Ist der Verlust der zivilen Ordnung allein der US-Regierung anzulasten? Wie bei 9/11 handelte George W. Bush auch nach "Katrina" nicht sofort. "In Asien haben alle geholfen und hier kommt niemand", schreit eine Frau in die Fernsehkameras. Tage gingen ins Land, ehe der Präsident seinen Urlaub abbrach und das Militär in die Katastrophengebiete schickte. "Dies wird in den USA als Mangel an Führungsstärke verstanden", stellt der Katastrophensoziologe fest. Schon werde "Bushs Versagen am Tag X" in der New York Times als "Nationale Schande" bewertet. Wenzel weiß: Der Flug über die "Katrina"-Gebiete und die Ankündigung von "Null Toleranz" helfen den dahinsiechenden Menschen nicht - "Das Image von Bush als Retter in der Not hat Schaden genommen."
Doch an der "Katastrophe nach der Katastrophe" ist nicht allein der amerikanische Präsident Schuld. "Individuelle Traumata" seien durch Verletzungen, Tod von Angehörigen, Hunger und Durst entstanden. Diese pure Verzweiflung über die anscheinend aussichtslose Lage bringe Menschen dazu, Rettungsmannschaften, Krankenhäuser oder Touristen zu überfallen, so Wenzel. Dann noch der Mangel an sichtbaren Helden. "Die Plünderungen durch Polizisten sind ein Freibrief für alle anderen und das beste Indiz für den Zusammenbruch jeglicher gesellschaftlicher Ordnung", stellt der Forscher fest.
Die Zahl der Toten durch "Katrina" wird von amerikanischen Behörden mittlerweile auf mehrere Tausend geschätzt. "Ein Zurück in den gewohnten Alltag wird auf Jahre nicht möglich sein", warnt der Soziologe. Keine Region, kein Staat kann die fast 500.000 Obdach- und Arbeitslosen aus New Orleans ohne weiteres verkraften. "Wie nach dem 11. September 2001 entsteht in den USA gerade ein neues kollektives Trauma", sagt Wenzel. Das Trauma heißt "Katrina".
Die Ursachen für die anarchischen Zustände in New Orleans gehen Harald Wenzel zufolge jedoch noch tiefer. Schwere Vorwürfe sind das. "Die rücksichtslose Politik der USA gegenüber Unterprivilegierten und die jahrelange Segregation der Menschen in Armenviertel" hätten dafür gesorgt, dass bereits vor 'Katrina" der soziale Kitt der Gesellschaft weggespült wurde.

Soziologe Harald Wenzel© FU Berlin
Dieser Kitt ist das, was der Katastrophensoziologe "soziales Kapital" nennt. Es ist ein abstrakter Begriff für Hilfsbereitschaft und Vertrauen. Dieses wurde in in Deutschland beim Elbehochwasser 2002, der Oderflut 1999 oder den jüngsten Überflutungen in Süddeutschland erfahrbar. Als Menschen in die Katastrophengebiete reisten, um zu helfen, obwohl es keine Plünderungen und Gewalt gab. "Auch in den Tsunami-Regionen in Südostasien, wo die Menschen in Dorfgemeinschaften lebten, war dieses Kapital ausgeprägt", so Wenzel.
Für den Mangel an Vertrauen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen gibt es in den USA historische Belege. "Man denke nur an Waffenfreiheit, die Sklaverei, die Indianerkriege, die Trennung in Arm und Reich", sagt Wenzel. In New Orleans existiert zudem ein historisches Ereignis mit aktuellem Bezug. 1927 trat der Mississippi über die Ufer, doch die Dämme bei New Orleans hielten das Schlimmste ab. Die weiße Oberschicht aber - Banker und Großindustrielle - ließ die Schutzanlagen so gezielt sprengen, dass das Wasser die Armenviertel überflutete. Die reicheren Gegenden wurden verschont. Während 10.000 Afro-Amerikaner festsaßen, fuhren die Weißen auf Mississippi-Dampfern unter Klängen von "Bye Bye Blackbird" davon. Das kollektive Gedächtnis der Armen war um eine Demütigung reicher - mancher wird sich heute im Süden der USA wieder daran erinnern.