
Isabel Jacqueline, 5, aus Waiblingen: "Erziehung ist, dass man beim Essen die Füße nicht auf den Tisch legt"© Lukas Coch
"Manchmal frage ich mich: Was sind wir eigentlich - Familientherapeuten, Streitschlichter, Psychologen, Psychiater, Ersatzmütter?", rätselt etwa Monika Huber, Lehrerin an einer Grundschule in Karlsruhe. "Tatsache ist, dass uns immer mehr Aufgaben zuwachsen, die eigentlich Sache der Eltern sind. Das fängt schon morgens an: Pausenbrot? Fehlanzeige. Jedes zweite Kind in meiner Klasse kriegt von den Eltern Geld in die Hand gedrückt mit den Worten: 'Kauf dir was!'" Beim Treppensteigen müssten sich manche Erstklässler noch am Geländer festhalten, im Sportunterricht brauchten sie beim Balancieren auf einer Bank eine stützende Hand. "Viele können nicht mehr richtig rennen. Da schlackert immer ein Arm oder ein Bein mit. Sie haben Angst, eine Sprossenwand hochzuklettern. Mit zwei Jahren wurden sie aufs Schaukelpferd gehievt, mit vier an der Kletterwand hochgehoben. Diese Kinder haben nie gelernt, wie man sich durch eigene Kraft etwas erobert."
Besonders Eltern aus der Mittelschicht lebten in ständiger Angst um den Nachwuchs und wollten ihn immerzu behüten. "Die Kleinen dürfen auf dem Spielplatz nicht auf die Kletterspinne, weil die Mütter das zu gefährlich finden. Auch zu Fuß zur Schule zu gehen ist zu gefährlich, deshalb fährt sie Mama. Später sitzen solche Kinder am liebsten vor dem Computer. Das ist Mama lieber, weil es sicherer und bequemer ist." Hubers Fazit: "Manche Eltern haben einfach aufgegeben, zu erziehen. Oder nie damit begonnen."
Zunehmend ratloser steht die Gesellschaft vor einer Brigade von Ekelpaketen außer Rand und Band, mal gewandet in Prada und ausgerüstet mit Handys, Fernsehern sowie Computern, mal genährt mit makrobiotischer Kost, gekleidet in ökologisches Textil und hochgerüstet mit Anthroposophen- Puppen und Holzspielzeug.
Die Saddam Husseins im Taschenformat terrorisieren in ihrem Allmachtswahn Heerscharen von Erwachsenen, die ihrer nicht Herr werden können - Eltern und Pädagogen, Erzieher und Lehrer.
Freundeskreise und Ehen zerbrechen an den Tyrannen, die einst geistig genährt wurden mit allerliebsten Janosch-Kinderbüchern, um mit 13 gleichwohl am liebsten "The Texas Chainsaw Massacre" zu gucken und zu ihrer Lehrerin zu sagen: "Verpiss dich, du alte Fotze." Derweil kriechen ihre Eltern auf der Schleimspur um sie herum, kleiden sich wie ihre Sprösslinge, sprechen wie sie - "Hey, Alter!" - und versuchen verzweifelt, ihren Kindern ein Partner zu sein, was regelmäßig mit dem Urteil quittiert wird: "Ihr seid einfach nur total peinlich."
Wie konnte das passieren? "Was den meisten Eltern heute fehlt, ist die Intuition", findet der Kinder- und Jugendtherapeut Wolfgang Oelsner aus Köln. Doch gerade die haben Pädagogen aller Schattierungen den Eltern hierzulande in den vergangenen vier Jahrzehnten systematisch ausgetrieben. Nirgendwo in Europa wird seit dem Zweiten Weltkrieg der an und für sich banale Vorgang der Aufzucht des Nachwuchses dermaßen mit Ideologie überfrachtet wie in der Bundesrepublik; wohl kaum ein Land der Welt ist so anfällig für neue pädagogische Konzepte, und seien sie auch noch so wirr.
Hin und her schlägt das Pendel der ultimativen Erfolgsrezepte. Auf die autoritäre folgte die antiautoritäre Erziehung, auf den Frontalunterricht die Gruppe, auf das Lernen das Kuscheln, auf den Zwang die Freiheit, auf Regeln das Laissez-faire, auf die Rechtschreibung die kreative Rechtschreibung, auf die Abschaffung der Erziehung der Schrei nach Zucht und Ordnung, auf die Verdammung der Eliten die Forderung nach Leistung. Völlig auf der Strecke bleibt dabei der gesunde Menschenverstand, der geradezu systematisch unterdrückt wird.
Muss ich wirklich zum Vollidioten mutieren, damit meine Süße glücklich wird? Ist es normal, dass wir jeden Abend heulend auf der Bettkante sitzen, um unseren Sohn in eine Lichtgestalt zu transformieren? Auf diese Fragen antwortet ganz Deutschland mit Ja. Hierzulande Kinder zu haben ist ein Martyrium, das ist man den kleinen Teutonen irgendwie schuldig; auch nach dem 1654. Mal darf man auf die Frage "Warum?" nicht zurückbellen "Weil es einfach so ist!", sondern muss sagen: "Schätzchen, du hast das alles echt toll gemacht, nur wird das Wort ‚und‘ einfach nicht mit einem t am Ende geschrieben, aber ich bin echt stolz auf dich, wirklich."
Während junge französische Eltern den Klassiker "J'élève mon enfant" - "Ich erziehe mein Kind" - von Laurence Pernoud lesen, wird deutschen Eltern gern "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" geschenkt, ein Buch der amerikanischen Anthropologin Jean Liedloff, die darin den reichlich schrägen Vergleich zwischen Industrienationen und den Yekuana-Indianern am Amazonas wagt, die ihre Kinder offenbar gar nicht erziehen. Während Pernoud empfiehlt: "Auf Dauer sollten nicht Sie sich an den Rhythmus des Kindes anpassen, sondern das Kind sich an Ihren", fordert Liedloff das genaue Gegenteil: permanente Leibesnähe und einen Alltag ohne Anstrengung.
"Ständig bezichtigen sich die Deutschen gegenseitig der Kinderfeindlichkeit", so die Französin Béatrice Durand, Dozentin für Romanistik an der Universität Halle, die seit 1990 mit ihrem deutschen Mann und drei Kindern in Berlin lebt und in ihrem Buch "Die Legende vom typisch Deutschen" ironisch über ihre Erfahrungen als Mutter in der Bundesrepublik geschrieben hat. "Ich finde sie nicht kinder-, sondern elternfeindlich. Alles muss kindgerecht sein; immer, ständig und überall geht es um das Wohl des Kindes. Nie aber ist die Rede vom Wohl der Eltern."
Ein Baby zur Welt zu bringen bedeute hierzulande, "vor einer sakralen Aufgabe zu stehen, die man einerseits nur selbst erledigen kann und an der man andrerseits scheitern muss. Man schuldet seinem Kind all seine Zeit, all seinen Schlaf, all seine Liebe, all seine Mühe, und es ist doch nie genug. Eine gute deutsche Mutter ist eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, die sich trotzdem schuldig fühlt".
Alles, was das Zusammenleben mit einem kleinen Kind noch komplizierter macht, wird in Deutschland begieriger als anderswo aufgenommen - keine Pampers, sondern Stoffwindeln, keine Antibiotika bei Mittelohrentzündungen, sondern von Hand ausgepresster Zwiebelsaft, keine Fläschchen, sondern Stillen bis zur Einschulung. Manche Eltern gehen so weit, selbst große Errungenschaften des 20. Jahrhunderts von ihren Kindern fernzuhalten, wie etwa Impfstoffe gegen Masern, Windpocken oder Keuchhusten. In einer technologisch hochgerüsteten und globalisierten Welt ist das Kind der edle Wilde, dem man nicht einmal mehr den Gang aufs Klo zumuten will. Während man früher einfach sagte: "Du gehst jetzt ins Bett, und damit basta!", wird endlos mit dreikäsehohen Analphabeten verhandelt, die dadurch hoffnungslos überfordert sind.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2008