Inzwischen ist Claudia I. seit mehr als zehn Jahren verheiratet. Sie hat drei Kinder und führt ein Familienleben, das jedem christlichen Wertkonservativen zur Freude gereichen müsste. Sie betreut ihre zwei Töchter und den Sohn selbstverständlich zu Hause. Die Sechsjährige besucht an jedem Samstag eine Vorschule, den fast Zweijährigen stillt sie noch immer. Ihre Aufgabe als Mutter und Hausfrau nimmt Claudia I. mit tiefer Überzeugung und der gleichen offensichtlichen Begeisterung wahr, wie die Aufgaben im arabischen Schulverein und die Vernetzung muslimischer Frauen über das Internet. Und natürlich hat sie inzwischen eine eigene Werkstatt im Keller. Dass sie mit Bohrmaschine und Kreissäge gleichermaßen gut umgehen kann, zeigen einige Möbelstücke, die sie selbst gebaut hat. Und dennoch: Das Stück Stoff vor ihrem Gesicht macht sie für die westliche Gesellschaft suspekt, wie all die anderen Niqab-, Burka- oder Kopftuchträgerinnen.
Sonntagnachmittag. Auch die Frauen, die sich regelmäßig in einer Münchner Moschee versammeln, sind "Betroffene". Im Vorraum zum Frauenbereich der Moschee stehen Kinderwagen, Taschen, Spielzeugkisten, Töpfe, Tassen und Teller. Claudia I. hat einen riesigen Topf Couscous gekocht. Die meisten Frauen kennen sich schon lange, sie treffen sich regelmäßig, um von ihrem Alltag zu erzählen, über Koransuren zu diskutieren, gemeinsam zu beten und zu essen. Jetzt, wo kein fremder Mann sie sehen kann, schlagen sie ihre Schleier zurück, umarmen sich bei der Begrüßung und danken Allah, dass er sie wieder zusammengeführt hat. Manche sind mehr als zwei Stunden unterwegs, um beim Treffen dabei sein zu können. Sie tun es gern. Fatima* präsentiert glücklich ihren erst wenige Wochen alten Nachwuchs, Alisha* berichtet davon, wie mühselig es ist, als Niqabi eine neue Wohnung zu finden, Renate* ist verzweifelt, weil sie wegen der Verschleierung wohl ihren Job in einer Behörde verlieren wird und Anna* freut sich über die prall gefüllten Beutel mit Kindersachen für ihre Tochter.
"Diese Zusammenkünfte hier sind für einige von uns die einzige Möglichkeit, mit Gleichgesinnten reden zu können, die Sorgen zu teilen und nicht unter dem üblichen Rechtfertigungsdruck zu stehen", erklärt Claudia I. und fügt eine provokante These an: "Es ist nicht der Schleier, der uns in unserer Freiheit beeinträchtigt, sondern die Gesellschaft, die uns das Stück Stoff im Namen der Freiheit verbieten will - und uns damit im Alltag isoliert."
Den Niqab als immerwährendes Konfliktpotential abzulegen und wie früher unverschleiert zu leben, kommt dennoch für keine der Frauen in der Münchner Moschee infrage. Als sich Claudia I. nach jahrelanger Überlegung im vergangenen August zur Verschleierung entschloss, wusste sie, dass ihr Mann zunächst wenig begeistert sein würde und nahm in Kauf, dass ihre entsetzten Eltern sich nicht mehr mit ihr auf der Straße zeigen würden. Dass Fremde in der U-Bahn mit dem Finger auf sie zeigen und kreischen "mach das weg", trägt sie mit Fassung, denn sie ahnte, dass sie ab und an beschimpft werden würde. Doch dass sie mit ihrem Tuch vor dem Gesicht in den Mittelpunkt ernsthafter politischer Auseinandersetzungen geraten könnte, hatte sie nicht für möglich gehalten.
"Wenn es Ärger bringt, dann lass es doch sein, du kannst auch ohne Niqab eine gute Muslima sein", hat ihr Mann kopfschüttelnd gesagt. Doch Claudia I. hat ihm widersprochen und stattdessen Koransure 33, Vers 59 zitiert, in der es heißt; "Oh Prophet, sage deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen etwas von ihrem Überwurf über sich herunterziehen. Das ist eher geeignet, dass sie als freie, ehrbare Frauen erkannt und nicht belästigt werden."
Dass diese Aussage ganz unterschiedlich interpretiert wird und selbst verschiedene muslimische Autoritäten, allen voran der oberste Scheich der Islamischen Al-Azar-Universität in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, versichern, dass es für gläubige Muslimas keine Pflicht sei, Burka und Niqab zu tragen, ficht Claudia I. nicht an. Allahs Wille sei keine Auslegungssache, meint sie überzeugt. "Es ist eine Prüfung, die mir Gott auferlegt hat. Und ich werde sie bestehen."
*Namen von der Redaktion geändert