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15. Juli 2010, 17:29 Uhr

Die Theorie von der unterirdischen Nazi-Fabrik

Plausible Aussagen des Schützen Plumeyer

Die Aussagen des Schützen der Waffen-SS, Plumeyer, erscheinen aber durchaus seriös. Denn er beschrieb auch andere militärische Anlagen detailliert. So berichtete er über seinen eigenen Einsatz bei der Errichtung von Unterkünften in einem Munitionswerk bei Güsen, nordöstlich von Magdeburg. Tatsächlich hatte die Dynamit Nobel AG dort 680 Gebäude errichten lassen, darunter getarnte Stahlbetonbunker. Schütze Plumeyer gab auch an, dass von der Harz-Stadt Goslar eine Bahnlinie zu einer unterirdischen Anlage geführt habe, in der V1-Raketen, noch ohne Flügel, gefüllt und auf Güterwaggons abtransportiert worden seien. Das habe er mit eigenen Augen gesehen. Er schätzte die Zahl der dort gefangenen Zwangsarbeiter auf 5000 bis 6000.

Tatsächlich befanden sich in Goslar riesige Rüstungsproduktionen. Und tatsächlich wurden die V1-Flügel erst später andernorts montiert. Historiker kommen bei ihren Forschungen auf eine übereinstimmende Zahl von Kriegsgefangenen an diesem Ort.

Auch das Befüllen von Raketen in Goslar erscheint durchaus logisch. Denn die zentrale Produktionsstätte für die von Propagandaminister Goebbels "Vergeltungswaffen" genannte Flugbombe V1 und Rakete V2 befand sich in Stollen auf der südlichen Seite des Harzes. Dort wurden bei der Raketenproduktion im Mittelwerk Dora 20.000 Häftlinge zu Tode gequält. Dora war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, die sich wiederum auf 40 Lagerkomplexe in dieser Gegend verteilte.

Mit den Ergebnissen der historischen Forschung deckt sich auch Plumeyers Beschreibung der Heeresmunitionsanstalt (MUNA) in Aschersleben, nur 10 Kilometer von Nachterstedt entfernt. Auch hier befand sich eine Außenstelle des KZ Buchenwald.

Die SS gab den geheimen Anlagen Tiernamen

In Nachterstedt selbst weiß man nur von der IG-Farben-Fabrik im zwei Kilometer entfernte Nachbarort Frose, auf der anderen Seite des Waldes. Auf einer Liste des US-amerikanischen Strategic Bombing Survey aus dem Sommer 1945 taucht der Name Nachterstedt mit dem Code "Molch 6" auf. Die SS benutzte Tiernamen für geheime Anlagen. Andere IG-Farben-Anlagen mit der Bezeichnung "Molch 3" und "Molch 4" wurden in Auschwitz errichtet. Die Fabrik in Frose produzierte Tetraethylblei zur Oktananreicherung für Flugbenzin.

So scheint möglich, dass sich Plumeyer geirrt, und vielleicht diese Fabrik gemeint haben könnte. Doch alle seine Angaben zur "Gas Plant" deckten sich präzise mit den Luftaufnahmen der britischen Aufklärer - und zwar nicht mit dem Ort Frose, sondern mit der Unglückstelle von Nachterstedt. Gab es vielleicht eine zweite, unterirdische Fabrik? Oder wurden Gänge eines geheimen Teils der IG-Farben-Anlage von Frose zwei Kilometer weit durch das Kohlerevier getrieben? In alten Plänen sind jedenfalls kilometerlange Verbindungen skizziert. Damit stellt sich die Frage: Sind dann Teile davon heute noch vorhanden? Und, falls ja: Was befindet sich dann in den Stollen?

Der Rechercheur Finkemeier kann sich verschiedene Szenarien vorstellen. Zum Beispiel eine Pilotanlage für das unter dem Code "N-Stoff" hergestellte Chlortrifluorid. Ein flüssiges Gas, das sich durch Berührung mit organischen Materialien, zahlreichen Metallen und auch Wasser schlagartig entzündet. Es konnte sowohl als Treibstoff als auch Kampfmittel dienen. Die Reichsführung übertrug die Entwicklung der SS.

Jetzt soll ein Historiker beauftragt werden

Finkemeyer will nicht einmal ausschließen, dass Bestände des in Schlesien produzierten Nervengases Tabun an den Harzrand transportiert und versteckt wurden. Das Gas sollte auf keinen Fall in die Hände der vorrückenden russischen Truppen fallen. Belegen kann das Finkemeyer nicht. Der Chef-Chemiker des Heereswaffenamtes, Emil Ehmann, nannte aber später in Vernehmungen neben Sachsen auch Anhalt als einen möglichen Lagerplatz.

1945 eroberten die Amerikaner das Gebiet, und sie verschlossen in der Regel gefährliche militärische Anlagen. Sie wurden von Briten abgelöst, die das Gelände dann russischen Truppen überließen. Könnte es sein, dass die Übergabe von brisanten Unterlagen beim Stabwechsel vergessen wurde? Und ist es vielleicht möglich, dass der Erdrutsch vor einem Jahr durch bisher unentdeckte unterirdische Hohlräume, durch vergessene Stollen oder sogar durch eine Explosion von Munitionsrückständen ausgelöst wurde?

Die LMBV plant nun, eine militärhistorische Studie beim Militärarchiv in Freiburg in Auftrag zu geben. Vielleicht kann sie Licht in das Dunkel bringen, das immer noch über dem Drama von Nachterstedt liegt.

Von Kuno Kruse, Derik Meinköhn und Wolfgang Metzner
Seite 1: Die Theorie von der unterirdischen Nazi-Fabrik
Seite 2: Plausible Aussagen des Schützen Plumeyer
 
 
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