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24. August 2006, 09:20 Uhr

Sie sollte ihn "Gebieter" nennen

Der Entführer Wolfgang Priklopil beging Selbstmord: Er warf sich in Wien vor einen Schnellzug© Hans Punz/AP

Natascha sei wie eine normale junge Frau gekleidet und nicht verwahrlost, so der Beamte. Es wird vermutet, dass sie bis zuletzt physischer Gewalt ausgesetzt war - und es wahrscheinlich auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. "Vor allem in den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft hat das Mädchen einiges mitmachen müssen", hieß es dazu von Polizeiseite.

Sie leidet unter Stockholm-Syndrom

Es scheint aber, dass Natascha von ihrem Entführer nicht völlig von der Außenwelt abgeschottet wurde. Nachbarn gaben an, die junge Frau hin und wieder gesehen zu haben. Sie habe aber nie um Hilfe gebeten. "Die Frau leidet an einem schweren Stockholm-Syndrom", sagte Erich Zwettler vom österreichischen Bundeskriminalamt. Dieses Phänomen sei bei Opfern von Langzeit-Entführungen keine Seltenheit. Bei diesem entwickeln die Opfer - auch von körperlicher Gewalt - Sympathie für die Täter. Die 18- Jährige habe "ziemlich gefasst" auf die Todesnachricht ihres Peinigers reagiert, so Zwettler. "Sie hat offenbar irgendwie damit gerechnet. Er hatte ihr gesagt: 'Lebend erwischen die mich nie'."

Ihr Entführer lebte als unauffälliger, alleinstehender Einzelgänger. Sein Haus in der Heine-Straße 60 aber hatte er zur Festung ausgebaut: An der Einfahrt ein schweres, elektrisch bedienbares Eisentor und ein hochmodernes Alarmsystem mit Videokameras, die jeden Winkel seines Grundstücks kontrollierten: Was wie ein Schutz vor Eindringlingen aussah, sollte in Wahrheit sein Opfer an der Flucht hindern.

Mutter kam zum Kochen vorbei

Laut der österreichischen Tageszeitung "Krone" soll er Natascha eingetrichtert haben: "Ich habe das ganze Haus mit Sprengfallen vermint. Wer es betritt, wird bis auf die Knochen gegrillt." Jetzt erinnern sich auch seine Nachbarn jetzt daran, dass er vor den Wochenenden nervös war. Dann kam immer seine Mutter vorbei, um ihm für die Woche vorzukochen. Eine Frau will sie bei ihm nie bemerkt haben.

Nach Angaben der Polizei war Priklopil bereits im April 1998, kurz nach der Entführung, vernommen worden, weil er einen weißen Kastenwagen besaß. Er hatte damals ausgesagt, dass er das Fahrzeug für Bauarbeiten benötigte. Mangels eines weiteren Tatverdachts veranlasste die Polizei keine Hausdurchsuchung.

Ist Normalität denkbar?

Nataschas Gefangenschaft muss nach Ansicht des Kriminalpsychologen Rudolf Egg nicht die ganze Zeit von Angst und Schrecken bestimmt gewesen sein. Nach gewisser Zeit könnte sich sogar eine Art "Normalität" für die Opfer" einstellen. "Das heißt, sie gewöhnen sich irgendwie daran (...) und richten ihr Leben dann irgendwie darauf ein", sagte Egg in einem Hörfunkinterview. Als Motiv des Entführers vermutet Egg Einsamkeit. "Sein Hauptmotiv dürfte wohl gewesen sein, jemanden zu haben, der bei ihm bleibt und der ihn nicht verlässt. Möglicherweise war er ein Mensch, der sehr einsam war."

Die Ermittler haben noch keine Erkenntnisse, ob die Entführte sexuell missbraucht wurde. Sie sei dazu vorerst nicht befragt worden, sagte ein Polizeisprecher. Auf den ersten Blick sei sie in guter gesundheitlicher Verfassung. Natascha habe nach ihrem Spielzeugauto gefragt und ihren Vater mit den Worten "Papa, ich hab dich lieb" begrüßt, erzählte dieser österreichischen Medien. Zur Zeit lebe sie unter der Obhut einer Polizistin und Psychologin von der Öffentlichkeit abgeschirmt in einem Hotel.

Die Eltern des Mädchens baten die Medien am Donnerstag um Verständnis, dass sie vorläufig keine Stellungnahmen abgeben wollten. Allerdings kündigten sie für die nächsten Tage eine Erklärung an.

Stockholm-Syndrom Bei lang andauernden Geiselnahmen ist wiederholt das so genannte Stockholm-Syndrom beobachtet worden. In der lebensbedrohlichen, als ausweglos empfundenen Situation entwickeln Opfer Sympathie für die Täter oder solidarisieren sich sogar mit deren Zielen.
Bei dem auch bei den Tätern zu beobachtenden Syndrom handelt es sich um einen unterbewussten psychologischen Schutzmechanismus. Vor dem Gefühl, ausgeliefert zu sein, schützen sich die Betroffenen seelisch dadurch, dass sie sich mit ihren Peinigern identifizieren. Diese Bindung kann auch nach dem Ende der Gefahr weiter bestehen. In Extremfällen stellen sich die Geiseln bei ihrer Befreiung sogar vor ihre Entführer und sehen die Polizei als Bedrohung an.
Das Phänomen ging 1973 nach einem Banküberfall in der schwedischen Hauptstadt in die wissenschaftliche Literatur ein, als sich dort ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Geiselnehmern und Opfern entwickelt hatte. Prominent war der Fall der 1974 verschleppten 19-jährigen Tochter Patty des US-Verlegers Randolph Hearst, die sich ihren Entführern anschloss. Auch das Foto einer Umarmung zwischen der 1996 in Costa Rica gekidnappten Deutschen Nicola Fleuchaus und einem ihrer Entführer erregte Aufsehen.

Von Karin Spitra
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