. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
8. Juli 2008, 15:50 Uhr

"Ich darf jetzt weiterleben"

Oase des Friedens in Kabul: Etwa 60 Kinder wohnen im Steinhaus und gehen zur Schule - auch Mädchen können hier lesen, schreiben und rechnen lernen© Johannes Arlt

Der Leiter des Steinhauses, Sadek, streckt den Kindern zur Begrüßung die linke Hand hin, seine rechte ist aus Plastik. Auch er ist ein Opfer des Krieges. Und wichtigster Kontaktmann des Vereins in Afghanistan. Sadik erfährt von schwer verletzten Kindern – aus dem ganzen Land, er redet mit den Eltern, die sich an die Hoffnung klammern, dass ihr Kind durch eine Operation in Deutschland eine zweite Chance auf Leben bekommt. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, das noch junge Netzwerk des Vereins spinnt Sadek fleißig mit. Mit seiner Frau, den drei erwachsenen Kindern und etwa zehn Angestellten hält er das Haus in Schuss, er wählt die Lehrer aus, kümmert sich um die Kinder. Viele von ihnen müssen noch weiter ärztlich behandelt werden. Ein Arzt und eine Krankenschwester schauen regelmäßig im Steinhaus vorbei.

Auch um die berufliche Zukunft der afghanischen Kinder macht sich der Verein, der im vergangenen Jahr für sein soziales Engagement einen Bambi bekommen hat, Gedanken. Wenn die Jungen und Mädchen, die meisten lernen Deutsch, erst einmal ihren Schulabschluss in der Tasche haben, so die Idee, sollen sie auch eine Lehre absolvieren können. Nur gibt es nicht mehr viele Firmen, in diesem vom Krieg gebeutelten Land. Die Heidelberger Druckmaschinen AG hat vor kurzem eine Vertretung in Kabul eröffnet. "Wir wollen aber erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt", sagt Volker Trapmann, der für das Marketing- und Koordinationswesen in Afghanistan zuständig ist. Gehe es weiter bergauf, so Trapmann, würden sie Jugendliche in kaufmännischen und technischen Berufen ausbilden. Ein Strohhalm für die Kinder aus dem Land am Hindukusch.

Frieden gibt es auch weiterhin nicht

In Afghanistan wird an vielen Fronten gekämpft. Die halbe Welt müht sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor sieben Jahren, diesem neuen Staat, der offiziell Islamische Republik Afghanistan heißt, eine bessere Zukunft zu bescheren. Viele Menschen in Kabul sagen, dass es richtig war, neben Geld auch Soldaten aus vielen Ländern zu schicken. "Wenn auch zehn Jahre zu spät", so N. Nazari, der für die Weltbank in Kabul tätig ist. Die Sicherheitslage habe sich - zumindest in Kabul - dadurch zwar deutlich verbessert, aber Frieden, den gebe es auch weiterhin nicht.

Ein Schrei dringt durchs Steinhaus. Die Oma der kleinen Roiena weint vor Glück. Hunderte Kilometer ist sie angereist, ihre sechs Jahre alte Enkeltochter abzuholen, und sie hatte gehofft, dass es ihr besser geht. Aber das, so die alte Frau und deutet auf Roienas Bein, hätte sie nicht für möglich gehalten. Roiena kann wieder gehen. Ihre Oma sitzt mitten im Gewühl von Eltern, die ihre Kinder nach Monaten der Trennung wieder in die Arme schließen, berührt immer wieder vorsichtig das rechte Bein ihrer Enkelin, bewegt es nach vorn, bewegt es nach hinten, dann blickt sie zu den deutschen Ärzten und nickt ihnen zu. Ihr Blick ist voller Dankbarkeit und Demut. Da kommt bei den Ärzten etwas Verlegenheit auf.

Nesar hockt auf gepackten Koffern und wartet auf seine Eltern. Sie haben einen mehrtägigen Ritt mit dem Esel zurückzulegen, um nach Kabul zu gelangen© Johannes Arlt

Doch mit dieser Dankbarkeit müssen sie umzugehen lernen. Sie ist auch in Deutschland zu spüren. Bei vielen Gasteltern zum Beispiel. "Den Kindern etwas mit auf den Weg zu geben, damit es ihnen und ihren Familien besser geht, das ist das, was wir Bürger tun können." Sabine Wolff, Gastmutter des 13 Jahre alten herzkranken Hasibullah, kann viele kleine Geschichten erzählen.

Geschichten, die demonstrieren, was die afghanischen Kinder in ihrer Zeit in Deutschland für sich entdeckt und prompt in ihre Familien transportiert haben. Da ist zum Beispiel die Familie in Kundus, deren Knirps einen Schwung Zahnbürsten mitbrachte, um ihr zu demonstrieren, wie wichtig Zähneputzen ist. Und da ist das kleine Mädchen aus einem Vorort der Hauptstadt, das seine Eltern davon überzeugen konnte, das es zur Schule gehen möchte, weil Menschen mit Bildung es leichter im Leben haben.

Kinder sind Keimzellen des Friedens

"Die Kinder haben gelernt, Dinge einzufordern", sagt Angrés. Dabei geht es indes nicht darum, die Autorität der Eltern zu untergraben. "Im Gegenteil, wir wollen dem Land Würde zurückgeben, die Menschen sollen merken, dass sie etwas schaffen können." Die neuen Perspektiven und das Wissen, die von den Kindern mitgebracht werden, können die ganze Familie bereichern. Irgendetwas, so Angrés, werde immer hängen bleiben – bei jedem Kind. "Man könnte auch sagen, sie sind die Keimzellen des Friedens." Langfristig gesehen will der Verein den Krankenhäusern und Ärzten in Afghanistan unter die Arme greifen. Die medizinische Versorgung soll vorangebracht, die Ärzte besser ausgebildet werden. "Dann können wir eines Tages die Luftbrücken vielleicht einstellen", so der 50-Jährige. Das Steinhaus, fügt er hinzu, soll vergrößert werden.

Es gibt viele kranke und schwer verletzte Kinder am Hindukusch. Doch nicht allen kann geholfen werden. Die nächsten Mädchen und Jungen, die im Herbst nach Deutschland gebracht werden sollen, haben die Ärzte schon ausgesucht. Bei vielen ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.

Natürlich gibt es auch Kritiker des Projekts. So gab es im vergangenen Jahr negative Schlagzeilen, weil der mittlerweile ausgeschiedene Vereinsvorsitzende Markus Dewender zwei falsche Doktortitel führte. Um den kritischen Stimmen entgegenzuwirken, will Angrés für noch mehr Transparenz sorgen und verstärkt auf Profis setzen. So sollen zum Beispiel in Zukunft Sozialpädagogen und das Jugendamt miteinbezogen werden. "Wir haben eine riesige Verantwortung. Der Tatsache sind wir uns bewusst", so Angrés.

 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Reality (09.07.2008, 21:20 Uhr)
Bei allem sollte nicht in Vergessenheit geraten...
Daß die Taliban erst durch die USA so stark gemacht wurden.
Die Probleme die heute dort mit diesen Taliban da sind, wären ohne das Zutun der USA wohl nicht in dieser Form vorhanden.
Leider muß man sagen, ist es so.
Wenn es auch manche nicht wahrhaben wollen.
Als die Taliban dort nützliche Handlanger Amerikas waren, wurden sie gehätschelt und verwöhnt, mit Waffen bis an die Zähne bewaffnet.
Und die USA lieferten und druckten sogar den Koran für die Taliban in Millionenauflage.
Als man die Taliban nicht mehr brauchte, wurden sie zum Feind erklärt.
Doch dieses Verhalten der USA hat Nachwirkungen bis heute.
Darunter hat vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden.
Die Taliban wollen das Feld nicht so schnell räumen.
Bin Laden scheint in dieser Angelegenheit eine ganz eigenartige Rolle zu spielen.
Mich würde es nicht wundern, wenn nach vielen Jahren die dann ins Land gezogen sind, sich herausstellen würde, die Geschichtsschreiber vermerken müssten, daß Bin Laden ein Agent Amerikas war und als Feindbild diente.
manndernichtdaist (09.07.2008, 10:26 Uhr)
so gewinnt man ein land für sich!
Kindern zu helfen - in einem kriegsgebeutelten Land - das ist genau das, was den deutschen Soldaten in Afghanistan Respekt und Anerkennung gibt. Diejenigen die den Soldaten skeptisch gegenüber stehen, sehen so, dass etwas FÜR die Zukunft, nämlich die Kinder getan wird.
Dass die Taliban immer noch eine Gefahr darstellen ist klar - aber nur mit der Unterstützung des Volkes wird ein Ende des Konflikts erkennbar und auch nur so können die Taliban dem Erdboden gleichgemacht werden.
Reality (08.07.2008, 20:41 Uhr)
Wenn wir schon in Afghanistan stehen...
sollten wir darauf achten, daß wir Landmienen ächten, denn sie sind es die Kinder wie oben zerfetzen.
Landmienen die all zu oft auch von den Sogenannten "Guten" und nicht nur von den Sogenannten "Schlechten" gelegt werden.
Auch die Sogenannten "Guten" sollten diese Art von Waffe ächten, dann wäre eine Gefahr weniger vorhanden.
Wenn man so die neutralen Kriegsberichte von dort hört und liest, scheinen den Sogenannten " Guten " dort, oftmals nicht besser zu handeln .
Da wird gebomt ohne Rücksicht auf Zivilisten nur weil man vermutet, einen Feind gesehen, entdeckt zu haben oder weil man dort den Clanführern glaubt, die heute für die Sogenannten "Guten" sind um ihrem Rivalen den Andern Clanführer auszuschalten um über dessen Gebiet herrschen zu können.
Oft wird dabei zu leichtgläubig gehandelt und wenig Rücksicht auf ziviles Leben genommen.
Sage mir keiner so ist Krieg.
Nein wir müssen uns an unserer Moral messen lassen.
Wir müssen beweisen, daß wir besser sind als jene die Menschenleben mit Füssen treten.
Daß wir besser sind und nicht nur nach Macht und Kapital streben.
Daß wir nicht nur die Nachschubwege des Öls sichern wollen für die Ölmonopolisten der Welt.
chrgue (08.07.2008, 19:37 Uhr)
Stern-Online, warum gibt es euch noch?
Wohinter wollt ihr euch denn verbarrikadieren? Ein Forum, das Deutschland - ja Deutschland - heute bewegt ist nun einmal die Bestrafung der Schläger von München. Da bin ich nicht gewillt, etwas zu Gunsten Afghanistans zu schreiben. Wozu seid ihr da? Um eure Meinungen einfach so in den Raum zu stellen? Dann macht es, aber erwartet nicht, dass die Resonanz groß sein wird...
Known (08.07.2008, 18:44 Uhr)
Vorbildlich...
Leute, auch wenn es keiner hören will, auch wegen Kindern wie den hier dagestellten, stehen wir in Afghanistan und bekämpfen einen Feind, dem es stets egal war, wie es seinen Bürgern ging.
Toreador (08.07.2008, 18:12 Uhr)
Schattenseiten nicht vergessen
Bei den Nachteilen könnte man doch auch wunderbar den Fall Farzanah benennen: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=29968587&top=SPIEGEL
Einem Kind zu helfen, ein gutes Leben zu führen, ist eine Sache. Ein Kind zu unterschlagen, weil die Eltern im fernen Afghanistan eh nichts dagegen tun können, ist bösartig. Und jedes Kind, das nach Deutschland zur medizinischen Behandlung geschickt wird, könnte eine neue Farzanah werden! Wer schützt diese Kinder vor einem Schicksal als "gestohlenes Kind", wer schützt die Eltern vor dem Verlust des Kindes?
MEHR ZUM ARTIKEL
Hilfe für afghanische Kinder "Vertrauen, das war unsere einzige Chance"

Hasibullah, 13, aus Afghanistan, litt an einem schweren Herzfehler. Sein Glück: Der Verein "Kinder brauchen uns" brachte ihn nach Deutschland, ermöglichte ihm eine lebensrettende Operation. stern.de sprach in Kabul mit seiner Mutter und seiner deutschen Gastmutter. mehr...

Kinderschicksale Luftbrücke in ein neues Leben

Herzfehler, Kriegsverletzungen, vereiterte Knochenbrüche - die Schicksale von Kindern aus Afghanistan sind oft bedrückend. In ihrer Heimat würden viele von ihnen nicht überleben. Nun sind 67 kleine Patienten von Kabul nach Deutschland gebracht worden, um dort operiert zu werden. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe