Alle reden drüber, kaum jemand hat es gelesen. Die Autorin Hatice Akyün schon. stern.de verrät sie, ob sich die Lektüre von Thilo Sarrazins umstrittenem Bestseller lohnt.
Nein, überhaupt nicht. Koch und Rüttgers haben damit Wahlkampf betrieben. Sarrazin hat seine politische Laufbahn hinter sich. Und ich denke auch nicht, dass er eine neue Partei gründen wird. Dafür fehlt ihm der Schneid eines Roland Koch.
Ich hoffe wieder auf die EM 2012. Bis dahin haben wir uns hoffentlich alle wieder lieb. Seit ich mich erinnern kann, geht die Stimmung in Deutschland auf und ab. Erst war das Boot voll, dann entdeckte man die Türkei als Urlaubsland, später brannten Häuser von Türken und nun haben wir einen kleinen, flinken Jungen mit dem Namen Özil, der plötzlich Deutscher ist, weil er für Deutschland Tore schießt. Drei Schritte vor, zwei Schritte zurück eben. Die Ängste der Deutschen vor dem Fremden ist immer eine starke Prägung gewesen. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das, was man fürchtet, hat selbst keine Kraft. Die Angst davor ist die treibende Kraft.
Was soll denn bitte daran mutig sein? Ich haue ein Buch heraus, in dem es vor Halbwahrheiten und Falschinterpretationen nur so wimmelt, beleidige bestimmte Migrantengruppen, werfe es den Menschen vor die Füße und ruhe mich dann auf dem Recht der Meinungsfreiheit aus? Nein, das ist nicht mutig. Mutig ist, was Kirsten Heisig, die verstorbene Jugendstrafrichterin, gemacht hat. Sie hat die Probleme erkannt, sie analysiert und Lösungen entwickelt.
Aber natürlich. Ich bekomme es doch gerade in Kreuzberg mit, wie diese kleinen Jungs jetzt alle in die Tigerkäfige rennen und wie verrückt trainieren. Aber es muss kein Özil oder Özdemir sein, es reicht auch, wenn der Cousin oder die Cousine erfolgreich ist. Das motiviert auch. Role Models nennt man das im Amerikanischen. Es gibt viele Vorbilder in Deutschland, nur werden die zu selten in den Medien beachtet. Ist irgendwie auch verständlich. So ein prügelnder Türke ist immer besser zu verkaufen als die türkische Friseurin, die mit einem Hauptschulabschluss gerade ihren dritten Laden aufmacht.
Menschen sind unterschiedlich. Mein Vater hat früh begriffen, dass sein Aufenthalt in Deutschland für seine Kinder von Vorteil ist. Er selbst hat nie eine Schule besucht, weil es in dem anatolischen Dorf, in dem er aufgewachsen ist, keine Schule gab. Aber er wusste, dass wir diese Chance nun hatten. Ich war nicht im Kindergarten, aber ich erinnere mich sehr gut, dass mein Vater zu seinen Kindern sagte: "Los, geht raus, geht auf den Spielplatz, spielt mit deutschen Kindern, lernt die Sprache." Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum sich Menschen der Bildung verweigern. Das gibt es doch auch in deutschen Familien. Aber trotzdem darf man sie nicht aufgeben. Ich bin für eine Kindergartenpflicht in Deutschland. Mein Menschenverstand sagt mir, dass man zumindest so die Sprachprobleme der Migrantenkinder in den Griff bekäme. Weg von dem türkischen Fernsehen, raus aus den Familien, in denen nur Türkisch gesprochen wird und rein in die Kitas. Im Jahre 2010 dürfte es kein einziges Kind mehr geben, das bei der Einschulung die deutsche Sprache nicht beherrscht.
Aber natürlich. Die sehen diese schrecklichen Bilder vom 11. September, die Terroranschläge im Irak und in Afghanistan, die bärtig-grimmigen Männer, die an ihrer Haustür vorbeilaufen, um in die Moschee zu gehen. Aber genau das ist das Problem. Sie sehen sie nur, sie sprechen aber nicht mit ihnen. Ich kenne deutsche Familien in meiner Heimatstadt Duisburg, die nach der Eröffnung der Moschee in Marxloh dort hingegangen sind, die sich erkundigt und sich alles angeschaut haben. Jetzt sagen sie, dass sich all ihre Vorurteile nicht bestätigt hätten.
Ich nehme mir immer vor, sie zu ignorieren, wie ich eigentlich auch Sarrazin ignorieren wollte. Aber dann platzt es aus mir heraus. Weil ich in der Öffentlichkeit stehe, habe ich die Möglichkeit, meinen Mund aufzumachen und mich zu wehren. Über die Türken in Kreuzberg, Neukölln oder Marxloh wird nur gesprochen, aber niemand spricht mit ihnen. Und sie bekommen nicht die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Was eigentlich schade ist, denn sie haben die viel schöneren Geschichten zu erzählen.