
Oase des Friedens in Kabul: Etwa 60 Kinder wohnen im Steinhaus und gehen zur Schule - auch Mädchen können hier lesen, schreiben und rechnen lernen© Johannes Arlt
Der Leiter des Steinhauses, Sadek, streckt den Kindern zur Begrüßung die linke Hand hin, seine rechte ist aus Plastik. Auch er ist ein Opfer des Krieges. Und wichtigster Kontaktmann des Vereins in Afghanistan. Sadik erfährt von schwer verletzten Kindern – aus dem ganzen Land, er redet mit den Eltern, die sich an die Hoffnung klammern, dass ihr Kind durch eine Operation in Deutschland eine zweite Chance auf Leben bekommt. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, das noch junge Netzwerk des Vereins spinnt Sadek fleißig mit. Mit seiner Frau, den drei erwachsenen Kindern und etwa zehn Angestellten hält er das Haus in Schuss, er wählt die Lehrer aus, kümmert sich um die Kinder. Viele von ihnen müssen noch weiter ärztlich behandelt werden. Ein Arzt und eine Krankenschwester schauen regelmäßig im Steinhaus vorbei.
Auch um die berufliche Zukunft der afghanischen Kinder macht sich der Verein, der im vergangenen Jahr für sein soziales Engagement einen Bambi bekommen hat, Gedanken. Wenn die Jungen und Mädchen, die meisten lernen Deutsch, erst einmal ihren Schulabschluss in der Tasche haben, so die Idee, sollen sie auch eine Lehre absolvieren können. Nur gibt es nicht mehr viele Firmen, in diesem vom Krieg gebeutelten Land. Die Heidelberger Druckmaschinen AG hat vor kurzem eine Vertretung in Kabul eröffnet. "Wir wollen aber erst einmal abwarten, wie sich die Lage entwickelt", sagt Volker Trapmann, der für das Marketing- und Koordinationswesen in Afghanistan zuständig ist. Gehe es weiter bergauf, so Trapmann, würden sie Jugendliche in kaufmännischen und technischen Berufen ausbilden. Ein Strohhalm für die Kinder aus dem Land am Hindukusch.
In Afghanistan wird an vielen Fronten gekämpft. Die halbe Welt müht sich seit dem Sturz des Taliban-Regimes vor sieben Jahren, diesem neuen Staat, der offiziell Islamische Republik Afghanistan heißt, eine bessere Zukunft zu bescheren. Viele Menschen in Kabul sagen, dass es richtig war, neben Geld auch Soldaten aus vielen Ländern zu schicken. "Wenn auch zehn Jahre zu spät", so N. Nazari, der für die Weltbank in Kabul tätig ist. Die Sicherheitslage habe sich - zumindest in Kabul - dadurch zwar deutlich verbessert, aber Frieden, den gebe es auch weiterhin nicht.
Ein Schrei dringt durchs Steinhaus. Die Oma der kleinen Roiena weint vor Glück. Hunderte Kilometer ist sie angereist, ihre sechs Jahre alte Enkeltochter abzuholen, und sie hatte gehofft, dass es ihr besser geht. Aber das, so die alte Frau und deutet auf Roienas Bein, hätte sie nicht für möglich gehalten. Roiena kann wieder gehen. Ihre Oma sitzt mitten im Gewühl von Eltern, die ihre Kinder nach Monaten der Trennung wieder in die Arme schließen, berührt immer wieder vorsichtig das rechte Bein ihrer Enkelin, bewegt es nach vorn, bewegt es nach hinten, dann blickt sie zu den deutschen Ärzten und nickt ihnen zu. Ihr Blick ist voller Dankbarkeit und Demut. Da kommt bei den Ärzten etwas Verlegenheit auf.

Nesar hockt auf gepackten Koffern und wartet auf seine Eltern. Sie haben einen mehrtägigen Ritt mit dem Esel zurückzulegen, um nach Kabul zu gelangen© Johannes Arlt
Doch mit dieser Dankbarkeit müssen sie umzugehen lernen. Sie ist auch in Deutschland zu spüren. Bei vielen Gasteltern zum Beispiel. "Den Kindern etwas mit auf den Weg zu geben, damit es ihnen und ihren Familien besser geht, das ist das, was wir Bürger tun können." Sabine Wolff, Gastmutter des 13 Jahre alten herzkranken Hasibullah, kann viele kleine Geschichten erzählen.
Geschichten, die demonstrieren, was die afghanischen Kinder in ihrer Zeit in Deutschland für sich entdeckt und prompt in ihre Familien transportiert haben. Da ist zum Beispiel die Familie in Kundus, deren Knirps einen Schwung Zahnbürsten mitbrachte, um ihr zu demonstrieren, wie wichtig Zähneputzen ist. Und da ist das kleine Mädchen aus einem Vorort der Hauptstadt, das seine Eltern davon überzeugen konnte, das es zur Schule gehen möchte, weil Menschen mit Bildung es leichter im Leben haben.
"Die Kinder haben gelernt, Dinge einzufordern", sagt Angrés. Dabei geht es indes nicht darum, die Autorität der Eltern zu untergraben. "Im Gegenteil, wir wollen dem Land Würde zurückgeben, die Menschen sollen merken, dass sie etwas schaffen können." Die neuen Perspektiven und das Wissen, die von den Kindern mitgebracht werden, können die ganze Familie bereichern. Irgendetwas, so Angrés, werde immer hängen bleiben – bei jedem Kind. "Man könnte auch sagen, sie sind die Keimzellen des Friedens." Langfristig gesehen will der Verein den Krankenhäusern und Ärzten in Afghanistan unter die Arme greifen. Die medizinische Versorgung soll vorangebracht, die Ärzte besser ausgebildet werden. "Dann können wir eines Tages die Luftbrücken vielleicht einstellen", so der 50-Jährige. Das Steinhaus, fügt er hinzu, soll vergrößert werden.
Es gibt viele kranke und schwer verletzte Kinder am Hindukusch. Doch nicht allen kann geholfen werden. Die nächsten Mädchen und Jungen, die im Herbst nach Deutschland gebracht werden sollen, haben die Ärzte schon ausgesucht. Bei vielen ist es ein Wettlauf gegen die Zeit.
Natürlich gibt es auch Kritiker des Projekts. So gab es im vergangenen Jahr negative Schlagzeilen, weil der mittlerweile ausgeschiedene Vereinsvorsitzende Markus Dewender zwei falsche Doktortitel führte. Um den kritischen Stimmen entgegenzuwirken, will Angrés für noch mehr Transparenz sorgen und verstärkt auf Profis setzen. So sollen zum Beispiel in Zukunft Sozialpädagogen und das Jugendamt miteinbezogen werden. "Wir haben eine riesige Verantwortung. Der Tatsache sind wir uns bewusst", so Angrés.