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20. Juli 2008, 13:47 Uhr

G8-Urteile in Genua "Suspendierung des Rechtsstaates"

Zoom

Italienische Polizisten stehen nach Ausschreitungen bei einer Anti-G-8-Kundgebung am 20.7.2001 vor einem zerschlagenen Schaufenster© Picture-Alliance

Im Fernsehen tauchen die ersten schockierenden Bilder des Infernos in der Diaz-Schule auf. Die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, dass die Polizisten auf eine Gruppe einprügelte, die völlig überrumpelt und wehrlos war. Im offiziellen Untersuchungsbericht der Ermittlungsrichterin Anna Ivaldi werden später auch Polizisten selbst dies Tatsache bestätigen. Jens H. wird 2007, wie auch die anderen Festgenommenen aus der Diaz-Schule, durch ein italienisches Gericht von allen Vorwürfen freigesprochen. "Suspendierung des Rechtsstaates"Bilder vom Bolzaneto-Gefängnis gibt es am Montag nach dem Überfall noch nicht. Kaum einer ahnt, was sich hinter den Mauern der Polizeikaserne und den beiden anderen Gefängnissen abspielt, in denen Demonstranten inhaftiert sind. Die deutsche Botschaft schickt am Mittwoch einen Konsulatsbeamten, der jedoch wenig ausrichten kann. Als ab Mittwoch, den 25. Juli, die ersten Berichte über die Zustände im Bolzaneto-Gefängnis bekannt werden, spricht Amnesty International von einer "Suspendierung des Rechtsstaates".

In Berlin äußert Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) Besorgnis über die rüde Praxis der Polizei. Auch Großbritannien, Österreich und Spanien bitten um Aufklärung über die Vorfälle in Genua. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) hingegen betont, dass er volles Vertrauen in die italienische Justiz habe. "Für uns ist Italien eine stabile Demokratie, die alleine im Stande ist, die Probleme zu lösen."

Auch Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärt schließlich sechs Tage später zu den Vorwürfen gegen die Polizei: "Sollte bei den Ermittlungen Missbrauch und Gewalt festgestellt werden, dann wird kein Gesetzesbrecher gedeckt werden. In einer hitzigen Parlamentsdebatte verkündet er: "Was die Regierung betrifft, so werden wir nichts vertuschen." "Wir sind keine Opfer"Am 26. Juli werden 32 freigelassene Deutsche mit einem Bus über den österreichischen Grenzübergang Brenner aus Italien abgeschoben. Jens H. ist dabei. Er braucht Monate, ehe er das Erlebte verarbeiten kann und meint rückblickend: "Wahrscheinlich habe ich das alles nur überstanden, weil ich mich, wie die anderen auch, nicht als Opfer gesehen habe. Ich habe immer wieder versucht, Erklärungen für das Ganze zu finden und ich bin sicher, dass die Polizisten nur deshalb so ausgerastet sind, weil sie uns 300.000 Demonstranten, auch die, die völlig friedlich protestiert haben, als Bedrohung ihrer Macht sahen. Die haben einfach gemerkt, dass wir uns von ihnen nicht einschüchtern lassen." Der Überfall auf die Diaz-Schule und die Ausschreitungen in den Gefängnissen seien schließlich eine Art Rache dafür gewesen, glauben auch die Anwälte im Bolzaneto-Prozess.

Im Oktober soll voraussichtlich das Urteil im zweiten, sogenannten Diaz-Prozess gefällt werden. Angeklagt sind 29 meist hochrangige Angehörige der Polizei und Carabinieri, die für die Prügelorgie in der Diaz-Schule verantwortlich sein sollen. Ihnen wird unter anderem Misshandlung und Fälschung von Beweismitteln vorgeworfen. Noch ist unklar, wie das Verfahren ausgeht und ob das neue Sicherheitsgesetz Berlusconis, das in Italien als "Gesetz zum Schutze des Ministerpräsidenten" betitelt wird, die Urteilsverkündung möglicherweise verhindern kann. Weil gegen ihn wegen Korruption ermittelt wird, fordert der Regierungschef nun die Aussetzung aller Verfahren mit einem erwarteten Strafmaß unter drei Jahren, die vor Mitte 2002 begangen wurden. Jens H. glaubt nach dem Bolzaneto-Urteil nicht daran, dass es im Diaz-Verfahren eine gerechtere Entscheidung in Italien geben wird. Er hofft stattdessen auf einen Prozess am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Genueser Staatsanwältin Patrizia Petruziello hatte vor wenigen Tagen erklärt, dass vier von fünf in der Diaz-Schule Festgenommenen nach den Kriterien des Europäischen Gerichtshofes eine "unmenschliche und unwürdige Behandlung" erlitten hätten. Jetzt prüfen die Anwälte eine mögliche Klage gegen die Polizei bei den Richtern in Straßburg.

Von Manuela Pfohl
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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Nostradamus (22.07.2008, 10:02 Uhr)
Unkontrollierte Systeme
Letztendlich ist es so, dass Machtapparate, die mit Gewalt augestattet sind und nicht kontrolliert werden entarten.
Das Prinzip der Gewaltenteilung ist ein Fehlschlag. Der Aufbau Legislative, Exekutive und Judikative funktioniert nicht.
Das Grundprinzip "homo homini lupo est", dass die Basis zur Bildung von Gesellschaften gelegt haben soll (Thomas Hobbes) wurde ersetzt durch "magistratus homini lupo est". Der Beamte ist des Menschen Wolf.
Nicht die Monarchie, nicht die Diktatur, nicht die Demokratie sind Ursache für Unrechtshandlungen sondern das Versagen der Kontrollmechanismen des Staates und auch des Gehirns und dessen, was der Mensch an sich als "Menschlichkeit" und somit seinen eingebauten "Kontrollmechanismus" sieht.
Die EU selbst legt es mit dem EU Vertrag sogar noch darauf an, die Konfrontationen mit den Bürgern weiter auszuweiten und die Fratze eines totalitären auf Gewaltherrschaft und Unterdrückung basierenden Regimes aufzubauen.
Miord und Totschlag durch die Staatsmacht bei Demonstrationen soll legalisiert werden.
Eure wahre Fratze ist widerlich. Bürger, die sich nicht gegen derartigen Mobb wehren, aus welchem Grund auch immer, müssen sich nicht wundern, wenn sie am Sonntag zum Familienausflug fahren, in eine Polizeikontrolle kommen, die vorn bis hinten mit Maschinengewehren voll gepackt ist und ein Ordnungshüter Amok läuft, weil ihm brüllende Säuglinge auf den Nerv gehen und er abdrückt.
Wundert euch auch nicht, wenn die Kinder des Bildungsbürgertums, so wie in Hamburg geschehen, bei Demonstrationen von Gymnasiasten von der Polizei stundenlang eingekesselt und mishandelt werden und demnächst bei Widerstand geschossen werden darf.
Staatsterror aus angst Macht zu verlieren.
Wir sind nichts als der Mobb, den diese nach belieben beklauen und vergewaltigen dürfen und sind ohne Schutz.
Wer glaubt, dass die Ordnungsmacht zu seinem Schutz da sei, der irrt. Diese hat lediglich ihr eigenes Wohl und das Wohl ihrer Herren im Auge und den Machterhalt.
Wer das ändern will, der muss die Ausbildung umstellen und den jungen angehenden Staatsdienern eintrichtern, dass diese StaatsDIENER sind, dem Volk zu dienen und zu nutzen haben, und die Freiheitsrechte des Bürgers und in Deutschland auch die vom Staat garantierte UNVERLETZLICHKEIT DES KÖRPERS (Artikel 2 Absatz 2 des GG) höchstes zu achtendes Gut sind.
Wer dagegen verstößt ist, unabhängig von seinem Stand, mit höchsten Strafen zu belegen und zu ächten!
waelder (21.07.2008, 07:32 Uhr)
G8 und Genua
@JackSparrow
Genau! Der Vorwurf, dass die Demonstranten gegen G8 und deren neoliberalen Wirtschaftspolitik nicht wüßten, wogegen sie demonstrieren, beweist nur eins: Wer so etwas behauptet, hat noch mit keinem der G8-Gegner gesprochen.
Ich bin seit Jahren bei ATTAC aktiv, übersetze regelmäßig Dokumente, Prokolle und Aufrufe und weiß daher erstens sehr gut Bescheid über das was läuft und zweitens kann den Befürwortern einer alternativen Globalisierung nur bestätigen, dass sie sehr wohl Bescheid wissen, wogegen sie sich engagieren.
Zu mir selbst: ich bin Engländer, Diplom-Agrarökonom, seit 26 in der Entwicklungszusammenarbeit in nunmehr 24 Ländern tätig, spreche und arbeite in 5 Sprachen und halte die G8 für einen verlogenen Haufen, denen die Menschen egal wo völlig egal sind, vor allem aber die, die keine Kaufkraft aufweisen. Zur Zeit bin ich in Äthiopien.
JackSparrow (20.07.2008, 20:19 Uhr)
...
also ich war bei den anti-g8-protesten in heiligendamm dabei und wusste wie alle meine mitdemonstranten auch worum es geht. würden die herrschaften, die meinen, dass besagte demonstranten nicht einmal wissen worum es geht, selbst wissen was die g8 bei ihren treffen beschließen, wären sie sicherlich auch dabei und würden nicht immer über die courage engagierter menschen herziehen. dass sie es dennoch tun zeigt letztendlich nur, dass sie entweder nicht mit intelligenz gesegnet wurden oder aber auch ihr letztes quentchen gerechtigkeitssinn für einen toshiba-flachbildfernseher verschleudert haben.
wünsche viel spaß bei rtl-exklusiv!
waelder (20.07.2008, 19:37 Uhr)
Polizei, Gewalt und der Rechtsstaat
Bei einer Demonstration von Polizisten verprügelt, getreten und sonstwie mißhandelt zu werden, ist in den meisten westeuropäischen Ländern normal.
In Genua hatte es jedoch eine zusätzliche Qualität, denn die Polizisten überfielen ein Gebäude, dass als Schlafstätte diente.
Das Polizisten für Übergriffe milde oder garnicht bestraft werden, ist ein allgemeiner Tatbestand. Das ist nicht nur in Italien der Fall. Kuras bekam für den Mord an Benno Ohnesorg 8 Monate auf Bewährung (2. Juni 1967). Für die Ermordung des Brasilianers in der Londoner U-Bahn (2 Polizisten sitzen auf ihm, 7 Schüsse in den Kopf) ist kein Beamter aus dem Dienst entlassen worden oder ins Gefängnis gegangen.
Generell ist die Polizei als gewaltbereit anzusehen und wird vor Einsätzen bei Demonstrationen meist noch gezielt "aufgeheizt" (mehrere Wochen Kasernierung, dadurch Trennung von der Familie und Freunden) und die Gerichte und Staatsanwälte sind sowieso nach rechts orientiert. Das zeigt sich bereits offen bei den Wahlen für Studentenvertreter. An allen juristischen Fakultäten sind politisch Rechtsstehende in der überwältigenden Mehrheit (für Gegenbeispiele wäre ich sehr dankbar).
Italien ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel!
taucher1102 (20.07.2008, 14:32 Uhr)
Keine Angst!
Das kommt hier auch noch her. Ist nur eine Frage der Zeit. Die Machthabenden wollen an der Macht bleiben, wie ist ihnen dabei völlig egal!
kaykay (20.07.2008, 14:29 Uhr)
Genua Gipfel
Für mich war dieser Gipfel ein bespiel für die G8. Drinnen passiert nichts und Draußen werden, Staatlich gefördert, Menschen getötet und misshandelt. Ich hoffe nur das es nächstes Jahr nicht wieder zu Toten auf Seiten der Demonstranten kommt.
Zuechter (20.07.2008, 14:17 Uhr)
Ist Italien ein Rechtsstaat?
Zustände wie in Guantanamo werfen ein Licht auf den Berlusconi-Staat - wie faschistisch darf ein europäischer Staat werden bis ihn die Gemeinschaft kritisiert?
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