Im April 2004 wird Daniel Schneider wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Der Richter erkennt keine "schädlichen Neigungen", jedoch "erhebliche erzieherische Defizite". Er glaubt, mit 250 Sozialstunden und zwei Wochen Dauerarrest dagegen angehen zu können.
Es ist eine Biografie, wie es sie tausendfach gibt in Deutschland. Man kennt sie von Gangsterrappern, Drogendealern, Neonazis. Es ist die Biografie eines Menschen, der im Fluss seines Lebens in einen Strudel gerät. Wie es ausgeht, hängt davon ab, wer gerade zufällig vorbeikommt und den Rettungsring wirft.
Es ist nicht bekannt, wann Daniel Schneider, der getaufte Katholik, das erste Mal in der Neunkirchener Lisztstraße auftaucht, wo sich das einzige muslimische Gebetshaus der Stadt befindet, die türkische Yunus-Emre-Moschee. Vermutlich schon lange vor der Reise nach Brasilien wird er von jungen Männern angesprochen, die ihn zum Freitagsgebet einladen.
Hussain al-Malla ist dabei, ein groß gewachsener Libanese, und Zafer Sari, ein Deutsch-Türke, schüchtern und freundlich. Sie sind etwas älter als Daniel und ihm doch sehr ähnlich. Sie rasten manchmal aus und prügeln sich, haben mal geraucht und auch gekifft. Aber sie haben eine Vision, wie ein besseres Leben aussehen kann. Einer erzählt es Daniel in einem Gleichnis.
"Die Muslime sind wie eine Herde von Schafen. Innerhalb
der Herde ist jedes Schaf sicher vor dem Wolf. Verlässt ein Schaf
die Herde, so ist es für den Wolf ein gefundenes Fressen. Der
Wolf steht für das Böse in der Welt."
(Erinnerung eines Freundes)
In der Moschee fällt den Betenden ein junger Medizinstudent auf, Hassan, ein sanfter Redner im dunkelblauen Kaftan. Er besucht sie auch zu Hause, erzählt von der Lehre des Islam, dass man nicht rauchen darf und Vater und Mutter zu ehren hat. Sie diskutieren bis spät in die Nacht, hören Musik und sehen sich Videos an.
Es gibt Auseinandersetzungen in der Moschee, zwischen den türkischen Gläubigen und der Gruppe um Hassan, Hussain und Daniel. Über die Art des Betens streitet man sich und die Frage, ob Frauen ohne Kopftuch den Vorraum der Moschee betreten dürfen. Den jungen Männern ist das alles nicht streng genug, eine Bombe müsse man hineinwerfen, tuscheln sie. Als Ahmet Kilic, der Vorsitzende des Moscheevereins, bemerkt, dass sie sich zurückziehen und heimlich beraten, erlaubt er ihnen nur noch, zu den Gebetszeiten zu kommen. Er will Ruhe in seiner Moschee.
Daniel Schneider hat jetzt nur noch wenig Kontakt zu seinen Freunden vom Basketball. Ein paar kommen manchmal mit in die Moschee, doch keiner ist so begeistert wie Daniel. Er legt sich einen islamischen Namen zu, Dschihad, "Anstrengung im Glauben", später wird er sich Abd Allah nennen, "Diener Allahs". Er hat nun viele Fragen, wohin er seine Almosen entrichten muss, wie er auf einer Reise beten soll, welche Bücher zu empfehlen sind.

Der Unterstützer: Atilla Selek, 24, Sohn türkischer Eltern, soll mitgeholfen haben, in Istanbul 20 Zünder für den Anschlag zu beschaffen© AP Photo
Konvertiten wie er sind ehrgeizig in ihrer neuen Religion. Sie haben das Gefühl, etwas aufholen zu müssen. Der neue Glauben ist eine Chance, sich abzugrenzen vom alten Leben, von alten Freunden und den Eltern. Die meisten Konvertiten sind betende Workaholics.
Daniel lernt schnell andere Muslime kennen, viele Studenten, die er zum Teetrinken besucht und zum religiösen Austausch. Oft wird er zu ihnen nach Hause eingeladen, zum Essen und Diskutieren, die Eltern sind bisweilen dabei, Geschwister und Bekannte. Er hat nun eine Familie gefunden. Und ein Leben, das Struktur und feste Regeln hat.
Zu Hause, in der Dreizimmerwohnung des Vaters, verkündet er, er werde kein Schweinefleisch mehr essen und fünfmal am Tag beten. Einen Cousin, dem er nach langer Zeit begegnet, lädt er ein, mit in die Moschee zu kommen. Zu dessen Schwester aber bricht er den Kontakt ab. Sie könne nach islamischem Recht seine Ehefrau werden, erklärt er dem verdutzten Verwandten. Deshalb dürfe er sie nicht mehr sehen, bis sie verheiratet sei.
Über die Moschee findet er Arbeit. Der Vater von Zafer Sari ist Vorarbeiter bei einer Reinigungsfirma. Fast alle jungen Männer aus der Moschee arbeiten bei ihm. Daniel putzt Maschinen und wischt den Boden von Produktionshallen, zwischen 342 und 456 Euro verdient er im Monat.
Am 3. Januar 2005 tritt er den Grundwehrdienst an. Er beantragt drei Monate Verlängerung, überlegt, sich als "Einzelkämpfer" ausbilden zu lassen, und landet am Ende in der Materialausgabe der Kampfmittelräumtruppe. Er fällt nur auf, weil er beim Duschen eine Badehose trägt.
Ende 2005 schickt Daniel Schneider seiner Mutter eine Mail mit dem Betreff: "Hallo Mama, können wir uns mal treffen?" Sie verabreden sich zum Essen, nach Jahren das erste Wiedersehen. Der Sohn entschuldigt sich für die "Vorkommnisse der letzten Jahre", er wirkt sehr ausgeglichen. Die Mutter ist ein wenig irritiert, als Daniel bittet, dass die Musik im Restaurant abgeschaltet wird. Doch die Zweifel werden verdrängt von der großen Hoffnung, den Sohn zurückzubekommen. Er habe sie fortan "wie eine Königin" behandelt, erzählt die Mutter. Gut 300 Kilometer von Friedrichsthal entfernt, im östlichen Baden-Württemberg, hat sich gleichzeitig ein Leben entwickelt, das dem des Daniel Schneider unglaublich ähnelt.
Fritz Gelowicz aus Ulm ist ebenfalls ein Scheidungskind. Er wächst mit dem Bruder beim Vater auf, gilt als intelligent, ist in der Pubertät oft aufmüpfig und verlässt die Realschule nach der neunten Klasse, obwohl seine Noten gut genug für die zehnte gewesen wären. Er spielt American Football, besucht ein Berufskolleg und studiert an der Fachhochschule Neu-Ulm Wirtschaftsingenieurwesen. Mit 21 Jahren fällt er der Polizei erstmals auf, nachdem er auf dem Ulmer Marktplatz einen Arzt ohne erkennbaren Grund brutal verprügelt hat. Auch er findet Halt in einer Gruppe junger Muslime, zu der ihn ein Schulfreund bringt. Auch er lernt neue Leute kennen wie Atilla Selek, einen jungen Türken, der sein bester Freund wird. Auch sie besuchen zusammen die Moschee, das Multikulturhaus in Neu-Ulm. Und auch dort gibt es einen Mentor, der die Jungen um sich schart: Jahia Jussif, promovierter Mikrobiologe aus Ägypten, der beim Verfassungsschutz als "Hassprediger" gilt und ihm zugleich als hochrangiger Informant dient.
Nicht lange, dann sieht sich Fritz Gelowicz als Diener Allahs und nennt sich Abd Allah. Wie Daniel Schneider.
Für einen guten Muslim gehört es sich, den Koran im Original lesen zu können. Fritz Gelowicz geht zunächst auf eine Pilgerreise, zum Hadsch, nach Saudi-Arabien, dann nach Syrien, um dort Arabisch zu lernen. Daniel Schneider fliegt nach Ägypten, es ist der 13. Februar 2006.
Es ist nicht ganz klar, was er dort macht. Sicher ist nur, dass auch er Unterrichtsstunden in Arabisch nimmt. Für junge Konvertiten wie ihn ist die Zeit im Ausland prägend. Sie lernen ein Leben kennen, von dem sie in ihren Hinterhofmoscheen bislang nur geträumt haben. Das Gefährliche dabei sind nicht die Schulen und nicht ihre Lehrer. Das Gefährliche sind Menschen, die im Umfeld wirken.
Eine der Sprachschulen, die bei deutschen Konvertiten sehr beliebt ist, ist das Institut Qortoba in Alexandria an der Mittelmeerküste. Viele Muslime aus Ulm waren schon hier, auch viele, die nach Meinung deutscher Sicherheitsbehörden radikal denken. Man meldet sich über das Internet an. Drei Wochen kosten 300 Euro inklusive Unterbringung.
Die Schule liegt am Ende einer kleinen Gasse. Fünf Klassenräume auf zwei Etagen, zwei Bäder, der Boden ist mit gelben und grünen Kacheln bedeckt, die Moschee ist gleich um die Ecke. Als stern-Reporter unerkannt den Unterricht besuchen, halten sich 30 Studenten dort auf, aus Europa meist, aus Kanada und den USA. Wer sich Unterkunft und Unterricht nicht leisten kann, wird mit einem Stipendium von Stiftungen aus Saudi-Arabien unterstützt. Man muss nur eine Gegenleistung erbringen: zu Hause in der Heimat "Da'wa" betreiben, Missionieren im Namen Allahs.
Anfänger lernen zunächst die hier gebräuchlichen Grundregeln des islamischen Alltags. Mit welchem Gebet man beginnt und wie die Begrüßung dazu aussieht. Welche Hand man zum Essen benützt, aber auch, wer die Feinde aller Muslime seien, "die Juden". Der Unterricht wird dreimal am Tag unterbrochen für das gemeinsame Gebet. Dann zwitschern Vogelstimmen über die Lautsprecher, und Ustadh Ali, der Direktor und Imam, ruft: "Mustaqim!", "gerade!", damit die Reihe der Betenden auch ordentlich sei.
Viele der Schüler leben in einer Wohngemeinschaft, keine zehn Gehminuten vom Institut entfernt. Eine Küche, ein Bad, ein Aufenthaltsraum, zwei Betten pro Zimmer. Haroon, zum Beispiel, ist vor ein paar Tagen eingezogen, ein junger Brite pakistanischer Abstammung, der zum Islam gekommen ist, nachdem er einige Monate in Thailand als Englischlehrer gearbeitet und "an jeder Ecke nur Prostituierte" gesehen hat. Abd al-Aziz ist da, einer von sechs Deutschen, die gerade am Institut lernen. Er stammt aus Offenbach, die anderen aus Berlin, Heidelberg und Ulm.
Für die Konvertiten aus Deutschland wird eine Vision zum Leben erweckt. Wenn sie nun, gekleidet in arabisches Gewand und in Sandalen, mit den anderen Schülern durch die Stadt ziehen, in der es fast nirgendwo Alkohol gibt und die Frauen mit Kopftuch oder, strenger noch, mit Niqab bedeckt sind, dann begreifen sie, dass sie Teil eines großen Ganzen sind. Sie erleben ihre Vorstellung vom Islam als globale Idee.
Im abendlichen Geplauder ereifern sie sich im Hass auf Israel. Auf die westliche Welt, deren Geheimdienste Muslime foltern, einsperren oder entführen. Solche Gespräche entfachen in den jungen Glaubensbrüdern die Sehnsucht nach Rache. Gefährlich wird es, wenn Menschen dazukommen, die wissen, wie man mit diesem Gefühl umgeht.
Es ist ein Mittwochabend in der WG in Alexandria, als ein Mann zu Besuch kommt, der noch recht jung ist, Anfang 20 vielleicht. Er trägt einen kräftigen, blonden Bart und die Tracht der Fundamentalisten, einen braunen Umhang und ein Tuch, das um seinen Kopf gewickelt ist. Er nennt sich Dawud und kommt aus Deutschland.
Dawud spricht zu den jungen Sprachschülern, zu Haroon, zu Abd al-Aziz und den anderen Deutschen, in gleichmäßigem Singsang predigt er auf Englisch, gespickt mit arabischen Floskeln. Alles Wissen sei umsonst, wenn man den Koran nicht lebe, was nur im Kampfe möglich sei. Deshalb, sagt Dawud, schließe sich ein guter Muslim den mutigen Kriegern an, den Mudschahedin in Palästina, im Irak oder in Afghanistan. In Deutschland sei der Kampf nicht einfach, denn wer hier nach seiner Anschauung lebe, riskiere, recht bald im Gefängnis zu landen. Eine Stunde lang spricht Dawud, der Deutsche, dann verabschiedet er sich und empfiehlt, sich künftig nur in kleinen Gruppen zu treffen, "wegen der Geheimpolizei!"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2009