
Am vergangenen Sonntag ist dann auch sie nach England zurückgekehrt, eine Woche nachdem ihr Mann in London auftauchte. Noch am Flughafen wurde sie festgenommen. Nun sitzen beide im Gefängnis und beschuldigen sich gegenseitig. Ihre Söhne haben eine Erklärung abgegeben, dass sie mit ihren Eltern nichts mehr zu tun haben wollen und sich als Opfer eines groß angelegten Betruges sehen. Ronald Darwin, der 91-jährige Vater von John, glaubt, dass sein Sohn von einer herzlosen Ehefrau zu dem Betrug getrieben wurde. Am Sonntag hat John Darwin seinem Vater eine kurze Nachricht zukommen lassen: "Lieber Dad, ich denke an Dich. Mach Dir keine Sorgen. Ich weiß, ich werde Dich bald zu Hause sehen." Es wäre nicht das erste Mal, dass sich John Darwin getäuscht hätte.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 51/2007