Rabattkartenbesitzer hinterlassen sogar ihr komplettes Käuferprofil. Allein Payback, Happy-Digits und Deutschlandcard haben 90 Millionen Kunden unter Vertrag, die bereit sind, für einen geringen Preisnachlass beim Einkauf ihr Konsum- und Freizeitverhalten offenzulegen. Die Kartenanbieter bedienen unter anderem Handelshäuser und Banken mit den Daten. So kann es sein, dass Kunden, die eine Matratze beim Dänischen Bettenlager kaufen, vom Payback-Partner Kaufhof umgehend mit den neuesten Bettwäscheprospekten versorgt werden. Manche freut das, doch viele fühlen sich beobachtet. Thilo Weichert, Chef des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, warnt: "Da entstehen hochsensible Profile."
Die Hauptquelle der Werbewirtschaft sind die rund 100 bestens gepflegten Firmendatenbanken von Allianz bis Volkswagen, von Amazon bis Quelle, von ADAC bis Jacques' Weindepot. Sie lassen sich nahezu beliebig miteinander kombinieren. Hier kommen dann Datenhändler ins Spiel, die für jedes Produkt - vom Sexspielzeug bis zur kubanischen Zigarre - passende Zielgruppen zusammenstellen. Ein alltägliches Geschäft.
Und ein rechtmäßiges: Laut Bundesdatenschutzgesetz sind Name, Adresse, Geburtsjahr und Beruf sowie ein weiteres Kriterium frei handelbar - solange Kunden dem nicht explizit widersprechen. Politische Überzeugung, Religion oder Gesundheitsdaten allerdings dürfen ohne Zustimmung überhaupt nicht weitergegeben werden. Für den Onlinehandel sind die Vorschriften noch strenger.
Einfache Daten sind billig zu haben. Bei den großen Adresshändlern gibt es 1000 aktuelle Adressen für 100 Euro, 1000 verifizierte E-Mail-Adressen für 60 Euro. 1000 funktionierende Telefonnummern für 50 Euro. Je weiter sie mit Details über die mögliche Kundschaft veredelt werden, desto teurer werden sie.
Besonders üppig sprudeln die Informationen im Internet: Mehr als 40 Millionen Deutsche nutzen das World Wide Web. Dabei sind sie nahezu ständig, aber unbemerkt, im Visier der Werbestrategen. Ob auf der Familien-Homepage, im Blog, in Communitys wie StudiVZ, bei Internetauktionshäusern oder beim Web-Pokern - überall schnüffeln Datensammler herum. Selbst Intimes, an das auch die versiertesten Adresshändler früher nicht gelangten, ist dort auffindbar: Hat der Kunde private Probleme? Sucht er einen Partner? Welchen Beruf strebt er an? Diese Fakten lassen sich mit der geeigneten Software problemlos abschöpfen, warnt Alexander Dix, Berliner Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit: "Datenhändler können sich in sozialen Netzwerken als Nutzer anmelden und Daten exportieren, weil keine Überprüfung stattfindet."
Allzu sorglos wird im Internet zudem eingekauft und bezahlt. So bietet die Werbeplattform Kostenlos.de eine Sammlung von Links zu Warenproben. Wer etwa für lau ein paar Pampers zugeschickt bekommen möchte, soll nicht nur Postanschrift und E-Mail-Adresse preisgeben, sondern auch Geburtstermin und Geschlecht des Babys, Informationen über weitere Kinder und ob zurzeit eine Schwangerschaft besteht. All das landet in der Datenbank des Konsumgüterriesen Procter & Gamble, der Pampers herstellt.
Dreister noch versuchen Firmen, über Onlinegewinnspiele Daten abzugreifen. So poppt auf Websites oft überraschend ein Glückwunsch auf: "Kein Scherz, Sie haben soeben gewonnen!" Wer dann den "4-Sterne Zypern-Urlaub der Extraklasse" buchen will, muss Namen und E-Mail eintippen und sich durch seitenweise Werbung hangeln, die die Passionen des Nutzers analysiert. Das Hotel gibt es tatsächlich umsonst. An- und Abreise allerdings soll der User zahlen. Da nur die wenigsten dazu bereit sind, sind die Werbestrategen am Ende die wahren Gewinner: Sie verfügen über aktuelle Adressen samt Interessenprofil.
Doch selbst wer nur im Web bummelt, ohne etwas zu kaufen, wird ausspioniert. Onlineanbieter wie Amazon speichern meist unbemerkt Cookies auf der Festplatte. Das sind winzige Textdateien, die wie virtuelle Videokameras verschlüsselt aufzeichnen, welche Seiten und Produkte der Firma der Nutzer aufruft. Nach und nach weiß die Firma genau, für welche Angebote sich der Surfer besonders interessiert.
Unternehmen wie Doubleclick aus den USA verfolgen mithilfe von Cookies sogar das Surfverhalten eines Users über mehrere Webseiten hinweg. Mit technischer Raffinesse speichert die Firma ihre Erkenntnisse in einem einzigen Cookie und leitet sie der Werbewirtschaft zu. Die Firma Google setzt nicht nur Cookies bei ihrer Suchmaschine ein, sondern verknüpft sie auch mit echten Namen, wenn der Nutzer einen E-Mail-Account bei Googlemail einrichtet. Die Firma scannt zudem den Inhalt von Mails, um aussagekräftige Dossiers über ihre Kunden zu erstellen und sie mit passender Werbung zu beschicken. Wäre es nicht schauderhaft, wenn Google und Doubleclick gemeinsame Sache machten? Längst geschehen: Im vergangenen Jahr hat Google die Firma für 3,1 Milliarden Dollar gekauft.
Die Omnipräsenz der Datensammler erinnert an George Orwells Roman "1984" ("Big Brother is watching you"), in dem der Staat das Leben der Bürger Ozeaniens lückenlos erfasst. Nur dass heute nicht der Staat, sondern die Wirtschaft den Big Brother gibt. Alles funktioniert viel schneller und effizienter, als es sich der Schriftsteller einst ausmalen konnte, da Rechnerleistung und Speicherplatz nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehen. "'1984' ist längst ein Historienroman", sagt Datenschützer "Padeluun", der seinen echten Namen lieber nicht verrät und dessen Netzwerk mit der kryptischen Abkürzung "Foebud" jedes Jahr die schamlosesten Datensammler mit dem Big Brother Award auszeichnet.
80 Prozent aller Daten hat die Wirtschaft gespeichert, nur 20 Prozent der Staat. Nach Expertenschätzung ist jeder Bürger über 18 Jahre im Schnitt in 52 kommerziellen Datenbanken erfasst. Ganz legal.
Der Frankfurter Datenschutzexperte Spiros Simitis sagt: "Es gibt im privaten Bereich fast kein einziges Datum mehr, das nicht verarbeitet wird." Rund 1300 Adressbroker dürften in Deutschland arbeiten und mithilfe dieser Fakten den digitalen Menschenhandel zur Blüte treiben.
Bislang war diese ökonomische Marktmacht unter Politikern eher ein Thema für Hinterbänkler. Erst seit jüngst mehrere Fälle von illegalem Datenhandel aufgetaucht sind, zeigen sich Berliner Spitzenkräfte empört. Künftig dürfen persönliche Daten nur noch nach ausdrücklicher Zustimmung weitergegeben werden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 36/2008
Wie schütze ich meine Daten? Jeder Mensch hinterlässt heute eine
Datenspur. Man kann es als Verbraucher
nicht verhindern, dass Adresse, Altersangabe
oder Kontonummer bekannt werden.
Selbst bei größter Vorsicht kann man nicht
ganz vermeiden, dass sie von Datenhändlern
weitergegeben werden.
Aber man kann es ihnen möglichst schwer
machen, dies legal zu tun:
• Lesen Sie auch das Kleingedruckte von
Kaufverträgen oder Preisausschreiben,
und verweigern Sie die Zustimmung zur
weiteren Datennutzung. Im Notfall streichen
Sie entsprechende Passagen.
• Prüfen Sie im Internet genau, welche Felder
in Online-Formularen bereits angekreuzt sind,
und deaktivieren Sie diese gegebenenfalls.
• Stellen Sie Ihren Internetbrowser so ein,
dass er sogenannte Cookies nur nach
Bestätigung akzeptiert.
• Lassen Sie sich in die Robinson-Liste des
Direktmarketingverbandes DDV aufnehmen.
Dort kann sich eintragen lassen, wer keine
adressierten Werbebriefe erhalten möchte.
Ihr Einsatz in Deutschland ist für Unternehmen
allerdings nur freiwillig. Antragsformular
unter Tel.: 07156/951010.
• Sie haben ein gesetzliches Auskunftsrecht
bei Unternehmen, die offenbar Daten von
Ihnen gespeichert haben. Prüfen Sie, was
gespeichert ist, und untersagen Sie die
weitere Nutzung.
• Erhalten Sie unerwünschte Werbeanrufe,
geben Sie keine Daten von sich preis,
sondern untersagen Sie die weitere Nutzung
der Nummer. Unerwünschte Telefonwerbung
ist illegal.
• Kennen Sie den Urheber der Anrufe, etwa
einen Gewinnspielanbieter, dann dokumentieren
Sie den Fall, und schicken Sie eine
schriftliche, eidesstattliche Aussage an die
nächste Verbraucherzentrale. Die Verbraucherzentralen
werden häufig mit Abmahnungen
und Sammelklagen tätig.
• Sollten Sie Briefe erhalten, in denen zu
Unrecht behauptet wird, Sie hätten eine
Einzugsgenehmigung für Ihr Konto gegeben,
dann widerrufen Sie diese sofort schriftlich.
Überprüfen Sie Ihre Kontoauszüge regelmäßig.
• Wurde unerlaubt Geld von Ihrem Konto
abgebucht, gehen Sie innerhalb von sechs Wochen
zu Ihrer Bank, und widersprechen Sie der
Buchung. Dann erhalten Sie das Geld zurück.
Weitere Infos unter
www.stern.de/daten
Hier finden Sie Musterbriefe samt den Kontaktdaten
der wichtigsten Adresshändler mit
der Aufforderung, die gespeicherten Daten
offenzulegen und sie nicht mehr zu nutzen.
Außerdem: vorgefertigte Dokumente, um
illegale Telefonwerbung zu dokumentieren,
sowie Musterabmahnungen an Gewinnspielbetreiber
zum Herunterladen.