Ihr Schicksal sorgte weltweit für Aufsehen: Natascha Kampusch wurde jahrelang in einem Kellerverlies festgehalten. Nun erzählt sie in der Biografie "3096 Tage" ihre Geschichte. Ein Interview.
Das war sehr kompliziert. Weil, wie sollte man ihn nennen?! Es wäre seltsam, ihn mit Wolfgang zu bezeichnen. Das Buch ist ja für andere Menschen geschrieben, und ich wollte nicht, dass die dann so auf "Du und Du" mit dem Täter sind. Das wäre unpassend und würde dem Ganzen ein bisschen den Ernst nehmen und wieder von dem ablenken, was mir passiert ist und wie das für mich war. Es ist ja mein Buch und nicht seines. Und es stehen ja auch kaum Vermutungen drin, warum er so oder so gehandelt hat. Wie's auf mich gewirkt hat steht drin - aber keine Abhandlungen über ihn.
Es gibt eigentlich keine wirkliche Bezeichnung, weil er ist im Grunde genommen nichts zu mir. Er hat sich das alles erzwungen, er ist nicht mit mir verwandt. Es war ja seine Tätigkeit - er war ja ein Verbrecher in Bezug auf mich. Deshalb finde ich Täter ganz gut, weil es auch so eine Distanz wahrt. Der Leser hat eine gewisse Distanz zum Täter - und ich auch. Das ist wichtig.
Gott sei Dank nicht mehr so, die Nachwirkungen aber schon noch ein bisschen. Ich habe nach und nach bemerkt, dass ich eigentlich viel vielseitiger und flexibler bin als er. Ich bin umfassend interessiert am Leben, an den Menschen, an Kulturen und an unterschiedlichen Lebensformen. Der Täter - jetzt sag ich der Täter - ja eben - also, dass der sehr konservativ war und versucht hat, mir so ein einseitiges, eigentlich recht naives, komisches, seltsames, radikales Weltbild aufs Auge zu drücken. Je mehr ich wieder ich selbst werde - die, die ich auch vorher als Kind war - entferne ich mich davon. Er hat mich irgendwie nicht psychisch geformt oder beeinträchtigt - er hat mich nur während der Zeit dort beeinträchtigt. Aber jetzt ist es wieder in Ordnung. Ja.
Ja genau, weil er wie ein Fremder ist. Er hat ja versucht, mir irgendwie was aufzusetzen und das lasse ich jetzt nach und nach hinter mir und es fällt ab. Das ist wie so ein Cape, das runter fällt und da drunter bin dann ich. Und das ist so, als wäre ich in der Zeit, in der ich eingesperrt war, dazu gezwungen worden, eine Rolle zu spielen und ein anderer Mensch zu sein.
Ich glaube, die hat man dann einfach, außer man gibt wirklich nach. Aber dann bricht alles, das ganze System, zusammen. Weil dann wird der Täter immer mehr frustriert und man selbst auch und dann eskaliert das Ganze und nimmt ein ganz, ganz schreckliches Ende. Und man selbst ist dann nur noch so was wie eine leere, gebrochene Person. Ich hatte nämlich als Kind so viele Pläne, ich wollte leben und etwas erreichen und ich wollte alles irgendwie zum Positiven wenden. Und ich wollte auch, dass der Täter die positiven Seiten sieht - irgendwie. Dass er sich nicht zu sehr als Verbrecher sieht und ihn diese Schuldgefühle dann dazu treiben, dass er sich noch mehr in dieses kriminelle, aggressive und gewalttätige Sein verrennt.
Ich mochte als Kind den Religionsunterricht so gerne und mir ist in Erinnerung geblieben, dass die Religionslehrerin meinte, dass Gott die Verbrecher irgendwie mehr liebt. Dann haben sich natürlich alle Kinder aufgeregt und gesagt, wieso werden die mehr geliebt?! Aber mir war das sofort klar. Weil die irgendwie ein Defizit haben. Das hat nichts damit zu tun, dass sie Gott überproportional liebt, sondern dass sie einfach ein Defizit haben und dass man da auch Verständnis haben soll. Mir war wichtig, dem Täter auch zu transportieren, dass ich ihm verzeihe und dass es auch möglich ist, dass man sich selbst verzeihen kann. Ich glaube, es ist auch für mich wichtig gewesen, dass sich der Täter zu einem Stück selbst verzeihen konnte. Sonst wäre das Ganze - weil er ja auch so labil war - noch ausgeartet.
Ich glaube schon, ihm ist gleich zu Beginn bewusst geworden, dass es eine ziemliche Last ist. Er wird es sicher von Anfang an bereut haben, und es wird ihm zu viel gewesen sein. Er dürfte am Anfang sehr stark geschockt gewesen sein durch das, was er gemacht hat. Das dann zu sehen: Ein kleine Mädchen, das abhängig davon ist, dass er Essen holt. Und dass er meine ganze Familie ins Unglück gestürzt hat. Und dass es nicht einfach eine Idee ist, sondern dass es dann echte Tränen sind. Echte Eltern, die ihr Kind nicht haben. Und dass er das nicht kontrollieren kann, obwohl er sich das so gewünscht hat.
Nein - naja schon. Nicht im Sinne von: Ich bin jetzt irgendwem überlegen. Es war eher so eine Gewissheit und Ruhe und so eine Kraft, die mir das Gefühl gegeben hat, dass ich das alles jetzt durchstehen muss. Dass sich alles irgendwie auflöst, wenn ich nur lang genug durchhalte - wie so ein Rätsel. So als würde man ohne Schwimmlehrer versuchen, schwimmen zu lernen und immer wieder ins Wasser gehen und herumstrampeln, und irgendwann schafft man es von selbst. Ja, so war das. Ich wollte einfach, dass irgendwas rauskommt bei der ganzen Geschichte. Damit nicht alles umsonst ist.