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11. Januar 2009, 07:50 Uhr

Du kommst ins Internat!

Internat, Schule, Schüler, Erziehung, Eltern

Bildungselite im Chorgestühl: Schüler von Maulbronn beim Gottesdienst© Theodor Barth

Auch im Birklehof sind jede Menge Kinder, die im staatlichen System Schiffbruch erlitten haben - das Internat nimmt zu jedem Zeitpunkt des Schuljahres Schüler auf. Besonderer Ansturm gilt den 8. und 9. Klassen, wenn die Pubertät auf die Betroffenen und ihre Angehörigen in Tornadostärke trifft. Dennoch muss die Mischung stimmen: "Mehr als vier oder fünf Feuerwehrkinder" vertrage eine 9. Klasse nicht, so die Erfahrung von Laumont. Erleichterung verschafft man sich im Birklehof und anderen Internaten mit Stipendiaten: ausgeglichene, begabte, ehrgeizige und sozial kompetente Kinder, die von einem Internatsleben wie bei Harry Potter träumen, den Laden zusammenhalten, den Pädagogen zuarbeiten, die Mitschüler anspornen und bis zum Abitur den Klassenschnitt glattbügeln. Die Stipendiatenquote im Birklehof liegt bei 20 Prozent, eine höhere wäre nicht zu finanzieren.

Rund fünf Schüler pro Jahr muss Rektor Laumont der Schule verweisen. Ein paar, weil manche Eltern das Internat mit einer Therapie-Einrichtung verwechseln, ein paar andere, weil sie straffällig geworden sind, oder wegen Drogen- und Alkoholkonsums. Nicht selten helfen aber auch in diesen Fällen die Schulleiter, trotz Konkurrenzkampfs in Seilschaften verbunden, den Geschassten weiter.

Spürbare Unterschiede

So gibt es Jugendliche, die regelrechte Tourneen durch Deutschlands Internate machen. Manche kommen auch wieder an ihre alte Wirkungsstätte zurück. "Hab ich da gerade ein Déjà-vu gehabt?", fragt ein Lehrer beim Mittagessen die Schulleiterin von Schloss Hagerhof in Bad Honnef. "Nein", beschwichtigt Gudula Meisterjahn-Knebel, "der ist nur zu Besuch da."

Meisterjahn-Knebel ist eine gut gelaunte, anpackende Vollblutpädagogin, Präsidentin von Montessori Europa. Montessori, übersetzt sie, bedeutet: "Die Kinder suchen selbst ihren Weg." Dazu bekommen sie pro Schulwoche vier Doppelstunden Zeit. Die Lehrer haben einen Aufgabenpool erstellt, den die Schüler bearbeiten sollen. Die müssen entscheiden: Mache ich erst Deutsch oder Mathe oder Bio, die Gruppenarbeit oder das Werk für Kunst? Klassenlehrer Olaf Dörr, 39, wandert mit einem Klappschemel von Tisch zu Tisch, erklärt Rechenschritte, spornt Träumer an.

Die Arbeit an so einer Schule sei deutlich umfangreicher als an einer herkömmlichen, sagt er. Der Unterrichtsbetrieb dauert von morgens 8 bis 16.15 Uhr. Danach setzt sich Dörr zu Hause an die Unterrichtsvorbereitung, korrigiert Klassenarbeiten. Im Internat Birklehof ist auch samstags Schule. Wer dann noch neben dem Unterricht eine Wohngruppe betreut, die Kinder ins Bett bringt, nächtens Fieber misst, mit einem aufgestellten Ohr auf verdächtiges Knarzen von Fußbodendielen schläft und die Bagage morgens aus den Federn scheucht, der rechnet sein Engagement längst nicht mehr in Arbeitsstunden um. Die Fluktuation unter den Internatserziehern ist hoch.

Internatssuche als Geschäft

Um Lehrer wie Schüler werben die Internate auf den Anzeigenseiten der überregionalen Zeitungen. Auch einige "Internatsberater" mischen mit. Eine der bekanntesten Adressen: die Euro-Internatsberatung in München. Poliertes Messingschild neben der Haustür, viel moderne Kunst an hohen Altbauwänden. Das Geschäft dieser Firma funktioniert ähnlich wie bei Immobilienmaklern: Die Interessenten, sprich Eltern, bitten telefonisch um Rat und bekommen im Gegenzug Internate genannt, "breit gestreut", wie Geschäftsführer Wolfgang Tumulka erklärt - alles kostenlos. Entscheiden sich die Beratenen für eines der genannten Häuser, fordern die Makler 13 bis 20 Prozent einer Jahresgebühr, rund 3500 bis 6000 Euro - zu zahlen von den Internaten. Rund 80 Prozent der vermittelten Kinder bekommen die Berater nicht mal zu Gesicht.

Internat, Schule, Schüler, Erziehung, Eltern

Freizeit in Haubinda: In der "Scheune" dröhnen auch schon mal die Bässe© Theodor Barth

Viel bleibt bei dieser Art von Beratung nicht von der Objektivität und Neutralität, die in den Hochglanzprospekten angepriesen wird. Selbst wer sich einen Internatsaufenthalt nicht leisten kann, ist für die Berater interessant, denn vielleicht springt ja der Staat ein. Dafür geben sie den Eltern auch praktische Tipps: Statt beim Jugendamt mit der Aussage "Mein Sohn hat drei Fünfen" vorstellig zu werden, empfehle sich die Formulierung "Mein Sohn hat seelische Probleme".

Fernab dieses kapitalistischen Wettkampfs führt Ephorus Tobias Küenzlen das evangelische Seminar Maulbronn, das auf eine Ahnengalerie berühmter Eleven verweisen kann. Auf den Astronomen Johannes Kepler ist man stolz, den Weltliteraten Hermann Hesse hingegen, der seinen traumatischen Maulbronn-Aufenthalt in der Erzählung "Unterm Rad" verarbeitete, empfindet Küenzlen bis heute als PR-untauglich. Im Prinzip ist noch vieles so, wie Hesse es beschrieb. Die Bewerber um die jährlich zu vergebenden 25 Plätze in der 9. Klasse werden im viertägigen "Landexamen" getestet, Zugangsvoraussetzung ist in der Regel ein Schnitt von mindestens 2,0 in der 8. Klasse und ein Empfehlungsschreiben des örtlichen Pfarrers.

Jeder Tag ist exakt durchgeplant

Maulbronn setzt statt Werbung auf Familientradition: Vater, Mutter, Onkel oder Tanten sind oft Ex-Seminaristen, nicht selten Pfarrer oder Lehrer. Seine Schüler bezeichnet Küenzlen als "Bildungselite". Sie sollen in Maulbronn durch nichts am Lernen gehindert werden, schon gar nicht durch das Auffangen gesellschaftlicher Missstände in Form von Mitschülern.

Der Tag hinter den dicken Klostermauern (Unesco-Weltkulturerbe) ist straff organisiert: Er beginnt um 6.50 Uhr mit Frühstück und Andacht, geht weiter mit Unterricht, Mittagessen, Unterricht, Arbeitszeit, Musikstunden oder Chor, Abendessen. Um halb zehn abends muss jeder Seminarist in seinem Wohntrakt sein, um 22 Uhr geht in den Mehrbettzimmern das Licht aus. Die Eleven nehmen den Stress mit Humor: "Wenn du hier allein sein willst, musst du aufs Klo." Sie streiten sich nicht mehr mit ihren Geschwistern, wenn sie am Wochenende zu Hause sind: "Dafür ist die Zeit zu kostbar."

Aber selbst diese Musterschüler sind in der Phase, "wo aus dem braven Hänschen der wilde Hans wird", wie der Ephorus formuliert. Er war selbst mal hier und kennt alle Schleichwege rund um die drei Todsünden, die in Deutschlands Internaten meist zum Rausschmiss führen: Auszusteigen und, noch schlimmer, beim anderen Geschlecht einzusteigen sind zwei von ihnen. Die Dritte besteht im Konsum von Drogen. Alkohol zählen fast alle Internatsbetreiber dazu. Ab 22 Uhr werden deshalb, zur Vereinfachung der Kontrolle, Deutschlands Internate zum Knast.

Dienstagabends, wenn seine Schützlinge zugunsten eines Hilfsprojekts auf das Abendessen verzichten, setzt Ephorus Küenzlen sich in die örtliche Pizzeria und beobachtet den Pächter beim Entgegennehmen nächtlicher Hungernotrufe. Bald darauf drückt sich der Pizzabäcker schwer bepackt am Rektor vorbei, läuft über den Innenhof der Klosteranlage und füllt einen an der Mauer heruntergelassenen Korb.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 02/2009

Von Beate Flemming
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KOMMENTARE (5 von 5)
 
schnurz5 (12.01.2009, 22:44 Uhr)
Vorsicht
Ich denke, solange nicht Flächen deckend Ganztagsschulen vorhanden sind, sind Internate gute Alternativen
als "Vorbereitung aufs Leben" ( Stichwort: soziales Lernen,etc)
Doch aus persönlicher Erfahrung muss ich vor christlich orientierten Einrichtungen warnen, obwohl ich mich damals bewusst dafür entschieden hatte. Falls mal etwas schief läuft ( in diesem Fall Missbrauch durch einen Erzieher ), kann man die Folgen allein tragen, alles wird tot geschwiegen und das von einer Organisationen, die Deutschland weit Internate haben und sich auf die Fahnen geschrieben haben, dass keiner verloren gehen darf.
LG Schnurz
Morendis (11.01.2009, 21:56 Uhr)
Wo liegt hier eine gewisse Verantwortlichkeit?
"Man wurde zur Selbststaendigkeit
angehalten und die Schueler haben
gelernt,miteinander auszukommen,was heute nicht mehr selbstverstaendlich ist."
Sorry, aber diese Dinge zählen für mich grundsätzlich zur Erziehung und die beginnt Daheim und nicht in irgendeiner Schulform!
Tja, heutzutage läßt man seine Kinder vom KiGa angefangen von anderen erziehen, und wenn Kinder gewisse Ziele nicht erreichen, sind definitiv irgendwelche Lehrkörper, zu hoch angesetzte Anforderungen, ein schlechtes soziales Umfeld, die Gesellschaft oder irgendeine psychische Krankheit Schuld daran.
Für Internate habe ich wenig übrig, dorthin schicken Eltern ihre Kinder wenn sie entweder keine Lust oder keine Zeit haben sich mit ihnen auseinanderzusetzen.
reimberto (11.01.2009, 19:22 Uhr)
Internate
Ich habe vor ueber 30 Jahren eine sehr schoene Schulzeit in einem Internat am Ammersee gehabt
Man wurde zur Selbststaendigkeit
angehalten und die Schueler haben
gelernt,miteinander auszukommen,was heute nicht mehr selbstverstaendlich ist.
Maria1000 (11.01.2009, 17:47 Uhr)
ZITAT: "...
..Selbst wer sich einen Internatsaufenthalt nicht leisten kann, ist für die Berater interessant, denn vielleicht springt ja der Staat ein. Dafür geben sie den Eltern auch praktische Tipps: Statt beim Jugendamt mit der Aussage "Mein Sohn hat drei Fünfen" vorstellig zu werden, empfehle sich die Formulierung "Mein Sohn hat seelische Probleme"...
---
Alles klar: Nur wer BETRÜGT und LÜFT kommt hierzulande an GELD vom Staat! Bananenrepublik....
Maria1000 (11.01.2009, 17:44 Uhr)
Ein weiterer Beweis wie unsere Steuergelder rausgeschmissen
werden! Wieso zahlen Jugendämter bitte Internatskosten,w ährend ARBEITENDE mittelmässig verdienende Eltern ihre Kinder entweder ui den kriminellen nicht-sozialisierten Kindern in die staatl. Schulen geben müssen oder das Onternat selbst zahlen?
Man braucht also nur kriminell und gewalttätig werden als Jugendlicher, so dass einen keine Schule in der Gegend mehr nimmt und schon wirft unser Staat die Tausender raus - Verbrechen, assoziales und unsoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen wird also auch noch BLEOHNT!
Dieses System in D ist so krank.....
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