
Symbol des Protests: Die Bürgerinitiative "aufpASSEn" stellte ein rießiges A zur Warnung auf© Nigel Treblin
Sie begann mit einem Schnäppchen. In den 60er Jahren suchte die Bundesrepublik für ihre aufstrebende Nuklearforschung und -industrie dringend Abfallflächen, gern auch im abgelegenen Zonenrandgebiet. Da schien es einer Projektgruppe Endlagerung aus Behördenvertretern fast wie ein Glücksfall, dass die Wintershall AG ihr ein altes, ausgedientes Kali-Bergwerk bei Wolfenbüttel 1964 zum Kauf anbot.
"Positiv zu werten ist vor allem der Preis, der von Herren der Wintershall gesprächsweise auf 600.000 DM beziffert wurde", hielt man in einer "Notiz" fest und freute sich über "Verhandlungsspielraum". Ein Jahr später war man sich einig, ab 1967 rollten die ersten Transporte Richtung Asse. Dabei wusste man schon damals, dass man ein ganz besonderes Feuchtgebiet erworben hatte und ein unkalkulierbares Risiko einging.
Denn das vor gut 100 Jahren eröffnete Bergwerk, aus dem neben Kali-Dünger das beliebte "Asse-Sonnensalz" gewonnen worden war, hatte immer schon mit Nässe zu kämpfen. Die Schächte I und III waren längst völlig "abgesoffen", wie Bergleute das nennen. Im Schacht II hatte es Risse mit Süßwasserzuflüssen gegeben, in den Sohlen darunter immer wieder "Laugensümpfe". "Heute fließen noch etwa 700 Liter/Tag in den nordwestlichen Teil des Grubengebäudes." All das steht in einer internen Studie von 1967. Mitunterzeichner: Professor Klaus Kühn.
Den störte das alles nicht. Der Mann, der in der deutschen Atomgemeinde später zum "Endlagerpapst" aufsteigen sollte, sah die Gefährdung als "minimal" an, weil er die Laugen für lokal begrenzte Zuflüsse hielt. Als wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Tieflagerung der GSF trieb er das Projekt mit besonderem Ehrgeiz voran. Während Experten in aller Welt für die unterirdische Lagerung von Atommüll stabile geologische Barrieren und absolut trockenes Gestein verlangten, damit die Fässer nicht rosten, kippte man sie in der Asse teils auf durchfeuchteten Flächen vom Schaufellader, Bruchschäden inklusive: Austretende Suppe versickerte im körnigen Salzgrus, die Kammern wurden versiegelt und verfüllt.
"Auf eine Rückholbarkeit dieser Abfälle ist von vornherein bewusst verzichtet worden", erklärte Kühn 1976 in einer Publikation der Atomwirtschaft. Was den benachbarten Gemeinden immer nur als "Versuchseinlagerung" verkauft worden war, entwickelte sich so zum De-facto-Endlager - bloß dass dieses Endlager immer außerhalb des Atomrechts betrieben wurde. Keine Überraschung, dass man ab 1988 im Laugensumpf vor Kammer 12 radioaktive Nuklide fand.
Cäsium 137, Kobalt 60, Strontium 90, das besonders mobile Tritium - all diese strahlenden krebserregenden Stoffe waren offenbar aus korrodierten Behältern ausgetreten und mit der Feuchtigkeit aus der verschlossenen Kammer gekrochen. Über Jahre hinweg ließ man die verseuchten Flüssigkeiten einfach auf anderen Etagen versickern. Nicht mal die Männer, die damals Umgang mit der Brühe hatten, wussten um die Gefahren. "Kriminell, was man damals mit uns gemacht hat", sagt Eckbert Duranowitsch, der sich als "Fast-Todesfall" fühlt.
Dem stämmigen Mann in Jeans, 46, sieht man sein Martyrium nicht an, wenn er in seinem Wolfenbütteler Haus sitzt. Von 1987 bis 1990 war der Maschinenschlosser und Bautechniker in der Asse beschäftigt, mit Messinstrumenten, mit der Installation von Sonden, mit dem Anrühren von Spezialbeton. "Mit der Lauge da unten hatten wir ständig Kontakt, die Kleidung war öfter mal nass", sagt Duranowitsch, "zu einer Messstelle mussten wir sogar mit einem Boot über einen Laugensumpf fahren, weil man da sonst gar nicht hinkam."
Dabei trug Duranowitsch, der zum Institut für Tieflagerung des Professors Kühn gehörte, nach seiner Erinnerung nicht mal ein Dosimeter, Schutzkleidung sowieso nicht. Warnungen? Einweisung in Strahlenrisiken? "Unser Gruppenleiter sagte immer bloß: ,Kinder, was habt ihr denn? Auf dem Brocken ist die Strahlung höher als hier. In den Fässern ist doch bloß Krankenhausmüll vom Röntgen, die Strümpfe von Schwester Edelgard und die Handschuhe vom Doktor.‘" Ein paar Jahre später stand Duranowitsch selbst vor einem Doktor, der ihn fragte: "Hatten Sie Kontakt mit Radioaktivität?"
Nur die Transplantation von Stammzellen, von seinem Bruder gespendet, konnten Duranowitsch damals retten, nachdem er an Leukämie erkrankt war. Schwächeanfälle, Schüttelfröste, Zusammenbruch des Immunsystems, Chemotherapien - monatelang kämpfte der Techniker um sein Überleben. Der Tag der Transplantation wurde zu seinem "zweiten Geburtstag". "Diesen Untertyp der Leukämie", sagt der Hannoveraner Onkologe Professor Arnold Ganser, der ihn damals betreute, "kann man üblicherweise nach Strahlen sehen."
Duranowitsch ist nicht der Einzige aus seiner Arbeitsgruppe in der Asse, der an Krebs erkrankte. Hans-Peter Behnke, von 1988 bis 1992 in der Atomkippe beschäftigt, begann zehn Jahre später Blut zu spucken. Aus einer Stelle hinten im Rachen wurde ihm ein Karzinom operiert.
"Natürlich können wir nichts beweisen", sagt der 59-Jährige, "aber man macht sich so seine Gedanken. Schließlich haben wir die Luft da unten geatmet."
Duranowitsch will nun Strafanzeige erstatten, und die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat mehrere Vorermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Welchen Risiken die Beschäftigten wirklich ausgesetzt waren, will das Bundesamt für Strahlenschutz durch ein "Mitarbeitermonitoring" klären. Mindestens genauso dringlich ist allerdings die Frage, wann das Bergwerk zusammenfällt.
Denn seit mindestens 20 Jahren strömt jetzt Wasser von oben hinein. Es zersetzt Decken und Pfeiler der Kammern, die beim Salzabbau bis auf fünf Meter an das Nebengebirge gefräst wurden. Das ganze unterirdische Hochhaus ächzt unter der Last der Gesteinsmassen, die von oben drücken. Wer auf der 637-Meter-Sohle vor einem deformierten Schachteingang steht, ahnt, welche Spannungen hier herrschen: Schwere T-Träger aus Metall sind verbeult, als hätte ein Riese Spielzeugschienen verbogen, die Betonstützen daneben zertrümmert. Die Südflanke des Bergwerks hat sich bereits sechs Meter bewegt.
Und keiner kann eine plötzliche Havarie ausschließen: Sollte sich das Gestein ruckartig verwerfen, sollten weitere Wasserklüfte aufreißen, könnte alles schon in naher Zukunft kollabieren. Dann bliebe nicht mal die Zeit bis zum Jahr 2020, die Leipziger Forscher - ohne zusätzliche Komplikationen - berechnet haben bis zur drohenden Implosion. Das Gewicht des nachstürzenden Deckgebirges könnte ein giftiges Nuklid-Gebräu in das Grundwasser pressen - für die Biosphäre ein GAU.
"Wir müssen Zeit kaufen", sagt Wolfram König. Mit Beton-Injektionen will er Firsträume in den Kammern füllen lassen, um diesen Störfall zu verhindern. Für die Herkulesaufgabe, die Asse zu sanieren, lässt er unter höchstem Druck von Gutachtern bis zum Sommer vor allem drei Optionen prüfen. Bloß wirken die wie die Wahl zwischen Pest, Cholera und Aids.
Schon das Helmholtz-Zentrum hatte die kontrollierte Flutung des unterirdischen Labyrinths mit einem "Schutzfluid" vorgeschlagen, um einen Gegendruck aufzubauen - für Bürger vor Ort ein "Atomklo mit Spülung nach oben". Sie fürchten, dass auch die Schutzlösung Nuklide freisetzen und in die Höhe drücken kann.
Deshalb setzen Wissenschaftler aus Niedersachsen auf größere Tiefe: Noch unter dem bisherigen Bergwerk, 1100 Meter unter der Erde, wollen sie zwei neue Kavernen bohren. Dann sollen die Abfälle durch mannlose Maschinen ausgebuddelt und durch Schächte hinuntergeschmissen werden. Aber wie sicher das Salz dort unten ist, weiß noch niemand.
Die Alternative zur Umlagerung heißt Rückholung. Der radioaktive Dreck, der für mindestens eine Million Jahre sicher unter der Erde lagern sollte, müsste wieder an die Oberfläche geholt, neu verpackt und abtransportiert werden. 126 000 teils brüchige Fässer, die sich beim Ausgraben womöglich auflösen. 100 Güterzüge, die dann wohl zum 26 Kilometer entfernten Schacht Konrad rollen würden.
Das könnte nach ersten Schätzungen länger als 20 Jahre dauern und den Neubau einer riesigen Atompackstation über der Grube erfordern. Und mindestens zwei Milliarden Euro kosten. Kosten, die der Steuerzahler tragen muss.
Zwar stammen über 70 Prozent der Radioaktivität in der Asse aus Lieferungen kommerzieller Kernkraftwerke, wie Greenpeace-Experte Heinz Smital herausfand. Deswegen würde Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), in dessen Wahlkreis Wolfenbüttel liegt, die Energiewirtschaft gern an der Sanierung beteiligen. Aber die ließ ihn bisher abblitzen. Schließlich gehörte das "Versuchsendlager" der Bundesrepublik Deutschland, es war das Reich von Professor Klaus Kühn.
Der "Endlagerpapst", der bis über die Jahrtausendwende wissenschaftlicher Kopf des Projekts war und in Würdigung seiner besonderen Leistungen das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist inzwischen emeritiert. Er kommt nicht mehr dazu, die Anlage wie geplant zu verschließen. 2001 hatte er noch verkündet, dass "die Asse im Jahre 2013 zur grünen Wiese zurückgebaut sein wird". Jetzt steht auf dem sanften Höhenzug zwischen Buchen und Wiesen ein riesiges gelbes A, aus Latten gezimmert, das Symbol der Bürgerinitiative "aufpASSEn".
A wie Achtung. Und A wie Albtraum.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2009